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Was ist ­Männlichkeit?

Aus den Maximen der Ritterlichkeit entwickelte sich die Futuwwa. Von Malik ­Özkan

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Foto: Pxhere.com

„Dass er fröhlich und freundlich mit seinen Brüdern ist.“ Hadith

(iz). Wir leben in einem Moment, in dem Männlichkeit und ihre Parameter nicht bloß kritisch gesehen, sondern in Frage gestellt werden. Das Feuilleton war in den vergangenen Monaten voll mit Artikeln, die eine vermeintliche – oder tatsächliche – „toxische“ oder „fragile“ Männlichkeit zum Thema hatten. Offen bleiben dabei nicht ausschließlich die Ursachen dieses Phänomens. Ebenso unklar ist, was zu tun sei. Die alten Werte scheinen nicht mehr gültig zu sein, die neuen zeichnen sich noch nicht ab.

Die Frage, wann ein Mann ein Mann sei und vor allen Dingen, was ihn ausmacht, stellt sich nicht erst seit heute. Seit Anbeginn des Islam nimmt die ­Charakterbildung einen Stellenwert in der Lehre ein. Getreu der prophetischen Aussage „ich wurde gesandt, um den ­guten Charakter und Benehmen der Menschen vollkommen zu machen“ ist der praktische Weg des Muslims hin zu einem vorbildlichen Charakter immer bedeutsamer gewesen, als bloße Schlagworte es sind.

Wenn das Vorbild für „Männlichkeit“ vom Gegensatz zwischen dem glänzenden Helden Hollywoods und den realexistierenden Negativbeispielen geprägt wird, gewinnt für Muslime eine Erinnerung an die Traditionen der Charak­terbildung immens an Bedeutung. Und zu wünschen wäre, dass muslimische ­Jugendliche die Möglichkeiten erhalten, sich ihr Wissen und ihre Praxis wieder anzueignen.

Der bekannte Gelehrte Imam Al-Quschairi fasste in seinem Werk das Wesen des Charakters und der Männlichkeit zusammen. Im Arabischen wird dieser Begriff Muru’a genannt. Eng verwandt damit ist Futuwwa, was sich mit „Ritterlichkeit“ übersetzen lässt. In seinem Buch „Risala“ schrieb der Imam: „Die Wurzel der Ritterlichkeit ist, dass der Sklave ­(Allahs) sich andauernd um das Wohl der anderen bemüht. Ritterlichkeit ist, dass du dich nicht als höherwertig ­gegenüber den anderen wähnst. Derjenige, der die Ritterlichkeit besitzt, ist derjenige, der keine Feinde hat. Ritterlichkeit bedeutet, um deines Herren willen der Feind deines eigenen Selbst zu sein. Ritterlichkeit ist, dass du gerecht handelst, ohne Gerechtigkeit für dich selbst zu verlangen. Ritterlichkeit ist (der Besitz) … von schönem Charakter.“

Im Arabischen beschreibt Fata einen schönen und mutigen jungen Mann. In der Sura über die Propheten (Al-Anbija, Sure 21), wird der Begriff benutzt, um den Propheten Ibrahim zu beschreiben. Er zerstörte mit erkennbarer Furchtlosigkeit die Götzen seines Volkes, und er wurde von seinen Leuten ins Feuer geworfen. In seinem Kommentar auf diesen Vers sagte Al-Quschairi, dass der edle Mann derjenige ist, der das Idol zerbricht. Der Begriff „Fata“ wird von Allah für diejenigen verwendet, die Er liebt. Jugend, in diesem Sinne betrachtet ist nicht eine bloße soziale Kategorie, sondern ein Zustand der Gottesfurcht.

Ausgehend vom Gebrauch dieses Wortes im Qur’an, wird Fata als Bezeichnung für einen edlen und perfekten Menschen verstanden, dessen Großzügigkeit nicht endet, bis er nichts mehr für sich selber hat. Das abgeleitete Wort Futuwwa hat eine besondere Bedeutung: Es bedeutet den Weg der Fata oder der Ritterlichkeit. Übereinkunft bestand in dem Weg, der einzuschlagen war, wenn man sich diese Qualitäten aneignen wollte. Dieser ­besteht in der Abtötung des tadelnswerten Selbst, welches als Ego bezeichnet werden kann.

Die erste Lektion auf diesem Weg ist es, andere mehr zu lieben als sich – und den Erhabenen Schöpfer am meisten. Es kann nach einem solchen Kampf gegen das Selbst der Zustand erreicht werden, dass die Mühen der spirituellen Anstrengungen, wie die des Propheten Ibrahim im Feuer, zur „Kühle und Frieden“ (Al-Anbija, Sure 21) werden.

