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Wer sind wir und was wollen wir?

Ein nüchternes Fazit zur Lage der ­europäischen Mulime. Von Belal el-Mogaddedi

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Foto: The Eye in Islam, Ammar Asfour

(iz). Als in Deutschland geborener, deutscher Muslim hat sich mir die Frage nach dem, wer die Muslime in Deutschland sind und was sie wollen, nie gestellt. In leichter ­Abwandlung eines bekannten Slogans stelle ich für mich folgendes fest: „Ich bin Muslim, und das ist gut so!“ Dies ist nicht Ausdruck von Arroganz oder Selbst­überschätzung, sondern Ausdruck einer Selbstverständlichkeit, die ich mit Millionen von Muslimen in Deutschland und anderen europaweit teile.

„Ich bin Muslim und das ist gut so“ ist nicht nur de facto und de jure richtig. Dieser Gedanke ist gleichzeitig Ausdruck einer Selbstverständlichkeit, die Religion nicht geografisch regionalisiert oder verortet. Muslime leben in Deutschland. Punkt. Eine Bringschuld seitens der in diesem Land lebenden Muslime dies zu rechtfertigen, gibt es überhaupt nicht.

Doch mit dieser Haltung scheinen wir Muslime in diesem Land heutzutage anzuecken und Widerspruch hervorzurufen. Anders ist die immense mediale und politische Aufgeregtheit, die nicht nur Deutschland ergreift, wenn es um Islam und Muslime geht, kaum zu verstehen. Wollte der Preußenkönig Friedrich II. Muslimen vor 225 Jahren noch Moscheen bauen, so blendete sein Namensvetter der ehemalige deutsche Innenminister Friedrich diesen Aspekt deutscher Geschichte aus und sieht in den Muslimen einen Fremdkörper.

Ideologie der Angst
Mein Freund Professor Tariq Ramadan, der an der Universität von Oxford den Stuhl für Zeitgenössische Islamische Studien innehat, hat in einem Artikel mit dem Titel „Changing the Present and Dreaming the Future“ vor einigen Jahren „die Ideologie der Angst“ als eine der bestimmenden Kräfte unseres Zeitalters identifiziert. Zur Überwindung dieses beklagenswerten Zustandes müsse heute von Menschen unterschiedlichen Bekenntnisses – dies ist auch eine Aufforderung an uns Muslime – gemeinsam „der Traum von der Zukunft“ geschaffen werden. Die Berliner Soziologin Naika Foroutan hat diesen Begriff vor kurzem klug erweitert und von „als Angst getarnten Vergiftungen“ gesprochen.

Sollte die Vorstellung einer besseren Zukunft, die ein friedliches Neben- und Miteinander von Menschen unterschiedlicher religiöser Überzeugungen und kultureller Prägung enden? Sollte diese Vorstellung von einem Alptraum, der eintönigen, überbewerteten und einer von Überlegenheitsgefühl getragenen „Leid“-Kultur der leitkulturellen Uniformität abgelöst werden – Von einem Alptraum, der eine eintönige, dröge Kultur darstellt, die von uns Muslimen die Unter- und Einordnung in eine, von tatsächlichen wie auch vermeintlichen Volksvertretern nie genau definierte Leitkultur verlangt?

Der Gebrauch der „Ideologie der Angst“ beeinflusst und bremst das interreligiöse Gespräch. Nicht wenige versuchen, es argumentativ zu vergiften, um es mit Naika Foroutans Worten zu sagen. Darüber hinaus behindert diese Angst die persönliche, alltägliche zwischenmenschliche Begegnung, die mehr in den Köpfen bewegen kann, als jede Konferenz mit mehr oder minder schwammigen ­Inhalten es zu tun vermag.

Sie engt den Raum ein, in dem sich ein konstruktiver Dialog zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen entwickelt und auf gleicher Augenhöhe praktiziert werden kann. Die „Ideologie der Angst“ ist von Natur aus schleierhaft und unklar, doch gerade diese Schemenhaftigkeit macht sie zu einem starken und vielfältigen Multifunktionswerkzeug politischer Strategien, sozusagen zu einer Allzweckwaffe der Politik. Sie ist ein mächtiges Instrument, nicht nur in den Händen von Politikern, aber in der Regel auch in den Händen derer, die zu ihren Gunsten nach einer allgemeinen, tiefgreifenden Veränderung bestehender lokaler, regionaler wie auch internationaler Ordnungen streben.

Die Probleme, die im Bereich des ­interreligiösen Kontaktes und im multireligiösen wie auch multikulturellen ­Zusammenleben zum Tragen kommen, sind offensichtliche gesellschaftliche Krankheitssymptome, die durch eine „Ideologie der Angst“ aktiv provoziert, beziehungsweise produziert und befördert werden. Aus einer Gemengelage von Unwissen, boshafter Fehlinformation, gepaart mit einer gehörigen Portion ­verleumderischer Propaganda und ­unsachlichen Angriffen bezieht die „Ideologie der Angst“ ihre geradezu berauschende Energie. Sie ist der Nährboden, auf dem das eingeschworene Kartell der Hassprediger wächst und gedeiht.

Doch Muslime dürfen diese in der Tat schwierige, emotional aufgeladene und von viel Hass genährte Situation nicht zum Anlass nehmen und sich aus dem öffentlichen Diskurs zurückziehen. Sie sollten sich vielmehr den Herausforderungen mit Geschick, mit Wissen, mit Sachlichkeit und Ausdauer, aber vor ­allem mit großer „Hikma“, stellen. Die heftige, verleumderische und entstellende Polemik, die sich heute über den Islam und Muslime ergießt, ist nicht das ­Ergebnis der Ereignisse des Jahres 2001. Dieser Polemik haftet eine eigene, lange und dunkle Geschichte an. Sie beginnt nicht mit dem 11. September 2001, sie ist durch ihn nur massiv verstärkt ­worden.

Eine Bestandsaufnahme
Allerdings: Wir Muslime müssen auch selbstkritisch sein. Heute neigen wir dazu, der Politik der Angst mit einem reflexartigem Reaktionismus zu begegnen. Wir schlittern von einer Reaktionsblase in die nächste Reaktionsblase, um der „Ideo­logie der Angst“ zu widersprechen, die gestalterische Kraft der eigenen Initiative entgleitet uns dabei zunehmend.

Wir Muslime sollten uns nicht darauf einlassen, jeden, uns vor die Füße geworfenen Fehdehandschuh aufzunehmen – auch wenn dies mit unverhohlenen ­Hetztiraden oder subtilen gegen den ­Islam gerichteten Untertönen geschieht. Selbst ein qualifizierendes Moratorium sollte in der gegenwärtigen Situation von Muslimen ins Auge gefasst werden. Denn bisher brachte die so genannte Dialogarbeit im Großen und Ganzen kaum Früchte. Es sollte als praktische Option angesehen werden, um die weit ver­breitete und von Hochmut getragene ­Debattenkultur in Sachen Islam zu überwinden. Muslime werden so zu Akteuren und sind nicht mehr Getriebene.

Ein selbst auferlegtes Moratorium wie auch die qualitative Anwendung des ­interreligiösen Dialoges wird dem ­pro­duktiven Dialog vitalen Auftrieb ­verleihen und diesen in die Mitte der ­gesell­­schaftlichen Aufmerksamkeit tragen. Der scheinheiligen Diskurs wiegt die breite Öffentlichkeit gegenwärtig in die Illusion, dass interreligiöser Dialog und Versuche der Annäherung stattfänden. Ein selbst auferlegtes Moratorium würde langfristig helfen diese Illusion zu ­beseitigen.

Muslime im Allgemeinen – und insbesondere Muslime, die in europäischen Gesellschaften beheimatet sind – müssen aus ihrem bisweilen tiefen Schlummer aufwachen. Sie sollten sich von ihrem ­gelegentlichen Selbstmitleid und der ­Opfermentalität verabschieden, und ­damit aufhören, einer glorreichen Vergangenheit nachzutrauern. Die nostalgische Erinnerung an eine eindrucksvolle Vergangenheit sollte und kann uns vielmehr dabei helfen, Energien zu entwickeln, um die bittere Wirklichkeit von heute zu verändern. Das Zeitalter muslimischer Blüte war das Ergebnis von harter Arbeit und leidenschaftlicher wie auch tugendhafter, gottgefälliger Bemühung.

