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„Werden sie erst mal Deutsche!“

Gastkommentar von Asiye Bilgin über die Wirkung der Loyalität-Debatte in der deutschtürkischen Community

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Foto: Metropolico.org | Lizenz: CC BY-SA 2.0

(iz). Die Loyalitätsdebatte hat mir einen Dialog mit dem ehemaligen Innenminister Hans-Peter Friedrich in Erinnerung gerufen. Ich nahm im Jahr 2013 als UETD-Vertreterin an der Veranstaltung „180°-Wende Präventions- und Hilfsinitiative“ im Kölner Polizeipräsidium teil, an der verschiedene Migrantenvereine vertreten waren. Das Präventionsprojekt wurde vorgestellt. Am Ende der Veranstaltung bin ich wie alle anderen NGO-Vertreter auch zu Bundesinnenminister Friedrich gegangen, habe mich kurz vorgestellt und habe ihn höflich und freundlich zu der UETD-Zentrale in Köln eingeladen. Was meinen sie was ich als Antwort bekam?

Er erwiderte mit einer eisernen Miene: „Werden sie erst mal Deutsche.“ Ich war in dem Moment natürlich schockiert, versuchte mein Lächeln im Gesicht nicht zu verlieren und antwortete „Ich bin schon Deutsche, ich habe die deutsche Staatsbürgerschaft und bin in Deutschland geboren“. Meine Antwort war natürlich lächerlich aber irgendeine Antwort musste ich ihm geben und auf die Schnelle war mir in dem Moment nichts anderes eingefallen.

Eigentlich wusste ich ganz genau, was Herr Friedrich mit dem Satz „Werden Sie erst mal Deutsche“ meinte. Ich als eine kopftuchtragende Muslimin werde wohl nie in der deutschen Gesellschaft als Deutsche angenommen, egal wie gut oder schlecht ich integriert bin. Nach dieser persönlichen Erfahrung, die mir seitdem immer wieder in Erinnerung gerufen wird, ist das Buch von dem ehemaligen Europaparlamentarier Ozan Ceyhun wohl eine bittere Tatsache: „Man wird nie Deutscher.“

Machen wir denn alles falsch?

Besonders Türkischstämmige haben es nicht leicht in Europa. Sie müssen sich dauernd dem nie endenden Dauerbeschuss von Vorwürfen stellen. Mehr noch: Sie müssen im Dauerrechtfertigungs- oder Distanzierungsmodus leben. Die taten von Kleinkriminellen, vom Vergewaltiger bis hin zum globalen Terroristen – während alles Verachtenswerte durch populistische Medien und Politiker auf abenteuerlicher Art und Weise auf sie projiziert werden, werden sie zusätzlich mit Forderungen konfrontiert, dessen Antworten nicht mal klar definiert sind. Denn perfekt deutsch sprechende, gebildete und angepasste Menschen müssen beweisen, dass sie integriert sind. Keine einfache Sache, wenn Populisten Integration sagen aber Assimilation meinen.

Der erfolglose Putschversuch in der Türkei zeigt welch wirren Zustand die Attacken auf Türkisschstämmige angenommen haben. Fast 70.000 Türkischstämmige haben in Köln gegen den Putschversuch demonstriert. Zwei Deutschtürken, die an dem Putschabend zufällig in der Türkei Urlaub machten, sind ums Leben gekommen. Der aus Nürnberg stammende Serhat Önder und Yusuf Celik sind an dem Abend in Ankara von den Putschisten erschossen worden.

Weil türkischstämmige Bürger in Deutschland gegen diesen brutalen Putschversuch protestieren, weil sie für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in dem Land ihrer Eltern und Großeltern einstehen, werden sie mit Illoyalitätsvorwürfen konfrontiert. Die Kanzlerin Merkel höchstpersönlich schaltete sich ein und fordert nun von Deutschtürken, Deutschland ein hohes Maß an Loyalität entgegenzubringen.

Eigentlich ein Wahnsinn, der einem das Gefühl gibt: „Egal was man tut und lässt, den Erwartungen der Mehrheitsgesellschaft kann man nicht gerecht werden.“ Es herrscht eine große Müdigkeit in der türkischen Community, die langsam beginnt zu fragen: „Machen wir denn alles falsch?“ Denn von keiner anderen Gruppe in Deutschland werden Medienwirksam und populistisch Loyalitätsbekundungen gefordert? In fast jeder Debatte, egal ob Themen wie Integration oder Radikalismus, immer scheint die türkischstämmige Community im Fokus zu stehen. Fühlen sich Türkischstämmige vielleicht angesprochen, weil sie sensibler sind als andere Bürger mit Migrationshintergrund? Nein! Sie fühlen sich angesprochen, weil die Vorwürfe direkt an sie adressiert sind.

Loyalität ist auch mit Emotionalität verbunden. Mit Gefühlen und Erwartungen. Heimat ist der Ort, an dem man sich wohlfühlt. Wo man sich als Mensch angenommen und respektiert fühlt. Es ist der Ort, in der man Zukunftspläne macht und die Träume zu verwirklichen versucht. Unsere Politiker müssen sich nun der Herausforderung stellen und ihre Loyalität gegenüber diesem schönen Land beweisen. Entweder sorgen sie mit ihrer zu Deutschland illoyalen Hetze dafür, dass sie Millionen Menschen weiter an den Rand drängen oder sie sorgen mit einer zu Deutschland loyalen Politik dafür, dass man einer deutschen Muslima nie mehr sagen kann: „Werden sie erst mal Deutsche.“

Asiye Bilgin ist Diplom Betriebswirtin, externe Promovendin und stellvertretende Vorsitzende der Europäisch-Türkischen Demokraten (UETD).

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