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Was für den Menschen Gewissheit stiftet (4)

Letzter Teil einer IZ-Serie über die Grundlagen der ‘Aqida und die Entwicklung ihrer Wissenschaft. Von Schaikh Nuh Ha Mim Keller

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Was heute jedoch von Kritikern vergessen wird, ist, dass die Worte der früheren Gelehrten, die gegen Kalam gerichtet waren, sich dagegen wandten, dass diese Wissenschaft unter den Händen von Scharlatanen zur „spekulativen Theologie“ verkam. Wer jedoch glaubt, dass diese gegen ‘Aqida, die „persönliche Theologie“ der grundlegenden Pfeiler des Islam, oder die rationalen Kalam-Argumente gegen Abweichung eingestellt waren, versteht weder die Kritiker oder zitiert außerhalb ihres Kontextes.

Wir beenden unsere Anmerkungen mit einem Blick auf die Möglichkeiten für eine Relevanz des Kalam in unserer heutigen Zeit. Was kann die traditionelle Theologie den zeitgenössischen Muslimen anbieten? Durch einen universalen Vergleich wird die Tür für einen universalen Zweifel geöffnet, nicht nur über einzelne Religionen, sondern der Glaube an Gott selbst. Es ist daher angemessen, das Erbe der Gottesbeweise im Kalam zu begutachten.

Auf einer praktischen Ebene vertrauen die meisten Menschen auf Allah nicht wegen philosophischer Argumente, sondern fühlen Seine Gegenwart im Inneren wie im Äußeren. Dies erhebt die Herzen, beantwortet Gebete und löst ihre Probleme. Und doch sehen sich Muslime und andere Menschen einer steigenden Herausforderung durch eine atheistische, moderne Welt gegenüber. Es ergibt sich dadurch die Frage, ob die traditionellen Argumente des Kalam moderne Fehlentwicklungen beantworten können.

Die heutige, an allen Orten gelehrte Philosophie weist die traditionellen Gottesbeweise zurück. Ein junger amerikanischer muslimischer Philosophiestudent stellte mir einmal folgende Frage: „Wie können wir mit Sicherheit darauf vertrauen, dass es einen Gott gibt, wenn es kein Argument ohne Löcher darin gibt?“ Zu den bekannten Argumenten des Kalam zählt, dass a) die Welt Hadith oder „bedingt ist; dass b) alles „bedingte“ ein Muhdith oder eine „Ursache“ benötigt; dass es c) bei der Abwesenheit einer ersten Ursache, die „notwendig“ oder nicht verursacht ist, zu einem endlosen Rückschritt kommen muss und dass es d) daher ultimativ eine „notwendige“ Ursache am Anfang geben muss. Wenn wir die Inhalte dieses Arguments, jenseits der möglichen Wortspiele, betrachten, so drücken diese eine empirische Beziehung aus, die so grundlegend für unsere Erfahrung ist, dass die Wissenschaft sie als axiomatisch voraussetzt. Dies bedeutet, dass eine wissenschaftliche Erklärung für etwas der Vorschlag einer möglichen Ursache dafür ist, und einen Beweis dafür zu präsentieren wird dann als „Erklärung“ bezeichnet.

Ein weiteres traditionelles Argument aus dem Kalam heraus ist, dass die Komplexität der natürlichen Phänomene viel analoger zu unseren eigenen, bewusst geplanten Prozessen und Produktionen ist als zu zufälligen Ereignissen. Das heißt, dass die Perfektion in der Schöpfung der Natur die Existenz eines Schöpfers voraussetzt. Wie beim vorherigen Beispiel auch, scheint dies für viele wissenschaftlich ausgebildete Muslime bloße Tautologie zu sein. Aber wenn es mit Beispielen von der wissenschaftlichen Literatur gefüllt wird, dann wird ihre Stichhaltigkeit offensichtlich.

Es gibt unzählig viele Beispiele aus dem Argument der Schöpfung heraus, insbesondere die Komplexität der Beziehungen zwischen den Spezies der natürlichen Welt, die – zu umfangreich, um sie hier aufzuzählen – die Relevanz des Kalam-Arguments für die Existenz der Göttlichkeit belegen.

