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Welche Rolle spielt die ­Futuwwa?

Denken und die Praxis: ­Antworten auf aktuelle Fragen und ­Heraus­forderungen. Von Massouda Khan

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Foto: Nashmia Khan

„Der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: ‘Der starke Mann ist nicht der gute Ringer. Sondern der starke Mann ist derjenige, der sich kontrolliert, während ihn die Wut befällt.‘“ (überliefert von Al-Bukhari und Muslim)

(iz). Vor wenigen Wochen reagierten Muslime, insbesondere und gerade jüngere Männer, begeistert auf den Sieg des russisch-muslimischen „Käfigkämpfers“ Khabib Nurmagomedov über seinen rüden irischen Kontrahenten in einem UFC-Match. Die Genugtuung der Tastaturjockeys war nicht nur dem Spektakel als solchem geschuldet. Offenkundig hatten viele den Eindruck, der Kaukasier hätte – quasi für sie gleich mit – die Rolle übernommen, die vermeintlich verletzte „Ehre“ aller Muslime wieder herzustellen.

Ungeachtet dessen, ob der, sicherlich respekterheischende Athlet hier für andere oder nur seinen eigenen Geldbeutel im Ring stand, bietet dieser Vorgang auch die Chance, über den heutigen Stand von Männlichkeit nachzudenken. So schrieb IZ-Chefredakteur Sulaiman Wilms nach dem Kampf in den sozialen Netzwerken: „Ich frage mich, ob die verbreitete Begeisterung (…) auch der halb-unbewusste Wunsch nach einem übersichtlichen Männlichkeitsideal in einer unübersichtlichen Welt ist. Hier trifft der muslimische Mann auf den islamophoben Gegner und darf ihn (…) körperlich besiegen. Hier muss nicht differenziert werden und man ist eins mit seinem Selbstbild.“ Es habe den Anschein, so Wilms weiter, dass „viele die, für echte Männlichkeit nötige, Härte gegen sich und sein Selbst mit der Härte gegen andere verwechseln“.

Es wäre ein Leichtes (und auch recht billig), bloß den real existierenden Machismo junger muslimischer Männer zu beklagen. Oder sich aufzuregen, durch solche (Vor-)Bilder wie Nurmagomedov würden bestehende Vorurteile einer gewaltaffinen Religion nur noch mehr bestätigt. Es braucht – wie bei jeder Kritik – auch viel mehr Alternativen und andere praktische Modelle, an denen sich junge Muslime und ihre Gemeinschaften orientieren können.

Und die gibt es durchaus. Sie halten nur leider bisher in das Gespräch der deutschen Muslime sowie ihrer Praxis noch viel zu wenig sicht- und spürbaren Einzug. Dass es eine andere Welt jenseits vermeintlich „echter“ Männlichkeitsideale gibt, wird aus der islamischen Weisheitslehre ersichtlich. So erinnern die Sufi-Schaikhs ihre Schüler durch die Einsicht „die ganze Tariqat ist Adab (spirituelle Höflichkeit)“ daran, dass es nicht um abstrakte Konzepte geht, sondern um eine Wirklichkeit, die sie leben müssen. Entscheidend ist hier für uns der Adab, der sich vielleicht am besten mit „spiritueller Höflichkeit“ übersetzen ließe, um ihn von „Höflichkeit“ im Sinne äußerer, sozialer Konventionen zu unterscheiden. Seine Quelle ist das Herz, das intuitiv und ohne Androhung von Zwang richtig handelt.

Ein Beispiel für dieses intuitiv richtige Handeln im richtigen Augenblick findet sich im Kontext der Offenbarung eines qur’anischen Befehls. Nachdem in Medina der Teil des Qur’an zum ultimativen Verbot von Alkohol offenbart wurde, gossen die Menschen nächtelang ihren verbliebenen Wein in die Straßengräben. Das geschah nicht in Folge einer Zwangsmaßnahme, sondern war die Reaktion, nachdem die Herzen der Gläubigen von dem Verbot hörten.

