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Was für den Menschen Gewissheit stiftet (3)

Mehrteilige IZ-Serie über die Grundlagen der ‘Aqida und die Entwicklung ihrer Wissenschaft. Von Schaikh Nuh Ha Mim Keller

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(iz). Der Unterschied zwischen ‘Aqida und Kalam – oder „diskursiver Theologie“ – wurde vielleicht am deutlichsten durch Imam Al-Ghazali (gest. 505/1111) beschrieben. Ihm zufolge könne Kalam nicht selbst mit der ‘Aqida des Islam identifiziert werden. Vielmehr war sie dem Imam zufolge ein Schutz vor Korruption und Degeneration. In seinem monumentalen Werk „Ihja ‘Ulum Ad-Din“ schrieb er an vielen verschiedenen Orten über seine langjährigen Erfahrungen mit dem Studium der Kalam-Theologie.

Nach seiner Anführung der Ansichten von Imam Malik, Imam Schafi’i, Ahmad und Sufjan Ath-Thauri, die Kalam allesamt als verboten erachteten – damit meinten sie die mu’tazilitische Schule ihrer Zeiten als einziges Beispiel für Kalam, welches sie kannten – gibt uns Imam Al-Ghazali seine eigene Ansicht über die diskursive Theologie: „In ihr liegt Nutzen und Schaden. Was den Nutzen betrifft, so ist dieser erlaubt, empfehlenswert oder verpflichtend, wenn sie – entsprechend der Umstände – nützlich ist. Was ihre Schädlichkeit betrifft, so ist sie verboten, wenn sie schädlich ist. Ihr Schaden liegt darin, dass sie Zweifel im Verstand eines Schülers weckt und dessen Glaubensüberzeugungen erschüttert, während unsicher ist, ob er sie jemals durch Beweise wiedergewinnen kann. Dies ist schädlich für den Iman.

Sie hat einen weiteren schädlichen Effekt, denn sie verhärtet die Anhängigkeit eines Häretikers an dessen Korruption und verstärkt sie in seinem Herzen. Dieser Schaden ergibt sich jedoch durch die Heuchelei des Streits.

Aus diesem Grund können wir erkennen, dass der üblicherweise ungebildete Häretiker relativ einfach durch Freundlichkeit überzeugt werden kann. Dies gelingt jedoch nicht in einer Umgebung des Streits und der Heuchelei. In so einem Fall kann selbst die versammelte Menschheit eine solche Person nicht von ihrem Irrtum abbringen. Eher noch wird sein Vorurteil, seine Hitzköpfigkeit und sein Hass auf seine Gegner und ihre Gruppe einen derartigen Griff auf sein Herz ausüben, dass er die folgende Frage verneinen würde: ‘Würdest du wollen, dass Allah, der Allerhöchste, den Schleier über deine Augen erheben würde, damit du mit deinen eigenen Augen sehen könntest, dass dein Gegner Recht hat?’ Dies ist die unheilbare Krankheit die Städte und Menschen heimsucht. Die Art der Untugend, die durch Heuchelei hervorgerufen wird, wenn es Streit gibt.

Dies ist der Schaden des Kalams.

Was ihren Nutzen betrifft, so darf angenommen werden, dass sie die Wahrheit offenbart und sie bekannt macht, wie sie wirklich ist. Wie anmaßend! Die Kalam-Theologie ist einfach nicht in der Lage, dieses edle Ziel zu erreichen. Und sie hat möglicherweise mehr Menschen in die Irre geführt, als ihnen Wahrheit verliehen. Hättet ihr diese Wort von einem Hadithgelehrten oder jemandem gehört, der alle Texte wörtlich nimmt, dann hättet ihr gedacht: ‘Der Mensch ist Feind dessen, was er nicht kennt.’ Also hört sie stattdessen von jemandem, der sich in die Kalam-Theologie vertieft hat, der sie nach ihrer Meisterung verlassen hat und der in sie eingedrungen ist, wie es nur ein Gelehrter kann. Beim meinem Leben, die Kalam-Theologie ist nicht ohne Klarstellung, der Bestimmung der Wahrheit und der Klarstellung einiger Fragen. Aber sie tut dies so selten und behandelt Dinge, die bereits klar sind.

