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Während das Werk von Rumi im Westen durch Übersetzungen verzerrt wurde, wird der große Lehrer auch in der Türkei tragischerweise zu selten gelesen

Ironisches Missverständnis zwischen Ost und West

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Es scheint in der Welt des 11. Septembers, von Bin Ladin und dem „Zusammenstoß der Zivilisationen“ beinahe unglaublich zu sein, aber der am meisten verkaufte Dichter in den USA der 90er Jahre war keiner der Giganten der US-amerikanischen Dichtung (Pound, Frost, Stevens oder Plath), noch handelte es sich um Shakespeare, Homer, Dante oder irgend einen anderen europäischen Dichter. Stattdessen handelte es sich dabei um einen klassisch ausgebildeten muslimischen Gelehrten, der Schari’a in einer Hochschule auf dem Gebiet der heutigen Türkei lehrte.

Maulana Dschalal Ad-Din Rumi lebte im Zentralanatolien des frühen 13. Jahrhunderts (christlicher Zeitrechnung) und starb um die Zeit von Dantes achtem Geburtstag. Wie die Bücher von Rumi auf dem US-Markt der 90er Jahre häufiger verkauft werden konnten als von jedem anderen Dichter, ist eine eigentlich unwahrscheinliche Geschichte – allerdings weniger unwahrscheinlich als die Tatsache, dass ein mittelalterlicher Gelehrter des islamischen Rechts (Fiqh) unfreiwillig zu einer Figur des neuzeitlichen New Age werden konnte.

Von diversen Hollywoodgestalten wurde die „erregende“ Rumi-Übersetzung (ins Englische) durch Coleman Burke vertont. Von diversen Stars und Sternchen gefeaturet bringen diese den islamischen Lehrer in Verbindung mit „Leidenschaft. Musik. Romantik“ (so ein CD-Cover) oder verhunzen sein Werk gar als Anti-Stress-Hörbuch für New Yorker Nahverkehrsreisende. Sehr wenig davon („Die Verbindung von Spiritualität und Erotik“, so ein Coverband zu dem Thema) hat mit dem eigentlichen, historischen Rumi und den unzähligen Seiten seiner zutiefst spirituellen und religiösen Dichtung zu tun, die Rumi auf Persisch verfasste. Nach Ansicht eines seiner bedeutendsten Kenner im englischsprachigen Raum, Franklin D. Lewis, sei es absolut missverständlich, wenn man Rumi mit Gestalten wie Ginsberg gleichsetze oder ihn gar als „Poeten der sexuellen Liebe“ betrachte.

Es gibt hier eine weitere Schicht der Paradoxie und Absurdität: Auch wenn Rumi in der heutigen Zentraltürkei lebte und wirkte, wird er heute nur selten gelesen und es gibt keine zugängliche moderne Ausgabe seiner Werke in zeitgenössischem Türkisch. Folgt man Talat Halman, einem türkischen Rumi-Fachmann, den ich in Istanbul besuchte, so „ist Rumi sicherlich nicht der am besten verkaufte Dichter in der Türkei. Zum einen sind seine Gedichte nicht so umfassend übersetzt worden, wie es der Fall hätte sein sollen, und die bestehenden sind nicht poetisch genug. Die Leute haben einfach nicht die Geduld, ein enormes Buch wie das Mathnawi (Rumis Meisterwerk) zu lesen.“

Aber es ist nicht nur so, dass die Dichtung oft genug ungelesen bleibt. Auch jene Schule der Derwische, deren Gründungsvater er ist, die Mewlewis, wurden von der Zeit Mustafa Kemals an verboten [wobei ihre Lehrer verfolgt und von den Republikgründern ermordet wurden, Anm. d. Red.] und ihre schönen Tekken blieben verschlossen zurück, verfielen oder fielen an einen Staat, der all dies unternahm, um die Türkei zu „verwestlichen“ und sie so näher an Europa und die USA zu bringen. Auch wenn die diskreten Ausdrucksformen des Tassawuf heute in der Türkei offen geduldet werden und Bilder von drehenden Derwischen oft und gerne in Broschüren der türkischen Tourismusbehörde Verwendung finden, kann die Übung der sufischen Lehre, für die Rumi steht, heute immer noch zu einer siebenmonatigen Gefängnisstrafe führen. Als ich zu Besuch in der Türkei war, um einen Film über die Musiktraditionen des Sufismus zu drehen, war es beinahe unmöglich, eine echte türkische Tariqa zu finden, die sich filmen lassen wollte. So nervös waren sie immer noch wegen möglicher Reaktionen seitens der Behörden. All dies führte zu einem archetypischen – wenn auch ungewöhnlich einschneidenden – Missverständnis: Einem Westen, der gen Osten blickt auf der Suche nach spirituellem Wissen, welches er allerdings nur durch die Brille sinnlich verzehrter Übersetzungen erkennt, die nach Ansicht von Persisch-Gelehrten schwerwiegend verfälschend sind und die zu einem Rumi-Bild führen, welches vollkommen vom Islam getrennt ist. Im Osten ist eine republikanische, türkische Regierung nervös damit beschäftigt, die Türkei innerhalb Europas zu integrieren und dabei die Bruderschaft von Rumi verbannt, als Versuch, den Westen zu umarmen, den sie als vernünftig, fleißig, unduldsam gegenüber Aberglauben und post-religiös versteht.

