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Schahada – die Bezeugung der Einheit

Vortrag von Prof. Dr. Latic über die erste Säule des Islam. Übersetzt von Malik Özkan, Bremen

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(iz). Die Schahada ist die Bezeichnung für die grundlegende Erklärung, die der Mensch ausspricht, um seine Zugehörigkeit zum Islam auszudrücken. Diese Bezeugung lautet: „Aschhadu anna la ilaha illa’Lah wa aschhadu anna Muhammadan rasulu’Llah – Ich glaube [in meinem Herzen] und bezeuge [mit meiner Zunge], dass es keinen Gott gibt, außer Allah und dass Muhammad der Gesandte Allahs ist.“ Wie wir sehen können, enthält die Schahada zwei Teile, die nicht von einander zu trennen sind, das heisst, man kann kein Muslim sein, wenn man nur einen Teil anerkennt. Viele Leute erkennen zwar die Einheit Allahs an, weisen aber die Prophetenschaft Muhammads, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, zurück.

Es gibt zwei wichtige Aussagen im Qur’an, die wir uns zu Beginn bewusst machen sollten. Zum einen sagt der Allmächtige, dass jeder Mensch mit dem monotheistischen Glauben geboren wird und dass Islam, die Anbetung des Schöpfers aller Welten und Menschen, für den Menschen natürlich und ihm angeboren ist: „Und als dein Herr aus den Lenden der Kinder Adams ihre Nachkommenschaft zog und für Sich Selber als Zeugen nahm [und sprach]: ‘Bin Ich nicht euer Herr?, sprachen sie: ‘Jawohl, wir bezeugen es.’ Dies, damit sie nicht am Tage der Auferstehung sagen würden: ‘Wir hatten davon wirklich keine Ahnung!’“ (al-A’raf, 172)

Unser Schöpfer hat, dank seiner unermesslichen Gnade, das Vertrauen in Ihn einfach und allgemein gemacht. Dieser Glaube ist nichts, was bloß durch die Auserwählten erreicht werden könnte oder durch die Angehörigen eines auserwählten Volkes. „Es ist einfacher zu beweisen, dass Allah der Eine ist, als zu beweisen, dass Wasser nass ist.“ schrieb Ibn Taimijja (1320).

Die islamische Wissenschaft hat, und hier insbesondere Abu Hamid Muhammad al-Ghazzali, darauf hingewiesen, dass es das innere Auge der menschlichen Seele namens al-Basira ist, welches den Einen und Einzigen Gott, den Schöpfer, bezeugen kann. Wegen des Gefühls der Hilflosigkeit angesichts der Schwierigkeiten in dieser Welt, wird die menschliche Seele unausweichlich in Richtung einer wirklichen oder imaginären Macht gedrängt, die sie um Hilfe anflehen kann und bei der sie Frieden findet. Aus diesem Grund gibt es, nach Aussagen im Qur’an, auch keine Ungläubigen. Es gibt welche, die nur dem Einen und Wahren Gott vertrauen und solche, die diesen ihnen innewohnenden Glauben verstecken und unterdrücken und sich zu falschen Gottheiten hinwenden.

In der qur’anischen Terminologie werden diese als Kafir bezeichnet; nach dem arabischen Verb „kafara“, welches verstecken oder verdunkeln bedeutet. Kafir ist der Name der Wolke, die den Sonnenschein verdeckt. Sobald er kein aufrichtiges Vertrauen mehr in Allah hat, beginnt der Mensch damit, „Ihm falsche Gottheiten beizugesellen“, denen er sich, bewusst oder unbewusst, beugt. Diese Beigesellung wird in der qur’anischen Terminologie als „Schirk“ bezeichnet. „Und doch nehmen sie sich Götter neben Allah, in Erwartung von Hilfe. Sie vermögen ihnen nicht zu helfen“ (Jasin, 74-75)

