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Wenn Muslime die Werke und Dramen des großen Dichters studieren. Von Sulaiman Wilms

Warum Shakespeare lesen?

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„Die Dichter können uns sehr viel lehren. Wir hören zu viel auf unsere politischen Ingenieure und Sozialwissenschaftler und nicht genug auf unsere Dichter.“ (Hamza Yusuf)

(iz). Würden wir den lautstarken Vertretern der vermeintlichen Leitkultur (aber auch manchem, negativen muslimischem Ideologen) Glauben schenken, dann gähnt zwischen den Muslimen und der europäischen Kultur ein tiefer Abgrund. Allein schon das bestehende Interesse von muslimischer Seite am umfangreichen Werk von William Sha­kespeare, reicht aus um das Gegenteil zu belegen.

Selbst der kulturfernste Mensch tritt auf täglicher Basis in Kontakt mit den größten seiner Sprache. In Deutschland entstammten unzählige Redewendungen der Feder der Klassiker. Doch nur die wenigsten wissen, wo diese geflügel­ten Worte ihren Ursprung haben. Diese quasi alltägliche Erinnerung darf auch William Shakespeare, der größte Dramatiker englischer Sprache, für sich ­beanspruchen.

Shakespeares Sprache
„Der Umfang seines Wortschatzes wird auf 25.000 Worte beziffert“, schreibt Abdullah Luongo, der Shakespeare-Studien lehrt. „Sein eigener Beitrag“ zu seiner Muttersprache belaufe sich „auf beinahe 3.000 neue Worte“. Hinzu kämen „unzählige Sprichwörter, die wir unwillkürlich benutzen, ohne dabei zu wissen, dass sie direkt von ihm“ kämen.

Shakespeares Sprache zeichne sich durch den meisterhaften Gebrauch von Gleichnissen, Metaphern, sowie seiner chirurgischen Genauigkeit und des „mot juste“, des ultimativ passenden Wortes, aus. Gepaart sei dies mit Sprachwitz, Humor und Sprachspielen. „Man wird niemanden finden, der Shakespeare im Gebrauch des Englischen überragen könnte“, schreibt Luongo.

Die Zeit des Klassikers
Shakespeares England war eine Nation, in der Kontakte zwischen den ­Kulturen nicht vollkommen unbekannt waren. Sein Drama „Othello“ war vielleicht eine Reflexion des elisabethanischen Englands. Dies mag ein sozialer Tabubruch gewesen sein, aber, wie der US-amerikanische Gelehrte Hamza Yusuf meint, der Dichter machte hier einen Mohren (Mauren) zu seinem Helden. In jener Zeit unterhielt der Tudorhof enge Verbindungen mit Marok­ko – gegen den gemeinsamen Feind Spanien. „Othello“ wurde erstmals 1604 aufgeführt, wenige Jahre nach 1588, dem Scheitern der Spanischen ­­Armada.

Professor Nabil Matar beschrieb 2004 die Begegnung des elisabethanischen Königreichs mit dem marokkanischen Sultanat: „Als er [der marokkanische Botschafter] in London einzog, bestaunte man die in Weiß gekleideten und mit Turbanen versehenen ­Fremden. Ob Sha­kespeare in der Menge stand, ­wissen wir nicht. (…) Vielleicht erinner­te ihn der Besuch auch an ­seinen ­ver­storbenen Feind George Peele. Elf Jahre zuvor erlebten beide den ersten Englandbesuch eines marokkanischen Gesandten. Peele schrieb mit ‘Die Schlacht von Alcazar’ das erste Mohren/Mauren-Drama. Nach der Ankunft des Botschafters verfasste Shakespeare ‘Othello’, das größte Beispiel dieser Art.“

Auch wenn Shakespeare nicht über den Islam schrieb, so hätte er dies tun sollen, meinte Gray Taylor im „Guardian“. Denn der Islam sei ein wichtiger Bestandteil der Shakespear’schen Welt gewesen und die englischen ­Vorurteile über diesen hätten einige seiner Arbeiten beeinflusst. „Offenkundig las er die 1603 erschienene ‘Allgemeine Geschichte der Türken’ von Richard Knolle. Das heißt, er wusste mehr über die islamische Geschichte und Kultur als die meisten von uns heute.“ In dem Werk des großen Dichters fänden sich Bezüge zum Islam, den Propheten Muhammad, Marokko, die Barbareskenstaaten und Konstantinopel, die Mohren, Türken – mindestens 141 Mal in 21 unterschiedlichen Dramen (wesent­lich häufiger als zu Irland, Schottland, Wales oder Hawaii).

