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Warum „Burka-Verbot” das Sinnbild einer Scheindebatte ist

Kommentar: Verbotsforderungen der Burka ersetzen keine echten Inhalte

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flickr|IMTFI

(iz). Burka-Verbot hier, Burka-Verbot da. Zunächst ist die fatale Sinnfreiheit der Debatte, dass wahrscheinlich überhaupt niemand in Deutschland, Österreich oder der Schweiz eine Burka trägt.  Wenn Politiker über ein Burka-Verbot reden, sollte der Wähler sich den Gefallen tun konsequent wegzuhören. Denn er läuft Gefahr, von echten Inhalten abgelenkt zu werden. „Burka-Verbot“ ist das Sinnbild aller Scheindebatten dieser Zeit.

Der Begriff ist im Zuge der Pro-Afghanistankrieg Berichterstattung eingedeutscht worden. Burka wird ausschließlich in Teilen Afghanistans und Pakistans getragen und ist übrigens auch nicht „traditionell afghanisch”, sondern in der gegenwärtigen Form eine modernistische Erscheinung, die vermutlich im 19. Jahrhundert „in Mode“ kam.

Der Ganzkörperschleier der in Europa hier und da hingegen schon anzutreffen sein wird, im Gegensatz zur Burka, ist der Niqab. Jedoch nicht vermehrt unter deutschen Muslimen, da ist der Anteil verschwindend gering, beinahe nicht erwähnenswert. Niqab wird in Deutschland vor allem von Touristen getragen, vorrangig aus der Golfregion.

Wer von „Burka” spricht, wenn er allgemein Ganzkörperschleier meint, disqualifiziert sich. Es fehlt an einfachster terminologischer Kenntnis.

Abu Bakr Rieger stellte vor einigen Monaten scherzhaft fest, dass vor allem der Münchener Einzelhandel unter einem Burka-Verbot leiden würde. So wird es vermutlich auch sein.

“Ein Burka-Verbot würde sich negativ auf Teilbereiche der Wirtschaft, insbesondere Handel und Tourismus, auswirken”, bestätigt Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, gegenüber der Süddeutschen Zeitung.

Die üblichen Verdächtigen könnten natürlich über wirklich ernste gesellschaftliche Themen sprechen wie Altersarmut, Alterseinsamkeit, Kulturauflösung, Finanzkrise oder die fragwürdige Rolle von Geheimdiensten. Stattdessen wird eine Scheindebatte bedient.

Denn für Muslime ist das Thema irrelevant. Nach Konsens der Mehrheit der zeitgenössischen Gelehrten der muslimischen Mitte handelt es sich nicht um eine Pflicht. Namenhafte Gelehrte, wie etwa Hamza Yusuf oder Bin Bayyah raten gar klar davon ab. Im Endeffekt ist es nach islamisch-religiöser Erziehung nicht angebracht, das äußere eines Menschen zu beurteilen. Es wird kaum Muslime geben, die sich aus islamischer Position für eine Burka einsetzen. Bezeichnend ist es auch, dass für keinen der muslimischen Verbände in Deutschland oder anderer relevanter Repräsentanten der Ganzkörperschleier je ein Thema war.

Dass Politiker ihre Verbotsfantasien darauf stützen, dass es laut islamischen Recht keine Pflicht sei, sich derartig zu verschleiern, ist aber eine Farce. Zumal es keine echte Konsultation muslimischer Rechtsgelehrter gab.

Wer dafür plädiert, dass auch in Deutschland Burka getragen werden darf, tut das eher mit säkularen Argumenten. Allen voran eben ökonomischen Bedenken. Deutschland könnte für zahlende Kundschaft aus der Golfregion dadurch unattraktiver werden. Ein anderes Argument ist ebenso das Recht auf Selbstbestimmung und das Recht auf Religionsfreiheit. Es gibt in Deutschland bislang keine polizeilich bekannten Fälle von Notwendigkeit eines solchen Verbotes. Die mit einem Verbot stattfindende Einschränkung der persönlichen Freiheit wird verfassungsrechtlich nicht widerspruchsfrei zu begründen sein.

Ja, jeder würde prinzipiell gern wissen, wer ihm gegenübersteht, wenn man mit einer Person redet. Kann man das eigentlich bei Menschen mit gemalten Augenbrauen, Kontaktlinsen, künstlichen Wimpern und geschätzt drei Kilogramm Tuschkastenfarben im Gesicht behaupten? Erkennt man so die Person tatsächlich? Polemische, vielleicht aber auch philosophische Frage. Aber eben kein echtes Thema.

„Burka-Verbot“ ist ein Schlagwort, das Unbehagen auslösen sollte. Weil es eben beweist, wie etwas derartig Irrelevantes zu einem Thema gemacht wird, während diverse akute Fragen unbeantwortet bleiben.

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