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Vorbild für die muslimische Welt?

Malaysia zwischen Tradition und Zukunft. Eine Reportage von Ramon Schack

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Foto: Mohd. Safwan Mansour, BERNAMA

(iz). Kürzlich feierte der malaysische Premierminister Mahathir Bin Mohammed seinen 94. Geburtstag. Im Fernsehen wurde aus diesem Anlass ein Foto veröffentlicht, welches den Politiker, der die Geschichte Malaysias der letzten Jahrzehnte entscheidend mit prägte. Mahathir saß auf einem Mountainbike, trug einen Helm, unter dem er verschmitzt lächelnd in die Kamera blickte.

In meinem Hotelzimmer, in Kuching, der Hauptstadt des malaysischen Bundesstaates Sarawak, verfolgte ich daraufhin eine Diskussionsrunde, die dem ­Premierminister huldigte. Durch eine kri­tische Berichterstattung fiel die auf Englisch ausgestrahlte Sendung nicht gerade auf, sodass ich nach einigen Minuten das Fernsehgerät ausschaltete und mich zum Fenster begab.

Der Tag war gerade angebrochen, die Stadt war am Erwachen. Ich entschied mich zu einem spontanen Spaziergang, entlang der Promenade des Flusses ­Sarawak, nachdem der Bundestaat hier auf der Nordspitze Borneo benannt wurde. Auf Borneo, der drittgrößten Insel der Welt, grenzt Malaysia an Indonesien sowie das Sultanat Brunei. Borneo ist die drittgrößte Insel der Welt, im Norden tropischen Eilandes, liegen die beiden malaysischen Bundesstaaten Sarawak und Saba, die unter anderem für ihre unberührten Regenwälder bekannt sind.

Bei meinem Rundgang durch Kuching genieße ich die angenehme Brise, welche vom Fluss aufzieht, vor dem Einbruch der schwül-heißen Witterung ab der Mittagszeit. Kuching heißt auf Deutsch Katze, was erklärt, weshalb im Stadtzentrum mehrere klobige Denkmäler errichtet wurden, wie diesen in Deutschland als Haustier gehaltenen Vierbeiner. Neben diesen künstlerischen Entgleisungen, wirkt das Zentrum überaus positiv und reflektiert den beispiellosen ökonomischen Aufstieg, welcher der Förderation in den letzten Jahrzehnten zweifelsohne beschert wurde.

Entlang der Uferpromenade reihen sich kleine Bars und Restaurants. Nach Einbruch der Dunkelheit erleuchten die an Bäumen befestigten Girlanden die Nacht. Unter einigen Palmen demonstrieren einige Schüler konzentriert ihre Taekwondo-Kenntnisse. Sie dürften höchs­tens 10 Jahre alt sein, unterscheiden sich aber stark in ihrem Auftreten von gleichaltrigen im Westen. Eine Reihe von Neubauten ist am Entstehen, Appartements für die wachsende Mittelschicht, neben Hotelbauten und Shoppingmalls. Die Altbauten aus der Kolonialzeit ­wurden sanft saniert, der Gestank, der in früheren Jahren entlang der Flüsse zu vernehmen war, ist ebenso verschwunden, wie die wilden Müllberge.

Kuching wirkt sauberer als viele Städte in Europa und Amerika, ohne jene erdrückende Sterilität aufzuweisen, die für Singapur obligatorisch ist. Ähnlich wie im benachbarten Indonesien ist das Kettenrauchen weit verbreitet, wobei diesem Laster überall gefrönt wird. Im vergangenen Jahr führte Mahathir die Opposition zum Sieg und wurde wieder zum Premierminister gewählt. Der 92-jährige hatte das Land mehr als 20 Jahre lang regiert. „Vielleicht ist unser Premierminister kein angenehmer Zeitgenosse“, erklärt der Kellner in einem Café in der Altstadt, der an der Universität Englisch studiert und später im boomenden Tourismus tätig werden möchte.

