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Was sind die Quellen der Macht?

Reflexionen von Abu Bakr Rieger vor Schweizer Zuhörern über das gestörte Gleichgewicht der Zeit. Ein Nachbericht

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Foto: IZ Medien

„Wir können die Balance wieder finden, wenn wir den Mittelweg gehen – weder Ideologie, noch Esoterik. Wenn wir uns bilden. Islam, Iman und Ihsan wieder aktiv praktizieren. Wir brauchen gute Nachbarschaft, gute Orte – Moscheen, Stiftungen, Marktplätze. Wir sollten eine neue Kultur stiften. Unseren Intellekt bemühen, um den Bedeutungszusammenhang der Welt, in der wir leben, in Gänze zu erfassen. Neue Infrastruktur, um aus unserem ‘panterhaften’ Gefängnis auszubrechen und miteinander zu interagieren.“

(iz). Am 20. und 21. November 2015 hat der Herausgeber der Islamischen Zeitung, Abu Bakr Rieger die Schweiz besucht, um in Basel und Zürich je einen Vortrag zu halten. Titel und Thema war (als Frage in den Raum und als „Motivationsrede“ gestellt), ob Muslime in der heutigen Welt „aus der Balance“ geraten seien. Die Thematik wurde von ihm aus verschiedensten Perspektiven profund durchleuchtet; ohne zu suggerieren, sondern in Form einer Bestandsaufnahme der Gegebenheiten.

Zentral ist dabei die Überlegung, ob sich die Fundamente unserer Religion (Islam, Iman und Ihsan) in unserer technisierten, digitalisierten, von Staat und Banken mehr regulierten und überwachten als in ausgewogenem Sinn beherrschten Welt noch in der ihr eigenen Balance befinden. Ob eine eventuelles Ungleichgewicht ferner das Gleichgewicht der fünf Grundpfeiler des Islam beeinträchtigen kann, und wie sie sich unter Umständen auf unsere Handhabung der Iman-(Glaubens-)inhalte sowie auf die Bedeutung von Ihsan (die Wissenschaft der Verfeinerung des Charakters) auswirken könnte.

Rieger behandelte ausführlicher die Auswirkungen der Praxis von Riba – allen im Islam untersagten ökonomischen Transaktionsweisen/Zins – sowie die damit einhergehenden globalen Entwicklungen auf technischem und elektronischem Gebiet in ihrer Auswirkung auf unsere europäische sowie muslimische Identität. Er ging ferner auf die Dringlichkeit ein, sich im Interesse einer gut fundierten Standortbestimmung als europäische Muslime mit der europäischen Philosophie und Literatur auseinanderzusetzen, welche den politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklungsprozess über die Jahrhunderte begleitet und in seinem Einfluss auf Menschen und die Gesellschaft aus nächster Nähe untersucht hat. Wichtig sei auch, das Phänomen der Überpolitisierung des Islam in heutiger Zeit zu verstehen. Die Rolle von Staat, Militärtechnik und Banken in ihrer Funktion zu begreifen und einer „Trennung von Ort und Ordnung“, der wir gesamtgesellschaftlich unterworfen sein mögen, in ihrer Auswirkung auf uns nachzuspüren.

Foto 2: IZ Medien

Foto: IZ Medien

Warum, fragt der IZ-Herausgeber, werde der Islam aktuell so stark politisiert. Wir sähen wir uns in diesem Rahmen ferner einer Dialektik unterworfen, die unsere ureigenen muslimischen Maßstäbe beiseite dränge; zugunsten vereinfachter, dem islamischen Kontext fremden Kategorisierungen von „liberal/nett vs. konservativ/fundamentalistisch“. Was führte dazu, dass von der Vorstellung Islam/Allah – sowie aus Bildern und Riten wie Kopftüchern, Bärten, Gebeten und Losungen – sofort der Bogen zum Terror geschlagen werde? Wie kommt es, dass unter dem Begriff „Islam“ die Idee eines gesellschaftlichen Modells entstanden sei, welches Erkenntnis, Agenda, Praxis und Recht der Muslime politischen Zielen und Machtinteressen absolut unterordne? Und nicht zuletzt: Wie sei es möglich gewesen, dass das große Thema „Zins“ beziehungsweise die umfassendere Riba-Thematik sowie die dritte Säule des Islam, die Zakat, und deren Handhabe fast gänzlich aus dem Blickfeld der muslimischen Umsicht und Sorge geraten sei, während alle Aufmerksamkeit an relativ unbedeutenden Detailfragen hängen bleibe?

