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Grundlagen: Alles, was man zur Hadsch wissen sollte

Denken und die Praxis: ­Antworten auf aktuelle Fragen und ­Heraus­forderungen

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„Und Wir wiesen Ibrahim die Stelle des Hauses zu: ‘ Geselle Mir nichts bei und reinige Mein Haus für die den Umlauf Vollziehenden, die aufrecht Stehenden, sich Verbeugenden und die sich Niederwerfenden. Und rufe unter den Menschen die Pilgerfahrt aus, so werden sie zu dir kommen zu Fuß und auf vielen hageren Reittieren, hager gemacht durch die lange Reise, von jedem entfernten Ort kommend, damit sie Nutzen für sich erfahren und den Namen Allahs an bestimmten Tagen über dem Aussprechen, womit Er sie mit Opfertieren versorgt hat. Esst davon und speist die Armen und die Bedürftigen. Dann sollen sie ihren Zustand der Vernachlässigung beenden, ihre Eide erfüllen und das Alte Haus umkreisen.’“ (Al-Hadsch, 24-27)

Die Hadsch ist einzigartig. Es geschieht nichts auf unserem Planeten, das ihr nahe käme. Sie ist das wahre globale menschliche Verhaltensmuster. Würde jemand aus dem All die Erde über lange Zeit beobachten, dann kann er verschiedene lokalisierte Bewegungen beobachten, aber nichts, das so weltumspannend ist.

Zu einem bestimmten Zeitpunkt im Jahr beginnen Menschen – anfänglich allein oder zu zweit, dann in einem anschwellenden Strom – sich an einem ­trockenen Ort der Erde zu sammeln. Hätte der Beobachter eine sehr ausgefeilte Ausrüstung, würde er sehen, wie die Massen um einen zentralen Punkt kreisen. Und dann hin und her zwischen zwei nahegelegenen Punkten eilen. Danach könnte er sehen, wie die gleichen Menschen allesamt ein bisschen weiterziehen und einige Zeit in einem benachbarten Tal verbringen.

Von unserer notwendig begrenzten Perspektive aus ist es allzu leicht, diesen universalen Aspekt aus den Augen zu verlieren. Und wir vergessen, was für eine wahrhaft majestätische Angelegenheit diese große Institution ist.

Der Beginn der großen Pilgerfahrt steht unmittelbar bevor. Muslime aus aller Herren Länder machen sich bald auf den Weg nach Mekka, oder haben es bereits getan. Sie erfüllen damit die wichtigste Reise, die Menschen kennen. Eine, an der jährlich Millionen Gläubige teilnehmen.

Dabei ist es nicht unwichtig zu erinnern, dass – bei aller Vielfalt und allem Chaos – die Hadsch von gewissen Regeln geleitet wird. Zuerst müssen wir wissen, dass es sich bei ihr nicht um etwas Zusätzliches, Freiwilliges handelt. Etwas, das wir nach eigenem Gutdünken tun oder lassen können. Diese Pilgerreise ist ein ebenso entscheidender Pfeiler des Din wie das Gebet. „Islam basiert auf fünf Dingen: Bezeugen, dass es keinen Gott gibt außer Allah und dass Muhammad der Gesandte Allahs ist. Die Einrichtung des Gebets. Das Bezahlen der Zakat. Das Fasten im Monat Ramadan. Und die Hadsch zum Hause Allahs“, heißt es in einer bekannten Überlieferung des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben.

Diese Pflicht betrifft jeden muslimischen Mann und jede Frau; natürlich nur, wenn sie die Möglichkeiten dazu haben. Allah sagt im Qur’an: „Und den Menschen ist es Allah gegenüber auferlegt, zum Haus zu pilgern – wer von ihnen die Möglichkeit dazu findet.“ (Al-i-‘Imran, 97)

Was heißt, „wer von ihnen die Möglichkeit dazu findet“? Gemeint ist die nötige körperliche Gesundheit und Stärke sowie die finanziellen Mittel, ohne dass man sich verschuldet. Auch darf man diejenigen, die finanziell von einem abhängig sind – wie Gatten, Kinder oder Eltern –, nicht unversorgt daheim lassen. Das ist die allgemein anerkannte Position im Hinblick auf Männer (soweit sie die Träger des betreffenden Einkommens sind).

