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Wer ist eigentlich in der Krise?

Moderne und Postmoderne können ihre Grundwidersprüche nicht auf den Anderen projizieren. Von Dr. Ecevit Polat

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Foto: BACU

(iz). Heute scheint allgegenwärtig zu sein, dass es um die Muslime und ihre Religion nicht gut bestellt sei. Dies versichern die inzwischen unzählig veröffentlichten populärwissenschaftlichen Werke, wie das aus der Feder eines überzeugten christlichen Schriftstellers stammende und den Ti­tel „Islam in der Krise: Eine Weltre­ligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug“ tragende! Diese Annahme soll im Grunde durch die scheinbar bestehenden Wertekonflikte noch weiter bestärkt worden sein. Demzufolge würden sich die islamischen Wertvorstellungen kompromisslos wie ein Fremdkörper zum hiesigen Wertesystem verhalten.

Tatsächlich wird das auch in absehbarer Zeit nicht möglich sein, das beliebte Münchener Oktoberfest mit islamischen Werten in Einklang zu bringen. Verärgert von dem unnachgiebigen Wertesystem der Muslime, stellt Ursula Spuler-Stegmann, Professorin für Islamwissenschaft, die folgenden Gründe für das Scheitern eines „säkularen Islam“ enttäuscht fest: „Die den Muslimen vom Wissen immer wieder abverlangte Aufklärung, die eine Trennung von Religion und weltlicher Macht zur Folge hätte, fand und findet nicht statt.“ Als ob die ausschließliche Trennung und damit verbundene Verbannung der Religion ins stille Kämmerlein eine Gewähr für ein sorgenfreies Leben auf Erden garantieren würde.

Attestierte nicht Erich Fromm einmal den westlichen Ländern im folgenden Satz: „Keine Idee ist so verbreitet wie die, dass wir, die in der westlichen Welt des 20. Jahrhunderts lebenden Menschen, überaus gesund seien. Trotz der Tatsache, dass viele von uns unter mehr oder weniger schweren Formen seelischer Erkrankung leiden, zweifeln wir kaum an dem allgemein guten Zustand unserer seelischen Gesundheit (…) Können wir tatsächlich so sicher sein, dass wir uns nicht täuschen?“.

Wäre es in diesem Zusammenhang nicht von epochaler Bedeutung, die ­destruktiven Seiten der Postmoderne ­wieder ins Auge zu fassen? Ist es nicht zu bequem und vereinfachend dargestellt, die gegenwärtigen gesellschaftlichen ­Probleme ­­ausschließlich über die Religiosität der Muslime erklären zu wollen? Unbestreitbar liegen die derzeitigen Missstände deutlich tiefgründiger, als manch einer in der Moderne wahrhaben möchte. Längst sind die Symptome eines Materia­lismus in der postmodernen Welt sichtbar geworden: Alkoholismus, Drogensucht, Gewaltkriminalität, Pornografie, alleinerziehende Mütter, Erkalten der sozialen Beziehungen, Abschieben der Alten und mangelnde Solidarität gegenüber der Gemeinschaft im Allgemeinem.

Nach dem katholischen Theologen Hans Küng liegt der Anfang dieser Krise weitestgehend im 17. Jahrhundert begründet: „Naturwissenschaft, Technologie, Industrie, Demokratie, die sich im Umschlag selber zu zerstören ­drohen. Stichworte wie Materialismus, Wissenschafts- und Technologiegläubigkeit, Naturausbeutung, Kolonialismus, Imperialismus (…). In der Krise befindet sich die maßlos gewordene moderne Herrschaft des Menschen über sich selbst und die Welt und die damit herauf­geführte Natur- und Gottlosigkeit.“

Allerdings merkte der französische Kulturwissenschaftler Garaudy (1913-2012) über Jahrzehnte hinweg in seinen einschärfenden Schriften an, dass die ­Wurzel, der eben aufgezählten negativen Erscheinungsformen, ausnahmslos in der sieghaften europäischen Kulturepoche der Renaissance, aufzuspüren sei. In dem inzwischen zum Klassiker gewordenen Buch von Hans Störing „Kleine Weltgeschichte der Philosophie“ wird die Hinwendung zur Renaissance in Übereinstimmung der westlichen Geschichtsauffassung als einmaliger Erfolg der Menschheitsgeschichte gepriesen: „Ein einzigartiger Reigen schöpferischer Genies wurde im 15. und 16. Jahrhundert der Menschheit (durch die Renaissance) geschenkt.“

