IZ News Ticker

Wer ist der Sohn der Zeit?

In der Nachfolge des Gesandten: Tasawwuf ist die islamische Wissenschaft von Ihsan

Werbung

Foto: IZ Medien

(iz). Der bewundernswerte Maulana Dschalaladdin Rumi, dem sowohl im Morgen- als auch im Abendland sehr viel nachgesagt wird, verkündete selbst: „Solange diese Seele in diesem Körper ist, bin ich der Diener und Sklave des Qur’an; bin ich der Boden auf dem Wege Muhammads, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden… Wer diesem entgegengesetzt ein Wort von mir überliefert, von dem distanziere ich mich und auch von dessen Wort.“

Mördern und Verbrechern wird leider Nähe zum Islam attestiert. Doch dem brillanten Rumi nicht – woran liegt das? Die Ursache hierfür ist Unwissenheit oder böse Absicht. Denn dieser Großgelehrte ist ein Erbe Muhammads, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden. Erbe bedeutet, er hat das aufgenommen, was dieser hinterlassen hat. Was ist es, was die Barmherzigkeit für alle Welt, wie ­Allah Seinen letzten Gesandten nennt, hinterlassen hat? Er hat Wissen hinterlassen. Weder Gold noch Geld, Wissen ist es, was uns gegeben wurde.

Der große Dichter und Denker Maulana Rumi ist der Repräsentant der islamischen Lehre, ein Vertreter Muhammads, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden. Dieser Dichter und Denker wurde, so zeigen es die Buchbestände der orientalischen Bibliothek in Frankreich zu Zeiten der Aufklärung, dort gelesen. Man kam in Kontakt mit der Denktradition, die sich im Mathnawi findet. Gelehrsamkeit bedeutet, das Gegenteil dessen, was ich glaube, zu durchdenken.

Goethe erklärt diese Art der Erziehung im Islam wie folgt: „Sodann ihren Unterricht in der Philosophie beginnen die Mohammedaner mit der Lehre, daß nichts existiere, wovon sich nicht das Gegenteil sagen lasse; und so üben sie den Geist der Jugend, indem sie ihre Aufgaben darin bestehen lassen, von jeder aufgestellten Behauptung die entgegengesetzte Meinung zu finden und auszusprechen, woraus eine große Gewandtheit im Denken und Reden hervorgehen muß.“

Rumi lebte von 1207-1273 n .Chr. und steht für eine Gelehrsamkeit, wie sie in der Weltgeschichte nirgends aufzufinden ist. Er gilt als ein Sinnbild der Menschlichkeit. Das geschieht mit einem, der sich Muhammad, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, zum Vorbild nimmt. Zu Menschen, die aus dem Qur’an Gewalt herauslesen, sagt er in seinem Mathnawi Folgendes: „Du hast das jungfräuliche Wort interpretiert; interpretiere dich selbst, nicht das Buch. Du interpretierst den Qur’an nach deiner Begierde; durch dich wird die erhabene Bedeutung erniedrigt und pervertiert.“ Wer aus dem Qur’an keine Liebe, Zuneigung und Güte herausliest und stattdessen Zorn, Hass und Gewalt sieht, der muss sich selbst hinterfragen und in den Spiegel schauen. Denn der Qur’an ist gerade das – ein Spiegel. Wer in ihm etwas Verdorbenes entdeckt, ist selbst verdorben. Wer etwas Liebevolles entdeckt, sieht dies deshalb, weil er selbst liebevoll ist. In Goethes Worten klingt das wie folgt: „Der mißversteht die Himmlischen, der sie / Blutgierig wähnt; er dichtet ihnen nur / Die eignen grausamen Begierden an.“

Wer ist Maulana Rumi, dem von Unwissenden nachgesagt wird, ketzerisch gedichtet zu haben? Er ist ein Sufi – ein Muslim, der nicht bloß auf die körperliche Auslegung des Qur’an und der Sunna achtgibt, sondern darauf, auch ihre seelische Dimension auszuleben. In einer Überlieferung heißt es, dass die Religion auf der Reinheit beruht. Diese Reinheit ist so zu verstehen, dass ich meinen Körper, meine Kleidung und Wohnung von Schmutz befreie. Gleichzeitig bedeutet diese Überlieferung auch, dass ich mein Herz von Hochmut, Zorn, Selbstverliebtheit, Stolz und Heuchelei reinige. Denn es heißt: „Es gibt im Menschenkörper ein kleines Stück Fleisch, wenn dieses gut ist, so ist der ganze Körper gut; ist es jedoch verdorben, so ist der ganze Körper verdorben. Wahrlich, dies ist das Herz!“

Im Buch Allahs findet sich dies in der Sure Asch-Schams: „Erfolgreich ist derjenige, der es (das Herz) rein hält; und versagt hat derjenige, der es verkommen lässt.“ Wie reinige ich nun dieses Herz, das befallen ist, vom Wunsch, anderen Menschen zu gefallen, von der Gier nach Macht, Ruhm und Ansehen; davon, Begierden auszuleben und von der Angst vor Verlusten? Wie reinige ich dieses Herz und vor allem – wie halte ich es rein? Durch Handlungen, die sich auf eben dieses Herz auswirken.

