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Was braucht es für lebendige Moscheen?

IZ-Reihe über den Alltag der Muslime in ­Deutschland. Von Laila Massoudi

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„Und diese eure Gemeinschaft ist eine einheitliche Gemeinschaft, und Ich bin euer Herr. So fürchtet Mich.“ (Al-Muminun, 52)

„Du wirst die Gläubigen sehen, wie sie barmherzig miteinander und einander in Liebe zugetan sind und liebevoll miteinander umgehen gleich einem Körper – wenn ein Glied leidet, setzt sich der ganze Körper mit Schlaflosigkeit und Fieber dafür ein.“ (Aussage des Propheten)

(iz). Die jüngsten Brandanschläge auf muslimische Gotteshäuser sowie die drängende Frage nach der Radikalisierung junger Muslime hat das Thema Moscheen erneut auf die Tagesordnung gebracht. Abseits der Tagesaktualität und der Pressetermine geht das Leben in den Gemeinschaften, mit ihrer alltäglichen Spiritualität, nicht nur weiter, viele ihrer Grundfragen bleiben zumeist ausgeblendet.

Der Koordinationsrat der Muslime (KRM) schrieb 2009 in einer Handreichung zum mittlerweile bewährten Tag der Offenen Moschee, der jährlich am 3. Oktober stattfindet: „Eines der deutlichsten Merkmale muslimischer Präsenz in Deutschland sind die Moscheen. Moscheen sind Zeichen der Identifikation und Verwurzelung der Muslime mit dem Land, in dem sie leben. Sie waren schon immer Ausgangspunkt gesellschaftlichen Engagements. Dabei sind die Moscheen nicht nur Orte des Gebetes, sondern auch Orte der Begegnung, Bildung und des Austausches.“

In einer Studie von 2012 des Essener Zentrums für Türkeiforschung und Integrationsfragen wurde zur enormen Wichtigkeit der muslimischen Gemeinschaften für die religiöse Wirklichkeit des Islam in Deutschland eingegangen.

Der Ort der sozialen Wirklichkeit
Unser Din ist auf eine funktionierende soziale Realität angewiesen, deren korrekte Funktion auch für die individuelle Lebenspraxis von unschätzbarer Bedeutung ist. Das beginnt bei den grundlegenden fünf Säulen. Die Glaubensbezeugung, die Schahada, muss vor zwei Zeugen erfolgen. Das Gebet in Gemeinschaft ist nach einigen Aussagen 27 Mal wertvoller als das allein ausgeführte. Die Festlegung des Ramadanbeginns und -endes sowie die Zakat bedürfen einer Autorität, die dies für die Gemeinschaft organisiert und durchführt.

Das Gemeinschaftsgefühl unter Muslimen ist etwas besonderes und dessen Segen mannigfach. Wir spüren, dass wir Teil von etwas Größerem sind, zu dem wir gehören, und es stärkt uns, was gerade heute so wichtig ist in einer Welt, die in vielerlei Hinsicht verwirrend und ablenkend, von Materialismus geprägt und weit von der Fitra entfernt ist.

Der Zusammenhalt der Muslime muss bewahrt werden, nicht zuletzt, weil gerade dieser Aspekt den Islam auch für andere attraktiv macht, angesichts der fortgeschrittenen Auflösung der sozialen Bindungen und des gesellschaftlichen Zusammenhalts sowie der Zunahme von Anonymität und Individualisierung. Dass diese Entwicklung auch in der Gesamtgesellschaft zunehmend Unbehagen auslöst, zeigt unter anderem der Erfolg von Büchern wie „Die Kunst, kein Egoist zu sein“ von Richard David Precht.

Unbekannte Helden
Vor einiger Zeit schrieb Sulaiman Wilms hier über das „Lob des unbekannten Moscheevorsitzenden“. Bewegen wir uns regelmäßig in den Gemeinschaften, wird augenfällig, dass es außer den ehrenamtlich aktiven Moscheevorständen und ihren Vorsitzenden beziehungsweise Amiren oft ein mehr oder weniger kleiner Kern ist, der sich um Betrieb und Erhalt der Gemeinde bemüht. Da es nicht übertrieben wäre, Moscheen in Deutschland als „Keimzelle“ des islamischen Lebens zu bezeichnen, leisten sie einen nicht zu überschätzenden Beitrag für die religiöse und spirituelle Existenz der deutschen Muslime.

