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Widersprüche treten zu Tage

Erstmals wird innermuslimisch offen über die zukünftige Ausrichtung und Gestaltung ­diskutiert. Eine erste Zusammenfassung

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Foto: GoodFreePhotos.com

(iz). Es ist eine Binsenweisheit. Die Hoheit über Begriffe heißt auch Kontrolle des Diskurses. Das gilt nicht nur für die große Politik, ­sondern wirkt auch im Gespräch der Muslime untereinander. Werden bisherige Begriffe hinterfragt oder ihre Besetzung durch neue Akteure beansprucht, geraten auch Gewissheiten ins Wanken.

Anschauliches Beispiel ist der sich entfaltende Austausch über den Begriff des „deutschen Islam“. Erneut in das öffentliche Gespräch eingebracht hatte ihn Markus Kerber, Staatssekretär im Innenministerium, bereits am 13. Juli. Anlässlich der anstehenden DIK-Runde äußerte er sich in einem Interview über Zusammensetzung und Ausrichtung des neuen Plenums im November. Angesprochen auf die Seehoferschen Einlassungen, meinte er: „Kann es einen deutschen Islam geben, der auf den rechtlichen und kulturellen Rahmenbedingungen in Deutschland basiert?“ Die Antwort darauf könnten allein deutsche Muslime geben, der Staat dafür nur die Rahmenbedingungen schaffen.

Seit Ende der Sommerpause entfaltet sich nun eine teils angespannte Debatte darüber den Begriff und die Konsequenzen. Unabhängig davon, wie man sich dazu verhält, haben wir hier das erste Mal ein öffentlich wahrnehmbares Gespräch darüber, was unser Selbstverständnis als Muslime in Deutschland ist und wie wir uns zukünftig ausrichten wollen.

An den Äußerungen Kerbers entzündeten sich teils polemische Reaktionen. So schrieb der langjährige IGMG-Vertrter Ali Kizilkaya zu Kerbers Aussagen auf Twitter: „Zwei Mal Islam mit Salami und Vorderschinken ohne Knoblauch. Dazu noch zwei Weizen bitte! Innenministerium bestellt Islam nach Wunsch. Was für eine Anmaßung.“ Sein Generalsekretär folgte: „Für mich bitte einmal knusprig gebratene Schweinshaxe; koscher reicht – muss nicht halal sein.“

Nach der Sommerpause setzte sich die Debatte fort. Den Anfang machte der Kölner Journalist und Autor Eren Güvercin am 25. August im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Er rate Muslimen, „sich mit dem Gedanken an einen ‘deutschen Islam’ anzufreunden“, zitiert ihn der epd. Wer in Deutschland aufgewachsen sei und sich als „türkischer Muslim“ bezeichne, reagiere unreflektiert und emotional auf hitzige Debatten. „Die Realität, die die türkischstämmigen Jugendlichen von heute geformt hat, ist die deutsche.“ Man könne gleichermaßen deutscher Staatsbürger sowie „konservativer Muslim“ sein.

Der muslimische Theologe Dr. Ahmet Inam veröffentlichte am 1. September im Onlinemedium „Islamiq“ einen langen Text und wies den Begriff „deutscher Islam“ zurück. So wie es nie einen türkischen, arabischen oder persischen gegeben habe, könne es keinen „deutschen Islam“ geben.

Inam stellte einen Vergleich zum Konzil von Nizäa. Die dortige Kirchenversammlung legte dort wichtige Glaubensinhalte des Christentums fest, die bis heute noch gültig seien. Dies fand unter Leitung und Einfluss des römischen Kaisers Konstantin statt. „Es war das erste Mal, dass der Staat sich in christlich-theologische Themen einmischte.“ Für ihn sind die Parallelen zur heutigen Islamkonferenz evident. In Sachen Selbstbestimmung läge die DIK hinter dem Konzil zurück. Während diese Gesprächsrunde bisher eigentlich eine Dialogrunde des Staates mit Migranten gewesen sei, solle nach Kerber nun bestimmt werden, was „deutscher Islam“ sei.

„Die islamischen Religionsgemeinschaften, die in diesem Verlauf der Islamkonferenz ebenfalls Fehler machten und sich bisher für das muslimische Leben in Deutschland nicht genügend engagierten, werden wieder mit Einzelpersonen gleichgestellt.“ Das große Problem bei dem Vorhaben sei, dass es nun um den „Islam“ ginge. Ein „deutscher Islam“, der fehlerhaftes Verhalten als erlaubt betrachte, „wird nicht ‘Islam’ sein.“

Zwei Tage später veröffentlichte der Jurist Murat Kayman, der wie Inam heute zuvor bei der DITIB arbeitete, ebenfalls zum Thema. Seiner Meinung nach würden die Diskussionen „um einen in Deutschland beheimateten Islam“ in den nächsten Monaten Aufwind erfahren. Er sehe in der DIK einen neuen Impuls, der von deutschen Muslimen ausgehe, „die ganz selbstverständlich und im konkretesten Sinne des Wortes selbstbewusst die Frage nach Gleichberechtigung und Teilhabe stellen“. Angesichts der eher plakativen Reaktionen auf Facebook und Twitter seitens einiger verbandlicher Repräsentanten stellt Kayman die Frage, warum selbige gerichtlich darum fochten, als deutsche Religionsgemeinschaft anerkannt zu werden. „Was, wenn nicht einen deutschen Islam, wollten sie denn mit einem solchen Status vorleben?“