Die erste Menschenpflicht ist es, an Allah und Seine Gesandten zu glauben. Die zweite, aufrichtig in diesem Glauben zu sein; und die dritte Menschenpflicht ist es, nach dem Wissen zu handeln, das mich der Gesandte meiner Zeit gelehrt hat. Muhammad, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, ist der letzte Gesandte, er ist derjenige, der nicht bloß für eine Gesellschaft, sondern der gesamten Menschheit geschickt wurde, um das Wissen aufzunehmen, das er gelehrt hat, welches er selbst vom Engel Gabriel gelehrt wurde. Und Gabriel hatte es wiederum vom Schöpfer des Universums erhalten. Allah, Er ist Erste und der Letzte; der Erste, von dem alles ausgeht und der Letzte in der Reihe der Erkenntnis. Dass nichts außer Ihm existiert, ist die letzte und höchste Erkenntnis, die sich in der Weisheit des Sufis Ataullah Iskenderi wie folgt ausdrückt: „Ich denke, also bin ich ein Nichts.“ Die Wahrheit ist die Summe aller Perspektiven. Ich bin eine Perspektive, also bin ich eine Ausdrucksform der Wahrheit: Allah ist al-Haqq, der Wahre. Ich bin eine Ausdrucksform Allahs – ich bin ein Nichts, Er ist. Doch damit dieses Göttliche in mir in Erscheinung treten kann, muss ich mich von meiner Begierde befreien, von meinen persönlichen Interessen lösen, ich muss zum Diener und zum Sklaven der Wahrheit werden. Das ist die Bedeutung dessen, gottergeben, ein Muslim zu sein.

Was bedeuten diese abstrakten Formulierungen konkret für den Alltag? Imam Schafi’i wurde von seinen Schülern gefragt, weshalb er überhaupt Sufis aufsuche, da er doch weitaus gelehrter sei als diese. Er antwortete: „Ich habe von den Sufis zwei Dinge gelernt: Die Zeit ist ein Schwert. Wenn du sie nicht schneidest, wird sie dich schneiden. Und: Wenn du dich selbst nicht mit guten Dingen beschäftigst, so wird dein Nafs dich mit negativen Dingen beschäftigen.“ Zeitverschwendung zählt der Sufi daher zu den Sünden. So sagt Maulana in seinem Hauptwerk: „Der Sufi ist der Sohn der Zeit. Es ist nicht der Brauch, zu sagen: ‘Morgen!’ Oder bist du gar kein Sufi? Das, was man schon in den Händen hatte, wird zerrinnen durch das Verschieben.“

Die Frage kann nun diese sein: Wo findet sich dies im Qur’an und in der Sunna? Das Gabriel-Hadith beleuchtet diesen Aspekt der islamischen Lehre aufschlussreich. Der Engel Gabriel, Friede sei auf ihm, kam in Menschengestalt zum Propheten, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, während dieser mit einigen seiner Gefährten zusammensaß. Er stellte ihm drei Fragen: „Was ist Iman? Was ist Islam? Was ist Ihsan?“ Iman ist der Glaube an Allah, die Engel, die Propheten, die Bücher, an den Jüngsten Tag und daran, dass alles von Allah kommt. Islam ist, das Glaubensbekenntnis vor Zeugen zu sprechen, das Gebet zu verrichten, die Zakat abzugeben, im Ramadan zu fasten und die Hadsch zu machen. So weit, so gut. Nun kommt die Stelle, die entscheidend ist: „Ihsan ist, dass du Allah so dienst, als ob du Ihn siehst, denn auch wenn du Ihn nicht siehst, so sieht Er doch dich.“ Das heißt, im Bewusstsein dessen, dass Allah mich sieht, frage ich mich: Wäre Allah zufrieden mit dem, was ich tue? Wie kann ich das, was ich im Begriff bin, zu tun, auf die Art tun, dass Allah zufrieden mit mir ist? Die Antwort ist: Mit Blick auf Qur’an und Sunna, die sich nicht durch Reden und Diskussionen aufzeigen, sondern durch das natürliche Ausleben.

Der mit dem Beinamen ‘Hudschat-ul Islam’ versehene ehrenwerte Jahrtausendgelehrte Imam Ghazali sagt diesbezüglich: „Ich wusste mit Gewissheit, dass die Sufs diejenigen sind, die auf dem Wege des erhabenen Gottes voranschreiten, besonders, weil ihre Lebensweise die beste aller Lebensweisen, ihr Weg der richtigste aller Wege und ihre Gesinnung die reinste aller Gesinnungen ist. Ja sogar, wenn man die Vernunft aller Vernünftigen, die Weisheit aller Weisen und das Wissen der Gelehrten, denen sich die Geheimnisse der Offenbarung erschlossen haben, in sich vereinigte, um auch nur etwas von der Lebensweise und der Gesinnung der Sufis zu verändern und durch etwas Besseres zu ersetzen, so würde ihnen dieses nicht gelingen. Denn alle ihre Bewegungen und Ruhehaltungen, in ihrem Äußeren wie auch im Inneren, sind der Lichtnische der Prophetie entnommen. Hinter diesem Lichte der Prophetie gibt es kein anderes Licht auf Erden, von dem Erleuchtung erlangt werden kann.“

