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Warum aber gibt es so wenig Deutsche in türkischen Organisationen? Kommentar von Malik Özkan

Auslandstürken?

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(iz). Zu den spannenden Fragen in dieser Zeit gehört eine ganz einfache, die aber in den Kern wichtiger Debatten um Nationalismus und Identität führt: Was ist eigentlich ein Türke? Meiner bescheidenen Wahrnehmung nach, kommen hier diejenigen am meisten ins Schwitzen, die dieses Identitätsmerkmal gerne am Intensivsten benutzen. Die meisten Antworten sind dabei recht vage: Ortsbestimmungen, Geschichte, Mythen, die allerdings auch schnell mit dem osmanischen Geschichtsverständnis eines „Vielvölkerstaates“, der ohne bestimmte Bevorzugung einer Volksgruppe auskommt, kollidieren. Fest steht, die Osmanen kannten weder Nationalismus noch die moderne Einheit von Volk, Rasse und Territorium. Die osmanische Sprache war, ähnlich wie heute Englisch, ein völkerverbindendes Element.

Eigentlich gäbe es eine ganz einfache Antwort: Türken sind diejenigen, die Türkisch sprechen. So gesehen, kann also jeder ein Türke werden! Nach dem muslimischen Verständnis, definitiv fern jeden Rassismus, ist es ja auch in erster Linie das Sprachvermögen, dass die Identität eines Menschen ausmacht. Aus diesem Grund macht es auch für Muslime natürlich Sinn, die Sprache des Ortes zu lernen, an dem man lebt. Spricht man diese Sprache und ist man sogar an dem Ort geboren, ist man dann eben – zum Beispiel – ein Deutscher.

Soviel zur Theorie. Praktisch hat sich in der Moderne auch bei Muslimen eine Identitätsstiftung eingebürgert, die eher den Nationalismus befördert. Jetzt geht es nicht mehr (nur) um Sprache, sondern um Herkunft und Stolz, vielleicht auch um Bewahrung einer bestimmten Kultur oder den Jubel für die eigene Nationalmannschaft. Das ist wahrscheinlich legitim, aber, so scheint es zumindest manchmal, je mehr es dabei um das „Türkische“ geht, desto weniger geht es dabei um Islam. Der Islam ist nämlich keine Kultur!

Es ist zu befürchten, dass Organisationen die sich anhand eines nationalen Identitätsmerkmals definieren, nicht nur ­„Ausländer“ bleiben müssen, sondern sich eben auch weiter abgrenzen um diese Identität zu stiften. Solche Organisationen müssten sich dann auch logischerweise vor der Option verschließen, eine Organisation zu sein, die für alle Muslime gleichermaßen offen ist.

Damit aber muslimische Organisationen in Deutschland entstehen können, muss man nicht nur die Sprache des Ortes sprechen, sondern die Sprache des Ortes auf Dauer auch als wichtigstes Identitätsmerkmal akzeptieren. Gilt das nicht, würde die Berufung auf das Türkische zu einem „Abgrenzungsmerkmal“ für eine Mitgliedschaft: Du gehörst nicht hierher, wir sind nicht zuständig für Dich, denn du bist kein Türke!

Es ist auch fragwürdig, ob wir Muslime, auch angesichts unserer eigenen bedrängten Position in der „Diaspora“ wirklich einen Schutzherrn brauchen, dessen Orientierung – natürlich – ebenfalls das „Türkische“ ist. Dieses – im Grunde diskriminierende – Schutzangebot, umfasst zudem nicht etwa alle Muslime, sondern in erster Linie die „Türken“. Brauchen wir stattdessen nicht mehr innerislamische Solidarität?

Wir müssen in unserer Minderheitensituation aufpassen, dass nicht tatsächlich Gebilde entstehen, die zunehmend als Fremdkörper wahrgenommen werden. Man kann die Bundesrepublik sicher wegen vieler Aspekte ihrer Islampolitik kritisieren, aber auch ein Türke kann hier unabhängig von seiner Herkunft zweifellos „Deutscher“ werden, nämlich dann, wenn er Deutsch spricht und sich logischerweise loyal zeigt. Deswegen gibt es ja gottlob so viele Türken in Deutschland. Warum aber gibt es so wenig Deutsche in türkischen Organisationen?

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