„Auch wenn die muslimische Welt für viele bedrohlich war, so war sie gleichzeitig verführerisch“, meint Taylor über die damalige Lage. Für elisabethanische Engländer, die Geld mit überseeischen Geschäften verdienen wollten, „war das osmanische Reich interessanter als Afrika oder Amerika“. Die Levantegesellschaft, die mit den osmanischen Häfen Handel trieb, wurde zwei Jahrzehnte vor der Ostindiengesellschaft ­gegründet. Und als Englands Händler im 17. Jahrhundert schließlich auf die Märkte Asiens stießen, mussten sie mit den isla­mischen Herrschern Indiens und Indo­nesiens handeln. Angesichts dieser Hassliebe darf es nicht verwundern, dass Shakespeare-Experten weit vor dem 11.09.2001 über die Beziehungen zur muslimischen Welt schrieben. 1964 veröffentliche M.M. Badawi einen Artikel über „Shakespeare und die arabische Welt“.

Unergründlich
Über William Shakespeares ­religiöse Orientierung herrscht Streit. Obwohl seine Mutter dem, zu seiner Zeit in England verbotenen Katholizismus anhing, lässt sich nicht mit letzter Gewissheit sagen, ob er Katholik oder Protestant war. Anders als beispielsweise Goethe oder Tolstoi lässt sich bei ihm auch keine ausgesprochene Nähe oder Verwandtschaft zum Islam dokumentieren.

Nichtsdestotrotz behandelt er spiritu­elle Grundfragen und erkennt das Unsichtbare als Fakt an. Beides macht ihn auch für Muslime faszinierend. An vielen Stellen seines Werkes finden sich Überschneidungen mit qur’anischen Sentenzen. „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als Eure Schulweisheit sich erträumen lässt“, heißt es im „Hamlet“. Dies ähnelt einem Diktum des Qur’ans: „Euch aber ist vom Wissen gewiss nur wenig gegeben.“ (Al-Isra, 85)

Der offenkundige Kernpunkt hier ist eine wesentliche Demut im Angesicht des unergründlichen Kosmos und der Begrenztheit des menschlichen Verstands. An einer späteren Stelle im „Hamlet“ erfahren wir etwas über den privilegierten Status des Menschen: „Welch ein Meisterwerk ist der Mensch! Wie edel durch Vernunft! Wie unbegrenzt an Fähigkeiten! In Gestalt und Bewegung wie bedeutend und wunder­würdig! Im Handeln wie ähnlich einem Engel!“ (Hamlet: 2. Akt, 2. Szene)

„Shakespeares Dramen handeln nicht vom Kampf Gut gegen Böse, noch von einer Welt, in der man entweder ‘mit uns’ oder ‘gegen uns’ ist“, meinte Hamza Yusuf über Shakespeare. „Er weigerte sich, dieses verzerrte Karikatur von Gut und Böse zu zeichnen. Seine Dramen sind dafür zu komplex.“ Wirklich relevant

Luqman Ali, Direktor des Khayaal Theatres, ist der Ansicht, dass Shakes­peare relevant ist: „Als Shakespeare-­Leser bin ich beeindruckt, wie er das Spektrum des menschlichen Selbsts untersucht. Am einen Ende findet sich die Tugend und am anderen das Übel – und dazwischen die Grautöne, die durch beide erzeugt werden.“ Offenbare ­Allah doch im Qur’an: „Wir haben den Menschen ja (zu einem Leben) in Mühsal erschaffen.“ (Al-Balad, 4)

Insofern sich der Qur’an und ein ­großer Teil der islamischen Literatur mit der Selbsterkenntnis beschäftigt, so Luqman Ali, scheint der Bezug zum Shakespear’schen Werk eine natürliche Folge dieses Interesses zu sein. „Aus chronologischer und kultureller Sicht mag mancher eine solche Verbindung als seltsam oder gar unpassend empfinden. Aber dies ist die Folge einer Fokussierung auf Zeitumstände, anstatt sich mit der Essenz zu beschäftigen.“