Was die Rolle des Kalam in der Verteidigung des Islam vor Irrtümern betrifft, so waren die Dschahmija und Mu’tazila sicherlich eine geringere Bedrohung als der Szientismus unserer Tage mit seiner Reduktion von Wahrheit auf Aussagen zu Mengen und empirischen Fakten. Die wirkliche Herausforderung von Religion in unseren Tagen liegt in der mythischen Macht der Wissenschaft, ihre experimentelle Methode zu theologisieren und die die Behauptung, dass weil sie Ihn nicht entdeckt habe, Gott nicht existieren könne.

Hier kann die Aufgabe einer Kritik nicht den traditionellen Beweisen übertragen werden, die einer Literatur des vor(natur-)wissenschaftlichen Zeitalters entstammen. Es ist den wissenschaftlich gebildeten Muslimen aufgetragen worden, die vorläufige Logik der (Natur-)Wissenschaft zu erklären und zu belegen, wie ihre Lehre der Wissenskategorien und ihre kulturell-historischen Bedingungen die Fragestellungen, die sie stellen oder beantworten kann, bedingen.

Allwissenheit ist keine Eigenschaft der Wissenschaft. In der heutigen Physik wissen wir immer noch nicht, was der physischen Materie ihre Masse, ihre grundlegendste Eigenschaft, verleiht. Bei der Bestimmung von lebenden Organismen soll bisher nur eine Minderheit überhaupt kategorisiert worden sein. Selbst unser nähester Bekannter, das menschliche Bewusstsein, konnte immer noch nicht wissenschaftlich erklärt werden, noch reproduziert oder auf physikalische Gesetze reduziert werden. Auch wenn wir unseren Din nicht auf dem augenblicklichen Zustand der (Natur)Wissenschaft basieren, so sollten wir realisieren, dass diese nicht nur nicht Gott entdeckt hat, sondern dass es noch eine weitere lange Liste von Dingen gibt, die sie bisher nicht aufklären konnte.

Um es kurz zu fassen: So wie die Angriffe auf den Din in ihrer Zeit von Al-Asch’ari und Maturidi gegen die Mu’taziliten und Dschahmiten abgewehrt wurden, so sollten wir dem Szientismus begegnen: mit einer dialektischen Kritik der Voraussetzungen und Schlussfolgerungen ihrer eigenen Fundamente. Die Antwort auf die reduktionistischen Attacken gegen Religion ist eine gemeinschaftliche Verpflichtung, die die Muslime nur zu ihrem eigenen Schaden ignorieren können. Auch dies ist ein Erbe des Kalam oder der „Befähigung der Wörter, auf Wörter zu antworten“. Ein letzter Nutzen des Kalam liegt in der Wahrnehmung seiner Geschichte, wonache es eine gewisse Spannbreite und Weite in dem Glauben des benachbarten Muslims gibt.

In einer muslimischen Welt, die durch ein anhaltendes Bevölkerungswachstum immer jünger wird, gibt es die Gefahr, dass jene, die Verse des Qur’an oder Hadithe zitieren, ohne deren Umstände zu kennen, die Herzen der jungen Muslime gegeneinander in sektiererischer Unruhe aufhetzen. Die Menschen möchten Gruppen angehören, und jene positiven Eigenschaften der Verbindung mit anderen kann im Übermaß zu schlechten Einstellungen gegen andere führen. Die Bewegung des Wahhabismus, in der Gegenwart als Salafismus neu etikettiert, begann als eine Sekte in der Art der Khawaridsch, die Nicht-Mitglieder als Ungläubige betrachtete. Hier kann ein funktionierendes Wissen über die Geschichte der verschiedenen Schulen zu mehr Duldsamkeit führen.

Die von uns zitierten Männer, von Al-Asch’ari über Ar-Razi zu Ibn Taimija, waren Männer, die daran glaubten, dass es eine Wahrheit gibt, die es zu entdecken gilt, dass diese die Glaubenswahrheiten des Islam vertritt und dass sie eine ist. Sie waren der Ansicht, dass diejenigen, die ihnen widersprachen, falsch lägen und dass mit ihnen debattiert werden sollte. Aber sie betrachteten niemanden, der sich selbst Muslim nannte, als jemanden, der die Wahrheit bedeckte, solange seine Positionen nicht die Wahrheit des Propheten eindeutig leugneten.

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