Gewiss, rein weltliche Faktoren geben nicht den einzigen Ausschlag dafür, ob eine Gemeinde floriert oder kränkelt. Nach Ansicht der eingangs erwähnten ZFT-Studie hat die Ressourcenausstattung von Moscheen aber durchaus eine Auswirkung auf ihre Angebote. „Je besser diese ist“, heißt es in dem Dokument, „desto vielfältiger ist auch das religiöse Angebot“. Selbiges gilt für das nicht-religiöse Angebot wie Sprach- und Integrationskurse, Hausaufgabenhilfe, Fortbildung und vieles mehr. Auch Größe und Alter einer Gemeinde seien dabei wichtige Faktoren.

Das natürliche Pendant zum Vorsitzenden/Amir einer Moschee ist deren Imam, der natürlich eine Reihe an Quali­fikationen erfüllen muss, um den Ansprüchen der heutigen Zeit gerecht zu werden. Dazu gehören selbstverständlich das Beherrschen der Landessprache, Kenntnis von Land und Leuten, das Wissen um die Bedürfnisse der Gemeindemitglieder, Verständnis ihrer Lebensumstände sowie ausreichend islamisches Wissen und Verstand, um in diesem Umfeld adäquat handeln und lehren zu können. Soweit es die Imame und ihre Existenz in Deutschland betrifft, besteht noch erheblicher Nachholbedarf, um im Heute anzukommen. Von wenigen Organisationen abgesehen, die die Vorbeter in ihren Mitgliedsgemeinden finanzieren, sind die Gemeinschaften beim Unterhalt auf sich gestellt. Beide Modelle haben sich bisher nicht als nachhaltig erwiesen.

Die evidente Radikalisierung orientierungsloser junger Muslime macht es aber – so die Stimmen vieler Muslime und auch nichtmuslimischer Experten – dringend nötig, dass diesem Trend entschieden und aufgrund von fundiertem Wissen begegnet wird. Dazu braucht es einerseits geistig agile und hier heimische Imame, welche die Sprache der Jugendlichen im wörtlichen Sinne sprechen und ihnen ihr Wissen vermitteln können. Andererseits ist es mindestens genauso wichtig, dass Moscheegemeinden über die nötige innere Autorität verfügen, um radikale und eventuell gefährliche Elemente der Moschee zu verweisen. Das gelingt umso leichter, wenn sich die lokale Autoritätsperson in einem energetischen Umfeld bewegt, das ein Interesse an Erhalt und Erblühen seiner Gemeinde hat.

Herausforderungen
Lassen wir die Tagesaktualität hinter uns, dann stehen viele Moscheengemeinden vor wichtigen Aufgaben, die sie zu bewältigen haben. Das können mondäne Dinge, wie die Bezahlung von Rechnungen sein, oder auch die manchmal nicht ganz einfache Herausforderung, unter den ehrenamtlichen Aktive zu finden, die sich langfristig durch eine Mitgliedschaft im Vorstand verpflichten wollen. Inhaltlich und mittelfristig werden viele, gerade großstädtische Moscheegemeinden nicht umhinkommen, drei Fragen zu behandeln und konstruktiv zu beantworten: die nach den Frauen, den Jugendlichen und der „Konvertiten“.

Irgendwann tritt die jetzige Führungsgeneration in den Gemeinden ab. Und da auch unsere Community natürlich viele Trends ihrer Umwelt nachahmt, steht zu befürchten, dass die Basis derjenigen, die am Erhalt einer Moschee tatsächlich auch mitarbeiten wollen, dank der zeitgenössischen Individualisierung wohl nicht größer werden dürfte. Auch aus diesem Grund können es sich die Gemeinden nicht länger leisten, auf das bisher nicht genug ausgeschöpfte Potenzial dieser drei Gruppen zu verzichten.

Veranstaltungen wie „Vereint im Islam“ oder die vielen Islamwochen belegen, dass junge Musliminnen beinahe durchgehend die Mehrheit der Besucher ausmachen. Das steht im manchmal krassen Gegensatz zwischen ihrer sozialen Wirklichkeit und ihrer Sichtbarkeit in den Gemeinden selber. Dazu schrieb ­Kathrin Klausing vor einiger Zeit in einem Beitrag: „Die Erfahrungen, die muslimische Frauen in Deutschland mit ­Gebet­s­räumen und Moscheen sammeln, ­unterscheiden sich wohl in einigen Bereichen von denen, die muslimische Männer machen. Dies liegt zum großen Teil an teils unbewusst ­gehegten Vorstellungen in verschiedenen Gemeinden über das Verhältnis der beiden Geschlechter zueinander, Geschlechterrollen und somit der Geschlechtertrennung.“