Moschee, Markt und Stiftungen (arabisch Auqaf) lagen in der muslimischen Geschichte, örtlich immer eng beieinander. Unmittelbar nach Erbauung der Moschee schuf unser Prophet Muhammad, Friede und Segen Allahs sei auf ihm, einen Markt nach muslimischen Maßstäben – ohne Zins und Wein. Nachdem dieser zerstört wurde, kaufte er Land, sprang darauf und rief aus: „Das ist Euer Markt, verweigert niemand den Zugang darauf und erhebt darauf keine Steuer!“ Schon dieser Akt erlaubt höchst interessante Rückschlüsse auf ein muslimisches Wirtschaften. Alte Stadtpläne aus muslimischen Ländern, machen klar, dass Moschee und Marktplatz dort immer eng beieinander lagen. Der Ort der Anbetung und der Ort des Verkaufs gehörten in Hochzivilisationen in der Regel zusammen.

Rieger fragte weiter: Könnte es sein, dass infolge der Auflösung der Einheit von Moschee, Markt und Stiftung – also spiritueller, ökonomischer und gesellschaftlicher Angelegenheiten – ein Rückzug des praktizierten Islam auf die Moscheen stattfinde? Dass die Muslime in Konsequenz sogar am Rande einer (kollektiven) Depression stünden und durch die Verarmung des sozialen Lebens einer Zurückgezogenheit in die eigene Existenz – mit allen ihren Folgen – ins Auge sähen? Haben wir aktuell als Einzelpersonen wie auch als Gemeinschaft, fragt er, nicht religiös so wenig Spielraum, dass wir, wie der Tiger im Käfig von Rilkes „Panther“, manisch in immer gleichen Bahnen laufen?

Mit welchen weiteren Konsequenzen nähmen wir diese „Trennung von Ordnung und Ortung“ hin – welche schon in der abendländischen Philosophie des letzten Jahrhunderts als „Nihilismus“ (der „schärfsten Form des Unglaubens“) erkannt wurde? Welche Art von Identität, welches Selbstverständnis resultiere daraus und aus dem weiteren Ausbau dieser Trennung in Form der Erscheinung des Internets? Die „Internetexistenz“ geht nach Rieger mit drei Krisen einher, die er als die des Wissens, der Lehre, und der Erkenntnis bezeichnen möchte. Zwar seien Muslime immer schon global gewesen und man nehme man immer auch Anteil am Schicksal der Menschen und Muslime in anderen Ländern. Da wir uns jedoch durch unsere „Internetexistenz“ heute „permanent nicht am Ort unserer eigentlichen Existenz“ befänden, seien wir heute „überall und nirgends“ dabei.

Nicht um moralische Bewertung gehe es Rieger – oder gar um die weltfremde Illusion der Abschaffung der Technik. Es handle sich für ihn um die Feststellung, ob wir innerhalb eines Gesellschaftsleben ohne sinnvolle Verknüpfung unserer Wirk- und Lebensbereiche und unserer Aufmerksamkeit darin, sowie ihrer Beseelung, noch im Gleichgewicht sind. Ob zum Beispiel „globale Anteilnahme“ nicht eine menschliche Überforderung darstellt. Ob ferner das Leben mit dem Internet ein „ortungsloses Leben“ wäre und was all dies für uns Muslime sowie für die Beachtung unserer muslimische Ordnung bedeute. Als Beispiel nannte er die rechtmäßige und adäquate Verteilung der Zakat (Wohlstandsabgabe) vor Ort?

