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Was uns noch trennt in Ost und West

30 Jahre Mauerfall: Geschmackliche, wirtschaftliche und andere Grenzerkundungen

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Foto: Superikonoskop, via Wikimedia Commons | Lizenz: CC BY-SA 3.0

Derzeit begeht man das Jubiläum nachdenklicher als früher. Neben die Euphorie über das Voranschreiten der Wiedervereinigung tritt der Blick auf die weiterhin bestehenden Grenzverläufe. Von Karin Wollschläger

Leipzig (KNA). Auf 30 Jahre Mauerfall und Überwindung der innerdeutschen Teilung muss man mit „Rotkäppchen“ anstoßen. Es ist das grenzüberwindende Getränk schlechthin. Anfang der 2000er Jahre verleibte die Sektkellerei aus dem Osten sich als erstes ehemaliges DDR-Unternehmen einen westdeutschen Konzern ein: die Sektkellerei Mumm. „Rotkäppchen“ trinkt man im Osten wie im Westen gern. Keine Selbstverständlichkeit. Anhand etwa der Vorliebe für „Choco Crossies“ (West) oder „Knusperflocken“ (Ost) lässt sich geschmacklich die deutsch-deutsche Grenze noch bemerkenswert deutlich nachschmecken. Ein Praxistest erheitert jedes ost-westdeutsche Beisammensein.

Und so wie berufstätige Eltern im Westen, vor allem in ländlichen Regionen, vergeblich nach auch nur annähernd so flächendeckenden und flexiblen Kinderbetreuungsmöglichkeiten wie im Osten suchen, sucht man im Osten vergeblich nach Dax-Konzernen. Durch die teils massenhafte Abwanderung von Ost nach West leben in Ostdeutschland nicht nur deutlich weniger Menschen, die Region altert auch schneller: Der durchschnittliche Ostdeutsche (47 Jahre) ist drei Jahre älter als der durchschnittliche Westdeutsche (44 Jahre).

Zwischen Ost und West besteht weiterhin ein deutliches Lohngefälle. Wer etwa als Weihbischof aus dem Westen zum Diözesanbischof im Osten aufstieg, hatte mitunter erstmal weniger im Gehalts-Klingelbeutel. Zugleich können sich Frauen freuen: Die Regionen, in denen sie mehr verdienen als Männer, liegen alle in Ostdeutschland, etwa in Cottbus. Dort liegt das durchschnittliche Gehalt von Männern bei 2.398 Euro und von Frauen bei 2.814 Euro.

So deutlich wie vielleicht in keinem Jubiläumsjahr zuvor wird im 30. Jahr des Mauerfalls immer wieder betont, dass die deutsche Einheit noch längst nicht vollendet ist. So sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel am 3. Oktober in Kiel: „Die Einheit der Deutschen, ihr Einigsein, das war am 3. Oktober 1990 noch nicht vollendet, und das ist es bis heute nicht.“ Zwar seien alle Deutschen heute „mit ihrem Leben insgesamt zufriedener als zu jedem anderen Zeitpunkt nach der Vereinigung“, aber zur Bilanz zähle auch, „dass sich die Mehrheit der Ostdeutschen in der Bundesrepublik als Bürger zweiter Klasse fühlt“.

Am meisten hat sich dies Faktum parteipolitisch die AfD zunutze gemacht, erklärt der Religionssoziologe Gert Pickel. Er ist Vorstandsmitglied des Kompetenzzentrums Rechtsextremismus- und Demokratieforschung der Universität Leipzig. Die AfD habe mit einer „Pro-Ost-Kampagne“ das Benachteiligungsgefühl gezielt aufgegriffen: „Bei den Linken sehen viele Ostdeutsche das Thema nicht mehr so gut verankert. Die AfD gibt hier den Ostdeutschen ein bisschen Identität zurück und das in der Mischung mit der Ablehnung von Migration und Islam.“ Dabei sei schon bemerkenswert, „dass die gesamte Elite der AfD aus dem Westen kommt“.

Das Fehlen von Ostdeutschen in Spitzenpositionen in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kirche wiederum ist ein Phänomen, das nach 29 Jahren Wiedervereinigung den Ruf nach „Ostquoten“ lauter werden lässt. Dabei ist es durchaus so, dass es einzelne ja bis nach ganz oben geschafft haben: allen voran Bundeskanzlerin Merkel, dann Joachim Gauck als Bundespräsident (2012-2017), der frühere sächsische Staatsminister für Kunst und Bildung, Hans-Joachim Meyer, als prägender Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) von 1997 bis 2009 oder der Dresdner Prälat Helmut Puschmann, der von 1991 bis 2003 Präsident des Deutschen Caritasverbands war.

Fast möchte man meinen: Wir waren schon mal weiter. Inzwischen sind von den über 60 Mitgliedern der katholischen Deutschen Bischofskonferenz nur mehr drei ostdeutsch sozialisiert. In der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist es auf Bischofsebene mit dem mitteldeutschen Landesbischof Friedrich Kramer nur ein einziger. Wer nach den Gründen dafür sucht, erntet meist nur Achselzucken. „Es wächst zusammen, was zusammengehört“, kommentierte Willy Brandt (SPD) seinerzeit 1989 den Mauerfall. Wie’s scheint, zieht sich die Wachstumsphase noch ein Weilchen.

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