Im Qur’an werden die falschen Gottheiten, denen sich diese Menschen unterwerfen, vorgestellt: Leidenschaften, andere Menschen, das eigene Selbst, einige der Gesandten Allahs, z.B. Isa (Jesus), Priester, Engel, Planeten, Naturphänomene etc. All diese werden mit einem Wort „ilah“, etwas übertrieben lieben, beschrieben. Diese Form der Anbetung wird im Qur’an als „größte Gewalttat“ bezeichnet. Wir dürfen nicht vergessen, wie viel menschliches Blut durch die gesamte Menschheitsgeschichte hindurch wegen dieses Schirks in der Inquisition, dem Nationalsozialismus und in vielen Diktaturen vergossen wurde.

Aus diesem Grund betont der erste Teil der Schahada, dass es aussließlich Allah ist, der anbetungswürdig ist. Diese Einladung in den Glauben der Einheit ist eine verständliche und hat im Hinblick auf das individuelle und soziale Menschenleben die tiefsten Folgen. Das Verständnis der Einheit, wie es vom Qur’an erklärt wird, übersteigt sowohl den philosophischen, als auch den theologischen Monotheismus. Die muslimischen Denker und Theologen hatten Jahrhunderte lange Diskussionen bezüglich der Beziehung zwischen Allah, der Welt und dem Menschen, die ihren Höhepunkt in der bedeutenden Auseinandersetzung zwischen al-Ghazzali und Ibn Sina hatte. Die muslimischen Theologen fühlten, dass eine Gefahr von der übermäßigen Anwendung des griechischen Denkens durch die Philosophen ausging, denn dieses hätte die Göttlichkeit reduziert auf ein Weltverständnis, wonach ein abwesender Gott die Welt als perfekten Mechanismus geschaffen hätte und diese dann im Augenblick ihrer Erschaffung sich selbst überlassen hätte, ein perfekter Mechanismus, der nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung funktioniert.

Die Zurückweisung des philosophischen Monotheismus, insbesondere nach al-Ghazzalis epochalem Werk „Tahafutu’l Falasifeh (Zurückweisung der Philosophen)“ formulierte die Lehre des Okkasionalismus, d.h. Allah schafft in jedem Augenblick die Welt neu. Im Qur’an heisst es dazu: „Ihn bittet, wer in den Himmeln und der Erde ist. Jeden Tag ist Er mit einer neuen Sache beschäftigt.“ (ar-Rahman, 29)

Auf diese Art und Weise ersetzten die Theologen die Notwendigkeit der Kausalität mit dem Vertrauen, dass Allah, der gerecht ist, niemanden täuschen wird, sondern dass die richtige Wirkung immer auf die passende Ursache folgen wird. „Der Ausgang dieser Sache war nicht Einrichtung einer Kausalität, sondern die Göttliche Gegenwart, und die Anpassung von Kausalität an diese Gegenwart“, so Ismai’il Radsch A. Famuli in seinem bedeutenden Buch „Al-Tawhid: Its Implications for Thought and Life“.

Das Einheitsdenken im Islam endet aber nicht beim Okkasionalismus, denn Allah ist Der Herr, der die Befehle gibt. Er ist Derjenige, ohne Den nichts Bestand hat und Er ist das Ziel aller Wünsche und Bedürfnisse. Er ist Allah – Er ist der Beschützer – und er ist Der, Der den Toten leben gibt.

Im Islam ist es daher nicht ausreichen, die Einheit bloß auf rationalistischer Ebene anzuerkennen. Allah, auf den die Muslime vertrauen, bezeichnet sich Selbst in aufsteigender Form als „Rabbu’n-nas (Herr und Schöpfer der Menschen)“, „Maliku’n-nas (König der Menschen)“ und „Ilahu’n-nas (Gott der Menschen)“. Das heisst ein Mensch wird Allah nur dann erkennen, wenn er anerkennt, dass Er der Schöpfer ist, Der einzig verdient, angebetet zu werden, und dass Er als Einziger das Recht hat, seinen Geschöpfen Befehle zu geben. Gehorsam Ihm gegenüber bedeutet Ungehorsam gegenüber allen Idolen. Im Gehorsam zu Ihm, findet die Menschheit wirkliche Freiheit, Glück und Erfolg.