Der Theaterdirektor ist der Ansicht, dass britische Muslime Shakespeare nicht ignorieren sollten: „Wenn die Muslime interessiert sind, die hohe Sprache dieses Landes zu verstehen und sich darin zu unterhalten, muss Shakespeare sehr wichtig sein.“

Die politischen Dramen
Es gehört zur Tragödie der „Leitkultur“, dass sie – gerade, wenn sie das Gegenteil will – ihre wichtigsten Leistungen banal erscheinen lassen kann. Wer Deutsch studierte, oder im ­Gymnasium belegte, weiß, wovon ich spreche. ­Werden uns die klassischen Werke gelehrt, dann meistens im Rahmen einer akademischen Orthodoxie. Dabei verschwindet ihre Relevanz für unseren Alltag oft. „Der Grund für die Notwen­digkeit der Einbindung der Werke Shakespeares in den allgemeinen Lehrplan besteht darin, dass er in seinen Dramen für unsere Zeit fundamentale Dinge anspricht“, schrieb Hasbullah Shafi’i vor einigen Jahren in der IZ.

Viele Stücke des größten englischen Dramatikers behandelten die Grundfragen Politik, Krieg und Frieden, zu denen die Muslime heute eine Beziehung aufbauen könnten, meint Shafi’i. Heinrich V. beispielsweise erkannte Frankreich als „Justus hostis“ an. Dies habe ihn veranlasst, das Land nach der Schlacht von Agincourt gerecht zu ­behandeln. „Wir werden an den deutlichen Gegensatz zwischen König ­Richard Löwenherz und seinem Abschlachten der Einwohner von Akkon, sowie Sultan Saladin und dessen Behandlung der Menschen Jerusalems ­erinnert.“

Abdullah Luongo, der ein Buch über die politischen Stücke Shakespeares schrieb, meint, dass dieser von Bedeutung für die Politik sei. „Wir entdecken in den historischen Stücken“, so Luon­go, „ein archetypische Modell von beinahe allen politischen Machtkämpfen, die Länder in den Krieg führen“. ­Diese Dramen blieben sehr wichtig, wenn man einen Einblick und Verständnis heutiger Angelegenheiten wolle.

Das beste Beispiel dafür sei „Julius Cäsar“. Von ihm hieß es, dass er ein König mit Ausnahme des Titels gewesen sei. Viele (Mächtige) fürchteten, dass er sich zum Diktator ­aufschwingen werde, der die Ideale der Römischen Republik unterminierte. Zu seinen einseitigen Entscheidungen – ohne den Senat darüber zu befragen – zählte, dass er die Zinsen auf Kredite, die das einfache Volk bei den Patriziern aufnahm, abschaffte. Nach Ansicht des Senats habe er damit klare Zeichen des Tyran­nen an den Tag gelegt.

Die Senatoren besaßen Privilegien, darunter auch das Monopol auf den Import wichtiger Güter. Hätte Cäsar nicht diese Sonderrechte widerrufen können? Trotzdem wäre ein bloßer Angriff auf sein Leben ohne ideologische Rechtfertigung Mord gewesen. Daher mussten die Verschwörer einen Mann finden, dessen unbeschädigter Ruf die reine Verkörperung republikanischer Ideale war. Wer wäre besser dafür geeig­net als der „ehrenhafte“ Brutus, um die Tugenden der Freiheit und der Rechte aller Römer, zu verkörpern?

„Es kann der Aufmerksamkeit nicht entgehen, dass uns dies im herrschenden politischen Klima allzu bekannt vorkommen muss“, schrieb Abdullah Luongo. Jede zukünftige Elite unter den Muslimen müsse ein genaues Verständ­nis des inneren Kräftespiels solcher Angelegenheiten haben. Dafür bräuchten sie Zugang zu den notwendigen Werkzeugen der Sprache, in denen ­diese ausgedrückt würden. Alleine schon aus diesem Grund lohne sich das aufmerk­same Studium von Shakespeare.

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