Wir finden in der Geschichte der ­Prophetengefährten viele Beispiele von Ritterlichkeit: die Loyalität von Abu Bakr, der Gerechtigkeitssinn bei ‘Umar, Zurückhaltung von ‘Uthman und der Mut von ‘Ali, möge Allah mit ihnen allen zufrieden sein. Es war ihr Lebenswerk, den Propheten Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden zu geben, nachzuahmen. Als erster junger Mann nahm ‘Ali den Islam an. Er war bekannt für seine Selbstlosigkeit, seinen Mut, Großzügigkeit, Loyalität, Weisheit und seine Ehre.

In späteren Jahrhunderten muslimischer Zivilisation wurden Regeln zusammengefasst, die die Prinzipien der Futuwwa – Loyalität, Liebe und Ehre – und damit eine Klasse von spirituellen Muslimen schuf, die einen positiven Einfluss auf das Gemeinwesen hatten.

Der erste Kalif, der einen förmlichen Orden dieser Ritterlichkeit gründete, war Nasir ad-Din (Regierungszeit 1180 bis 1225). Diese Männer trugen eine spezifische Kleidung und waren formell den sufischen Tariqats angeschlossen. So ­lebten diese jungen muslimischen Männer zum Beispiel in Kleinasien in Herbergen im Grenzland und standen unter der ­Aufsicht und Leitung eines ­spirituellen Meisters. Sie waren gastfreundlich zu den Reisenden und unbeugsam gegen die Herrscher, die ihr Volk unterdrückten. Das Wesen ihres Verhaltenskodex hat heute ebenfalls Gültigkeit: Es ruft uns auf zur Zurückhaltung unserer Egos und zum Engagement gegen Ungerechtigkeit.

Der allseits geachtete Imam As-Sulami hat in seinem „Kitab al-Futuwwa“ einen Kodex des muslimischen Männlichkeitsideals entworfen. Von jemandem, der sich der Futuwwa verschrieb, wurde erwartet: „Dass er Freude bringt in das Leben seiner Freunde und deren Nöte erfüllt, dass er Grausamkeit mit Freundlichkeit beantwortet und keinen Fehler bestraft und dass er keine Fehler in seinen Freunden findet.“ Der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte, dass „wenn ihr damit beginnt, Fehler in den Muslimen zu finden, dann werdet ihr Unfrieden unter ihnen stiften“.

Dhu’Nun Al-Misri, der bekannte ägyptische Sufi, sagte: „Wer auf die Fehler der anderen blickt, ist blind für seine ­eigenen Fehler. Wer seine eigenen Fehler betrachtet, kann die der anderen nicht sehen.“

Der Gesandte Allahs sagte: „Das Paradies ist die Heimat des Großzügigen“, „dass er alte Freundschaften am Leben erhält“, und „dass er sich um seine Freunde und Nachbarn kümmert“.

Der Sohn des berühmten Prophetengefährten Ibn Az-Zubair sagte: „Jemand der isst, während sein nächster Nachbar hungert, ist kein Gläubiger.“

Der Gesandte Allahs sagte: „Wie fürchterlich ist eine Gesellschaft, die den Gast zurückweist.“

Ein Mann betrat die Moschee, und der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, stand aus Respekt für ihn auf. Der Mann protestierte und der ­Prophet entgegnete ihm, dass die Respektbezeugung ein Recht des Gläubigen ist.

Der Gesandte Allahs überlieferte, dass Allah, der Allerhöchste sagte: „Diejenigen, die einander um Meinetwillen lieben, verdienen Meine Liebe. Diejenigen, die in Fülle das geben, was zu ihnen kommt, verdienen Meine Liebe. Diejenigen, die sich häufig besuchen um Meinetwillen, verdienen Meine Liebe.“

‘A’ischa, die edle Gattin des Gesandten Allahs, erinnerte sich daran, wie jemand dem Propheten ein Lamm schenkte. Er verteilte das Fleisch. ‘A’ischa sagte: „Nur der Nacken ist uns geblieben.“ Der Prophet entgegnete ihr: „Nein, alles ist uns geblieben, außer dem Nacken.“

Eines der vielen Zeichen der Freundlichkeit und Liebe, die der Gesandte ­Muhammad für seine Leute hatte, war, dass er mit ihnen scherzte, damit sie nicht aus furchtsamem Respekt von ihm ­wegblieben. Er, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: „Allah hasst diejenigen, die ihren Freunden gegenüber unschöne und traurige Mienen zeigen.“

Der Prophet Muhammad wurde einmal gefragt, was am meisten den Zorn Allahs auf sich zieht. Er antwortete: „Wenn jemand sich selbst und seine Taten hoch bewertet und, noch schlimmer, einen Lohn dafür erhofft.“

Jahja ibn Mu’adh Al-Razi sagte: „Am Tag, wenn die Posaune erschallt, werdet ihr sehen, wie die bösen Freunde voreinander fliehen und wie sich gute Freunde einander zuwenden. Allah der Allerhöchste sagt: ‘An diesem Tag werden Freunde, mit Ausnahme der wirklichen Gläubigen, Feinde sein.’“

Allah sagte in Seinem Qur’an: „Wahrlich, sie waren edle Jugendliche (Fitjan), die an ihren Herren glaubten, und Wir erhöhten sie in Rechtleitung.“ (Al-Kahf, Sure 18, 13)

Imam As-Sulami kommentierte diesen Vers: „Ihnen wurde umfangreiche Rechtleitung zuteil und sie stiegen in Seiner Nähe auf, denn sie vertrauten in ihren Herrn nur um ihres Herrn willen und sagten: ‘Unser Herr ist der Herr der Himmel und der Erde. Niemals sollen wir jemand anderen anrufen als Ihn.’ (Al-Kahf, Sure 18, 14)“ Der Imam fährt mit den Worten fort: „Allah kleidete sie in Seine Kleidung, und Er nahm sie in Seinen hohen Schutz und sagte: ‘Und wir wendeten sie zur Rechten und zur Linken.’ (Al-Kahf, Sure 18, 18)“

‘Abdallah Al-Ansari hob drei Stufen der Perfektion in der Futuwwa in seinem klassischen Werk „Manazil al-Sa’irin“ (Die Stationen des Reisenden) hervor. „Allah der Allerhöchste sagt: ‘Wahrlich, sie waren edle Jugendliche (Fitjan), die an ihren Herren glaubten, und Wir erhöhten sie in Rechtleitung.’ Der subtile Punkt in der Ritterlichkeit ist, dass du nichts anderes für dich selbst siehst und dich als jemand ohne Ansprüche betrachtest. Die erste Stufe ist das Verlassen des Streitens, das Übersehen von Fehlern und das Vergessen von Schädigung. Die ­zweite Stufe ist, dass du Nähe zu dem suchst, der sich von dir entfernt, denjenigen ehrst, der dir Unrecht zufügt und Entschuldigungen für den findest, der dich angreift. Ihr erreicht dies, indem ihr großzügig seid, nicht durch Zurückhaltung, nicht durch Loslassen und nicht durch geduldiges Ertragen. Die dritte Stufe der Reise auf diesem Pfad ist, dass ihr nicht nach Beweisen fragt und dass ihr eure Vergeltung (von Allah) nicht durch (irgendeinen Gedanken an) Belohnung befleckt.“

Imam al-Ghazali erinnert uns daran, dass es der Weg der Prophetengefährten wie Abu Darda’ war, die Fehler seines Bruders zu vergeben. Wie mehr trifft dies doch gegenüber den Jungen zu. Das Band der Brüderlichkeit ist wie das Band der Familie. Wenn jemand einen Fehler begangen hat in einem Akt des Widerstandes gegen Allahs Din, ist es em­pfohlen, freundlich im Ratschlag zu sein. Sollte jemand darin festhalten, so soll man den Kontakt mit ihm nicht abbrechen. Abu Darda’ sagte: „Manchmal wird euer Bruder gerade und manchmal krumm sein.“

Der große Gelehrte Ibrahim Al-Nakha’i warnt die Muslime: „Nehmt euch in Acht vor dem Fehler des Gelehrten. Brecht den Kontakt nicht zu ihm ab, sondern wartet auf seine reuige Umkehr.“

Imam al-Ghazali war der Ansicht, dass dieser Ratschlag sich sogar auf gravierende Verstöße bezieht. Dem Gesandten ­Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, wurde von Allah über seine Familie offenbart: „Wenn sie dir gegenüber aber ungehorsam sind, sprich: ‘Ich bin schuldlos an dem, was ihr tut.’“ (Asch-Schur’ara, Sure 26, 216) Abu Darda’ ­bezog sich auf diesen Vers, als er gefragt wurde „hasst du nicht deinen Bruder, als er dieses und jenes tat?“, worauf er antwortete: „Ich hasse nur, was er tut, sonst ist er mein Bruder.“

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Malik Özkan

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