Nach Roger Garaudy sei jedoch die bis in die Gegenwart hinein idealisierte Renaissance ein Synonym für die Geburt der Raubtiere und somit als Kampf des Dschungels gleichzusetzen, die weitreichendere und vor allem kulturübergreifende Konsequenzen zur Folge hatte: „Die Selbstkritik der westlichen Kultur, um bis zum Kern der Infragestellung vorzudringen, muss bis zur Verallgemeinerung des Marktsystems zurückgehen, das sie verursacht hat, das heißt bis zur „Renaissance“, der Entstehungszeit des Kapitalismus und des Kolonialismus, die, im Hinblick auf die Kultur, auf der einseitigen Entwicklung der technischen Wissenschaft als Motor des Wachstums beruhen und auf der Negation und Zerstörung aller anderen (nicht-westlichen) Kulturen.“

Die gegenwärtige Wertekrise hat nicht wenige Menschen zur Suche nach einer universellen und von höherer Moral geprägten Gesellschaft veranlasst, die Nestwärme verbreitet, Halt bietet und dem sinnlos gewordenen Leben einen tieferen Sinn gibt.

Einer der abenteuerlichsten Sinnsucher des 20. Jahrhunderts, Leopold Weiss alias Muhammad Asad (1900-1992), hatte die Umbrüche und die gravierenden Spätfolgen der Renaissance in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg in Europa eingehend analysiert. Die Zerrissenheit und der chaotische innere Zustand der Menschen war demnach nichts anderes als das Produkt einer sittlichen Leere. Dies war unter anderem die Folge dessen, dass das innere Verhältnis der abend­ländischen Menschen zum Glauben, der ihrer Lebensart einstmals zugrunde lag, gravierend gestört wurde.

Der neue Glauben, dem sich der durchschnittliche Europäer hingab, gleich ob Intellektueller oder Handwerker, kannte im Wesentlichen nur noch eine Gottheit: „er nannte sie technischer Fortschritt und betete sie blindlings an im Glauben, das menschliche Leben könnte kein anderes Ziel haben als sich in ewig steigendem Maße von sich selber unabhängig zu machen. Die Tempel dieses Glaubens waren die gewaltigen Fabriken, die Kinos, die chemischen Laboratorien, die Tanzhallen, die Kraftwerke; und seine Priester waren die Bankiers, die Ingenieure, die Volkstribunen, die Filmsterne, die Statistiker, die Industriekapitäne, die Rekordflieger, die politischen Kommissare. Hinter der Fassade Ordnung und Organisation des Abendlandes herrschte ethisches Chaos; es verriet sich in der vollkommenen Abwesenheit aller Übereinstimmung über die Bedeutung von Gut und Böse (…).“

Insofern produziert die Postmoderne, deren Ausgangspunkt ohne Zweifel in der Renaissance zu finden ist, nahezu fast alles, aber keine grundlegenden Antworten über den Sinn des Daseins: Woher? Wohin? Warum?

Der ehemalige deutsche Botschafter Dr. Murad Wilfried Hofmann merkte bereits vor Jahren an, dass die inoffizielle Staatsreligion – auch die in Deutschland – der Hedonismus sei, der die Lebensweise eines bindungsfreien Menschen zum Ideal verklärt. Diese Lebensweise zeichnet sich dadurch aus, die eigenen Neigungen absolut zu setzen und damit zum Maßstab der Moralität zu erheben. Sie erteilt die Absolution alles Empfundene auch ausleben zu dürfen.

Die Daten der Weltbank offenbaren, dass 1,3 Milliarden Menschen unterhalb der absoluten Armutsschwelle leben, dass 840 Millionen Menschen, davon 200 Millionen Kinder, Hunger leiden. Von diesen sterben jährlich 13 Millionen, fast 36.000 pro Tag, 1500 pro Stunde, 25 in jeder Minute und alle drei Sekunden ein Kind.

Deshalb werden die zentralen und die lebenswichtigen Aufgaben in unserem Zeitalter darin liegen müssen, die sogenannte Fortschrittsideologie und den ­daraus resultierenden Individualismus mit einem Gegenentwurf zu beantworten. Ohne Zweifel kann dabei der Islam als Lebensweise, den eigentlichen Sinn und Zweck des Lebens, im Dschungel des Werteverfalls, die Transzendenz, wieder ins Bewusstsein rufen.

