IZ News Ticker

Welche Fatwa darf es sein?

Bei den Begrifflichkeiten entstehen Missverständnisse im Gespräch, meint Wolf Ahmed D. Aries

Werbung

Foto: Archiv

(iz). Die seit Jahren andauernde Diskussion um die sogenannte islamische Theologie (Ilm al-Kalam) verschattet die Tatsache, dass sich der schlichte Ali Normalverbraucher wenig bis gar nicht um die intellektuellen Diskurse kümmert. Und jene, die an den bekannten fünf Universitäten studieren, hören nebenher und privat andere Gelehrte, die an den anerkannten Hochschulen Nordafrikas oder Arabiens studierten; oder sie entscheiden sich für eines der ergänzenden Studien an einer türkischen, saudischen oder anderen Hochschule.

In den Moscheen ist davon nichts zu spüren. Die freitägliche Khutba wird von den zugereisten Imamen oder im Notfall von einem der Älteren in der Gemeinschaft gehalten. Wenn jemand ein Problem hat, dann wendet er oder sie sich an eben den Imam beziehungsweise eine ältere Person seines Vertrauens. Und wer die hiesigen Bildungswege durchlaufen hat, stimmt nicht immer den Auskünften zu, die er in seiner Moschee erhält. Zuhause klappt er dann den Laptop auf, um nach einem Gelehrten zu fahnden, dessen Fatwa ihm eher liegt.

Manche der Jüngeren fragen auch gar nicht mehr. Christliche Dialogpartner und Ministeriale in den Kultusministerien sind hierüber irritiert, weil sie aus der Tradition des ­Christentums – oder sollte man besser schreiben – der vielen Kirchen jeweils nur eine korrekte Antwort kennen, die sich meist problemlos in einem juristischen Text zusammenfassen läßt. Wir Muslime haben keinen Bischof beziehungsweise Patriarchen, sondern Gelehrte, die sich oft eine Webseite zugelegt haben. Und wenn sie es nicht selber taten dann taten es ihre Schüler.

Die so bestehende Vielfalt gibt es seit Jahrhunderten in der Umma und die Muslime leben mehr oder weniger friedlich mit ihr; denn die Rechtsschulen sind keine Kirchen, sodass „gemischte“ Ehen normal sind. Und so gibt es in den muslimischen Minderheiten keine aggressiven Konflikte, die auf die Rechtsschulen zurückzuführen gewesen wären.

Beim Stichwort Fatwa werden jedoch die meisten säkularen und christlichen deutschen Beamten misstrauisch, weil sie meinen, dass die unter Muslimen rechtsverbindliche Auskunft grundsätzlich in Konkurrenz zum staatlichen Recht stünde. Nur, die Reinigung vor dem Gebet oder nach dem körperlichen Zusammensein interessiert kein demokratisch parlamentarisches Gremium. Wer sich die im Internet ausgedruckten Urteile ansieht, der mag sich über die Spannbreite der Fragen wundern, weil es keinem nichtmuslimischen Europäer einfallen würde, beispielsweise eine Frage nach der persönlichen Hygiene zu stellen.

Doch Muslime sind Orthoprakriker. Das heißt, ihnen ist das rechtgeleitete Tun wichtig. Für Muslime gibt es daher (theologisch) kein säkulares Tun. So kaufen sie kein Schweinefleisch beziehungsweise Produkte, die es enthalten oder mit ihnen in Berührung kamen, oder sie gehen nach Büroschluss nicht noch auf ein Bier in die nächste Kneipe. Die Konsequenz ist allzu häufig, dass der soziale Kontakt mit den nichtmuslimischen Kollegen sich auf den Arbeitsplatz oder das Arbeitsleben beschränkt. Dies gilt auch für die  freundschaftlichen abendlichen Skat- beziehungsweise Doppelkopfrunden. Selbstverständlich haben sich manche der zweiten oder dritten Generation in gewissem Umfang an die Gewohnheiten ihrer deutschen Freunde angepasst, doch die Mehrheit käme nicht auf die Idee, einen Gelehrten zu fragen, wie es mit dem Bier in einer solchen Runde sei. Man trinkt es nicht.

Es gehört zur Ordnung des muslimischen Diskurses, mehr als einen Gelehrten oder eine Person des Vertrauens zu fragen und sich umzuhören, was andere sagen. Wenn man sich jedoch für die Meinung eines Gelehrten entschieden hat, dann, so ist die allgemeine Haltung, muss/sollte sich der Gläubige an dieses Urteil halten. Manche Gelehrte meinem, dass man zur strikten Befolgung verpflichtet sei. Je nach dem eigenen Standpunkt oder der Rechtsschule, an die ein Gläubiger sich gebunden fühlt, ist daher eine Fatwa „nur“ eine Empfehlung und kein juristisches Urteil im europäischen Sinne. Und die Offenheit des Netzes unterstützt nicht nur diese Haltung, sondern „verführt“ zum bewussten Suchen, aber ebenso zur Beliebigkeit, welche die selbsternannten „Reformdenker“ zu immer wieder erstaunlichen, insbesondere (sozial-)politischen, Aussagen anregen – wie etwa zum Kopftuch.

Unabhängig davon stellt sich die Frage, wie ernst der Fragende die erhaltende Antwort nimmt. Das hängt nicht allein von seiner Gläubigkeit ab und seiner Haltung zu dem, was er nach seinem Tode erwartet, sondern ebenso von der gelebten Normativität, also dem Alltag seiner Umgebung ab. Mouhanad Khorchides Überlegungen, die Barmherzigkeit Gottes unter den göttlichen Eigenschaften zu betonen, sollte entgegen aller Protestebeachtet werden. Dieser eschatologische Aspekt wird in den (Präventions-)Diskussionen entsprechend der hier üblichen Säkularität gerne übergangen.

Daher sehen sich zum Nachdenken, das heißt, zur Reflexion neigende fromme Gläubige vor der Herausforderung einer jeden Fatwa, indem sie ihr verantwortlich gegenüber handeln und den erforderlichen Respekt gegenüber dem Fragenden sowie dem Auskunftgebenden zum Ausdruck bringen.

The following two tabs change content below.
Wolf D. Ahmed Aries

Wolf D. Ahmed Aries

Wolf D. Ahmed Aries

Neueste Artikel von Wolf D. Ahmed Aries (alle ansehen)

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen