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Wahn und Radikalisierung

Die Extreme haben die sprachliche Ebene verlassen und sind längst Praxis geworden

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Screenshot: YouTube

(iz). Ferhat, Mercedes, Sedat, Gökhan, Hamza, Kalojan, Vili Viore, Said Nesar, Fatih und Gabriele – das sind die Namen der Opfer, die ein rechtsextrem motivierter Täter am Abend des 19. Februar ermordete. Ihr Tod ist auch eine weitere Eskalationsstufe der gesellschaftlichen Radikalisierung des Hasses auf verschiedene Minderheiten wie Sinti & Roma, Flüchtlinge, Menschen mit Migrationshintergrund, Muslime und andere.

Auch wenn renommierte Stimmen wie die Forensikerin Nahlah Saimeh aus dem aufgefundenen Pamphlet des Täters Hinweise auf „eine paranoid-halluzinatorische Schizophrenie“ oder andere „schwerwiegende psychotische Krankheiten“ abgelesen haben, dürfte außer Frage stehen, dass sich hinter dem Attentäter ein neuer Typus verbirgt. Bei diesem trifft radikalisierte Sprache und Gedankenwelt des Ressentiments auf ein aufnahmebereites Individuum.

Der Autor und Kulturkritiker Georg Seeßlen sieht in der Gestalt des Täters einen janusköpfigen Typus. „Aber sie sind immer doppelt lesbar, als Offenbarung einer persönlichen Störung (…) und als Erfüllung eines vorformulierten politischen Weltbildes. Und beides, Psychose wie politische Radikalisierung entfalten das terroristische Potential ganz offensichtlich auf der Grundlage von Normalitäten und Gewohnheiten“, schreibt Seeßlen in einem Essay für „Die Zeit“.

Über diesen Typus sagt der Rechtsextremisms-Experte Matthias Quent: „Auch von allein agierenden Terroristen geht eine wachsende Gefahr aus. Auf diversen Internetplattformen rufen Nutzerinnen und Nutzer zu rechtsradikaler Gewalt auf. Ihre ideologische Grundlage ist die rassistische Annahme, dass eine ‘ethische Homogenität’ existenziell ‘bedroht’ sei.“ Bereits nach Aufdeckung des Netzwerkes „Gruppe S.“, das Anschläge auf muslimische Einrichtungen in Deutschland geplant hatte, wurde klar, dass es für diese Form des Terrors keine stringenten Strukturen mehr braucht, wie das noch beim „klassischen“ Terrorismus der Fall war. Sie merkten an, dass das mutmaßliche Netzwerk sich dadurch auszeichne, dass es keine gemeinsame Ideologie und Parteizugehörigkeit gemein habe.

Verschiedene Politik- und Sozialwissenschaftler sahen nach der Hanauer Tat eine Verbindung zu der radikalisierten Rhetorik aus dem Lager des AfD-„Flügels“ um Björn Höcke. Dessen Sprachgewohnheiten hätten als „Lizenz für Anschläge“ (Schmitt-Beck) gedient. Für Sebastian Wehrhahn sei das Weltbild des Hanauer Täters „keineswegs nur für die extreme Rechte wichtig“. Vielmehr gebe es „Überschneidungen und Berührungspunkte mit einem gesellschaftlich weit verbreiteten Rassismus“.

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Sulaiman Wilms

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