Im Islam bestehen wir darauf, dass es nicht möglich ist, Allah durch die eigene Anschauung oder die Weisheit und Vermittlung eines anderen zu erkennen. Dies ist nur möglich in der Anerkennung des Prophetentums und der Nachahmung der Gesandten Allahs; Anerkennung der Gesandtschaft Muhammads, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, und die der anderen Gesandten (Noah, Ibrahim, Musa, ‘Isa und die anderen). An alle sandte Allah die gleiche Botschaft, die in der Kalimah’i-Schahadah enthalten ist: Gott ist Einer, die Wahrheit ist eins und die Religion ist eins!

Muhammad ist „das Siegel aller Gesandten“ (Chatamu’l-anbija wa’r-rusul). Im Unterschied zu Gesandten, die ihm vorangingen und die Allah zu einem Stamm, oder im besten Fall zu zwei schickte, wurde Muhammad zur gesamten Menschheit gesandt: „Doch Wir haben dich zur gesamten Menschheit als Bringer guter Nachricht und als Warner entsandt.“ (as-Sabâ’, 28)

Auf die gleiche Art und Weise enthält der Qur’an die Essenz aller vorangegangenen Offenbarungen. Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte darüber: „Mir wurden die langen sieben Suren anstatt der Thora offenbart, die Suren, die [schätzungsweise] hundert Ajats enthalten anstatt des Evangeliums, die ähnlich langen und kürzeren wurden mir offenbart anstatt der Psalmen und mir wurde durch die kurzen Suras der Vorteil gegeben.“

Der Gesandte Allahs sagte in einer seiner Aussagen, dass er wie ein Mann sei, der mit seinem Umhang die Insekten, die ins Feuer fliegen wollen, davon abhält. Genauso beschützt der Gesandte Allahs die Menschen vor ihrem Zusammenbruch, wenn sie, bei der Fülle aller erlaubten Dinge, sich denjenigen Dingen zuwenden, die ihnen von ihrem Schöpfer verwehrt sind und die in sich ihren Kollaps bedeuten. Dabei meinen wir hier Phänomene wie Prostitution, Alkoholismus, Glücksspiel und das Zinsgeschäft. Im Qur’an sagt Allah, dass der Prophet „Uswatun hasana – das schöne Vorbild“ ist. Muhammads Lebensweise war der Qur’an. Darüber sagte einer seiner Gefährten: „Wir Muslime sind die Aschraffu’l-ummah (die angesehenste Gemeinschaft) aus zwei Gründen: wir folgen dem Qur’an, der die echte Offenbarung Allahs ist und wir haben die Sunna von Muhammad, dem Gesandten Allahs.“

Der Qur’an wurde bis heute vor allen kanonischen und theologischen Disputen bewahrt und authentisch interpretiert. Zweitens gibt es die Biografie des Gesandten Allahs, seine Worte und Taten sind bis heute erhalten geblieben. Es gibt keinen anderen Menschen in der Weltgeschichte, dessen Beispiel – die Sunna – nicht vorsichtiger bewahrt und an kommende Generationen weitergegeben wurde, als dies bei Muhammad, möge Allah ihn segnen und Frieden geben, der Fall gewesen ist. Die Sunna ist die zweite Quelle des Islam. Sie ist der Beweis dafür, dass Islam eine einfache Religion ist, die dem Wesen des Menschen entspricht. Sie hilft dem Menschen am besten, sein Leben in dieser Welt zu verbessern und in der nächsten zu retten.

Ich möchte meinen Vortrag mit einer Beobachtung über die Schahada und den heutigen Menschen im Westen beenden. Wie Denis de Rougemont sagte, lebt der moderne Mensch „nur noch unter den formalen Zeichen des Christentums“. Die Zeitgenossen im Westen sind zum größten Teil Agnostiker und die anderen, die den verschiedenen Versionen des Christentums angehören, sind Monotheisten, allerdings spielt Religion in ihrem sozialen Leben nicht diejenige Rolle, die sie z.B. bei den muslimischen Gemeinschaften hat.