In der Verantwortung
Muslime sind aufgefordert die Gegenwart mitzugestalten. Ihre Gemeinschaft entwickelte sich auf der Basis des Islams zur stärksten reformatorischen Kraft in der menschlichen Geschichte. An ihrem Anfang stand das Wort „Lies! (arab. iqra)“ – eine unmissverständliche Aufforderung zur Wissenssuche und Wissenserweiterung. Doch unsere Wissensgemeinschaft hat sich von diesem, aus meiner Sicht, ur-islamischen Auftrag weit entfernt. Die Zahl der Haushalte in muslimischen Mehrheitsgesellschaften, die jenseits eines „Mushaf“ über weitere Bücher verfügen, geschweige denn eine kleine Bibliothek, ist enttäuschend gering. Muslime scheinen oft zu vergessen, dass jede Tätigkeit in ihrem Leben aus der umfassenden ­zivilisatorischen Kraft der islamischen Lehre Nutzen ziehen kann.

Muslimische Potenziale
Die berechtigte muslimische Forderung in nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaften objektiv und vorurteilsfrei beurteilt zu werden, statt aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit verurteilt zu werden, kann nur schwer in Abrede gestellt werden. Doch dafür müssen Muslime Vertrauen durch Klarheit im Handeln und im Wort erlangen. Dies ist mit­nichten ein Aufruf zum Opportunismus oder zur Unterwürfigkeit, sondern zur zuverlässigen Partnerschaft im Sinne der Lehren des Islam, eine Aufforderung zur analytischen Loyalität, ein Appell den­ inneren Maßstäben der Gerechtigkeit zu dienen, eine Befürwortung der Praxis ­uneingeschränkter Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit.

Der muslimische Citoyen
Das Konzept der „Umma“ kann einem Muslim das Verständnis für die Konzeption des Bürgers in der Moderne vermitteln, eines lokal wie auch global denkenden und agierenden Individuums, das sich darum bemüht, seiner Verant­wortung im Leben lokal wie auch global gerecht zu werden. Mit dieser Haltung und diesem speziellen Verständnis von Umma, werden Muslime in Europa ­mittel- wie auch langfristig mehr Anerkennung für ihre berechtigten Anliegen erlangen können.

Beherrschung einer oder mehrerer ­europäischer Landessprachen sollte für uns europäische Muslime selbstverständlich sein – im selben Sinne muss auch die Mehrheitsgesellschaft der Mehrsprachigkeit endlich mehr Respekt zollen und sollte sie nicht als Zeichen der Abgrenzung herabwürdigen.
Muslime stehen heute vor der großen Herausforderung diesen vielversprechenden Geist des Islam in den Kapiteln ihrer Geschichte, ihrer Geistesgeschichte ­wieder zu entdecken und wieder zu beleben. Die Wiederentdeckung des Islams als eine kreative und selbst-stabilisierende, den Charakter formende Kraft wird uns Muslime aus der Lethargie führen, in die wir uns schon seit so vielen Jahren verirrt haben. Muslime müssen begreifen, dass der Islam als Bezugspunkt im Leben die zentrale Quelle für ihren inneren Maßstab und ihre innere Führung ist.

Europa bietet Muslimen, die bereit sind, die Herausforderungen in ihrer ­jeweiligen Ummah anzunehmen, den ­intellektuellen Freiraum. Nicht nur um aktiv an einer Neuausrichtung muslimischen Denkens mitzuwirken, sondern dieses einzuleiten. Dabei können wir in Europa um das ideologische und schwammige Schlagwort „Integration“ einen großen Bogen schlagen. Dieser ­Begriff kann umso mehr ignoriert werden, weil er von seinen Befürwortern nicht selten diskriminierend verwendet wird. Muslime müssen nicht integriert werden, sie sind bereits ein unbestreitbarer Teil der europäischen Gegenwart und der Geschichte Europas. Eine Tatsache, die viele Nichtmuslime in ihr ­beschränktes Verständnis von Europa nicht integrieren können und wollen.

