IZ News Ticker

Wer sind die eigentlichen „Gefährder“?

Geschichte: Was wäre Europa ohne den muslimischen Einfluss? Von Ismahane Bessi

Werbung

Foto: Maxpixels.net | Lizenz: CC0 Public Domain

(iz). Vergangenheit und die Zukunft des Westens können nicht vollständig verstanden werden, ohne die Beziehung zu schätzen, die Christen über vierzehn Jahrhunderte mit Muslimen hatten. Zu Beginn des 5. Jahrhunderts war Nordafrika ebenso ein Mittelpunkt des Christentums wie Italien und Griechenland.

Das schnelle Vordringen von Muslimen nach Nordafrika im 7. und 8. Jahrhundert beendete praktisch den dortigen Einfluss des Christentums, wodurch der Mittelmeerraum in zwei zivilisatorische Hälften geteilt wurde. Das Mittelmeer diente als Grenze zwischen zwei kultivierte Welten und nicht als verbindende Kraft.

Von diesem Zeitpunkt an war die europäische Geschichte eine große Auswanderung in Richtung Norden. Schon im 7. Jahrhundert gelang der Islam über Persien in den Kaukasus und weiter Richtung Westen nach Europa, die ein goldenes Zeitalter wissenschaftlicher Entdeckungen auslösten. Auf der Suche nach Weisheit alter Zivilisationen aufbauend, haben muslimische Ärzte die Grenzen der medizinischen Wissenschaft an neue Orte gebracht. Zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert wanderte ein Teil der muslimischen Gemeinschaft nach Südeuropa aus und besetzte es bis ins späte 15. Jahrhundert.

Nach dem Zerfall des Römischen Reiches wurden die germanischen Völker als Grundlage der westlichen Zivilisation geschmiedet. Das klassische Erbe Griechenlands und Roms wurde erst später wiederentdeckt. Viele Jahrhunderte liegen zwischen dem Fall des Römischen Reiches und der Entwicklung des modernen europäischen Staatssystems. Der Feudalismus, dessen einvernehmliches Geben und Nehmen in Richtung Individualismus führte und weg vom Absolutismus hin zu den frühen modernen Reichen, zum Nationalismus und schließlich zur Demokratie. Auf dem Weg dorthin ermöglichten neue Freiheiten die Aufklärung. Das bedeutet, der Westen ist in Nordeuropa entstand, nachdem der Islam die Mittelmeerwelt geteilt hatte.

Der Kern dieses Artikels thematisiert die Ignoranz zwischen den nördlichen und südlichen Teil des Mittelmeeres, da ein Großteil der europäischen Zivilisation den Ursprung eines demokratischen Europas überhaupt nicht kennt. Nicht nur geografisch hat der Islam Europa definiert, sondern auch kulturell, indem er Europa zeigte, gegen was die europäische Bevölkerung eigentlich war. Die Identität Europas war in erheblichem Maße auf ein Gefühl der Überlegenheit gegenüber der muslimisch-arabischen Welt an ihrer Peripherie aufgebaut. Der Imperialismus war der ultimative Ausdruck dieser Entwicklung – das frühneuzeitliche Europa mit Napoleon beginnend, der den Nahen Osten eroberte, schickte Gelehrte und Diplomaten aus, um die islamische Zivilisation zu studieren.

Der Beginn der muslimischen Ausbreitung ging durch eine bemerkenswerte intellektuelle Neugierde, Anleihen und Kreativität, indem er viel von den großen Zivilisationen der damaligen Zeit, den Persern und den Indern und vor allem aus der griechischen philosophischen Tradition integriert. Die Interaktion mit anderen Religionen und Gepflogenheiten in der Region und anderswo danach kann keinesfalls von der historischen Neugier abgelöst werden, die der moderne multikulturelle Kontext erfordert, um die religiöse Flexibilität und ihre Fähigkeit zu verstehen etwas zu integrieren, was ihr zunächst fremd erscheint.