Ein Sufi ist, wer die Sunna des Propheten, die innere wie äußere, auslebt. Das heißt: Zum Tahhadschud-Gebet aufstehen, Allah täglich um Vergebung bitten, Seiner Namen im Stehen und im Sitzen gedenken. Diese äußeren Handlungen führen zu inneren Manifestationen: Keinen Hass im Herzen haben, niemals voreilige Schlüsse ziehen, bedacht und besonnen agieren, mit nützlichen Dingen beschäftigt sein.

Und was ist nun nützlich? Dies fasst Imam Ghazali in seinem pädagogischen Werk „Oh Kind!“ zusammen. Worüber wird mich Allah am jüngsten Tag befragen? Behandle ich andere gut, weil ich Vorteile daraus erhoffe oder behandle ich andere Menschen freundlich, weil Allah, der Erhabene, dies gerne sieht und andere Menschen dadurch, dass ich die Sunna auslebe, durch mich geweckt werden und ebenfalls beginnen, die Sunna auszuleben? Dadurch würde die Welt zu einem schöneren Ort. Ganz gleich, wie sehr jemand leugnet, dass Muhammad, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, ein Prophet und Gesandter ist; wer seine Lebensweise, die der Grundpfeiler aller Menschlichkeit ist, nachahmt, wird geachtet, geschätzt und erfolgreich sein. Jedoch: Wie sehr jemand auch brüllt und kreischt, dass er Muslim sei, bete und faste, wenn diese Person die Lebensweise der Krone der Menschlichkeit nicht nachahmt, so wird er verachtet und erfolglos bleiben. Sunna ist es, Allahs Zufriedenheit zu beabsichtigen. Heuchlerisch ist es, bloß Anerkennung und Ansehen der Menschen zu erstreben.

„Wenn du klug bist, geh’ und mach das Herz der Merkwürdigen, reise durch Provinzen so wie Mustafa und suche Waisen, wende dein Gesicht ab von Niedrigen, die diese Welt anbeten. Mein Gesicht abwendend wurde ich zum Meer und lief nun über.“ Hodscha Ahmed Yesevi, ein Sufi, der zur Zeit der Kreuzzüge lebte, der erste in türkischer Sprache, führt auf, worauf es ankommt: Nicht das, was die Vermögenden der Welt, was die Professoren und Doktoren von mir halten, sei entscheidend; entscheidend sei es, was die Bedürftigen dieser Welt von mir halten. Denn wer diesen beistehe, der belebte die Sunna. „Mit all jenen, die nach Merkwürdigen, Ärmlichen und Waisen fragen, mit diesen Dienern ist Allah zufrieden.“ Und weiter sagt Hodscha Ahmed Yesevi, der wie Rumi und Imam Ghazali ein wahrer Erbe des letzten, von Allah an die gesamte Menschheit gesandten Propheten ist: „Sunna ist es, selbst wenn es ein Leugner ist, schade ihm nicht, der Ankläger all derer, die harten Herzens sind und Herzen brechen, ist Allah.“

Ohne Unterscheidung zwischen Glaube, Rasse, Hautfarbe, Nation: Jeder verdient es, dieselben Rechte zu haben wie ich. Dies ist die Lehre der Sunna, welche die Sufis befolgen. Ein Sufi hat in seinem Lehrer ein Vorbild. Dieser Lehrer hatte wiederum einen Lehrer und jener wiederum einen Lehrer. Diese Linie geht zurück bis zum Propheten Muhammad, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden. Er hat es von Gabriel und dieser hat es von Allah, dem Allwissenden. Es ist Allahs Lehre vom Vervollkommnen des menschlichen Verhaltens. Denn: „Ich (Muhammad) wurde nur gesandt, um das Wissen um den schönen Charakter zu vervollkommnen.“

Doch wo der Qur’an, wo die Sunna nach Gutdünken und laienhafter Eigeninterpretation ausgelegt werden, dort herrscht Chaos und Entstellung. Allah fordert uns in Seinem Buch dazu auf, nach Wissen zu forschen, unsere Fähigkeiten auszubilden und einzusetzen und sie in den Dienst der Menschheit zu stellen. Lasst uns noch einmal, für alle, die keine Liebe im Qur’an sehen, die Worte Rumis wiederholen: „Du hast das jungfräuliche Wort interpretiert; interpretiere dich selbst, nicht das Buch. Du interpretierst den Qur’an nach deiner Begierde; durch dich wird die erhabene Bedeutung erniedrigt und pervertiert.“ (Mathnawi, Band 1, Vers 1080f)

The following two tabs change content below.

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen