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Was ist der Mensch?

Yuval Harari könnte eine neue Geschichtsphilosophie begründen

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Foto: CEU /Daniel Regel, via flickr | Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0

(iz). Die offene Gesellschaft ist eine Gesellschaft der vermeintlichen Paradoxien. An der Oberfläche agnostisch ad nauseam, ist die westliche Gesellschaft vielleicht die spirituellste, die es je gab. Der syrische Arzt in Neuilly-sur-Seine hält jedes Jahr den Ramadan ein, die „Kreativberaterin“ aus Schöneberg chantet, das Model in Brooklyn glaubt an sein spirit animal. Ganz Netflix ist ein einziges Archiv der säkularen Spiritualität. Das Label „Atheismus“ sagt über die geistige Situation unserer Zeit in etwa noch so viel aus wie die Nationalität auf dem Reisepass – also herzlich wenig.

Doch gerade in diesem Punkt hinkt heute die Philosophie der Gesellschaft hinterher. An die letzten Dinge wagt sie, die sich in Deutschland entweder die Haare lang wie Precht oder aus den Ohren wie Peter Sloterdijk wachsen lässt, sich schon lange nicht mehr. Es ist zum guten Ton geworden, nur mehr leise – oder schiefe Töne von sich zu geben. Wer heute ernsthaft versuchte, eine Philosophie der Geschichte zu schreiben, gälte entweder als kindisch, reaktionär oder drogensüchtig.

Yuval Harari dagegen versucht es, und er kann es sich leisten, weil er von Hause aus gar kein Philosoph ist, sondern Historiker (und kein Deutscher, sondern Israeli, der in Oxford promoviert hat). Seit seinem ersten Blockbuster Sapiens, der 2015 erschien, ­liefert Harari im Grunde nichts anderes als geschichtsphilosophische Werke. Sein neues Buch bildet da keine Ausnahme.

Harari kommt aus der Militärgeschichte, und er kommt aus einer tiefreligiösen Gesellschaft; das Denken in strengen Kausalitäten und das Denken in großen Bögen sind ihm, Abkömmling eines erklärtermaßen auserwählten Volkes (woran er persönlich natürlich nicht glaubt), also in gleicher Weise in die Wiege gelegt.

Harari beginnt seinen Aufriss mit einer Behauptung, die zwar common sense, aber durchaus problematisch ist: Im Jahr 2018 seien zwei Leiterzählungen der westlichen Welt infrage gestellt: die liberale Erzählung und der Glaube an das Faktische.

Nun ist es das Wesen des Liberalismus, sich im Zulassen einer unerschöpflichen Menge von Erzählungen zu erschöpfen, ohne selbst eine (kohärente) Erzählung zu sein. Und das Wesen des Faktischen ist, dass es keine Glaubens-, sondern eine Wahrnehmungsfrage ist. Eine „liberale Erzählung“ hat es mithin ebenso wenig gegeben wie einen „Glauben an das Faktische“ (und später im Buch wird Harari selbst zugeben, dass der Homo Sapiens „schon immer in einer Zeit des Postfak­tischen gelebt“ habe). Was es hingegen gibt, sind eine liberale Ordnung und eine ­faktizitäre Welt.

Während in früheren Zeiten Ordnungen und Welten in regelmäßigen Abständen erschüttert wurden, ist die Erschütterung heute der Normalzustand geworden. Dafür verantwortlich ist mit Harari die „Zwillingsrevolution in Informationstechnologie und Biotechnologie“, die sich pünktlich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, der zugleich das Ende klassischer Gewaltpolitik bedeutete, angebahnt hat. Künstliche Intelligenz und Klonen können dazu führen, dass eines – nicht fernen? – Tages der Mensch tatsächlich in Foucaults klassischen Worten „weggewischt wird wie ein Gesicht aus Sand am Meeresstrand“: „Nach vier Milliarden Jahren organischen Lebens, das sich durch natürliche Auslese entwickelte, tritt“, so Harari, „die Wissenschaft ins Zeitalter anorganischen Lebens ein, das durch Intelligent Design bestimmt ist. Im Zuge dessen wird Homo sapiens selbst vermutlich verschwinden.“ Bleibt die Frage: wird es, wenn er denn „verschwunden“ ist, den Menschen denn dann jemals gegeben haben?

Diese Frage muss Harari unbeantwortet lassen. Aber immerhin gibt es für ihn „keinerlei Grund zu der Annahme, künstliche Intelligenz werde Bewusstsein erlangen, denn Intelligenz und Bewusstsein sind völlig unterschiedliche Dinge. Intelligenz ist die Fähigkeit, Probleme zu lösen. Bewusstsein ist die Fähigkeit, Dinge wie Schmerz, Freude, Liebe und Wut zu empfinden.“

Vielleicht ist es sogar noch viel mehr. An ­einer Stelle mokiert sich der bekennende Atheist Harari darüber, „selbst das gemäßigte Judentum behauptet steif und fest, der gesamte Kosmos existiere nur, damit jüdische Rabbiner ihre heiligen Schriften studieren können, und sobald die Juden diese Praxis aufgäben, werde das Universum an ein Ende kommen.“ Nun kann man hierüber natürlich lächeln. Nimmt man aber an, dass das menschliche Bewusstsein mehr ausdrückt als nur die neuronalen Prozesse eines jeweils einzelnen Individuums (und um das anzunehmen, muss man weder Hegelianer noch Heideggerianer sein), so sieht die Sache schon anders aus. Wer, wie etwa Hannah Arendt, vom „Leben des Geistes“ schreibt, schließt darin immer implizit die Möglichkeit ein, dass „der“ Geist eine eigenständige Entität sei, die sich im individuellen Bewusstsein jeweils verkörpere. Das würde dann auch den Talmudstudien von Rab­binern eine übergeschichtliche Grundlage verleihen.

Das ahnt womöglich Harari selbst. Denn einerseits ist ihm zwar das Universum „nur ein sinnloses Sammelsurium von Atomen“, unsere Entscheidungen „das Produkt von Milliarden Nervenzellen, die biochemische Prozesse austauschen“, und menschliche Gefühle ausdrücklich „nicht Teil einer großen kosmischen Geschichte, sondern nur flüchtige Schwingungen“; andererseits aber nennt er „das Bewusstsein das größte Geheimnis des Universums“ und Meditation (er selbst meditiert täglich zwei Stunden) wichtiger als Hirnforschung.

Vor allem aber warnt er, dessen Bücher sich oft als Dauerwerbesendung für das Silicon Valley lesen, davor, „die kosmische Berufung der Menschheit darin [zu sehen], ein allumfassendes Datenverarbeitungssystem zu schaffen – und dann darin aufzugehen.“ Im Gegenteil: „Wenn es darum geht, gesellschaftliche Probleme zu lösen, dann sollten wir uns weiterhin auf Politiker und Priester verlassen“, und wenn es auch „gerade ihre große interpretatorische Begabung“ sei, „die Religionsführer benachteiligt, wenn sie mit Wissenschaftlern konkurrieren“, so meint das Harari, dieser technologieskeptische Prophet des Cyborgism, durchaus als Kompliment. Dass aber Authentizität und damit das Menschsein selbst ein Mythos seien, wie die gegenwärtige technologische Revolution impliziere, ist für ihn seinerseits ein Mythos: „Schmerz ist Schmerz, Angst ist Angst und Liebe ist Liebe – selbst in der Matrix.“

Wer Harari oberflächlich liest, gewinnt unweigerlich den Eindruck, für ihn sei, nicht anders als für Theodor Lessing, die Geschichte der Menschheit nichts weiter als der Versuch der „Sinngebung des Sinnlosen“ und der Mensch selbst nur ein „Puzzle seiner Bedürfnisse“, wie es die russische Seite in dem Spionagefilm Red Sparrow suggeriert. Doch erstaunlicherweise wird er nicht müde, an seine Leser zu appellieren, nicht Macht, sondern Wahrheit zu suchen, auch wenn sie damit in der Sphäre der Fiktion verharrten. Vor die Wahl gestellt zwischen dem „Knacken des menschlichen Betriebssystems“ und „einer Geschichte, die erklärt, worum es in Wirklichkeit geht und worin meine spezifische Rolle im kosmischen Drama besteht“, entscheidet sich der Humanist Harari für – die Geschichte.

Warum er das tut, bleibt sein Geheimnis. Jedenfalls aber ist 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert mehr als ein populär aufgemachtes Brevier der „brennenden Fragen der Gegenwart“; in Wahrheit ist es das Zeugnis einer tiefernsten Auseinandersetzung um das Theion, also das Göttliche im Menschen, und darum, weil dieser Mensch ja ein geschichtliches Wesen ist, ein Stück geschichtsphilosophischer Mystik.

Yuval Harari ist ein brillanter Historiker, was er auch in diesem Buch, insbesondere zu Anfang, zeigt; noch mehr aber ist er vielleicht der Begründer einer neuen Philosophie der Geschichte. Eine solche Philosophie, die zugleich Theiologie (also Wissenschaft vom Göttlichen, also Übermenschlichen) wäre, bezöge ihre Legitimität aus der Notwendigkeit, Humanität superhuman zu begründen. Denn „wenn wir die Welt nicht verstehen können“, so Hararis Fassung der ältesten philosophischen Fragestellung der Welt, „wie können wir dann hoffen, zwischen richtig und falsch, gerecht und ungerecht unterscheiden zu können?“

Yuval Noah Harari: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert. Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn. Beck 2018. 445 Seiten, Preis: EUR 24,95

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Konstantin Sakkas

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