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Was sagen Islam und europäische Tradition zur Charakterbildung? Von Muhammad Mukhtar Medinilla

Für eine neue Erziehung

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„Der Allerbarmer hat den Qur’an gelehrt. Er hat den Menschen erschaffen. Er hat ihn die klare Darlegung gelehrt. Die ­Sonne und der Mond (laufen) nach Berechnung. Die stiellosen Pflanzen und die Bäume ­werfen sich nieder. Den Himmel hat Er emporgehoben und die Waage aufgestellt, damit ihr beim Wägen nicht das Maß überschreitet.“ (Ar-Rahman, 1-8)

(iz). Wenn wir über Erziehung nachdenken, dann auch über die unausweichliche Notwendigkeit, dass wir Erziehung in unsere Hände nehmen müssen. Eine Aus­einandersetzung mit dem Thema ist schwierig, denn einerseits hat jeder ­etwas dazu zu sagen, während andererseits ­vieles ­klischeehaft klingt. Wir brauchen einen neuen Anfang – mit vollem Verständnis seines Sinns und seiner Bedeutung. Wir müssen sowohl unser Bildungsniveau als auch das unserer Kinder heben.

„Ich muss wieder lernen.“ Dies war meine Erkenntnis, als ich mich in jungen Jahren von Vorstellungen verabschiede­te, mit denen ich aufwuchs. Mir wurde klar, dass ich Sprache neu lernen musste, um die volle Bedeutung der Worte zu finden. Ich war verunsichert vom Missbrauch großer Konzepte, die schon damals nervtötend und unklar waren.

Ich muss auf den großen Johann Wolfgang von Goethe verweisen. Sein „Wilhelm Meister“ gibt Einblick in eine wichtige Phase einer persönlichen Lernerfahrung. Der Held des Buches erinnert mich oft an unsere eigene Lage. Auch seine modernen Nachfolger sehnen sich nach Unterweisung und Wissen. Am Tag, an dem meine Lehrerausbildung endete, versammelte uns der Leiter unseres Instituts und sagte: „Sie haben hier nichts gelernt. Ich hoffe, wenn sie gut sind und gewillt, dass ab heute einige zu Lehrern werden…“

Es ist der Islam selbst, der uns motiviert, diese Aufgabe zu meistern, uns zu verbessern und unser Leben zu verändern. Wilhelm Meister bleibt ein gültiges Vorbild. Bekannte westliche Denker haben klar erkannt, was geschah. Muslime in Europa sind einen Schritt ­weiter gegangen und wissen darüber hinaus, was zu tun ist. Unser heutiger Zustand hat unausweichliche Folgen und beeinflusst Erziehung und Lehre. In seiner „Götzen-Dämmerung“ schrieb Nietzsche: „Goethe – kein deutsches Ereignis, sondern ein europäisches.“ Wilhelm Meisters Festhalten an seiner Suche nach Vollkommenheit mag auf seine Zeitgenossen lächerlich gewirkt haben. Heute dürften wir wohl eine ähnliche Reaktion erwarten.

Goethe wollte Ganzheitlichkeit. Um uns selbst zu überwinden sind wir verpflichtet, „unserem eigenen Charakter eine Form zu geben“ (Nietzsche). Dazu zählen unsere Herkunft, der elterliche Einfluss und Konditionierung durch Gesellschaft und Erziehung. Trotzdem liegt noch ein langer Weg vor uns. Wir sind kein fertiges Produkt. Wir müssen an uns selbst arbeiten. Nietzsche führte ­Goethe als Beispiel eines Menschen an, der seinem Charakter eine Form gab. Er war vielfältig – Stückeschreiber, Autor, Denker und Wissenschaftler. Als Napoleon Goethe das erste Mal sah, rief er aus: „Seht, ein Mann!“ Indem er sich von den Leidenschaften und wilden Ideen ­seiner Jugend verabschiedete, schuf Goethe ­einen Mann – im wahrsten und vollsten Sinne des Wortes. Erinnern wir uns daran, dass sich im industrialisierten Europa die Funktion der Schule als Vermittler von familien­ori­entierten und gesellschaftlichen ­Wer­ten nachweislich ab dem späten 18. Jahrhun­dert veränderten. Von da an wurde ­Erziehung durch die Notwendigkeit einer Zentralisierung und Uniformität von Bevölkerung und neuer Wirtschaft bestimmt. Aus dem Zusammengehen von politischem und wirtschaftlichem ­Interesse entwickelte sich das staatliche Schulsystem.