Inmitten der Konfusion über Zivilisationen findet sich der Sufismus als Brücke zwischen Ost und West inmitten der islamischen Welt dem Druck seitens zweier politischer Systeme ausgesetzt, die beide pro-westlich sind: Dem saudischen Regime, welches ihn Jahrzehnte lang als irrige Bedrohung seiner eigenen, harschen und unduldsamen Deutung des Qur’ans ansah, und einer laizistischen Türkei, die ihn als Zeichen ihrer vermeintlich peinlichen, verdorbenen und abergläubischen osmanischen Vergangenheit ansieht.

Der von mir besuchte Halman ist hingegen der Ansicht, dass die Lehre von Rumi immer wichtiger werde in einer Zeit, die den Islam mit Terrorismus gleichsetze. Der Geist Maulanas schärfe den menschlichen Sinn für die Liebe und die sehnsüchtige Beziehung zwischen den Gläubigen und dem Geliebten, denn Allah ist der ultimative Geliebte. In Augenblicken wie diesen sei es nötiger als je zuvor, dass diese Botschaft Gehör finde.

Dschalal Ad-Din Rumi wurde in Balkh, der Hauptstadt der persischen Provinz Khorassan geboren, die im heutigen Afghanistan liegt. Am 30. September 1207 wanderte er mit seiner Familie nach Anatolien aus, bevor die Stadt [die 300 Jahre lange eine der wichtigsten Städte des östlichen islamischen Königreiches war, Anm. d. Red.] 1221 von den Mongolen zerstört wurde. Nach einer Ausbildung als Gelehrter und Jurist der hanafitischen Rechtsschule lehrte er unter anderem in einer Madrassa in Konya, wo er am 17. Dezember 1273 starb. Sein Grab, die Yesil Türbe, ist heute immer noch zu sehen.

Lange Zeit nach seiner formalen Ausbildung in den Wissenschaften der Schari’a wurde er durch seine Begegnung mit dem Wanderderwisch Schams Täbrizi transformiert. Die beiden wurden schnell unzertrennlich. Als Täbrizi unerklärlicherweise verschwand, drückte Rumi seinen Kummer in einem der größten Werke aus, das jemals in irgend einer Sprache verfasst wurde: ein Wasserfall an persischen Versen – 3.500 Oden, 2.000 Vierzeilern und einem massiven epischen Werk-, dem Mathnawi, welches als Sammlung von Erzählungen, lehrhaften Geschichten und spirituellen Anekdoten selbst an die 26.000 Reimpaare lang ist. Es ist die komplexeste Sammlung spiritueller Dichtung, die jemals geschrieben wurde. Mit Sicherheit zählt es zu den höchsten Ausdrücken des spirituellen Aspekts im Islam.

Trotz allem, was er über die alles verzehrende Liebe zu Allah schrieb und lehrte, blieb er zeit seines Lebens ein orthodoxer und praktizierender sunnitischer Muslim. Wie Lewis korrekt anmerkte, gelangte Maulana Rumi zu seinem Wissen nicht durch die Abwendung vom traditionellen Islam, sondern durch ein Eintauchen in den selbigen. Seine rigorose, ja sogar grimmige Strenge ist weit entfernt von dem New Age-Konstrukt von „ungenauer, ekstatischer Süße“, wie es der Übersetzer Harvey formulierte.

In der heutigen Türkei wurden die Sufis, anders als in anderen Ländern, nicht von „Puritanern“ angegriffen, sondern von laizistischen Republikanern. Vor dem 1. Weltkrieg gab es beinahe 100.000 Schüler der Mewlewija im gesamten osmanischen Sultanat. Aber 1925 verbot Mustafa Kemal in seinem Versuch, einen modernen, westlich ausgerichteten und säkularen Staat zu erzwingen, alle Tariqats und schloss ihre Tekken. Stiftungen wurden aufgehoben und ihr Kapital vom Staat eingezogen. Die Herbergen wurden geschlossen, ihr Eigentum beschlagnahmt. Alle religiösen Ehrentitel wurden abgeschafft und die Kleidung der Derwische verboten. Die Schriften Maulana Rumis, zusammen mit denen aller anderen Gelehrten, wurden als intellektuell unwichtig abgetan. 1937 ging das paranoide Regime sogar noch einen Schritt weiter und verbot per Gesetz jede Form traditioneller Musik, insbesondere das Spielen der Ney, der Rohrflöte der Sufis.