Kayman nimmt Bezug auf den Artikel von Dr. Inam. „Wenn aber Kultur nach Inams Vorstellung nie Religion zu verändern vermag, woher kommt dann seine Sorge, dass ausgerechnet ein ‘deutscher Islam’ kulturelle Gepflogenheiten legitimieren könnte, die der islamischen Glaubenslehre widersprechen? Und warum glaubt er, dass Muslime einer solchen Veränderung folgen würden?“

Über Positionen wie die von Ahmet Inam oder von Elif Zehra Kandemir (Redakteurin bei „Perspektif“) schreibt er: „Beide offenbaren dabei zwei Details: Die Vorstellung, dass es Menschen ausschließlich deutscher Herkunft gibt, die sich zum Islam bekennen, ist ihnen fremd. (…) Bei aller ‘überkultureller’ Glaubensanschauung scheint sich immer noch die Auffassung zu halten, dass es Muslime gibt, die nicht die ‘richtige’ kulturelle oder nationale Herkunft aufweisen, um als Muslime auf Augenhöhe wahrgenommen zu werden.“ Eine vergleichbare Haltung sieht er gegenüber jenen türkischstämmigen Menschen, „die sich – zumindest auch – als deutsche Muslime fühlen“.

Eine Woche später entschied sich ­Ahmet Inam unter dem Titel „Unveränderliche Religion, veränderlicher Brauch“ zu einer weiteren Erläuterung und Klarstellung seines Ausgangtextes. Während die Religion unabänderlich ist, könne jedes Volk, auch das deutsche, im Rahmen der hiesigen Gesetze seine Bräuche und Gewohnheiten „weiterhin im Islam beibehalten“. Damit könne beziehungsweise würde eine „islamisch geprägte deutsche Kultur“ entstehen. Im Rahmen einer Entwicklung des muslimischen Rechtsdenkens konnten Menschen aus verschiedenen Kulturen „bei der Konvertierung zum Islam ihre Bräuche und Sitten ­bewahren, diese weiterentwickeln oder aufgeben“.

Die Religion sei universell und unabänderlich, so Dr. Inam, und die Frage, was Religion sei, werde unter anderem in der berühmten Dschibril-Überlieferung vom Propheten beantwortet. Aber auch die klassischen Gelehrten verweisen bei der Frage, was Religion (arab. din) sei, auf die Essenz, auf die Fundamente der Religion, und unterscheiden somit – wenn auch aufgrund der historischen ­Begebenheiten indirekt – Religion und Gesetz.

In seinem Text zur „Konstantinierung“ habe er auf die Religion abgezielt und nicht auf Brauchtum oder die Rechtswege, in denen „die Ambiguität und die gepriesene Vielfalt der islamischen Religion vorhanden ist“. Nur hier habe die gut gemeinte, aber irregeleitete Aussage, ­wonach es nicht „den Islam“ gebe, eine Gültigkeit. Bei Religion und Glaube sie das nicht der Fall.

Das Eingreifen Dritter sei vorprogrammiert, wenn die nächste Sitzung der ­Islamkonferenz beabsichtige, einen „deutschen Islam“ zu definieren. Ein solches Unterfangen werde sich nicht nur mit Bräuchen und kulturellen Entfaltungen befassen, sondern sich auch vorwagen, essentielle Themen des Islam zur Diskussion zu stellen. Es sei unverantwortlich, in diesem definitorischen Vorhaben „keine Gefahr der Deformierung der Religion“ zu erkennen.

Es sei natürlich, dass sich eine „islamisch geprägte deutsche Kultur“ entwickeln werde, wenn deutsche Muslime – mit oder ohne Migrationshintergrund präsent sind. Aber für eine solche Kultur bedürfe es erstens einer Bewahrung der Religion sowie einer grundlegenden ­Entwicklung: eine langsame und natürlich kulturelle Entfaltung, solange es ­keine „massenhafte Konvertierung zum Islam“ gebe.

Der Vorsitzende des Islamrates Burhan Kesici sagte am 15. September in einem Interview, er sehe nur bedingte Chancen, dass neue Impulse der DIK eine Möglichkeit sein könnten. Er selbst könne nur darüber spekulieren, was Staatssektär Kerber mit dem Begriff meinte. Er wolle aber darauf hinweisen, dass sich die DIK auf dem Boden bewege, der das Grundgesetz ist. „Das schließt einen wie auch immer gearteten Interventionismus von staatlicher Seite aus.“ Im Gespräch mit dem ZD-Format „Forum am Freitag“ bekräftigte Kesici seine Skepsis. Er ­befürchte einen Diskurs, der hier nicht weiterhelfen werde.

Ganz ungeachtet der Frage, ob der Begriff eines „deutschen Islam“ (siehe S. 19) überhaupt zulässig und denkmöglich sein kann, hat sich immerhin eine ­Debatte entfaltet, die für die muslimische Gemeinschaft in Deutschland nicht schlecht sein muss. Und es ist unwahrscheinlich, dass sie so schnell enden wird. Im positiven Falle kann sie dabei helfen, eine verbindene Klammer sowie eine dringend benötigte Selbstverortung zu liefern.

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Massouda Khan

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