Eine eminent wichtige Manifestation des Adabs ist die praktische Wissenschaft der Futuwwa. Gelebt und verwirklicht wurde sie traditionell in den muslimischen Zivilisationen von jungen Muslimen beiderlei Geschlechts (wobei sie nicht auf eine Altersgruppe beschränkt ist). Ihnen stand oft ein Meister vor. Welchen Einfluss diese Futuwwa auf die Zivilgesellschaft hatte, belegen beispielsweise die Reisebeschreibungen des Nordafrikaners Ibn Battuta aus Kleinasien.

Die Quelle und das Vorbild für Adab ist das prophetische Phänomen. In einem Vortrag führte der damalige Imam der großen Moschee von Granada, Schaikh Muhammad Al-Kassabi, in die Verbindung zwischen Prophetentum und Adab ein. Guter Charakter (Makarim Al-Akhlaq) ist, so der Gelehrte, eine der wichtigsten Eigenschaften der Propheten und Gesandten. „Und er ist das einzige Mittel, durch das die höchsten Rangstufen erreicht werden können.“ Allah habe unseren noblen Propheten durch die Beschreibung seines vollkommenen Charakters gelobt, indem Er sagte: „Du hast wahrlich einen großartigen Charakter.“ (Al-Qalam, Sure 68, 4)

Der Gesandte Allahs habe seinen Gefährten diesen guten Charakter – und damit die Futuwwa – eingepflanzt. Und sie ermutigt, starke Bänder der Bruderschaft untereinander zu knüpfen. Die Übernahme dieser Charaktereigenschaften wird uns am Tag der Auferstehung nahe zum Propheten bringen. Er sagte zu seinen Gefährten: „Soll ich euch sagen, wer mir von euch am liebsten ist und wer neben mir am Tag der Auferstehung am nächsten sein wird?“ Sie antworteten: „Bitte, sag es uns.“ Er entgegnete: „Diejenigen, die den besten Charakter haben.“ Der Prophet ermutigte seine Gefährten dazu, die Qualitäten der Futuwwa zu verkörpern und andere sich selbst vorzuziehen.

Abu Sufjan Ath-Thauri, ein bekannter Gelehrter der muslimischen Frühzeit, wurde nach Futuwwa befragt. Seine Antwort lautete, sie sei „Verstand und Bescheidenheit. Ihr Kopf ist der Schutz vor falschen Handlungen. Ihre Schönheit sind Nachsicht und Adab. Ihr Adel sind Wissen und Gewissenhaftigkeit. Und ihre Juwelen und Schmuck sind das Festhalten am Gebet zu seinen Zeiten, die gute Behandlung der Eltern, die Aufrechterhaltung der Verwandtschaftsbeziehungen, jemandem etwas Gutes zu tun, der Schutz des Nachbarn, das Festhalten an der Gemeinschaft, das Sprechen von ruhigen und freundlichen Worten sowie die Erwiderung von Grüßen“.

In einem längeren Aufsatz spricht der zeitgenössische Gelehrte Schaikh Dr. Abdalqadir as-Sufi über ihre höchsten Möglichkeiten. Sie sei „ein Begriff dessen, was Tauhid (das islamische Einheitsdenken, die Einheit Allahs) mit einem Menschen macht. (Was geschieht,) Wenn ein Muslim das Wissen des Tauhids annimmt“. Sie ist ein technischer Begriff, der sich natürlich aus dem Qur’an ableiten lässt. „Die Futuwwa ist eine Art Nobilität. Die Leute übersetzen sie mit Ritterlichkeit, aber sie hat nichts mit Pferden zu tun. Sie handelt von der höchsten Möglichkeit oder Qualität für die Diener Allahs.“ Seine sprachliche Wurzel habe die Futuwwa im arabischen „Fata“, was sich mit „Jugend“ übersetzen lässt. Der Plural ist „Fatjan“. In mehreren qur’anischen Versen spielt das Wort in seinen Abwandlungen eine wichtige Rolle.

