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Wichtiger Knotenpunkt in Zentralasien

Bei einem Besuch in Kashgar lässt sich viel über Kultur und Geschichte der muslimischen Uiguren erfahren. Von Dru C. Gladney

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Im folgenden Text beschreibt Dru C. Gladney seine Eindrücke einer Reise ins ostturkestanische Kashgar. Es wäre zynisch, an dieser Stelle zu verschweigen, dass dank der anhaltenden chinesischen Expansionspolitik in den uigurischen Siedlungsgebieten auch deren eigenständige muslimische Kultur und ihre materiellen Zeugnisse Geschichte werden könnten. Die Uiguren, eines der alten Kulturvölker Asiens, gehören zu jenen muslimischen Bevölkerungsgruppen weltweit, deren schwierige Lage bisher nicht ausreichend Gehör in der muslimischen Welt fand.

Einige der wenigen verbliebenen Statuen vom großen Vorsitzenden Mao blickt südlich über den Platz des Volkes in der uighurischen Stadt Kashgar. Maos Gegenwart, wie jene des riesigen neuen Gebäudes der Bank von China, signalisieren, dass Kashgar seit 1949 fest unter chinesischer Kontrolle steht. Aber dem war nicht immer so. Der Ort, mit seiner langen wie komplizierten Geschichte, liegt zwischen Bergen und Steppe, Oasen und Wüste, Ost und West. Kashgar war immer eine natürliche Kreuzung der antiken Wege aus den Hauptstädten Roms, Persiens, der ­Mongolei und China. Seine strategische Lage im Osten des Tarim-Beckens macht die Stadt zu einem Treffpunkt vieler ­Kulturen – damals wie heute. Islamische Einflüsse fanden hierhin ihren Weg zuerst durch die Araber, dann die Perser und schließlich durch die anhaltende türkische Kultur der Uiguren.

Die neue Eisenbahnlinie zwischen ­Kashgar und Urumtschi, die 2000 ­fertiggestellt wurde, verbindet die Stadt enger denn je mit China. Aber Kashgar liegt auch an den regionalen Routen nach Kirgisistan, Taschikistan, Afghanistan und Pakistan – die letzteren sind durch den berühmten Karakorum Highway zu erreichen. Auch heute noch ist Kashgar einer der entscheidenden Kreuzungspunkte Zentralasiens und stand in seiner 2000-jährigen Geschichte eigentlich nur gelegentlich unter chinesischer Kontrolle. Die unterschiedlichen Gesichter, Sprachen, Kleidungen und Behausungen der Kashgaris und die vorbei ziehenden Reisenden sind das bleibende Erbe einer vielfältigen wie multi-kulturellen Geschichte.

Heute macht das Volk der muslimischen Uiguren mehr als 77 Prozent der 325.000 Einwohner aus. Im weiteren Umland leben von ihnen mehr als drei Millionen. Kashgar wurde im 1. Jahrtausend christlicher Zeitrechnung von den Uiguren besiedelt. Die Regelmäßigkeit der Karawanen zwischen den Oasenstädten Merw, Balkj, Bukhara, Samarqan, Kashgar, Turfan und Hotan mit den entfernten Hauptstädten Europas und Asiens verliehen der Stadt ihre ­Rolle als wirtschaftlicher Umschlagplatz und als kulturelle Vermittlungsstelle. Das Reich der Uiguren blühte hier, bis es im 12. Jahrhundert von den mongolischen Horden überrannt wurde.

Der Islam erreichte Kashgar im 10. Jahrhundert, und so wurde die Stadt zu einem Zentrum der Gelehrsamkeit, ­wobei sie einige der größten ‘Ulama und Lexikografen des 11. Jahrhunderts ­hervorbrachte. Dazu zählte Mahmud Al-Kashgari, der den „Diwan Lughat Al-Turk“ (Handbuch der türkischen Dialekte) schrieb, das seitdem in 26 Sprachen übersetzt wurde. Er wurde außerhalb der Stadt beerdigt. Es war in ­Kashgar, wo den frühen muslimischen Händlern starke chinesische, persische, türkische und indische Einflüsse begegneten. Der Islam war jedoch anziehender als die Vielzahl der religiösen Traditionen des Buddhismus, der Manichäer, der Zorastrier und des frühen nestorianischen Christentums. 644 berichtete ein reisender chinesischer Mönch vom lebendigen Bazar und der multi-ethnischen Qualität seiner Einwohner, von denen einige sogar „blaue Augen“ oder „gelbes Haar“ – vielleicht Sogdier – ­hatten. Dieses Vielfalt ist auch heute noch zu finden, und an den sonntäglichen Basaren nehmen zehntausende teil – ­darunter Uiguren, Han-Chinesen, ­Russen, Tadschiken, Kirgisen, Usbeken und Kasachen, aber auch ausländische Reisende.

Seit dessen Besuch und bis zur chinesischen Besatzung 1754 erlebte Kashgar eine lebendige wie teilweise auch unruhige Geschichte, welche die Stadt unter die Kontrolle der verschiedensten Herrscher – darunter die Mongolen oder Timur – brachte. Zwischen 1866 und 1877 konnte Jakub Beg, ein lokaler Machthaber, kurzzeitig die seit 1754 bestehende chinesische Herrschaft abschütteln. Dies war die Periode des „Große Spiels“, als Russland, Großbritannien und China um die Kontrolle der Überlandwege in Zentralasien stritten. Das „Spiel“ endete 1888, als Chinas Herrschaft wiederbestätigt wurde.

Nach dem Ende der Mandschu-Kaiser in China im Jahre 1910 flammte der Wettbewerb um die Kontrolle der Region wieder auf. In den 1930er Jahren ­erklärte die Islamische Bewegung Turkestans eine kurzlebige Muslimische Republik Ost-Turkestan. Seit 1949 wird Kashgar, wie die gesamte Heimat der Uiguren von Peking kontrolliert, wobei die chinesische Zentralregierung durch Ansiedlungen von Han-Chinesen und Umgestaltungen der großen uigurischen Städte immer mehr fassbare Kultur dieses muslimischen Kulturvolkes dem Erdboden gleich macht.

Es bleibt zudem zu hoffen, dass der steigende Handel und Austausch mit den neuen Staaten Zentralasiens keinen weiteren Schaden an der Kultur und Lebensweise der Menschen anrichtet.

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