Foto: gemeinfrei

Foto: gemeinfrei

Andreas Abu Bakr Rieger bezeichnet sich als „Goetheaner“. Ganz allgemein erachtet er die Verwurzelung des europäischen Muslims sowohl im lokalen Sprachraum als auch – über die Beschäftigung mit der „sprachlichen Überlieferung“ – in der Literatur und im europäischen Gedankengut als entscheidend an für das Zustandekommen einer differenzierten, angemessen Perspektive und Identität(-en)findung. Ebenso wichtig sei die Kenntnis der Europäischen Philosophie. Der Staat, die Bank und das Internet seien hier entstanden. Philosophen könnten uns als Zeitzeugen einen in der Tiefe reflektierten und beseelten Spiegel jeder Epoche vermitteln. Vielleicht könnten wir durch die Beschäftigung mit dem Gedankengut der Philosophen besser verstehen, ob und wie uns Technologie in Beschlag nehme. Eventuelle stelle sie auch – genau wie die parallel dazu verlaufende Übertretung des religionsübergreifenden Zins- (oder Wucher-)Verbots – eine Herausforderung gegenüber dem Schöpfer dar.

Für den IZ-Herausgeber sei Goethe von zentraler Bedeutung, da er „an einer bestimmten Stelle in der Geschichte etwas ganz wichtiges für uns Muslime der heutigen Zeit sagt“. Er trete für umfassende Ganzheitlichkeit ein: Man könne die Welt nur verstehen, wenn man versucht, die Zusammenhänge in ihrer Gänze zu erkennen. „Er ist außerdem Weltbürger – Nationalstolz ist für ihn die unterste Stufe der Kultur!“ Der Dichter weise auf den schwerwiegenden Unterschied zwischen Toleranz (Duldung) und Respekt hin.

Außerdem habe er Entscheidendes zum Phänomen und zur Gewinnung von Geld gesagt: Die Möglichkeit, Geld aus dem Nichts zu schaffen, verändere völlig das Verhältnis von Politik und Ökonomie. Schon zu seiner Zeit befürchtete der Dichter, dass die Ökonomie zum Schicksal wird. Das werde im „Faust“ (Goethe II) hellsichtig dargestellt: Dort schlägt Mephistopheles dem Fürsten vor, Papiergeld zu drucken – „die Deckung ist unter der Erde“. Goethe sei Revolutionär gewesen, gleichzeitig aber skeptisch gegenüber Revolutionen und warnte deutlich davor, revolutionären Ideologien zu folgen.

Dennoch müsse heute die Frage gestellt werden, „warum die islamischen Modelle untergegangen sind“. Rieger beantwortet sie unter anderem damit, dass der politische Islam als Reaktion auf die „Macht aus dem Westen, die ganze Erdteile für sich vereinnahmt“ zu verstehen sei. Um die Jahrhundertwende zum 19. Jahrhundert wurden die Staaten in Europa stark: einerseits durch die Entwicklung von Militärtechnik, andererseits durch die Etablierung der Banken. Staat, Militärtechnik und Banken veränderten die Landschaft auf der ganzen Welt. In ihrem Bemühen, bei der technologischen Entwicklung der Moderne mitzuhalten und gleichzeitig ein Gegengewicht zur westlichen Bevormundung im islamischen Raum zu schaffen, versuchten die Muslime geflissentlich, das westliche Modell zu kopieren. Sie wollten mit dem „Islamischen Staat“, die „Islamische Bank“, der „Islamische Atombombe“ ihre Kompetenz beweisen.

Bei den Initiatoren dieser Entwicklung in der „ersten Welt“ (oder „dem Westen“) herrsche nach Ansicht von Abu Bakr Rieger mittlerweile ein beachtliches Maß an Bewusstsein für die Schäden und Nachteile, welche das System geschaffen hat. Es stecke derzeit weltweit in einer tiefen Krise – „man kann es das globale Chaos nennen“. Lösungsansätze, auch wirtschaftlicher Art, gebe es zuhauf – die Zinsthematik werde auch hier angegangen. Beispiele für den IZ-Herausgeber sind die Österreichische Schule oder der Ansatz von Silvio Gesell.