Eigentlich hat sie nur einen Nutzen, nämlich den Schutz des Imans der einfachen Leute und seine Verteidigung durch Argumente, damit er nicht erschüttert wird von jenen, die ihren Iman gegen Korruption eintauschen würden. Denn der gemeine Mann ist schwach und empfänglich für die Argumente der Häretiker, selbst wenn diese falsch sein sollen. Das Falsche mag durch etwas zurückgewiesen werden, was selbst nicht wirklich gut ist.“ In dieser und anderen Passagen der Ihja ‘Ulum Ad-Din, dem Munqidh min Ad-Dalal und Faisal At-Tafriqa fasste der Imam seine Erfahrungen mit der Kalam-Theologie zusammen. Al-Ghazali unterschied dabei zwischen verschiedenen Dingen.

Das erste ist das ‘Ilm Al-’Aqa’id (Wissen von den grundsätzlichen Pfeilern des Iman), welches er als nützlich beschrieb. Das zweite Element, welches wir vorab als „diskursive Theologie“ oder auch Kalam bezeichnet haben, besteht im Gebrauch des rationalen Arguments, um Häretiker zurückzuweisen, welche die einfachen Menschen in ihren Glaubenspfeilern erschüttern könnten. Imam Al-Ghazali war der Ansicht, dass dies gültig und verpflichtend ist, aber nur im notwendigen Umfang. Den dritten Punkt könnten wir „spekulative Theologie“ nennen, welche eine philosophische Spekulation über erste Ursachen, Gott, den Menschen und das Sein ist. Nach Imam Al-Ghazali sei es für die Kalam-Theologie unmöglich, dieses Ziel zu erreichen.

Die Gelehrten des Kalam stimmten mit Al-Ghazali sicherlich nicht in diesem letzten Punkt überein, und die Geschichte bezeugt ihr anhaltendes Selbstvertrauen darin als Mittel zur Entdeckung. Dies führte nach Ansicht von beinahe allen zu einer Periode des Überflusses an Kalam-Literatur. Tadsch Ad-Din As-Subki (gest. 771/1370), der sich selbst mit Kalam beschäftigte, schrieb:

„Nach langem Nachdenken – und niemand kann euch etwas sagen wie jemand, der wirklich weiß – habe ich nichts anderes als Schaden in den Büchern des Kalam und den Werken derer, die nach Nasir At-Tusi geschrieben haben, gefunden. Hätten sie sich stattdessen auf die Werke von Qadi Abu Bakr Al-Baqillani, des großen Abu Ishaq Al-Isfaraini, des Imam der beiden Haramain und anderer beschränkt, dann hätten sie nichts als Nutzen darin gefunden. Ich glaube, dass jeder, der den Qur’an und die Sunna ignoriert und sich mit den Debatten eines Ibn Sina und derjenigen auf seinem Pfad beschäftigt, öffentlich gemaßregelt werden sollte. Dies ist der Lohn derjenigen, die den Qur’an und die Sunna verlassen und sich mit den Worten der Häretiker beschäftigen.“

Für Subki belegte dies, wie weit Kalam bei den späteren Autoren degeneriert war, wenn diese heterodoxe Figuren wie Ibn Sina oder At-Tusi als „souveräne Weise“ oder „große Meister“ bezeichneten. Der Grund, warum er ihre Bücher als schädlich betrachtete, lag darin, dass diese sich von der Verteidigung der Wahrheit entfernt hatten. Durch die Erweiterung ihres Universums und ihre Einbeziehung von Häretikern und der Verleihung von Autorität an diese wurde die Kalam-Literatur zu einem Bündel falscher Ideen.

Um diesen Punkt zusammenzufassen: Obwohl die islamische Theologie Orthodoxie definierte und Häresie zurückwies, füllte sie sich danach mit spekulativen Exzessen, die sich mit der Dschahmija und der Mu’tazila verbanden. An diesem Punkt traf sie auch Kritik von Persönlichkeiten, die sich zu gut damit auskannten, um dies zu akzeptieren – dazu zählten Imam Al-Ghazali, As-Subki, An-Nawawi und andere.

Ihre Sichtweise war, dass Kalam eine Medizin war, die maßvoll Nutzen hatte, aber bei einer Überdosis schädlich war. Ihre Kritik war gültig, denn wenn Theologie spekulativ ist, anstatt einem ethischen Imperativ zu folgen, scheitert sie dabei, Rechtleitung in der Beziehung des Menschen zu Allah zu geben, und ist so keine Wissenschaft des Din mehr.

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