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Wichtig: Kay Sokolowskys definitive Abrechnung mit dem „Feindbild Moslem“. Von Sulaiman Wilms

Psychogramm der Angsthaber

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„Dieses Buch wird keinen einzigen Islamfeind bewegen, nachzudenken, in sich zu gehen, und von seinem Wahn zu lassen. Ich bin, was das betrifft, frei von jeder ­Illusion. Doch viel wäre schon gewonnen, würde die üble Nachrede von ‘den’ ­Muslimen’ nicht mehr automatisch mit ­Literaturpreisen bedacht, bliebe das rassis­tische Treiben auf Webseiten wie ‘Politically Incorrect’ nicht mehr ungestört (…) Denn es ist höchste Zeit, den Antiislamismus gesellschaftlich als die korrupte, ­bigotte, intolerante, chauvinistische, verleumderische, ekelhafte, rassistische Hetzerei zu ächten, der er ist.“ (Kay Sokolowsky)

(iz). Der Autor dieser Zeilen, Kay Sokolowsky, hat mit seiner meinungsstarken (und erfrischend scharfen) Abrechnung der mehrheitsfähigen Islamkritik eine bisher unerreicht treffende Auseinandersetzung mit diesem Phänomen geleistet. Anders als bisherige, empirische Studien zum Thema, in der unter anderem die statis­tische Aufzählung von muslimfeindlichen Abbildungen beziehungsweise Texten (beispielsweise in Mehrheitsmedien) im Mittelpunkt steht, geht der (tatsächlich kritische) Journalist Sokolowsky hart mit jenen ins Gericht, die es verdient haben.

Von Broder bis Ulfkotte, von den Vorzeigeorientalen und Alibizeugen für ungeschminkten Rassismus zum einstigen Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, dessen langjähriger Chef Aust dem antimuslimischen Ressentiment Tür und Tor öffnete, bekommen die Betreffenden den Spiegel vorgehalten. Dabei schreibt Sokolowsky in seiner de facto Monografie „Feindbild Moslem“ über diese Entwicklung genauso, wie es Broder getan hätte, wäre er nicht zuvor zum Neokonservatismus konvertiert: Bissig, scharf und mit genauem Blick für den staatstragenden Charakter einer Islamkritik, die sich gerne selbst als verfolgte „Minderheit“ begreift.

Aber anders als der erwähnte Polemiker tut der Autor des vorliegenden Buches dies auf Grundlage von tatsächlichen Recherchen, wie die umfangreichen Fußnoten beweisen. Sokolowsky lässt die Fakten und die Wortführer der Islamkritik für sich sprechen und bildet sich nicht bloß eine Meinung.

Was dabei herauskommt ist das – phasenweise schmerzhafte – Psychogramm einer – leider oft einflussreichen – Kaste von „Angsthabern“, die den Diskurs über den Islam in Deutschland in Teilen erfolgreich gekidnappt hat. „Konkret an dieser Angst ist vor allem sie selbst. Gefürchtet wird nicht, was einer aus Erfahrung kennt, sondern, was er sich ausmalt.“ Im Grunde genommen handelt es sich beim „Feindbild Moslem“ um eine beinahe schon klinische Studie ­eines Wahns, der sich leider nicht auf ein individualpsychologisches Krankheitsbild beschränkt, sondern im Laufe der Zeit gesellschaftliche Züge angenommen hat.

Ähnlich wie der Solo-Paranoide ist es hier ebenso fruchtlos, dem entsprechenden Personal durch Argumente nachweisen zu wollen, dass es im Unrecht ist. Deren autoritär-paranoide Verschwö­rungstheorie, wonach fünf Prozent der bundesrepublikanischen Bevölkerung wegen ihrer Religion eine Bedrohung seien, kann nur demaskiert und attackiert werden. Widerlegen lässt sie sich, wie der rassistische Wahn früherer Tage, nicht. Doch Vorsicht – Sokolowsky betreibt keine stupide Medienschelte, wie sie leider auch bei uns Muslimen manchmal beliebt ist. Er macht deutlich, dass es in Sachen der behandelten Islamkritik einen deutlichen Unterschied zwischen der Mehrheit der Tagespresse einerseits und Kampagnenblättern, welche die Elaborate der „Angsthaber“ unkritisch wiedergeben, andererseits gibt.

Anders als A. Hoffmann in seiner lesenswerten und umfangreichen Besprechung vom „Feindbild Moslem“ möchte ich hier nicht die Kritik von Sokolowsky nacherzählen. Hier hilft im Wesentlichen nur die eigene Lektüre, um dem Zusammenhang von „Feindbildbauern“1, „Kronzeugen“2 und „Inkorrekten“3 in einer Tiefe zu erfassen.

Erwähnenswert jedoch ist, so die erhellende Einführung von Sokolowsky, dass der heute artikulierte Hass auf die Muslime auf der – in ihren Folgen manchmal mörderischen – Ausländerfeindlichkeit der frühen 1990er Jahre aufbaut. Nur anders als diese kommt das aktuelle Ressentiment ohne den nun geächteten Rückgriff auf die „Rasse“ aus.

Während die Kritiker von Rechts bis hin zur (ehemaligen) bürgerlichen Mitte den Begriff der „Kultur“ als Vehikel benutzen, beziehen sich ihre linken beziehungsweise linksbürgerlichen Widerparts im Kern auf einem falschen „Faschismus“-Begriff, um die Muslime und ihre Religion zu denunzieren. Rassisten, die zutreffende Zuschreibung, wollen beide Seiten nicht sein.

Dabei übersieht Sokolowsky auch nicht die einflussreiche Rolle, die so genannte „säkulare Muslime“ (!) als Stichwortgeber spielen. „Zuletzt geht es Ates wie allen Kronzeugen der Islamhasser. Sie werden vorgeschoben, ausgestellt und bejubelt, ob es ihnen nun schmeckt oder nicht. Verwehren sie sich gegen die falschen Freunde, geben die entweder zu, die Idioten bloß benutzt, doch niemals gemocht zu haben, oder sie erweitern, mit der Schlauheit von Gangsterbossen, ihren Verfolgungswahn wohlwollend auf die Idioten. Denn er bzw. sie könne ja demnächst wieder nützlich werden. Broder, Giordano, Kelek und Ates sind, mehr oder weniger freiwillig, vor einen Karren gespannt worden, der sie gnadenlos überrollen wird, sollten sie einmal innehalten mit ihren Bannflüchen auf den Islam (…) Angeschoben haben sie diesen Karren nicht, aber sie haben, seit er läuft, sein Tempo deutlich beschleunigt.“

Es wäre ein ummögliches Unterfangen, von Kay Sokolowsky die zu Grunde liegende Motivation zu verlangen, warum einstmals vernunftbegabte Menschen der anti-muslimischen Verschwö­rungstheorie anheim gefallen sind. Aber für ein Verständnis zur zeitgenössischen Bildung von Ressentiments hilft das im Anhang befindliche Interview mit dem Antisemitismusforscher Wolfgang Benz vom Berliner ZfA.

In seinem Unterkapitel „Haß ohne Grenzen“ zieht Sokolowsky eine Verbindungslinie zwischen dem Erfolg der Angsthaber „und einer diffusen Angst vor realen Verhältnissen, die aber nicht auf die entscheidenden Fragen fokussiert wird“. Zu recht verweist der Autor vom „Feindbild Moslem“ dabei auf die „Erosion“ eben jener Kontrollinstanzen, die bisher ein Regulativ des Kapitalismus darstellten. „Weil die meisten Menschen davor zurückschrecken, die Welt, wie sie ist, zu ändern – denn dann müssten auch sie sich verändern -, wird die Zeit wieder reif für Sündenböcke, für simple und brutale ‘Lösungen’ (…).“ Steigt die Zahl der Angsthaber, so die Einsicht, „haben die Angstmacher ­Konjunktur“. Kay Sokolowskys „Feindbild Moslem“ ist ein lesenswertes und erfreulich deutliches Buch über ein ansonsten freudloses Thema. Es spricht übrigens Bände, dass jener Titel des nicht ganz unbekannten Rotbuch Verlags bisher in den Mainstreammedien schlicht und einfach ignoriert wurde.

Fußnoten:
1 Bezieht sich auf den „Spiegel“
2 Die Islamkritik von Broder bis Ulfkotte
3 Die Webseite „Politically Incorrect“

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