Dieser Prozess schuf bei uns eine unausgeglichene Lage. In einem Artikel stellte ein spanischer Kommentator wichtige Fragen: „Was wäre, wenn wir in der Welt der Kultur, wie es jetzt in der Geschäftswelt geschieht, nur noch mit vollkommen spekulativen Werten spielen? Was wäre, wenn wir – wie an der Börse – den Preis einiger weniger beschädigter und fragwürdiger Güter künstlich nach oben treiben? Die Verantwortung dafür würde allen jenen zugeschrieben, die über den ‘wirtschaftlichen Wert’ von Kulturgütern sprechen, und darauf bestehen, die Kultur zu einer Arena des Geschäftslebens zu machen, für die die gleichen Maßstäbe gelten. Was wäre, wenn wir den Wert einiger kultureller Erzeugnisse künstlich nach oben getrieben haben, während wir beobachten können, dass die Bedeutung (…) von Werken, die wirklich eine Lebenserfahrung repräsentieren, verringert wurde?“ Es wird klar, dass Universitäten und Zentren der weiterführenden Bildung heute der Heranziehung einer ökonomischen Führungsschicht dienen. Sie studieren Philosophie, aber nicht, um die Suche der Griechen nach Tugend wieder zu entdecken, sondern zur Steigerung ihrer Verhandlungsfähigkeit als ökonomisches Werkzeug. Der wohlmeinende akademische Multikulturalismus formuliert heute in allen Universitäten die Zerstörung von totalitärem Zentralismus und hebt die kulturelle Globalisierung „seiner“ Kultur (genauer gesagt: deren Abwesenheit) hervor. Große Ideale werden in der „wirklichen“ Welt ignoriert, müssen aber durch Schulen weitergegeben werden – aber ohne das Element des gesellschaftlichen Vorbilds. Schulen müssen laut Lehrplan aufrecht erhalten, was offenkundig in der allgemeinen Gesellschaft scheiterte. Im Laufe der Zeit wird der absolute Widerspruch zwischen dem ­erklärten Ideal und der Wirklichkeit ­immer deutlicher.

Es ist wichtig, über Ziele nachzudenken. Wir müssen wissen, was wir ­wollen. Muslimische Erziehungsprojekte müssen generell Schulen mit Führungscharakter sein. Das Ziel, in den ­Garten einzutreten, lässt sich nicht von der Aufgabe des Menschen als Stellvertreter ­Allahs auf der Erde trennen. Es handelt sich nicht um den Widerspruch zwischen islamischer Erziehung und einer vermeintlichen „Assimilation“, sondern eher um die Frage nach dem Verhältnis von islamischer Erziehung zur Regeneration Europas.

Muslime können ein Beispiel an gemeinschaftlicher Eigenständigkeit anbieten. Das – bis auf die frühesten Tradi­ti­onen zurückreichende – Modell des ­Islams basiert auf der Kombination von Erziehung und Kultur. Wichtig ist es, zu verstehen, dass die Regeneration der Gesellschaft bei jungen Kindern beginnt. Und sie beruht in der vollen Entschlossenheit auf Seiten derer, die die Fähigkeit – sei es in Lehre oder durch Vorbild – zur Übermittlung besitzen. Wir brauchen gebildete Erzieher. Für das Heranwachsen unserer Jugend benötigen wir vorbildliche Gestalten. An diesem entscheidenden Augenblick im Leben eines jungen Menschen lässt die zeitgenössische Gesellschaft – darunter auch das Schulsystem – ihre Nachkommen allein. Sie sind gestrandet und sich selbst überlassen, damit sie ihrer Persönlichkeit einen „freien Ausdruck“ verleihen können. Augenblicklich besteht das Bildungssystem aus einem „linearen“ Prozess, dessen Ziel ein Platz an der Universität ist. Jeden Tag gibt es mehr Abschlüsse und mehr werden benötigt.

