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Wenn Klassik und Romantik sich vereinen

Ramadan: Dem Endlichen einen unendlichen Schimmer zu verleihen, bedeutet die Welt zu poetisieren. Von Ahmet Aydin

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Foto: Wikimedia Commons | Lizenz: Gemeinfrei

„Bei den Alten war die Religion schon gewissermaßen das, was sie uns werden soll – praktische Poesie.“ (Novalis)

(iz). Elf Monate sind wieder um – was haben wir Muslime von unseren Vorsätzen, die wir letztes Jahr gefasst haben, realisiert? Was haben wir im letzten Jahr angehäuft: Seelisches oder materielles Kapital oder gar beides? In meinem Artikel vom letzten Jahr „Das Fasten ist ein Heilmittel gegen den Konsum“ zitierte ich Sajjiduna Rumi: „Oh Sklave, du hast ‘Brot’ verstanden, nicht ‘Weisheit’, als Allah zu dir gesagt hat: ‘Esset von Seiner Versorgung’.“

Ich habe dieses Jahr versucht Weisheit zu verstehen. Weisheit bedeutet Erziehung zu einem vollkommeneren Menschen Das heißt: Bin ich heute geduldiger als letztes Jahr oder echauffiere ich mich noch immer über die Verhaltensweisen anderer? Habe ich die Furcht vor Armut in meinem Herzen mit Ehrfurcht vor ­Allah eintauschen können? Frage ich mich, bevor ich etwas tue, ob es profitabel ist oder frage ich mich, ob die von mir anvisierte Handlung Allah, dem Schönen, Der das Schöne liebt, gefällig ist? Denke und handle ich schöner als zuvor?

Das ist Ramadan: Er ist Transformation vermittels Erziehung. Triebe, Neigungen, die Sinnlichkeit wird geschwächt, indem ihr die Kraftzufuhr verwehrt wird. – Wie oft greifen wir täglich zu einem kleinen Snack? Wer kann von sich behaupten, dass er ganz genau weiß, was er wann zu sich nimmt, und dass er weiß, wie seine Nahrung zubereitet wurde und was die Inhaltsstoffe wirklich sind? Im ständigen Zustand der Sättigung, manchmal gar der Übersättigung und in ständiger Furcht nicht das essen zu können, wonach wir Lust haben – das ist unser kläglicher Zustand. Ist das menschlich? „Ein unsichtbarer Feind ist’s, den ich fürchte, / Der in der Menschen Brust mir widersteht.“ (Schiller)

Dieser unsichtbare Feind ist die Summe aller Gelüste, Neigungen, Triebe – von Allahu ta’ala wird er im Qur’an Nafs Ammara genannt. Das Fasten wirkt dadurch erzieherisch, dass es dem Nafs Ammara die Kraft raubt sich aufzubäumen. Undankbar wird der Fastende nicht sein. Er ist dankbar für die Anstrengung, dass jemand in der Küche steht; dankbar für einen Schluck Wasser und mancher sogar für ein Stück Brot… dadurch erzieht der Fastende sich zur Dankbarkeit. Die charakterliche Schwäche der Undankbarkeit wird getilgt. – Für den Moment. – Die Kunst ist es, auch nach dem Ramadan die gewonnenen charakterlichen Qualitäten beizubehalten. „Mensch werden ist eine Kunst“, lehrt uns unser bisher nicht hoch genug gewürdigte Nationaldichter Novalis.

Es kommt darauf an die Neigungen, die man besitzt zu veredeln, nicht sie gänzlich auszulöschen: „Neigungen zu haben und sie zu beherrschen, ist rühmlicher, als Neigungen zu meiden.“ (Novalis) Das morgendliche Aufstehen zum Suhur, der Schul-, Uni- und Arbeitsalltag, die alltäglichen Gedanken, die Freude auf das Abendessen, der Gang in die Moschee, das Zusammentreffen mit Freunden, die wie Brüder und wie Schwestern sind – alles gewinnt plötzlich an Wert – es scheint außergewöhnlich!