Der Student spielt dabei offensichtlich auf die verbalen Entgleisungen, teilweise Obszönitäten an, die in der Vergangenheit ein Kennzeichen seiner Amtszeit war. „Aber als die große Wirtschafts- und Finanzkrise über unsere Tigerstaaten hereinbrach, als sogenannte Spekulanten und Global Players das Währungssystem zwischen Seoul und Djakarta zum Einsturz brachten, da setzte Mahathir seine Macht sinnvoll ein und ignorierte die Drohungen Washingtons, der Weltbank und der angelsächsischen Trusts“ fügt der junge Mann hinzu, während er Mineral­wasser und Coke Zero serviert.

Der kellnernde Student bezieht sich hierbei auf den Umstand, dass es Mahathir damals gelang, durch seine zeitlich begrenzte autarke Politik-Politik Malaysia damals wieder den drohenden Währungsverfall aufzuhalten. Bedingt durch die Tatsache, dass Malaysia ein an Bodenschätzen unglaublich ergiebiges Land ist, sowie über reiche Plantagen verfügt und dass er sich bei den im Land ansässigen chinesischen Bankiers auf eine mit allen Wassern gewaschene heimische Finanzelite stützen konnte.

Das Thema der Anfälligkeit von Währungen durch Spekulationen, beschäftigt den Premierminister bis heute. Dieser Tage, im Rahmen einer Konferenz in Tokyo, plädierte Mahathir für eine an Gold gebundene Währung, bezüglich des Handels der Staaten in der Region. Es soll sich hierbei um eine Handelswährung mit Gold-Bindung handeln. Gemäß der Vorstellungen Mahathirs, könnte sie zwischen Staaten der Region beim Warenaustausch verwendet werden, um Exporte und Importe auszugleichen. Für den Binnenhandel wäre so eine Währung allerdings nicht „Wenn man in Fernost zusammenfinden möch­te, dann sollten wir mit einer gemeinsamen Handelswährung beginnen, die nicht lokal, aber zum Zwecke des Handelsausgleichs verwendet werden sollte. Die Währung, so wurde vorgeschlagen, sollte auf Gold basieren, weil Gold sehr viel stabiler ist“, ließ der ­Premierminister in Tokyo verlautbaren. Völlig unerfahren ist Malaysia auf diesem Gebiet nicht. In Kelantan, zugleich ein Bundestaat und ein Sultanat, wurde schon vor 9 Jahren eine durch das Edelmetall gedeckte Währung eingeführt.

 Zeitgleich hat Malaysia Klage erhoben, gegen 17 Top-Manager von Goldman-Sachs. Schon 2018 hatte Kuala Lumpur gegen das Bankhaus Goldman Sachs sowie zwei frühere Angestellte des Geldinstituts, einen ehemaligen 1MDB-Mitarbeiter und einen malaysischen Investor Anzeige erstattet. Von Goldman-Sachs wird dabei Schadenersatz in Milliardenhöhe gefordert.

Im Chinesen Viertel von Kuching herrscht um diese Uhrzeit schon reges Treiben. Im Gegensatz zum benachbarten Indonesien dürfen die Malaysier chinesischer Ethnizität, ihre Schrift und Sprache verwenden und machen davon reichlich Gebrauch, wie die Schriftzeichen an den Geschäften ebenso beweisen, wie die Gesprächsfetzen, die man vernimmt. In den Seitenstraßen findet man buddhistische und konfuzianische Tempel, neben Moscheen und Kirchen.

Die religiöse und ethnische Vielfalt Malaysias, von etwa 70 Prozent muslimischen Malaien, etwa 25 Prozent buddhistischen, konfuzianischen, teils auch christlichen Chinesen, sowie rund 5 Prozent Indern, die überwiegend Tamilen und Hindus sind, prägt das politische System.