Angesichts der gegenwärtigen Stimmung in der Orientierungs- und Normenlosigkeit, kann der Islam als Weltanschauung und Lebensweise eine Grundorientierung mit einem neuen Sinnhorizont lebensnotwendige Werte vermitteln, wie: ein zunehmend agnostisch-atheistisches Umfeld wieder an eine nachhaltige Bindung an Transzendenz zu erinnern, indem sich der Mensch selbst entthront und sich nicht mehr zum Maß aller Dinge nimmt.

Anstatt einen Individualismus zu bejahen, wieder die Gemeinschaft und den darin notwendigen Zusammenhalt zu fördern. Durch die regelmäßige Kontemplation – bedingt durch die obligatorischen Gebete – gegen den Stress und die Hastigkeit des Alltags immun sein. Die Lehre des Islam vermittelt einen reinen Monotheismus, welcher mit 24-karätigem Gold zu vergleichen ist. Eine begriff­liche Steigerung der Einzigartigkeit Allahs ist nicht vorstellbar, wie etwa ein metallurgischer Fortschritt über 24-karätiges Gold nicht möglich ist.

Es ist keineswegs zu verhehlen, dass wir heute in einer Leistungs- und Erfolgsgesellschaft leben, die einen enormen Druck in Form beständigen Ellbogenverhaltens ausübt. Die wirtschaftliche Maximierung und Akkumulation von Profit wird nahezu als höchstes Gebot praktiziert. Allerdings konnte diese ­Gemütslage nur deshalb bis in die Gegenwart voranschreiten, weil die Religion nach der Zeitwende der Renaissance und ganz besonders nach der Aufklärung ­weitestgehend in den Hintergrund gestellt wurde.

Gleichwohl erweist sich der Islam in der säkularen Moderne des 21. Jahrhunderts, angesichts des vielfach beobachteten Sinnleere und Orientierungslosigkeit, als eine alternative Lebensweise. Muslime haben in diesem Sinne dem Okzident etwas anzubieten, was ihm tagtäglich bitter nottut: einen Wertekonservatismus, der modeunabhängig und explizit dem moralischen Verfall der Moderne entgegentritt. Es war in der Tat kein Zufall, dass der Denker und spätere Präsident der Republik von Bosnien-Herzegowina Alija Izetbegovic (1925-2003), inmitten von Europa sein Buch unter dem Titel „Islam zwischen Ost und West“ veröffentlichte.

Der französische Theologe Jean Claude Barreau, fasst in wenigen Sätzen den Gewinn der islamischen Wertvorstellungen für die westliche Gesellschaft wie folgt zusammen: „Vor allem bringt der Islam überall eine starke Moral hervor, die den Menschen das Zusammenleben erleichtert (…) schließlich vermittelt der Islam seinen Gläubigen etwas ganz Wesentliches, Werte zum Leben nämlich, eine gewisse Weisheit und innere Heiterkeit. Besonders lehrt er den Gläubigen, dem Tod ins Auge zu blicken. Er hilft ihnen beim Sterben, das heißt, mit Würde zu leben. Die Moderne Welt ist unfähig geworden, das zu lehren. Die Werte der modernen Welt heißen Dynamik und Geschäftigkeit. Sie hat das Geheimnis der Heiterkeit verloren und den Tod in die hintersten Winkel ihrer Krankenhäuser verbannt. Zusammen mit anderen Religionen bewahrt der Islam Werte auf Lebenszeit.“

Freilich sind Muslime dennoch dazu angehalten, selbstkritisch zu überprüfen, was an ihrem Islam-Verständnis als Glaubensbestandteil und was schließlich eben doch nur zivilisatorisch und kulturell bedingt ist. Demzufolge wäre es von großer Tragweite, die erforderlichen Ansätze Al-Ghazalis (1058-1111) in seiner „Ihja ’Ulum ad-Din“ (Die Wiederbelebung der religiösen Wissenschaften) und Muhammad Iqbals (1877-1938) in „Die Wiederbelebung des religiösen Denkens im Islam“ entschieden weiter zu führen. In den Worten von Alija Izetbegovic wäre demnach der Dritte Weg die ausschlaggebende Alternative für den Westen „Der Islam ist eine Synthese, der Dritte Weg zwischen zwei Polen, die ein jedes menschliches Ding beinhaltet.“

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