Muslime sind nicht zu Gast, sie sind integraler Teil dieser europäischen Heimatgesellschaften. Jenseits des materiellen Beitrags, den Muslime in ihren europäischen Heimatgesellschaften leisten, fordert der Islam Muslime dazu auf, ihre Umgebung mitzugestalten, weiterzuentwickeln und ihr Angebote zu machen. Wir dürfen uns nicht darauf beschränken, unser Engagement in und für die Gesellschaft ausschließlich darauf zu reduzieren und erst dann aktiv werden, wenn unsere religiösen Rechte berührt werden. Auch hier muss bei uns Muslimen ein Umdenken stattfinden. Und um Frau Dr. Foroutan noch einmal zu zitieren: „Es ist unser Land [und ich füge hinzu, es ist unsere Heimat und unser Kontinent], verteidigen wir es gemeinsam!“

Die langjährige, zähe und weiterhin ergebnisoffene Auseinandersetzung zwischen Muslimen und staatlichen Institutionen hinsichtlich der rechtlichen Verortung des Islam im Gefüge des Gemeinwesens, sollte Muslimen in Europa Anlass sein, sich zum Beispiel der großartigen Tradition des Waqf, des Islamischen Stiftungswesens, zu erinnern. Nur auf diese Weise kann die Unabhängigkeit der ­Islamologie gewahrt werden, eine Grundvoraussetzung, um in der muslimischen Lehre und der Lebenspraxis, Tradition und Moderne wieder miteinander in ­Einklang zu bringen – jenseits jeglicher politischer Einflussnahme.

Muslimen in Europa wird eine Atmosphäre von Freiheit und Unabhängigkeit des Denkens geboten, um die sie ­Muslime in Ländern mit muslimischen Mehrheiten beneiden. Muslime in Europa sollten diese optimalen Bedingungen nutzen, doch nicht im Interesse eines obskuren, konturlosen und entmündigten „Euro-Islam“, dem im besten Fall eine untergeordnete Rolle zugestanden wird, eines Islams, der nicht mehr als solcher identifizierbar ist.

Die offene Gesellschaft ist eine Arena für alle, die in ihr leben, doch spielen muss man in dieser Arena selbst, auch der Muslim und die Muslima!

Muslime in Europa sollten erkennen, dass sie eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, in der sie leben und der Menschen, mit denen sie zusammen­leben, tragen. Sie müssen sich couragiert und souverän dem Wettbewerb der Ideen stellen, im Interesse einer neuen Nachdenklichkeit, um den „Islam als Alter­native“ im Herzen von Europa zu ­entwickeln und zu positionieren, zum Nutzen Europas und zum Wohle der göttlichen Schöpfung im Allgemeinen und nicht zuletzt im Dienst ihrer Träume von einer besseren Zukunft.

Jenseits politischer Grabenkämpfe, von denen Muslime sich nicht allzu sehr irritieren lassen sollten, können sie das auch in Deutschland sehr gut tun. Muslime sind freie Bürger dieses Landes, die sich ihrer Pflichten und ihrer Rechte bewusst sind, Pflichten denen sie nachkommen müssen, und Rechte, die sie selbstverständlich in Anspruch nehmen dürfen, und JA auch einklagen dürfen.

Muslime bereichern Deutschland und machen dieses Land lebenswerter. Muslime sind Teil der Zivilgesellschaft, sie gestalten und verändern diese Gesellschaft. Manchmal fordern sie diese auch heraus. Und natürlich müssen sie die ­Gegenwart konstruktiv und positiv ­herausfordern, denn nur so können wir Muslime die Zukunft mit aufbauen und mit gestalten, und das ist auch gut so.

Der Autor ist Vorsitzender der Deutschen Muslimliga e.V. Dieser Text ist die leicht gekürzte Fassung eines Vortrages.

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