Zwar kam es in Malaysia nie zu solchen grausamen Massakern wie in Indonesien, in dem höchstwahrscheinlich von der CIA inszenierten Putsch von 1965, in dessen Folge Millionen von Chinesen zwischen Java und Borneo ermordet wurden. Doch auch hier kam es in den ersten Jahrzehnten der Unabhängigkeit zu Spannungen, die bis heute nicht vollständig abgeflaut sind. Die Chinesen wurden im 19. Jahrhundert von den britischen Kolonialherren größtenteils als Kulis für ihre Kautschuk-Plantagen verpflichtet und hatten dabei, flankiert von ihrem Geschäftssinn, die leitenden Positionen in der Finanz- und Geschäftswelt erlangt. Die malaiische Bevölkerung hatte sich gegen die Vormachtstellung der Söhne des Himmels heftig zur Wehr gesetzt und daraufhin die Schlüsselpositionen in Politik, Verwaltung, vor allem aber dem Militär übernommen. Der Inspirator der damaligen antichinesischen Bewegung war übrigens niemand anders als Muhammed bin Mahathir, der seiner Zeit ein Pamphlet verfasste, welches zum politischen Programm erhoben wurde, unter dem Titel „The Malay Dilemma“.

Heute haben sich die Dinge aber grundlegend geändert, wenn die Volksgruppen auch eher nebeneinander her leben als miteinander. Der Malaien-Markt ist nur wenige Gehminuten vom Chinesen-Viertel entfernt, erscheint aber als eine ganz andere Welt. 60 Prozent der Malaysier sind Muslime, unter den Malaien fast alle, denn diese Ethnizität, die die Hälfte der Bevölkerung ausmacht, wird per Gesetz zum Islam verpflichtet. Wie auch in Indonesien kam der Islam durch arabische Kaufleute im 7. Jahrhundert ins Land. Durch die ­Erweckungsbewegung Dakwah, in den 1960er Jahren, setzte sich eine orthodoxe Interpretation des Islams durch.

Auf dem Markt werden traditionelle Kleidung und Gewürze zum Verkauf ­angeboten.

„Der Islam ist bei uns zwar Staatsreligion“, erwähnt eine Verkäuferin, die wie die Mehrheit der malaiischen Frauen Malaysias ein Kopftuch trägt, „aber wir unterscheiden uns doch sehr von der weit entfernten arabischen Welt. „Ich bin sehr dankbar dafür, dass unser ­Premierminister das öffentliche Auspeitschen von zwei Frauen, aufgrund einer Gesetzesübertretung im letzten Jahr ­verurteilt hat“, erwähnt sie lächelnd, während sie einige Textilien auf ihrem Verkaufsstand platziert. Die Dame bezieht sich auf die Worte des Premierministers, der den damaligen Vorfall mit den Worten verurteilte: „Dies zeichnet ein schlechtes Bild des Islam.“ Die Religion erschiene hart und grausam und das sei ein Fehler.

Andere muslimische Politiker und Würdenträger pflichteten ihm bei. ­Anwar Ibrahim, der ehemalige Rivale Mahathirs, mit dem er sich allerdings ­wieder versöhnt hat, kommentierte die Auspeitschung mit folgenden Worten, die zuvor von einem Lokalpolitiker ­gerechtfertigt wurde: „Ich bin ein praktizierender Muslim, aber ich teile diese Interpretation nicht.“ Anwar, der im ­Nahen Osten studierte, betonte dabei, dass er kein Gegner der Scharia sei, „aber man muss sich auf deren höheren Ziele besinnen, auf Erziehung, Sicherheit, ­Toleranz, Verständnis“.

Weise Worte. Malaysia hat das Potenzial, gemessen an dem relativ harmonischen Nebeneinander seiner Volksgruppen und Religionen, flankiert von wachsendem Wohlstand und boomender Wirtschaft, dem hohen Bildungsstand, vor allem aber aufgrund seiner Stabilität, so etwas wie ein Modellland der islamischen Welt zu werden.

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Ramon Schack

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