Doch was ist es, wenn wir es mit kühlem Verstand betrachten? Unterbrechung des Schlafes, Essen zu unchristlicher Stunde, erschwerte Arbeitsbedingungen, Müdigkeit usw. – wieso gewinnt das alles an Wert, obwohl alles erschwert wird? – Weil sich unsere Seele leicht fühlt. Wir fühlen das Dasein unserer Seele, das Dasein des Humanen in uns, wir fühlen uns über das Körperliche erhaben – wie Engel! Ja, sogar noch erhabener, denn: „Der, dessen Intellekt seine Begierde überkommt, ist höher als die Engel, und der, dessen Begierde seinen Intellekt überkommt, ist niedriger als das Vieh.“ (Ru­mi, möge Allah ihm gnädig sein)

Der Ramadan wirkt erzieherisch, indem er die sinnlichen Kräfte des Körpers und die egoistischen Kräfte der Gefühle abschwächt; dadurch erwachen die ­übersinnlichen Kräfte der Seele und die altruistischen Kräfte der Gefühle. Das Individuum wird universalisiert, indem es teilnimmt am Schicksal Bedürftigerer: Aus dem Dir und Euch wird ein Wir und ein Uns. „Wir sind auf einer Mission: Zur Bildung der Erde sind wir berufen.“ (Novalis) Wie wollen wir die Erde bilden, wenn wir uns nicht als Wir auf dieser Erde wahrnehmen? Das Fasten ist ein ­erzieherisches Mittel das Gefühl des Wir hervorzubringen.

In seiner Wirkung ist der Ramadan klassisch und romantisch zugleich: Dadurch, dass er die Humanität in uns ­herauskehrt, wirkt er erzieherisch und dadurch, dass er unseren alltäglichen Handlungen einen sakralen Schimmer verleiht, wirkt er romantisch. Romantisch im ursprünglichen Sinn: „Die Welt muss romantisiert werden. So findet man den ur[sprünglichen] Sinn wieder. Romantisieren ist nichts anderes als eine qualit(ative) Potenzierung. Das niedre Selbst wird mit einem bessern Selbst in dieser Operation identifiziert.“ (Novalis)

Der erste Schritt dieser „Operation“ ist die Abschwächung. Nur wer die Stimme seines „bessern Selbst“ erhört, indem er die Stimme seines „niedre(n) Selbst“ dämpft, kann leisten, was jetzt folgt: „Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem End­lichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.“ (Novalis)

Das morgendliche Aufstehen ist keine Schlaflosigkeit mehr, es ist ein Bei­sammensein mit Allah, al-Wadud – dem Liebenden! Er, im Sinne seiner Barmherzigkeit, steigt hinab und ist zugegen während der Nahrungsaufnahme. „Der Schlaf des Fastenden ist Gottesdienst (arab. ‘Ibada), sein Schweigen Gottes­gedenken, seine Handlungen werden ­vervielfacht …“ Der außergewöhnlichste aller Menschen, ­Muhammed, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, verlieh ­allen endlichen Handlungen einen unendlichen Schimmer.

Doch bevor wir diesen Zustand einnehmen können, muss unser Nafs AmmarA, das niedere Selbst, durch Abschwächung in den Dienst unseres Nafs Mutmain, dem höchsten Selbst, gestellt werden. Wenn dieser erste Schritt der Operation – wir nennen diesen den klassischen Schritt – nicht vollzogen wird, so ist der zweite Schritt – wir nennen diesen die Romantisierung – unmöglich. Wer den zweiten vor dem ersten Schritt vollzieht, der lebt in einer verzerrten ­Realität; er läuft Gefahr sich in Tagträumereien zu verlieren, die keinen Halt in der Realität haben. Er läuft Gefahr sich vor lauter Individualität im Egoismus zu verlieren. Das Ich muss erst zum Wir werden, damit die Romantisierung der Welt der Gesellschaft dienlich ist. Ohne jenes klassische Element fehlt es dem­ Romantischen an Substanz.