Dass die heutige Lage mancherorts, soweit es die weibliche Präsenz betrifft, nicht immer dem Modell Medinas entspricht, dürfte bekannt sein. Eine Moschee sollte jederzeit auch Frauen offen stehen. Bekanntlich sind Frauen etwa von der Verpflichtung, am Freitagsgebet teilzunehmen, freigestellt, die Anwesenheit sollte ihnen aber auf jeden Fall möglich sein. Ibn ‘Umar überlieferte den folgenden Hadith: „Der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: ‘Bringt die Frauen nicht um ihren Anteil an den Moscheen, wenn sie die Erlaubnis von euch erbeten.’“ Frauen beteten während der Lebenszeit des Propheten regelmäßig zu allen Zeiten in der Moschee, auch zum Morgen- und zum Nachtgebet. Kinder und Babys begleiteten ihre Mütter auf dem Weg zur Moschee.

Wir müssen die offenkundige Unzufriedenheit mancher Teile der Community ernst nehmen. Nicht nur wegen Facebook und dem Netzwerkcharakter der Zeit, besteht die Gefahr, dass sich viele von ihren angestammten Gemeinden verabschieden. Das ist ein Problem der Muslime im Westen insgesamt, wie ein Beitrag von Laila Alawa zum Phänomen „unmosqued“ zeigt. In ihrem Text begründet Alawa, warum sie ihrer bisherigen Moschee den Rücken gekehrt hatte. „Ich fällte meine Entscheidung nach Jahren des Kampfes, der zwischengeschlechtlichen Mikroaggressionen und einem Mangel an Verständnis auf Seiten der Moscheeführung.“ Nach zwei Jahren des „harten Kampfes“, um sich in der Gemeinde einzubringen, habe sie „geschlagen und zermürbt“ die Moschee verlassen.

Ob sich das vollkommen auf Deutschland übertragen lässt, sei dahingestellt. Klar ist aber, dass immer mehr Frauen und vor allem Jugendliche die Möglichkeiten dritter Räume nutzen, „weil sie nicht länger die Notwendigkeit zur Rückkehr in die Moscheen haben, denen es an spiritueller und emotionaler Sicherheit fehlt“. Ihnen, so Alawa, blieben „kastrierte Moscheen“, die nur noch „als mittelmäßig gefüllte Orte für Freitags- und Feiertagsgebete“ dienten. „Multi-Millionen Dollar teure Gebäude, die dazu dienen, genauso jene Leute zu vertreiben, denen sie eigentlich dienen sollen.“ Wolle man ihnen wieder Bedeutung verleihen, müsse man aufhören, sie ausschließlich als Orte der Anbetung zu behandeln.

Erfahrungen
Ümmügülsüm Seyma-Karahan engagiert sich ehrenamtlich in einer Duisburger Moscheegemeinde. Dort ist sie „sowohl in der Frauen- wie auch in der Jugendabteilung“ aktiv. Bei den Frauen ist Seyma-Karahan Sekretärin, während sie sich im Jugendbereich um Studenten kümmert.

Die gesamte Arbeit in der Gemeinschaft wird ehrenamtlich geleistet. „Kein Vorstandsmitglied wird bezahlt“, berichtet sie. Wie auch bei vielen anderen Moscheengemeinden sei das Verhältnis der ehrenamtlich Aktiven zur Gesamtzahl der Mitglieder recht gering. „In unserer Moscheegemeinde haben wir ca. 25-30 ehrenamtliche Helfer und die Mitgliederzahl beläuft sich auf ca. 250.“

Mit den Angeboten für Frauen und Jugendliche zeigt sie sich zufrieden: „Das Angebot für Frauen ist im Vergleich zu anderen Moscheen gut. Es finden regelmäßige Seminare zu bestimmten Themen aus dem Bereich ‘Familie, Gesundheit und Bildung’ statt. Zu diesen werden Dozentinnen aus den jeweiligen Fachgebieten eingeladen. Des weiteren organisieren wir Abende, an denen wir gemeinsam mit den Frauen und jungen Mädchen den Koran rezitieren.“ Das Angebot für die Jugendlichen sei breit gefächert und biete viele Möglichkeiten.

Ein Programm für neue Muslime allerdings, gebe es nach Auskunft von Ümmügülsüm Seyma-Karahan, allerdings nicht in ihrer Gemeinde.

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