Während wir in Istanbul filmten, besuchten wir eine einstmals alte und schöne osmanische Tekke, die sich am Mevlana-Tor der alten Mauer befand. Seit 1925 wurde sie als Waisen- und Lagerhaus benutzt, bevor ihre unschätzbare Bücherei in den 80er Jahren einem Brand zum Opfer fiel. Sie liegt nun in Ruinen, ist verschlossen und verlassen. Alles, was man tun kann, ist, durch Stacheldraht auf Kuppeln und Halbkuppen und jene überwucherten Tafeln osmanischer Kalligrafie zu blicken, die nun von Efeu und Wein bedeckt sind. Andere Orte der Mewlewis, wie die glanzvolle Galata-Tekke im Zentrum Istanbuls, wurden in Museen umgewandelt.

Soweit es den türkischen Staat betrifft, sind die Schüler Rumis nicht viel mehr als museale Kultur, die man als Touristenattraktion ausbeuten kann. Dieser Prozess begann Mitte der 60er Jahre, als die Frau eines führenden Offiziers der US-Armee nach Konya kam und die Regierungsbegleiter über die Derwische befragte. Die Beamten gerieten in Panik, und der lokale Bürgermeister fand schließlich einen alten Derwisch, der gezwungen wurde, die lokale Basketballmannschaft zu unterrichten, wie man sich dreht. So begann ein „folkloristisches“ Festival, welches jedes Jahr in der Sporthalle abgehalten wurde, um ausländische Touristen anzuziehen. Für kurze Zeit gab es sogar den Versuch, die Sufi-Musiker, die die Tänzer begleiteten, mit der modernen Blaskapelle der Stadt zu ersetzen, weil diese moderner und republikanischer war.

Einer der Männer, deren Leben durch die offiziöse türkische Feindseligkeit den Sufis gegenüber geformt wurde, ist der international bekannte Ney-Spieler Kudsi Erguner. Erguner, der seit Jahren in Paris lebt, spielte mit internationalen Musikgrößen und wurde in eine Familie mit langer Tradition des Neyspiels hinein geboren. In seiner Autobiografie „Journeys of a Sufi Musician“ beschreibt er lebendig die Herausforderungen, als Sufi in den frühen Jahren der Republik zu überleben. Erguner erzählt vom strikten Geheimnis, zu dem sein Vater und andere gezwungen waren: „Auch wenn ich kaum fünf Jahre alt war, so erinnere ich mich an die Gesichter der alten Männer, deren leuchtende Antlitze immer feucht zu sein schienen, als hätten sie sich gerade wegen des Spiels der Ney oder eines Gedichts von Rumi die Tränen aus dem Gesicht gewischt.“

Jedes Mal, wenn die Freunde sich zu einer musikalischen Versammlung (Sama) trafen, musste ein Teil von ihnen am jeweiligen Ende der Straße Ausschau nach möglichen Polizisten halten. Erguner sagte nach den Aufnahmen: „In der türkischen Kultur hatte der Sufismus immer die religiöse Möglichkeit für die hohen Künste eröffnet. Es ist wie die See und das Boot: das eine kann nicht ohne das andere bestehen. Alle unsere höchsten Künste finden sich im Sufismus. Allein in Istanbul gab es 700 Tekken. Dort wurden Dichtung, Musik und Kalligrafie entscheidend entwickelt und weitergegeben.“

Betrachte man die klassische Musik der Osmanen, so gebe es keinen einzigen Komponisten, der nicht ein Nachfolger Rumis gewesen sei. Aus diesem Grund könne man die klassische türkische Musik nicht von der religiösen trennen. „Was in den 20er Jahren geschah, war wie eine Kulturrevolution: Alles wurde auf den Kopf gestellt.“ Die folgenden Generationen seien gezwungen worden, nach Westen zu blicken. Und so sei die tiefe Dauer, der Austausch zwischen menschlichen Wesen und der Fortbestand der Lehre vollkommen verloren gegangen.

Der [hier gekürzte] Artikel wurde in der britischen Tageszeitung „The Guardian“ am 5. November 2005 veröffentlicht.

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