Wir müssen über pädagogische Alternativen nachdenken. Die augenblickliche Lösung einer informellen Schulbildung zu Hause – als Gegensatz zur formellen staatlichen – ist keine Lösung. Wir sollten unsere Energien nicht durch diesen erschöpfenden Ansatz aufreiben. Wir müssen die fundamentale Rolle der Oberschulen betonen. Sie müssen unser Ziel für die Einrichtung eines soliden Erziehungssystems in Europa sein. Die weiterführende Erziehung stellt sowohl das kulturelle Fundament der Mehrheit dar, als auch eine solide Grundlage für jene, die auf den Universitäten enden werden.

Das Erreichen erzieherischer Zielen wird schwierig werden, wenn sie nicht von der Wiederaneignung einer authen­tischen Kultur begleitet wird. Diese Kultur beginne damit, so Nietzsche, in dem wir eine lebendige Sache als solche behandeln. Erziehung braucht Sinnzusammenhänge. Neben vielen anderen Dingen braucht sie die Entdeckung der klassischen Kultur; des vorchristlichen griechischen und europäischen Denkens. Wir können dieses Erziehungsmodell nicht entdecken, wenn wir seine kulturellen Komponenten ignorieren: Literatur, Erzählung, Kunst und Philosophie – Philosophie als Erziehung des Geistes.

Für mich besteht der Unterschied nicht zwischen moderner Erziehung und traditioneller, sondern zwischen guter und schlechter Erziehung. Der bekannte türkische Gelehrte Bediuzzaman Said Nursi bemühte sich um die Gründung einer Universität im Osten Anatoliens. Das Vorhaben endete jedoch mit Beginn des Ersten Weltkrieges. Folgen wir seinem Lehrplan, so können wir die Verschmelzung dreier Erziehungssysteme erkennen: Moderne Erziehung (Maktaba), traditionelle islamische Wissenschaft (Madrassa) und Sufismus (Zawija).

Zur Begründung einer neuen pädagogischen Methode müssen wir uns der Kreativität zuwenden, denn die Entwick­lung von Talent ist kein mechanischer Prozess, sondern ein organischer. Wir kehren zu den Anfängen zurück, zur Landwirtschaft, aus der sich das Wort Kultur ableitet. Unsere Aufgabe besteht nicht darin, das Wort „Schule“ hinter das Adjektiv „islamisch“ zu stellen, sondern in der Gründung einer neuen, befreienden und transformierenden Schule. Eine, die es jedem Kind erlaubt, in „seinem Element“ zu sein.

Wir wehren uns nicht gegen die Wissenschaft der Pädagogik. In den Händen von Muslimen kann jede Pädagogik – sei sie von Pestalozzi, Steiner oder Montessori inspiriert – mit enormem Nutzen in die Praxis umgesetzt werden. Aber zuerst muss das Kind – in Schule wie ihm Leben – Einheit (Tauhid) finden. Dies führt zu Liebe (Hubb). Liebe muss mitgedacht werden, denn sie muss bei einem Lehrer als Grundvoraussetzung ­gelten. Dies wiederum führt zu Handlung (Amal). Die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler muss auf einem Vorbild beruhen. Dies wird an der lehrenden Transaktionen zwischen Allah und Adam deutlich. Außerdem findet sie ­ihren wahren Ausdruck in der Offenbarung wie in der Lebensführung des Propheten Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben. Allah sagte im Qur’an: „Sprich: Ich glaube an Allah, dann sei ­aufrecht.“

Dies ist die untrennbare Beziehung zwischen Iman und Wissen; zwischen Wissen und Nützlichkeit. Zwischen Adab in der Welt und Adab im Din. Im Zentrum der Schule, und der Madrassa, steht die Moschee. Die Funktion einer Schule besteht nicht in der Befriedigung einer staatlichen Ideologie, sondern steht in direkter Beziehung zur ‘Ibada, der Anbetung unseres Schöpfers.

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