Dem Endlichen einen unendlichen Schimmer zu verleihen, bedeutet die Welt zu poetisieren. Alles durch und durch Alltägliche wird plötzlich außergewöhnlich. Der Schlaf des Fastenden ist Gottesdienst; Gottesdienst bedeutet Lohn im Jenseits. Einen Menschen ­anzulächeln ist schön, es (mit Kants Worten) „reine(m) Willen“ zu tun, romantisiert die Tat; denn „das Lächeln ist eine Spende“, lehrt uns der Gesandte Allahs, lehrt uns die Lehre des Paradieses. Die endliche Handlung des Lächelns wird verewigt, indem ich sie mit reinem Willen ausführe. Produktivität vermittels Lächeln, vermittels Essen, vermittels Gebet und noch viel mehr! Wer in die Schule geht, weil: „Sind solche die wissen, denen gleich, die nicht wissen?“ (Sure 39, Az-Zumar, 39) oder weil: „Strebt nach Wissen und sei es in China.“ (Hadith), dessen jeder Schritt ist ein Schritt in Richtung Paradies – denn: „Der beste Mensch ist derjenige, der den Menschen am nützlichsten ist.“ (Hadith)

Wie soll jemand den Menschen nützlich sein, wenn er über kein Fachwissen verfügt? Ein Arzt kann den Menschen ohne Fachwissen nicht nützlich sein; ein Poet kann den Menschen ohne Fachwissen nicht nützlich sein; ein Mechaniker; ein Lehrer; ein Elektriker; ein Autobauer; ja ein Ticketverkäufer kann den Menschen nicht nützlich sein, wenn er kein Wissen über die Arbeitsabläufe verfügt. Der Meister darin, dem Endlichen einen unendlichen Schimmer zu verleihen, darin dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Bekannten die Würde des unbekannten Gottes (Allah!) zu geben, sagt: „Allah liebt dasjenige seiner Geschöpfe, das in seinem Beruf geschickt und ein Experte ist.“

In diesem Bewusstsein aufzustehen, zu arbeiten, zu lächeln, zu essen, zu trinken, Freunde zu treffen und für sie da zu sein und ja, auch zu reisen, denn: „Verreist und findet Gesundheit.“ (Hadith), führt zur Seligkeit – Lernt Menschen, Orte und Wissenschaften kennen! Eifert dem ursächlichen Wegbereiter der Romantik, eifert Herder nach: „Meine einzige Absicht ist die, die Welt meines Gottes von mehr Seiten kennenzulernen.“ Sagt nicht Allahu ta’ala: Iqra/Lies! Lies die Welt, das Universum, deine Seele, Menschen und in Büchern! Dies ist eine erweiterte Bedeutung dessen, was Allahu ta’ala uns sagen möchte, so Osman Nuri Topbas Efendi. Dieses ist die „praktische Poesie“ im alltäglichen Leben. Ein nie langweiliger Alltag, da absolut alles den Schimmer des Unendlichen, Al-Bakis, des Ewigen trägt!

Der Ramadan und das Fasten potenziert all diese Gefühle. Er schwächt unsere Bindung an das Irdische und hilft uns, was wir hier scheinbar als irdische Wesen tun, in Äonen mit Freude wieder anzutreffen. Ohne Erziehung des Nafs Ammara, dem niederen Selbst hin zum Nafs Mutmain, dem höheren Selbst, empfindet der Mensch jedoch keine Freude und kein Glück in der Erkenntnis des Göttlichen im Alltag, drum: „Fastet und findet Gesundheit!“ (Hadith) Die Gesundheit des Herzens, um das sich sowohl ­irdische und himmlische Töne tummeln, wird dadurch hergestellt; auf dass die himmlischen Töne erhört werden.

Jeder Mensch ist ein Poet, wenn er nur in seinen alltäglichen Handlungen den hohen Sinn entdeckt, der ihnen innewohnt.

Was uns gewöhnlich scheint, ist Wunder!

Durchdrungen ist’s von Allahs Licht –

Der nicht in Brand gesteckte Zunder

Im Menschenherz verdeckt die Sicht.

Während unser Körper in dieser irdischen Welt weilt, sind es Herz und Geist, die sich in Himmelshöhen bewegen ­können: „‚Ich war‘, sprach der Poet, „bei dir! (…) Verzeih dem Geiste, der, von deinem Lichte / Berauscht, das Irdische verlor!‘“ (Schiller)

Sein Leben nach und nach zu romantisieren, zu poetisieren, vor allem im Ramadan, der poetischsten aller Zeiten, und aus diesem den Schwung für die übrigen Zeiten mitzunehmen, das ist der Sinn des Lebens. Während der Körper bei der Ausführung  alltäglicher Handlungen ist, verewigt das Herz diese Handlungen, ­indem es in ihnen einen hohen, über­irdischen und ewigen Sinn erkennt, der notwendig ist, auf dem Weg der Ver­vollkommnung des Menschen.

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