Unterdessen ringen nach seiner Ansicht Muslime in Orient und Okzident um ihre islamische Identität, um den Erhalt ihrer religiösen Grundlagen sowie um Antworten auf drängende und weniger drängende Fragen vom Phänomen der Selbstmordattentate, der Terroranschläge (islamisch natürlich abzulehnen) und ihrer Einordnung auf Scharia-Ebene bis zum Binden des Kopftuchs.

Viel geringere Aufmerksamkeit werde erstaunlicherweise dem Phänomen von Zins und Riba geschenkt. Während sich diese Thematik fast gänzlich der öffentlichen Debatte entziehe, könne man davon ausgehen, „dass etwas von Allah Verbotenes bis zur heutigen Zeit Relevanz besitzen muss. Und in der Tat: Wir können es ruhig die Schicksalsfrage Zinsen nennen“. Schuldenkrisen, Bankenkrise, Börsenblasen – immer mehr Geld und immer mehr Schulden. Die ungeheure Verschuldung der Staaten und der Abzug des Kapitals aus krisengefährdeten Stellen sei weltweit zum unlösbaren Problem, der Zins zum Symbol für eine Sackgasse geworden. „Kein Land heutzutage ohne Zentralbanken und Geldschöpfung aus dem Nichts!“

Nicht von ungefähr betont Abu Bakr Rieger immer wieder die Relevanz der ökonomischen Frage. Für ihn ist sie keine Randerscheinung; keine Sache, die losgelöst von anderen Inhalten zu behandeln wäre. Sie könnte im Gegenteil durchaus eine Schlüsselfunktion von immenser Sprengkraft beinhalten. Nicht zuletzt, so Rieger, sei auch unser Wissen um die Allmacht Gottes davon betroffen. Jegliche Macht, alles was „die Welt im Innersten zusammenhält“, werde seit Menschengedenken dem Göttlichen zugeordnet; sei für den gläubigen Muslim einzig bei Gott, Allah. Egal, ob es sich um einen Vogel oder um ein Flugzeug handle, um „Natur“ oder um technische Errungenschaften. Die Macht darüber, etwas ins Leben zu rufen und darüber zu verfügen, „ist und bleibt zur Gänze bei Gott, dem Erhabenen“.

„De Facto aber beobachten wir heutzutage“, so Abu Bakr Rieger, „dass auch diese Allmacht im menschlichen Bewusstsein zunehmend als säkularisiert, also geteilt, empfunden wird“. Sie werde nun auch dem Staat, der Bank, dem Internet (Big Data – die ständige Beobachtung – eine „neue Form des Ihsan“?) zugeordnet. „Keine Kraft, noch Macht außer bei Allah. Wir geraten massiv aus der Balance, wenn wir Quellen der Macht anderswo vermuten.“

Rieger fragt zum Schluss, wovon wir als europäische Muslime zehren, an welcher Debatte wir uns sinnvoll beteiligen und wozu wir eigentlich aufrufen. Wollen wir einen „besonders bekömmlichen und soften Islam“? Die Antwort müsse hier sein: „Nein, es kann nur einen korrekt praktizierten Islam geben.“ Einen Islam auf der Grundlage der fünf Säulen – fernab einer Dialektik zwischen liberal und konservativ. „Out of Balance“ meint nicht, dass man den Islam ganz verlassen habe. Vielleicht seien wir auch als Mainstreammuslime etwas aus dem Gleichgewicht geraten…

„Ich persönlich glaube“, so der IZ-Herausgeber abschließend, „wir können die Balance wieder finden, wenn wir den Mittelweg gehen – weder Ideologie, noch Esoterik. Wenn wir uns bilden. Islam, Iman und Ihsan wieder aktiv praktizieren. Wir brauchen gute Nachbarschaft, gute Orte – Moscheen, Stiftungen, Marktplätze. Wir sollten eine neue Kultur stiften. Unseren Intellekt bemühen, um den Bedeutungszusammenhang der Welt, in der wir leben, in Gänze zu erfassen. Neue Infrastruktur, um aus unserem ‘panterhaften’ Gefängnis auszubrechen und miteinander zu interagieren. In diese Richtung würde ich gerne mit möglichst vielen Leuten gehen….“

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Sumaya Mohamed-Wegenstein

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