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Vorbilder der Geselligkeit

Unsere Sprache entscheidet über die Stimmung in der Gesellschaft

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Foto: Alessandro Biascioli, Adobe Stock

„Öffentliches und privates Verhalten sind grundverschieden. Sie gehorchen verschiedenen Gesetzen und bewegen sich auf verschiedenen Bahnen.“ (Oscar Wilde: Der ideale Gatte)

(iz). Goethe schrieb Werke, in denen er uns Menschen darauf aufmerksam macht, was schickliches und unschickliches Verhalten ist. Muslime würden es als Adab-Literatur bezeichnen: schöne Literatur, die jedoch nicht bloß auf Unterhaltung aus ist, sondern eine Form der Unterhaltung bietet, die unterschwellig und mit Raffinesse belehrend wirkt. Eines dieser Werk trägt den Titel: „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“. In diesem lässt Goethe eine Figur sagen: „Überhaupt weiß ich nicht, wie wir geworden sind, wohin auf einmal jede gesellige Bildung verschwunden ist. Wie sehr hütete man sich sonst, in der Gesellschaft irgend etwas zu ­berühren, was einem oder dem andern unangenehm sein konnte!“

Gesellige Bildung lautet das Zauberwort bei Goethe. Das ist es, was Fran­zosen als Esprit de Conduit bezeichnet haben – zumindest zur Zeit von Knigge am Vorabend der Revolution – und wir in Deutschland haben es nie wirklich ­gelernt. Die leichte Art zu sprechen, sich in den Ton einer Gesellschaft zu fügen, nichts zu sagen, was einen selbst oder eben andere in Verlegenheit bringen könnte. Niemals ist wohl unmöglich, doch solche Momente auf ein Minimum zu reduzieren, das sollte versucht werden. Wie drückt sich gesellige Bildung aus? Auch darüber klärt Goethe in seinen „Deutschen Unterhaltungen“ auf: „Der Protestant vermied in Gegenwatt des ­Katholiken, irgendeine Zeremonie lächerlich zu finden; der eifrigste Katholik ließ den Protestanten nicht merken, dass die alte Religion eine größere Sicherheit ewiger Seligkeit gewähre. Man unterließ vor den Augen einer Mutter, die ihren Sohn verloren hatte, sich seiner Kinder lebhaft zu freuen, und jeder fühlte sich verlegen, wenn ihm ein solches unbedachtsames Wort entwischt war. Jeder Umstehende suchte das Versehen wiedergutzumachen – und tun wir nicht jetzt gerade das ­Gegenteil von allem diesem? Wir suchen recht eifrig jede Gelegenheit, wo wir ­etwas vorbringen können, das den andern verdrießt und ihn aus seiner Fassung bringt.“

Wenn wir uns die Diskussionen in den (a)sozialen Medien ansehen, ist absolut keine Spur von geselliger Bildung zu finden. Es wird provoziert und angegriffen. Es wir beleidigt, gelogen, denunziert und unterstellt. Absolut keine gesellige Bildung zu finden. Dies ist die höchste Form ungebildeter, ich möchte schon sagen charakterlich missbildeter Menschen…

Ein Mensch, der über gesellige Bildung verfügt, wird inmitten von Katholiken kein Ritual belächeln. Eine verheiratete Frau wird neben einer unverheirateten nicht von ihrem Eheglück sprechen. Ein Mann mit gutem Job wird neben einem anderen nicht von seinen Verdiensten im Berufsleben prahlen. Neben einem Juden oder Muslim wird nicht deren Glaube kritisiert. Aber dies gehört leider sogar zum Ton der Öffentlichkeit. Die sogenannte Kritik. Es wird geschossen und attackiert. Wo findet sich jemand, der Contenance bewahrt! Noch so ein ­französisches Wort im Deutschen. Es scheint, als ob wir Kultur und Bildung den Franzosen zu verdanken haben in Deutschland. Wir behaupten, dass nichts mehr gesagt werden darf und posaunen die widerlichsten Respektlosigkeiten ­heraus. Wenn wir einmal gesagt haben, dass „man“ ja nichts mehr sagen dürfe, folgen meistens Beleidigungen. Goethe sagte um 1830, dass Deutschland noch etwa 200 Jahre benötige, um endlich Kultur auszubilden und die charakterliche Bestialität abzulegen… 200 Jahre: 2030 ist bald… was müssen wir lernen?

