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Widerspruch: Die Türkei muss sich auch im Inneren auf das osmanische Erbe besinnen. Von Gökhan Bacik

Nicht nur für die Außenpolitik

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Jenseits von Folklore und strategischen Absichten in der Außenpolitik hat die osmanische Hinterlassenschaft bisher ­keine Auswirkungen für die türkische Innenpolitik. Die Folge ist das starre Festhalten am Nationalismus.­

(Today's Zaman). Bisher ist das Osmanentum [und die Hinwendung der Türkei zu ihrem Erbe] im Wesent­lichen eine Frage der Außenpolitik des Landes geblieben. Ankara wurde dafür kritisiert, dass es die „neo-osmanische“ Karte im Nahen Osten und auf dem ­Balkan gespielt hat.

Ungeachtet des Wertes für ihre Außenpolitik ist die Türkei, soweit es ­dieses Thema betrifft, auch im Inneren auf den osmanischen Aspekt angewiesen. Para­do­xerwei­se bewerten sie insbesonde­re jene Konser­va­tive, die gerne auf einen „osma­nistischen“ Diskurs im Rahmen der Außenpolitik verweisen, als ­unpassend für die heimische Politik. Und so ist ­dieses Thema ein bisher unbestelltes Feld der Innenpolitik.

Dies bringt uns zu ernsthaften Fragen: Sind die türkischen Konservativen wirkliche dem osmanischen Erbe zugetan, wenn sie über die heimischen Probleme ihres Landes nachdenken? Wollen sie ernsthaft die Erben eines ­Vermächtnisses sein, das die Osmanen hinterließen? Angesichts ihrer Reaktionen auf ­bestimmte Themen aus der türkischen Politik könnte man leicht den Eindruck erhalten, dass sie nur über das osmanische Erbe sprechen, anstatt es zum Bestandteil ihrer Agenda zu machen.

Zuallererst handelt der Osmanismus von Multikulturalismus. Die Osmanen waren seine stolzen Verfechter. Sie betrachteten den Monokulturalismus als ernsthafte Bedrohung; und zwar bis an den Punkt, dass sie Anstrengungen unter­nahmen, dass die Bevölkerungen ihrer Städte aus verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen bestanden. Das osmanische Istanbul war keine „türkische“ Stadt, sondern eine „imperiale“ Metropole. Jeder große osmanische Herrscher vom Format eines Sultan Mehmet II. wäre tieftraurig, würde er sehen, wie das Istanbul von heute seinen multikulturellen Charakter verliert. Im deutlichen Gegensatz zum Osmanismus haben seine zeitgenössischen konservativen Verfechter eine tiefe Furcht vor dem Multi­kulturalismus. Anatolien steht vor dem schwerwiegenden Risiko, dass es seine historisch multikulturelle Natur ­verlieren könnte.

Die Osmanen konnten gut damit leben, die lokalen Gebräuche und Regeln unterschiedlicher Gruppen anzuerkennen. Ein osmanischer Staatsmann hätte niemals verstanden, warum das orthodo­xe Kloster Halki immer noch ­geschlossen ist. Eine osmanischer Staatsmann hätte nicht verstanden, warum es in Städten, die von Kurden bewohnt sind, immer noch keine kurdische Straßenschilder gibt. Der Geist des osmanischen Gemein­wesens, dass vom Balkan bis zum Jemen regierte, hätte über die türkischen Politi­ker in Ankara gelacht, die nicht in der Lage sind, Diyarbakir zu regieren. Sultan Abdülhamit II. Han würde die türki­sche Strategie bezüglich der ­Kurdenfrage höchst wahrscheinlich als totales Fias­ko betrachten.

Die Osmanen waren praktische Menschen, die politische Weisheit verströmten. Sie zwangen verschiedenen Ort und Gesellschaften niemals das gleiche Modell, denn ihre Weisheit führte zu alterna­tiven Lösungen für Kurden, Armenier etc. Sie waren keine Pedanten in Sachen staatlicher Prinzipien. Stattdessen waren sie offen für einen Wandel des Staates, um den Bedürfnissen den Menschen entgegenzukommen. Im scharfen Kontrast dazu herrscht heute in der Türkei ein Staats-Fetischismus; selbst unter den Konservativen.

Ich möchte nicht unzeitgemäß ­werden. Jedoch glaubten die Osmanen nicht an den Zentralismus. Die Weitergabe von Autorität an die Peripherie war ein zentrales staatliches Prinzip der osmanischen Politik. Die Republik Türkei ist hier vollkommen anders. Aus diesem Grund muss die Frage des einheitlichen Staates neube­wertet werden. Die Türkische Republik ist möglicherweise der erste einheitliche Staat der gesamten türkischen Geschich­te. Obwohl ich auch hier nicht unzeitge­mäß erscheinen möchte, so möch­te ich doch behaupten, dass ­weder die Seldschuken, noch die Osmanen nach einer Verwaltungslogik lebten, wie sie den Staatsmännern der Türkischen Republik eigen ist.

So mancher würde jetzt entgegnen, dass wir im Zeitalter des Nationalstaates leben, aber der Vergleich zwischen dem osmanischen Gemeinwesen und der Türkischen Republik ist nicht zulässig. Meine Antwort ist sehr einfach: Die [belgische] Region Flandern kann ihre unabhängige Außenpolitik betreiben; die Hansestadt Hamburg kann eine Delega­tion nach Brüssel entsenden. Was die Türken erreichen wollen, existiert so nicht in der entwickelten westlichen Welt. Der moderne Staat, so wie wir ihn verstehen, ist vollkommen eine nationale Illusion. Ironischerweise sind viele Euro­päer dem osmanischen Modell näher als der türkische Staat.

Wo sind hier diejenigen,welche das politische Erbe der Osmanen beanspruchen? Das Osmanentum wird heute auf die Liebe zu seinen Monarchen reduziert. Und die Konservativen haben dieses Vorbild bisher nur für pädagogische ­Zwecke benutzt. Es wird gegenüber Jungen und Mädchen als Beispiel der Perfektion hoch­gehalten, das es nachzuahmen gilt. Daran ist nichts verkehrt. Jedoch ist es jetzt für die Konservativen an der Zeit, die Osmanen in ihrer Innenpolitik nachzuahmen. (Today’s Zaman)

Begriffserklärung „Osmanismus“: Der „Osmanismus“ wurde 1839 mit der Verkündung des Hatt-i Scherif von ­Gülhane geboren, die ein osmanisches Vaterland mit einem osmanischen Volk propa­gierte und somit den nationalistschen Bewegungen entgegentreten sollte. Großwesir Mehmed Emin Ali Pascha gilt als sein Architekt. (Vielen Dank an Rasim Marz für die Information!)

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