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Warum wollen Muslime einen bekennenden islamischen Religionsunterricht? Von Musa Bagrac

Plädoyer für eine Problemlösung (2)

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(iz). Die verlorenen Jahre einzuholen und endlich als qualifizierte Islamlehrerin vor der Klasse zu stehen, wünscht sich auch die betroffene Studentin Sahinder Gelim. Damit spricht sie vielen muslimischen Eltern aus der Seele, die den Ausbau des Islamunterrichts an Schulen in NRW fordern. Dass der Bedarf am Islamunterricht sehr groß ist, erkennt man schon an den Teilnehmerquoten von über 85 Prozent, und das trotz oft vom Islam distanzierter und unzureichend ausgebildeter Lehrer. Auf den aktuellen Bedarf und die steigende Nachfrage reagiert das NRW-Schulministerium nun parallel zur universitären Ausbildung mit einem zweiten Fortbildungsangebot. Entgegen der ersten Fortbildung sollen diesmal muslimische Lehrer mit deutschen Lehramtsprüfungen fortgebildet werden, die schon im Regelunterricht eingesetzt sind und deshalb unterrichtsdidaktische Qualifikationen mitbringen.

Die Frage des Ansprechpartners

Der reguläre IRU wird kommen, stellte NRW-Integrationsminister Armin Laschet schon letztes Jahr für das Schuljahr 2010/2011 in Aussicht. Ob dieser Unterricht den Charakter eines bekenntnisorientierten Religionsunterrichts gemäß Artikel 7,3 GG haben wird oder weiterhin in alleiniger staatlicher Verantwortung erteilt wird, ist aber immer noch nicht geklärt. Laschet führte zwar Hintergrundgespräche mit den muslimischen Verbänden, doch zur erhofften Kompromisslösung kam es nicht. Umso größer nun die Enttäuschung auf beiden Seiten. Doch wo genau liegt eigentlich das Problem?

Dem Grundgesetz zufolge kann ein bekennender Religionsunterricht nur in Zusammenarbeit mit einer Religionsgemeinschaft erteilt werden. Allerdings kennt der Islam keine Staatskirche. Weil die hiesigen Muslime in diversen ganz unterschiedlichen Verbänden organisiert sind, konnte die berechtigte Frage nach einem Ansprechpartner lange Zeit nicht beantwortet werden.1 Eine Lösung bahnte sich 2007 an, mit der Gründung des KRM (Koordinationsrat der Muslime in Deutschland).2

Dieser nahm fortan für sich in Anspruch, Sprachrohr der in Deutschland lebenden Muslime zu sein. Die diesjährige Deutsche Islamkonferenz (DIK)3, die im Mai stattfinden wird, wird für den jungen KRM in zweierlei Hinsicht zu einem er(n)sten Testfall: Zum einen hat die Organisation Milli Görüs4 diesmal keinen Teilnehmerstatus mehr erhalten, weil gegen sie Verfahren laufen. Zum anderen sollen auf dieser DIK grundlegende Fragen rund um den Islamunterricht diskutiert werden. Bis jetzt hat sich der KRM zu dem Ausschluss von Milli Görüs nicht eindeutig positioniert. Die muslimische Öffentlichkeit sieht sich dadurch jedoch in ihrer Wahrnehmung bestätigt, dass muslimischen Organisationen hierzulande mit Misstrauen begegnet wird. Diese Wahrnehmung ist sicherlich nicht gerade förderlich für die politische und gesellschaftliche Integration von Muslimen.

IRU gleich Integration?

In NRW wird Islamunterricht auf der Grundlage des Lehrplans der Islamkunde unterrichtet. Der jetzige Lehrplan kommt inhaltlich und didaktisch einem bekennenden IRU nahe. Möglicherweise könnten Inhalt und didaktische Intention dieses Lehrplans auch ohne Weiteres von einer künftig anerkannten islamischen Religionsgemeinschaft mitgetragen werden. Denn grob gesagt zielt er auf die Entfaltung der vier Dimensionen des Menschseins ab (Körperlichkeit, Emotionalität, Intellektualität, Spiritualität), mittels derer eine positive muslimische Identität in einer nichtmuslimischen Umgebung aufgebaut werden soll. Die muslimische Identität geht mit moralischem Handeln einher. Somit korreliert das Erziehungsziel des Lehrplans mit dem des Islams. Dem Islam nämlich geht es bei der Entwicklung einer muslimischen Identität in erster Linie auch um die Erziehung zum guten Menschen.

Sobald die Religionsgemeinschafts-Problematik geklärt ist, kann meines Erachtens der Lehrplan der Islamkunde mit nur wenigen Veränderungen für den bekennenden IRU übernommen werden. Von diesem dürfen indes keine Wunder erwartet werden. Er stellt kein Allheilmittel für sämtliche Probleme dar. Schon die institutionelle Quasi-Gleichbehandlung von 310.000 Schülern muslimischen Glaubens in NRW mit ihren christlichen Mitschülern ist ein gewaltiges Projekt. Aber wo, wenn nicht in der Schule, soll man mit der Gleichbehandlung anfangen? Die Einführung des bekennenden IRU wird sicherlich ein Stück Normalität in den Schulalltag bringen. Muslimische Schüler werden ihre Religion in deutscher Sprache kommunizieren können. Schon das Fach Islamkunde hat die deutsche Sprache in ihren Augen deutlich aufgewertet.

Mehrere Jahrzehnte sind inzwischen verstrichen, ohne dass man im erwünschten Maße vorangekommen ist. Nun ist es an der Zeit, den hiesigen Muslimen zu zeigen, dass sie und ihre Religion auch im Klassenzimmer willkommen sind.

Fußnoten
1 Ganz dem Ideal der freiheitlichen Demokratie entsprechend: Wer etwas will, organisiert sich und übt politischen Einfluss aus.
2 Zum KRM schlossen sich folgende Dachverbände zusammen: DITIB, ZMD, Islamrat und VIKZ.
3 Die vom Bundesinnenministerium eingerichtete DIK symbolisiert die Integration des Islams in das politische System.
4 Milli Görüs ist über den Islamrat Mitglied des KRM.

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