Der theologische Monotheismus erreichte seinen Höhepunkt im Okkasionalismus. Diesen gab es bereits in der Gesellschaft vor und zu Zeiten Muhammads, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben. Der Glaube an die Göttlichkeit in dieser Art und Weise hat so gut wie keinen Einfluss auf das menschliche Verhalten, wie im Qur’an folgendermaßen beschrieben wird: „Und wenn du sie fragst: ‘Wer hat die Himmel und die Erde erschaffen?’, dann sagen sie gewiß: ‘Allah.’ Wie ­können sie sich dann doch abwenden?“ (al-’Ankabut, 61)

Wie wir oben erkennen können, ist der islamische Monotheismus ein ­vollkommener. Wenn ein Mensch ihn annimmt, dass wird er Teil der kosmischen Einheit, denn das gesamte Univer­sum verbeugt sich, wie Allah im Qur’an sagt, vor dem Einzigen Gott: „Die Sonne und der Mond kreisen wie be­rechnet. Und die Gräser und die ­Bäu­me fallen anbetend nieder. Und den Him­mel hat Er hoch gewölbt. Und Er hat die Waage aufgestellt.“ (ar-Rahman, 5-7)

Durch die Annahme dieses Tauhids gelangt der Mensch zum Sinn seines Lebens und er lässt jede Art von ­Nihilismus und das Absurde in der ­Existenz hinter sich. Mit Tauhid ist es einfacher, die Schwierigkeiten des ­Lebens zu bestehen und man geht nicht in einer kurzen Phase des Glücks verloren. Die Annahme dieses Tauhids bedeutet für den Menschen den ­Eintritt in eine einzige Gemeinschaft, die sich von jeder anderen Gruppe unterscheidet.

Soweit es den Propheten Muhammad, möge Allah ihn segnen und Frieden geben, betrifft, war er mit Sicherheit der am meisten geliebte Mann in der Menschheitsgeschichte, aber auch derjenige, der am häufigsten angegriffen wurde. Dies trifft insbesondere auf Europa zu, wo der Gesandte Allahs seit Jahrhunderten verleumdet wird. Als er die Biografie des Propheten studierte, sagte Thomas Carlyle, den Goethe selber als „moralische Autorität erster Güte“ bezeichnete, in seinem Buch „Über Helden, Heldentum und Anbetung von Helden in der Geschichte“, dass die Lügen gegen Muhammad „Lügen gegen uns selbst gewesen sind“. Diese anhaltende Unwahrheit über ihn hat auch dazu geführt, dass viele Menschen immer noch eine falsche Vorstellung vom Islam haben.

Der Mensch im Westen akzeptiert daher den ersten Teil der Schahada – die Einheit der Göttlichkeit – aber er weist zur selben Zeit das Prophetentum Muhammads, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, von sich und damit auch den Qur’an, den Allah seinem Gesandten offenbart hat. Damit werden auch die Parameter, die durch den Qur’an offenbart wurden, zurück gewiesen. Aber wie sehen diese Parameter aus: „Dieser Qur’an leitet ­gewiß zu dem, was richtig ist, und verheisst den Muminin [diejenigen, die ­Allah vertrauen], die das Richtige tun, großen Lohn.“ (al-Isra’, 9)

Ist sich der moderne Mensch bewusst, dass der Qur’an das Buch Allahs ist? Weiß er, dass die qur’anischen Werte die besten und schönsten sind? Weiß er, dass Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, ein Prophet ist, genau wie Isa, Musa und die anderen? Natürlich ist ihm das be­wusst, aber wegen einer Vielzahl an psychologischen, aber nicht kontemplativen, Gründen, ist ihm der Zugang zur Wahrheit leider allzu oft versperrt.

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