Soweit es Frauen betrifft, hat das saudische Königshaus ihnen die Bedingungen auferlegt, dass jene nur mit einem nahen männlichen Verwandten (arab. Mahram) reisen dürfen. Das widerspricht der Position von Imam Malik. Demnach können Frauen auch unbegleitet auf die Hadsch gehen, solange sie es in einer ausreichend großen Gruppe tun, die ihnen Sicherheit verschafft. Er sagte in der „Muwatta‘“, einem grundlegenden Rechtswerk: „Wenn sie keinen Mahram hat oder einen, der nicht gehen kann, dann sollte sie nicht von der Hadsch ablassen, die Allah verpflichtend machte, sondern stattdessen in einer Gruppe von Frauen reisen.“ Imam Maliks Position basiert auf dem Beispiel der Prophetengefährten, möge Allah mit ihnen zufrieden sein. ‘Umar ibn Al-Khattab gab den Gattinnen des Propheten die Erlaubnis zur Hadsch – unter Begleitung von ‘Uthman ibn ‘Affan und ‘Abdurrahman ibn ‘Auf, ohne Mahrams. Niemand widersprach. Und der Imam baute auf den Worten des Gesandten Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, an Adi ibn Hatim. Darin beschrieb der Prophet die zukünftige Ausbreitung des Din: „Wenn du lange genug lebst, wirst du Frauen sehen, die ohne ihre Gatten in einer Sänfte reisen. Sie kommen den ganzen Weg von Al-Hira im Irak, um die Kaaba zu umkreisen. Und sie fürchten nichts als ­Allah.“ Mit anderen Worten, Frauen werden wegen der Sicherheit der Straßen nach Ausbreitung des Islam unbegleitet auf die Hadsch gehen können. Und Adi überlieferte, dass es im Laufe seiner Lebenszeit dazu kam. Niemand sollte in Ermangelung einer spezifischen Verwandtschaft abgehalten werden, eine der Säulen des Din zu erfüllen.

Wem die Fähigkeit gegeben wurde, sich auf diese immense Reise zu machen, sollte sie nicht auf später verschieben. Möglicherweise ist die Möglichkeit später nicht mehr da. Imam Malik, der große Gelehrte Medinas, betrachtete die Hadsch als Muss, sobald alle ihre Bedingungen eingetreten sind. Und dann gab es den Rat des Gesandten Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, an seine Gefährten: „Beeilt euch mit der Hadsch. Denn ihr wisst nie, was mit euch geschehen wird.“ Dieses Gebot betrifft nur Erwachsene, welche die nötige Reife haben. Kinder können ihre Eltern begleiten. Sie haben sich damit aber noch nicht ihrer Obliegenheit entledigt und müssen noch einmal gehen, sobald sie die Pubertät erreicht haben.

Als solche hat die Hadsch vier Kernelemente (diese Definition kann je nach Rechtsschule variieren). Die Abwesenheit von einer macht sie ungültig. Zuerst kommt der Ihram. Das heißt, die Absicht zum Eintreten in diesen Zustand und zum Anlegen des gleichnamigen Gewands. Dies muss geschehen, sobald man den geografischen Bereich erreicht, der für die jeweilige Herkunftsregion vorgesehen ist. Dieser Zustand hindert Männer am Tragen genähter Kleidung. Auch dürfen sie ihren Kopf nicht bedecken. Frauen ist es untersagt, Gesicht und Hände zu bedecken.

Ein anderer wesentlicher Teil des Ihram ist die Talbija. Das ist das Rufen von „Allahumma labbaik…“, wenn man in diesen Zustand eintritt und solange man sich darin befindet. Nach Ansicht von Imam Malik und Imam Asch-Schafi’i ist die beste Form die Hadsch Ifrad (die Reisenden kombinieren ihre Hadsch nicht mit der ’Umra und bleiben bis zum Ende im Ihram). Dies war die prophetische Form der Hadsch und (bestätigt durch eine bekannte Aussage von ­‘Aischa) jene, die von den ersten beiden Kalifen, Abu Bakr und ‘Umar, praktiziert wurde.

Die zweite Säule ist Sa’i, das siebenmalige Laufen und Gehen zwischen den Hügeln Safa und Marwa. Damit ahmen die Pilger die Suche der Hadschar, der Ehefrau des Propheten Ibrahim, nach Wasser für sich und ihren Sohn Isma’il nach. Im Qur’an und in der Sunna ist der verpflichtende Charakter des Sa’i ­bestätigt.

Der dritte Pfeiler ist das Stehen bei ’Arafat. Jeder muss einen Teil der Nacht und des 10. Tages des Monats Dhu’l-Hidscha auf dieser Ebene verbringen. Dann, und nur dann, gilt eine Hadsch als gültig. In vielerlei Hinsicht ist dieser Aspekt der bedeutendste. Denn er unterscheidet am meisten die große von der kleinen Pilgerfahrt (’Umra). Der Gesandte Allahs sagte: „Hadsch ist ’Arafat.“

Die vierte und letzte Säule ist der Abschieds-Umkreisung der Kaaba (arab. Tawaf Al-Ifada). Diese Umkreisung der Kaaba folgt dem Stehen von ’Arafat und ist eine der drei Umkreisungen, die ein Hadschi mindestens macht. Aber sie ist die einzige, die absolut nötig ist und ohne die es keine Hadsch gibt.

