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„Was ist ein Qirad-Vertrag?“

Das Vertragsmodell ist denkbar einfach, hat aber komplexe Wirkungen innerhalb des islamischen Wirtschaftens

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Ein wesentlicher Bestandteil islamischen Wirschaftens sind die Handelsverträge. Der Prophet des Islam, Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, hat ihn berühmt gemacht: den Qirad-Vertrag. Hat er doch als Händler bereits einen Qirad-Vertrag mit seiner künftigen wohlhabenden Frau Khadidscha abgeschlossen. Diese hatte ihm das Kapital zur Verfügung gestellt, in Syrien zu handeln und ihn – wie zuvor bereits im Vertrag ausgehandelt – am Gewinn beteiligt.

Als Prophet hatte Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, darauf hingewiesen, dass ein Großteil der natürlichen und garantierten Versorgung des Menschen auf Handel beruhe. Im Qur’an wird später die Erlaubnis zum und die Freiheit des Handels ausdrücklich betont werden. Der Qirad-Vertrag, mit Wuzeln aus vorislamischer Zeit, wurde zum Klassiker islamischen Wirtschaftens.

Das Prinzip des Vertrages ist denkbar einfach: 100% des Investments stellt der Rabb al-Mal (Eigentümer des Kapitals) zur Verfügung, während der mittellose Händler seine Handelserfahrungen einbringt. Der freie Händler und seine Arbeit wird im Vertrag als ebenbürtig zum Kapital honoriert. Wichtiger als seine Liquidität ist sein einwandfreier Leumund. Der Investor muss sich aus dem Handel völlig zurückhalten und hat kein Recht, weiteren Einfluß zu nehmen. Der Händler ist allein verpflichtet, nach einer bestimmten Zeit das Kapital zurückzugeben, einschließlich des zuvor vereinbarten Gewinns. Natürlich konnten sich auch ganze Investorengruppen zusammenschließen. So einfach ist oder war das also. Der Vertrag und seine einfachen Bedingungen schufen ein eigenständiges und durchaus komplexes islamisches Wirtschaftsdenken.

Eigentümlich ist beim Qirad-Vertrag die Risikoverteilung: sie obliegt bei normalen Geschäftsverlauf zu 100% beim Investor. Nur bei offensichtlichem Missmanagement oder Betrug wird der Händler zur Rechenschaft gezogen. Nach Imam Maliks „al-Muwatta“ sollte der Handel im Übrigen bevorzugt mit Gold abgerechnet werden. Der Qiradvertrag diente vor allem Handelsbeziehungen, die bekannt und berechenbar waren und das Risiko des Investors überschaubar hielten. Vor allem auf eingespielten Handelsrouten mit exakt berechenbaren Zeitabläufen wurde der Vertrag daher gerne benutzt.

Die Gewinnaussichten der Investoren waren, zumindest bei normalem Verlauf, dabei oft Atem beraubend. Der Vertrag hatte aber auch eine spezifische Wirtschaftethik zur Folge. Denn das Vertragsmodell konnte nur dann funktionieren, wenn zwischen Händler und Investor eine gewisse Vertrauensbasis existierte. Der Leumund und die Ehrlichkeit des Händlers war daher essentiell – jede Verfehlung oder Misswirtschaft führte zum sicheren und dauerhaften Ende der Wirtschaftsbeziehungen. Das Risiko des Händlers bei Verlusten, seinen erarbeiteten Leumund zu verlieren, war durchaus groß. Je besser der Leumund und die Reputation des Händlers, desto sicherer seine künftigen Gewinnaussichten. Kurzum: der Händler sollte ein Profi sein. Dazu gehörten langjährige Erfahrungen. Die Händler sorgten für Fortbildung und Erfahrungsaustausch in entsprechenden Handelskammern.

Auch die um ihr Kapital besorgten Investoren entwickelten ein Vorsorgemodell. Investoren legten großen Wert auf die Auswahl und Ausbildung, insbesondere auch auf Prüfmechanismen der Händler.

Eine neue Zunft entstand so früh wie der Qirad-Vertrag: der Wirtschaftsberater. Ein Heer von Agenten beriet Investoren über die Charaktereigenschaften und Bilanzen der Händler. Genaue Expertisen klärten die Investoren genau über Risiken und Möglichkeiten auf. Viele Investoren beschäftigten Agenten, um besonders erfolgreiche Händler und Talente aufzuspüren.

Rein rechtlich berücksichtigt ein schriftlicher Qirad-Vertrag – neben der Nennung der Beteiligten und Zeugen – vor allem die folgenden wichtigsten Punkte: 1. Der Investor übergibt das Kapital an den Händler und verspricht, keinen weiteren Einfluß zu nehmen. 2. Der Investor darf vor dem vereinbarten Zeitablauf kein Kapital zurück verlangen. 3. Die Zeitabläufe z.B. die Fälligkeiten werden detailliert festgelegt. 4. Etwaige Bedingungen des Investors werden festgelegt. 5. Der Händler wird an seine Haftung für Missbrauch, Verfehlungen, Betrug usw. erinnert. 6. Der Investor trägt das Risiko oder Verluste des Händlers, während wiederum der Händler keinen Anspruch auf Entlohnung oder Ersatz für Unkosten hat. 7. Die Gewinnverteilung wird absolut bindend vorab festgelegt. 8. Die Parteien legen im Falle eines Streites bereits ein Schiedsgericht fest, dessen Entscheidung von beiden Seiten akzeptiert werden wird.

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