Oscar Wilde sagt in seinem vielleicht vorzüglichsten Theaterstück „Ein idealer Gatte“: „Öffentliches und privates Verhalten sind grundverschieden. Sie gehorchen verschiedenen Gesetzen und bewegen sich auf verschiedenen Bahnen.“

Gesetze der Öffentlichkeit sind andere als die des privaten. In der Öffentlichkeit über die Unterschiede verschiedener Religionen zu diskutieren, spaltet die Bevölkerung. Es ist nicht angebracht. In der Öffentlichkeit seine Leiden und Sorgen preiszugeben, ist nicht besonders klug, da dies gegen einen verwendet werden könnte. Denn es gibt die niederträchtigen Menschen. Ob wir wollen oder nicht. Es gibt sie. Was ist die Waffe dieser nie­derträchtigen Menschen? Sie bleiben kaltblütig. Sie werden nicht emotional. Sie wenden die Kunstgriffe an, von denen Schopenhauer spricht: Das heißt, sie werden persönlich in Gesprächen, emotional ausfallend: „Das wird man wohl noch ­sagen dürfen“ ist ein Kunstgriff, um seine Bestialität zu rechtfertigen… wenn schönsinnige Menschen diese Kunstgriffe nicht kennen, werden sie Opfer dieser Kunstgriffe und werden Debatten verlieren, selbst wenn sie die besseren Argumente haben. Diese Kunstgriffe gilt es zu lernen, um in der Öffentlichkeit ­bestehen zu können.

Gesellige Bildung ist also ein Gefühl dafür zu haben, sich und andere Menschen nicht in Verlegenheit zu bringen und andere nicht schlecht dastehen zu lassen. Andere schlecht dastehen zu lassen ist jedoch zu einem Wettbewerb geworden. Das nennen wir nun aufgeklärte und humanistische Gesellschaft.

Vor allem die sogenannten Islamkritiker spielen dieses würdelose Spiel. Allein dass sie Islamkritiker genannt werden ist ein Kunstgriff gemäß Schopenhauer. Während andere als Hassprediger bezeichnet werden, als Hetzer, bezeichnet man die anderen Hetzer als Kritiker. Stellen wir uns einmal vor ein terroristisch hetzender Mensch wird als Kritiker ­bezeichnet… unmöglich: alle würden „Untertreibung“ brüllen – Islam„kritiker“ zu sagen, ist nichts als eine Beschönigung, ein Euphemismus, der legitimieren soll, gegen Muslime zu hetzen und sie zu ­kriminalisieren.

Sprache ist also das Hauptwerkzeug im öffentlichen Leben. Wer erzeugt welche Wirkung. Kein Wunder, dass große gesellschaftliche Wandlungen mit einem Wandel der Sprache einhergehen.

Über keine spaltenden Themen öffentlich zu sprechen, das muss ein Gesetz des öffentlichen Lebens sein. – Worüber denn sonst? Darüber, wie wir uns gegenseitig besser behandeln können. Darüber, was Gutes und Schönes geschieht in der Gesellschaft. Gute Nachrichten zu verbreiten – das ist das Gebot der Stunde und wird es immer bleiben, wenn wir unsere Gesellschaft nicht bestialisieren wollen. „Sprich Gutes oder schweig“ – ist der Ratschlag eines Experten der ­Sprache: Muhammed, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden. Was ist gut, was ist schön, was inspiriert uns und ­andere, was fördert und was verbindet uns? Darüber sollten wir sprechen in der Öffentlichkeit.

Doch hier muss auch vor einem Kunstgriff bewahrt werden: Manchmal sagen niederträchtige Menschen eben das: Lasst uns über Gutes und Schönes sprechen – sie sagen dies, um abzulenken von ihren eigenen Schamlosigkeiten. Bestehendes Unrecht anzusprechen, um es zu beheben und eine Alternative zu Wort bringen, das ist gut, wenn es auch nicht schön scheint. Es ist gut. Denn Unrecht über das geschwiegen wird, wird fortgesetzt. Es muss besonnen darüber gesprochen werden können. Die Kunstgriffe niederträchtiger Menschen müssen durchschaut werden. Sie kopieren wie Papageien die Sprache der Schönsinnigen, doch ihr Herz ist verdorben. Sie verfolgen niedere Zwecke.

Was gilt nun im Privaten? Hier darf es kaum Einschränkungen geben außer ­einer: Bringe andere Menschen nicht in Verlegenheit! Kommentiere das Verhalten anderer nicht. Was nützt es? Sich auf das eigene Verhalten zu besinnen ist Aufgabe: Wie würde ich dastehen, wenn mein ­Verhalten kommentiert werden würde? Diesen Maßstab müssen wir uns anlegen. „Manche Vermutung ist Sünde“ sagt Allah im Qu’ran (Al-Hudschurat, Sure 49, 12).

Und wie viele Aussagen beruhen auf nichts anderem als auf Vermutungen. Es ist jämmerlich, was wir als Fakt annehmen und was sich letztlich nur als Illusion herausstellt. Unter Muslimen können wir Glaubensinhalte besprechen. Aber wenn andere dazustoßen, dann gilt es, nicht mehr über Glaubensinhalte zu sprechen, sondern die Ethik, die hohe Moral auszuleben: das heißt, die hohe Moral, nicht nach dem Glauben anderer zu fragen, sondern für andere da zu sein. Bedürfnisse der Menschen zu stillen, sie zu nähren, wenn sie hungrig sind. Mehr noch als der Körper hungern momentan die Herzen. Wir können niemandem von geistigen Größen berichten, weil wir sie kaum kennen. Wir müssen lernen wer Yunus Emre, Hodscha Ahmed Yesevi, Mewlana Rumi usw. waren, weil sie die Herzen der Menschen ernährt haben. Von ihnen lernen wir, wie wir die Herzen ernähren können. Dessen bedürfen wir gerade. Wenn wir es lernen, dann lernen wir instinktiv schickliches Verhalten. Wir lernen, was den anderen in Verlegenheit bringen könnte und sprechen und ­handeln so, dass wir andere nicht in Verlegenheit bringen. Das ist die höchste Stufe der Kultur. Ein osmanisches Sprichwort fasst dies zusammen: „Achtsamkeit (edep) ist eine Krone göttlichen Lichts, / Setze sie dir auf und befreie dich von jeder Plage.“ Davon inspiriert schrieb ich das folgende Gedicht:

Was nützen Fähigkeiten, was die Kunst,
Wenn du dich selber für was Bessres hältst?
Begriffen hast du nicht das Wichtigste:
Fehlt uns die Liebe, fehlen wir uns selbst.
Was nützt die Wissenschaft, ein Studium,
Was nützt ein guter Job mit kaltem Herz?
Das Wichtigste von allen Dingen ist:
Bereite anderen bloß keinen Schmerz.
Und sag: Was nützt mir die Intelligenz,
Was meine scharfe Zunge, Poesie,
Wenn sie gezähmt nicht wird von einem Schems?
Zum Teufel mit dem maßlosen Genie!
Der wertvollste Besitz auf dieser Welt:
Ein warmes Herz in einer kalten Welt.

Wenn ich andere sehe in der Öffentlichkeit, denke ich mir nichts und ­kommentierte es nicht. Das gebietet die Achtsamkeit. Wenn ich sehe, dass jemand etwas komisch Wirkendes tut, denke ich nicht schlecht darüber, sondern denke schön. Das ist die Sitte Muhammeds ­gewesen, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden. Allem etwas Schönes abzugewinnen, schweigen über Dinge, die mich nichts angehen. Das ist gesellige Bildung: „Es zeugt von der Schönheit des Muslimseins, über Dinge zu schweigen, die einen nichts angehen.“ (bei Tirmidhi überliefert)

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Ahmet Aydin

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