Die Pilgerfahrt ist ein wahrhaft respekteinflößendes, wunderbares und einzigartiges Phänomen. Es gibt nichts Vergleichbares auf der Erde oder in der menschlichen Erfahrung. Nichts bringt die menschliche Art in ihren unterschiedlichen Formen, Farben und Herkünften so zusammen und versammelt sie dermaßen an einen Ort mit einer einzigen Stimme und einem einzigen Zweck.

Die Hadsch ist einzigartig in ihrer Universalität. Und sie war so seit dem frühesten Beginn der Schöpfung, denn Allahs Haus war eines der ersten Dinge, die auf Erden geschaffen wurde. Allah sagt: „Gewiss, das erste Haus, das für die Menschen (zum Gottesdienst) errichtet wurde, ist sicherlich das in Bakka; ein mit Segen erfülltes Haus und eine Rechtleitung für alle Menschen.“ (Al-i-‘Imran, 96)

Mudschahid sagte darüber: „Allah erschuf den Ort, an dem dieses Haus steht, zweitausend Jahre, bevor Er irgendetwas anderes auf der Erde hervorbracht.“ Von diesem Augenblick an war es ein Ort der Pilgerfahrt. Im Qur’ankommentar (arab. Tafsir) von Imam Al-Qurtubi wird ‘Ali ibn Abi Talib wie folgt zitiert: „Allah befahl den Engeln den Bau eines Hauses auf Erden und seine Umkreisung. Das geschah vor der Erschaffung Adams. Dann baute Adam dort, was er baute, und zog seine Kreise darum, so wie es die Propheten nach ihm taten. Dann vollendete Ibrahim sein Gebäude.“

Und so setzt jeder Teilnehmer eine ununterbrochene Tradition fort, die ihren Anfang in den ersten Schritten unseres Vorvaters Adam auf der Erde hat. Und auch die Form unserer Riten ist wahrlich archaisch. Denn wir praktizieren die gleichen, die Ibrahim vor mehr als sechstausend Jahren verrichtete. Keine Pilgerfahrt auf der Welt ist so konstant, universal und ununterbrochen.

Wie eingangs erwähnt, behandeln wir hier eine Obligation. Aber wie alle anderen Pflichten sollte sie niemals als Zwang gelten. Allah legt uns nur solche Dinge auf, die in unserem Interesse sind. Sie nützen der Art und Form, in welcher wir erschaffen sind. Jene Obliegenheiten sind die Handlungen, die unseren Herrn am meisten zufrieden stellen. Sie führen uns am schnellsten zu Ihm. Da macht die Hadsch keine Ausnahme.

Ungeachtet der begleitenden Beschwernisse, und die Hadsch heißt nicht umsonst auch die Schwierige Reise, ist sie der Höhe- und Gipfelpunkt unseres Lebens. Wir kommen als Muslime an und werden vervollkommnet. Hier kommen die fehlenden Puzzleteilchen an ihren Ort.

Es ist wahrlich kein Zufall, dass es auf der Abschieds-Hadsch war, auf welcher Allah diesen Vers herabsandte: „Heute habe Ich euren Din für euch vervollständigt und Meinen Segen auf euch vollendet.“ (Al-Ma’ida, 3) In einem anderen Sinne aber ist dies der Beginn unseres Lebens. Denn durch die große Pilgerfahrt sind wir wie wieder geboren und kehren transformiert in unseren Alltag zurück. Niemand kann aufrichtig auf die Hadsch gehen, ohne von ihr verändert und bestärkt heimzukehren. Und der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: „Wer die Hadsch verrichtet und sich auf ihr dem Geschlechtsverkehr und falschem Handeln enthält, dessen gesamte falschen Handlungen werden hinfort gewaschen, sodass er so sein wird wie am Tag, an dem ihn seine Mutter geboren hat.“

Die Hadsch ist das Beste, was ein Muslim auf dieser Welt tun kann. Der Prophet, Heil und Segen auf ihm, sagte: „Eine angenommene Hadsch ist besser als die gesamte Welt und alles in ihr. Eine angenommene Hadsch bringt keine geringere Belohnung als den Garten.“

Mit zusätzlichen Ergänzungen von Malik Özkan und Massouda Khan.

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Habib Bewley

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