„Im Qur’an werden drei Aspekte angesprochen, welche die Grundlage der Fata – die jungen Männer des Wissens und der spirituellen Nobilität – bilden. Und so beziehen sich die qur’anischen Stellen auf die Leute in der Höhle, die keinen Götzendienst leisten wollten, sondern es vorzogen, in der Höhle zu bleiben, anstatt die Einheit Allahs zu leugnen. Die Offenbarung bezieht sich auch auf den Propheten Ibrahim, Friede sei auf ihm, der seinen Verstand zur Zerstörung des Schirk (Allah Partner beizugesellen) der Götzenanbeter in seiner Demonstration des Tauhid nutzte. Und auf den Diener unseres Meisters Musa, Allahs Frieden auf ihm, der ihm bei der Erreichung seines Ziels half. (…) Futuwwa – Vornehmheit – ist eine Tür zur Rechtleitung“, schreibt der Schaikh.

Imam As-Sulami hat in seinem Buch über diese praktische Wissenschaft einige Charaktereigenschaften aufgeführt, die ihren Praktizierenden zu eigen sind. Die Leute der Futuwwa bringen Freude in das Leben ihrer Gefährten und erfüllen deren Bedürfnisse auf jede erdenkliche Art und Weise. Sie übersehen Ungerechtigkeiten, die sie von anderen erleiden müssen und bemühen sich um Gerechtigkeit für andere Menschen. Sie sind großzügig. Sie sind gastfreundlich und laden die Menschen ein, mit ihnen zu essen. Sie halten ihr Wort und beschützen, was ihnen zur Aufbewahrung anvertraut wurde.

Abu Hafs An-Nischaburi war ein großer Praktiker dieser Wissenschaft. Zur gleichen Zeit war er einer der großen Juristen der Madhhab von Imam Ahmad Ibn Hanbal. In einer Moschee in Bagdad wurde er von Imam Dschunaid nach Futuwwa befragt: „Für mich besteht die Futuwwa aus dem geradlinigen Verhalten und dass du niemanden um irgend etwas bittest.“

Futuwwa ist von zentraler Bedeutung, wollen wir den Sinn und Zweck unseres Dins verstehen. Das wird auch nicht dadurch vermindert, dass Muslime den Begriff, seine Wissenschaft und ihre Wirklichkeit aus den Augen verloren haben. Denn am Ende geht es darum, dass unser Handeln und unsere Zustände eine transformierende Wirkung auf uns und unser Umfeld haben. Ansonsten bleiben bloße Worte und Ansprüche. Aus diesem Grund sagte der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben: „Ich wurde nur entsandt, um guten Charakter zu perfektionieren.“ Seine Ehefrau ‘Aischa sagte, dass der Charakter des Propheten der Qur‘an war. „In anderen Worten, er verkörperte die guten Eigenschaften des Charakters, der von Allah in Seinem Buch gepriesen wird. In diesem Verständnis betrifft die Futuwwa einfach nur die Nachfolge der Sunna des Gesandten Allahs“, schrieb der englische Gelehrte Schaikh Abdalhaqq Bewley vor einiger Zeit.

In den gesichtslosen Betonschluchten am Rande Köln, Hamburgs oder Berlins, in den ebenso wenig inspirierenden „Hinterhofmoscheen“ oder gar im Internet gibt es weder Raum noch Vorbilder, wo junge und junggebliebene Muslime die Realität der Futuwwa erleben können. Wo also findet sich diese Futuwwa, über die wir hier gesprochen haben? Einer dieser Orte, an dem dies ermöglicht werden soll, ist die Wazania-Akademie im marokkanischen Larache. Gegründet wurde die Bildungseinrichtung für muslimische Mädchen aus Europa von der Britin Fatima Dennis.

Über die Rolle der Futuwwa in ihrer Schule sagt Fatima Dennis: „Wegen ihrem Wesen umfasst diese Disziplin die Gesamtheit des Schullebens und das Gemeinschaftsleben im Allgemeinen. Daher nutzen unsere LehrerInnen jede Möglichkeit zur direkten Transmission der Futuwwa. Sie ist die traditionelle islamische Praxis, junge Leuten für die Werte der Höflichkeit, des Dienstes am nächsten, Edelmut, Geduld, Selbstlosigkeit, Mut, Empfänglichkeit für Schönheit, wahrhaftige Rede, Loyalität und Großzügigkeit empfänglich zu machen.“

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Massouda Khan

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