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Was passieren kann, wenn man sich die Haare schneiden lassen will. Von Karim Dreyer

Kommentar: Beim Friseur

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(iz). Darf man als – noch dazu verheirateter – Muslim sich seine Haare eigentlich von einer Friseuse schneiden lassen? Gibt es diesbezüglich Aussagen unserer Gelehrten? Das hätte ich mich vielleicht fragen sollen, bevor ich letzte Woche den Salon betrat, in dem ich ohne weitere Umstände von einer freundlichen jungen Dame auf dem Frisierstuhl vor einem großen Spiegel platziert wurde. Da, wo ich herkomme, ist es so: Wenn man zum Friseur geht, möchte man eigentlich nur seine Haare geschnitten haben, eine Kommunikation, die über höfliche Floskeln, im Idealfall das Wetter betreffend, hinausgeht, ist eher unüblich.

Im Rheinland aber, so zumindest meine Erfahrung, gehören persönliche, ja private Gespräche zwischen Friseur oder, in meinem Fall, Friseuse und dem Kunden sozusagen zum Service, ganz egal, ob der Kunde das wünscht oder nicht. „Wie war Ihr Urlaub“, hörte ich, noch bevor sie die Schere angesetzt hatte, eine der laut Harald Schmidt wenigen wirklich wichtigen Fragen überhaupt. Ich verwies darauf, dass wir dieses Jahr, mit Rücksicht auf unseren einjährigen Sohn, keine weite Reise unternommen hatten und unsere beiden älteren Töchter bei Verwandten sein würden.

„Wie heißen denn Ihre Kinder?“. Wohl jeder deutsche Muslim weiß, dass die Stellung dieser Frage unweigerlich die Bekanntgabe der eigenen Religion zur Folge hat – welcher Deutsche gibt sonst seinen Kindern ausnahmslos arabische Namen? Nach dem üblichen Geplänkel („Ihre Eltern kommen wirklich nicht von dort? Und Ihre Frau auch nicht?“ (sie meinte Arabien oder die Türkei) sagte sie: „Also ich finde, jeder muss glauben können, was er will, aber das mit dem Versprechen finde ich nicht so gut.“ „Welches Versprechen?“, fragte ich. „Na, das Versprechen. Die Mädchen.“ „Ach so“, sagte ich, „Sie meinen Zwangsheirat. Ja, aber sind das nicht nur bedauerliche Einzelfälle?“ „Mag sein, meine Freundin jedenfalls sollte mit sechzehn für immer in die Türkei, jemanden Fremdes heiraten, dabei kann sie gar kein Türkisch. Naja, jetzt studiert sie in Hannover, vor drei Monaten hat sie zum ersten Mal seit langem wieder ihre Eltern besucht.“

Es hat etwas unfreiwillig Komisches, auch leicht Entwürdigendes, sich selbst, Schaum auf dem Kopf, Klammern im Haar, in einem großen Spiegel zu sehen, während man als – in dem Moment, an diesem Ort – Vertreter der Muslime Deutschlands mit diesem Phänomen konfrontiert wird. Sie spürte meine Verlegenheit und variierte das Thema, aber das machte es nicht besser: „Trägt Ihre Frau Kopftuch?“ „Ja“, antwortete ich wahrheitsgemäß, „aber es gibt natürlich Situationen, in denen sie es ablegt, beim Friseur zum Beispiel.“

Treffer für mich? Keineswegs. „Echt“, sagte sie, während sie den Rasierer an meine Schläfe setzte, „wir haben hier Kundinnen, die machen langfristig einen Termin, und dann wollen sie das Kopftuch nicht ausziehen, es könnte ja jemand um die Ecke gucken. Aber wie soll ich einer Frau die Haare machen, wenn sie das Kopftuch nicht auszieht?“ Ein guter Punkt.

Hilfe! Bin ich bei der „versteckten Kamera“? Wenn nicht: das nächste Mal gehe ich wieder zu „Chez Osman“, dem schweigsamen Türken, der mir einfach nur die Haare schneidet, und die Beantwortung meiner – nicht ganz ernst gemeinten – Eingangsfrage brauche ich dann auch nicht abzuwarten.

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