Das griechische Erbe ging durch die Araber, blühte unter ihren Händen auf und kam durch Übersetzungszentren in Spanien und Sizilien, die fast tausend Jahre unter muslimischer Herrschaft standen nach Europa zurück in Form von Konflikten und Kriegen, wie die Kreuzzüge und die Reconquista. Beides typische Beispiele des Konflikts zwischen den Christen und Muslimen. Die muslimische Welt war auf ihrem kulturellen Höhepunkt im Hochmittelalter und lieferte über Andalusien, Sizilien und die Königreiche der Kreuzfahrer in der Levante Informationen und Ideen für Europa. Dazu gehörten lateinische Übersetzungen der griechischen Klassiker und arabische Texte in Astronomie, Mathematik, Wissenschaft und Medizin. Zu den weiteren Beiträgen zählten technologische und wissenschaftliche Innovationen über die Seidenstraße, darunter auch chinesische Erfindungen wie Papier und Schießpulver. Neben diesen Aspekten entwickelten sich aus vielen arabischen Worten europäische Wörter, die gegenwärtig jeder benutzt.

Der Rückgang der wissenschaftlichen Neugierde der Muslime nahm im 18. Jahrhundert mehr zu, während immer mehr europäische Staaten anfingen, muslimische Länder zu kolonisieren, die dazu beigetragen haben, dass mehr Muslime in die Länder der Kolonisten übersiedelte. Allein in Frankreich leben heute mehr als fünf Millionen Nachfahren von Algeriern und Tunesiern. Sämtliche Kolonien und Protektorate Großbritanniens führten im 19. und 20. Jahrhundert viele Muslime nach Europa. Schließlich die türkischen, marokkanischen, tunesischen und jugoslawischen Gastarbeiter, die in den 1950er und 60er vermehrt in den deutschsprachigen Raum kamen.

Selbst zum Ende des Zweiten Weltkrieges wurden „Fremdarbeiter“ auf freiwilliger Basis nach Europa geholt, weil die deutsche Wirtschaftsproduktion um 1944 kaum durch Luftangriffe in Mitleidenschaft gezogen wurde, weshalb kurz nach dem Krieg mit dem Wiederaufbau und der Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur angefangen werden konnte. In Folge des Koreakrieges folgte der Wirtschaftsboom, weshalb mehr Arbeiter benötigt wurden, die unter vertraglichen Bedingungen aus dem Ausland berufen worden sind.

Nebenbei: Zuwanderungen aufgrund von Arbeit sein kein neues Phänomen. In den 1890er Jahren gab es innerhalb des Deutschen Kaiserreichs unzählige Wanderarbeiter. Heute leben in Europa knapp fünf Prozent Muslime.

Die wichtigsten Handelspartner für Deutschland und viele weitere europäische Länder sind Saudi-Arabien, der Iran, Katar und Algerien. Länder, die massiv die Menschenrechte verletzen. Sämtliche Konflikte in den oben genannten Ländern und weiteren islamisch geprägten Ländern wie Pakistan, dem Irak, Afghanistan, Syrien und Palästina beziehungsweise Israel sind politisch und ökonomisch motiviert, auch wenn ein Großteil muslimischer Akteure das Gegenteil behauptet. Deshalb sind Muslime gegenwärtig oft Gegenstand intensiver Diskussionen und politischer Kontroversen, die durch Ereignisse wie Terroranschläge, Karikaturenaffären und Debatten über das Kopftuch intensiviert werden. Solche Ereignisse haben die wachsende Debatte über das Thema Islamophobie, die Einstellung zu Muslimen und die populistische Rechte angeheizt.

In Deutschland leben fünf Millionen Muslime, davon werden zehntausend als „radikal“ eingestuft. Das sind 0,2 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime, während 99,8 Prozent in Frieden leben wollen und selbst den Radikalismus und den Hass fürchten. In Frankreich werden 8.250 Muslime als „Gefährder“ klassifiziert. Um einen großzügigen Überblick gefährdeter Muslime in Europa zu ermitteln, multipliziere ich die Zahl, der in Deutschland lebenden „radikalen“ Muslime auf alle europäischen Länder. Unter den von 57,27 Millionen in Europa lebenden Muslime, sind 0,82 Prozent „radikalisierte“. Währenddessen steigt der Rechtspopulismus an, der den Hass gegenüber friedlich lebenden Menschen immer mehr schürt und sich die Frage immer weiter ausbaut: Sind tatsächlich Muslime die Bedrohung der europäischen Kultur oder doch das fanatische Denken vieler westlicher Rechtspopulisten, die aus den Augen verloren haben, wem sie das westliche Europa zu verdanken haben?

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen