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Widersprüche zwischen Theorie und Praxis

Frauen in Moscheen – isoliert, ignoriert und ­integriert. Von Silvia Horsch und Melahat Kisi

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„In Deutschland diskutieren Muslime in diesen Tagen über die Inklusion von Gehörlosen und praktizieren sie mancherorts auch schon. Die Mehrheit der muslimischen Frauen ist nicht gehörlos und kann oft trotzdem dem Imam oder Vortragenden nicht richtig zuhören, weil zum Beispiel Vorträge in räumlichen Arrangements stattfinden, die es den Frauen weder erlauben, den (fast immer männlichen) Referenten zu sehen, noch ihn gut zu hören, geschweige denn Fragen zu stellen, oder sich an der Diskussion zu beteiligen. Oft genug ist die Teilnahme von Frauen gar nicht vorgesehen und es gibt auch keinen gleichwertigen Programmersatz für sie.“

(iz). Sollten wir wirklich über die Situation von Frauen in den Moscheen Deutschlands diskutieren? Fallen wir damit nicht der muslimischen Community in den Rücken, die sich ohnehin schon fortwährend mit dem Vorwurf, der Islam sei frauenfeindlich, auseinandersetzen muss? So lautet eines der Argumente, die eine Auseinandersetzung mit dieser dringlichen Frage erschweren, aus unserer Sicht aber nicht gültig ist.

Der Widerspruch ­zwischen Theorie und Praxis
Kontraproduktiv ist es vielmehr, ein wunderbar theoretisches Bild zu zeichnen, das sich in der Praxis vieler Gemeinden nicht widerspiegelt. Nichtmuslimische Moscheebesucher, die den kleinen, dunklen und schlechter ausgestatteten Frauenraum einer Moschee gesehen haben, werden sich von einem Vortrag zur „Stellung der Frau im Islam“ nicht überzeugen lassen – auch nicht, wenn die Mülleimer vor dem Fraueneingang für den Tag der Offenen Moschee schnell weggeräumt wurden.

Es geht um die Angleichung von Theorie und Praxis, die unter anderem der Gelehrte Habib Ali Jifri schon häufig gefordert hat: „Wir sollten aufhören, bloß darüber zu reden, dass der Islam Frauen Rechte gab und sie befreite. […] Die Frage, die sich jeder stellen sollte, ist, warum wir den Islam nicht in dieser Hinsicht implementieren. Warum belassen wir es bei Predigten? Oder nur bei einem Mittel zur Selbstverteidigung gegenüber den Medien?“ (IZ, August 2012)

Innermuslimische Debatten
Im englischsprachigen Raum ist die innermuslimische Diskussion schon weiter fortgeschritten: In Kanada erschien bereits 2005 der Dokumentarfilm „Me and the Mosque“ von Zarqa Nawaz (http://topdocumentaryfilms.com/me-mosque/), die 2007 auch durch ihre erfolgreiche Comedy-Serie „Little mosque on the prairie“ auf Probleme und Herausforderungen der Moscheen in der Diaspora aufmerksam machte.

In England wurde 2010 eine Liste der 100 frauenfreundlichsten Moscheen erstellt, während in Amerika neben der Bekanntmachung der „The Islamic Bill of Rights for Women in the Mosque“ eine Handreichung für frauenfreundliche Moscheen („Women Friendly Mosques and Community Centers: Working Together to Reclaim Our Heritage“) von verschiedenen islamischen Organisationen und muslimischen WissenschaftlerInnen herausgebracht wurde.

Aktuell hat sich in den letzten Wochen die Debatte anlässlich der Gründung einer Frauenmoschee intensiviert. Dabei wird deutlich, dass die Diskussion schnell auf Nebenschauplätze ausweicht (wie die Frage, ob das Freitagsgebet einer reinen Frauengemeinschaft zulässig ist, oder nicht) um das zugrundeliegende Problem nicht angehen zu müssen.

Der populäre Prediger Yasir Qadhi – selbst ein Vertreter eher simplifizierender Geschlechterrollen – schreibt dazu: „Wenn unseren Schwestern das Recht vorenthalten wird zur Moschee zu kommen, oder ihnen schlechtere Räumlichkeiten gegeben und sie respektlos behandelt werden, ist es nur natürlich, dass einige von ihnen die Dinge selbst in die Hand nehmen und reagieren werden. Einige dieser Gegenreaktionen werden legitim sein, andere illegitim. Anstatt uns über die Art der Gegenreaktionen Gedanken zu machen und ob sie rechtlich zulässig sind, sollten wir uns auf das zugrundeliegende Problem konzentrieren.“ Als eines der zentralen Probleme nennt er, dass Männer sich mit der Kleidung der Moscheebesucherinnen beschäftigten, Kommentare zu ihrer Meinung nach unangemessener Kleidung abgäben und auf diese Weise viele Frauen aus der Moschee vergraulten.

Der Film „Unmosqued“ (2013) ist ein weiteres Zeichen dafür, dass über die mangelnde Teilhabe von Frauen in den Moscheen in Amerika mittlerweile offen diskutiert wird. Der Film thematisiert und kritisiert die fehlende Offenheit vieler Moscheen gegenüber Frauen, Jugendlichen und ethnischen Minderheiten. Für die Gelehrte Anse Tamara Gray, die als junge Frau den Islam annahm und 20 Jahre in Syrien die islamischen Wissenschaften studierte, war der Film ein Katalysator, der es ihr ermöglichte, zum ersten Mal offen über ihre bedrückenden Erlebnisse als junge Muslimin in den Moscheen Amerikas zu sprechen: „Ich habe niemandem erzählt, wie es sich anfühlte, wenn ich in einen kleinen Raum mit einem dreckigen Teppich und schreienden Kindern verwiesen wurde, während die wenigen Männer sich auf dem makellosen orientalischen Teppich ausbreiteten. (…) Ich habe niemandem die beunruhigenden Vergleiche mitgeteilt, die in meinem Kopf stattfanden, als ich realisierte, dass ich nicht ein einziges Mal in einer Kirche so behandelt worden war. Ich habe nicht davon gesprochen, nicht einmal zu mir selbst.“

Nach ihrer Rückkehr in die USA im Jahr 2012 machte sie die Erfahrung, dass sich nicht viel geändert hatte: Alle Moscheen, mit denen sie Kontakt aufnahm, hatten keine Verwendung für sie – trotz ihrer Arabischkenntnisse, ihres Studiums und ihrer Idschaza (arab. für traditionelle Lehrerlaubnis) von anerkannten Gelehrten in verschiedenen islamischen Wissenschaften.

Ihre Reaktion war die Gründung eines anderen, eines virtuellen Raumes für Schwestern (rabata.org). Nachdem sie ihre Gedanken auf Facebook öffentlich gemacht hatte, erhielt sie eine Flut von Nachrichten, in denen Frauen von ähnlichen Erfahrungen berichteten.

In Deutschland diskutieren Muslime in diesen Tagen über die Inklusion von Gehörlosen und praktizieren sie mancherorts auch schon. Die Mehrheit der muslimischen Frauen ist nicht gehörlos und kann oft trotzdem dem Imam oder Vortragenden nicht richtig zuhören, weil zum Beispiel Vorträge in räumlichen Arrangements stattfinden, die es den Frauen weder erlauben, den (fast immer männlichen) Referenten zu sehen, noch ihn gut zu hören, geschweige denn Fragen zu stellen oder sich an der Diskussion zu beteiligen. Oft genug ist die Teilnahme von Frauen gar nicht vorgesehen und es gibt auch keinen gleichwertigen Programmersatz für sie.

Folgen der mangelnden Integration von Frauen
Eine Folge ist, dass die Moscheen besonders für viele junge und engagierte Frauen keine wichtige Rolle spielen. Sie bringen sich lieber in Hochschulgruppen ein, in der Muslimischen Jugend, bei Zahnräder oder in anderen Vereinen, in denen sie mehr Gestaltungsmöglichkeiten haben. Und Kinder erleben Moscheen häufig als einen Platz, an dem betende Männer ihre Ruhe brauchen.

So ist die Moschee kein Ort, in dem muslimische Familien wachsen und gedeihen können, sondern eher einer, an dem man kontraproduktive Umgangsweisen zwischen den Geschlechtern einstudiert. Dabei brauchen wir die Moschee nicht nur als Ort des Gebetes und der religiösen Bildung, sondern auch des sozialen Lernens, für alle, nirgendwo so dringend wie im Westen!

Im privaten Gespräch erfährt man ­immer wieder, dass viele Frauen (und auch Männer!) unzufrieden sind; sie scheuen sich aber, diese Unzufriedenheit auch zum Ausdruck zu bringen, Veränderungen einzufordern und aktiv daran mitzuwirken. Wer bestehende Verhältnisse in Frage stellt, wird schnell unbequem und mehr Zusammenarbeit zwischen den Geschlechtern einzufordern, gilt als unschicklich.

Es gibt allerdings auch positive Entwicklungen: So hat etwa die DITIB vorgesehen, dass zukünftig mindestens eine Frau unter den Mitgliedern der Moscheevorstände sein sollte. In Deutschland gibt es auch schon einige Moscheen mit weiblichen Vorstandsvorsitzenden. Und selbstverständlich bestehen nicht in allen Moscheen die beschriebenen Missstände, sondern es gibt auch frauen-, ­jugend- und familienfreundliche Moscheen, in denen die Zusammenarbeit gut funktioniert und gesunde Gemeinden gedeihen können.

Beiträge zur Debatte
Als Mitarbeiterinnen am Institut für islamische Theologie (IIT) der Universität Osnabrück und als nafisa.de-Team beschäftigen uns diese Fragen schon länger. Kathrin Klausing hat die Situation von Frauen in Moscheen bereits 2009 in einem Artikel, der auch in der IZ erschien, thematisiert. Am IIT organisieren wir im Wintersemester 2014/15 und Sommersemester 2015 eine Ringvorlesung zum Thema „Islam und Geschlecht“, in deren Rahmen auch das Thema „Frauen und Moscheen“ behandelt wurde.

Ein neues Projekt unserer Seite nafisa.de ist der Blog „Frauenbereich“ (frauenbereich.tumblr.com). Dort sammeln wir Erfahrungsberichte von Frauen in den verschiedenen Moscheen Deutschlands – positive wie negative. Damit verfolgen wir zwei Strategien:

Bewusstsein schaffen – Frauen nehmen die Verhältnisse häufig als gegeben hin. Eine Frau, die im „Frauenbereich“ von den Erfahrungen in der Moschee ihrer Kindheit berichtet, fragt sich selbst, warum sie und die anderen Frauen die Zustände in ihrer Moschee so lange kritiklos erduldet haben. „Die Dinge, die man von klein auf kennt“, so schreibt sie, „nimmt man als normal an“.

Männer andererseits machen in den Moscheen ganz andere Erfahrungen als Frauen und können deren Lage nicht unmittelbar nachvollziehen. Sie sind nicht mit der Situation konfrontiert, in kleinen und dunklen Räumen beten zu müssen, den Imam nicht sehen und – wenn die Lautsprecher nicht funktionieren – auch nicht hören zu können.

Sie haben nicht das Problem, dass sie keine Fragen stellen, sondern nur Zettel nach vorne reichen, oder über die Galerie werfen können. Normalerweise werden sie nicht skeptisch beäugt, wenn sie in die Moschee kommen, und niemand gibt ihnen zu verstehen, dass ihre Hose zu eng oder ihr Hemd zu kurzärmelig ist.

Beides führt dazu, dass kein ausreichend breites Bewusstsein für bestehende Missstände vorhanden ist. Wenn Frauen von negativen Erfahrungen in Moscheen berichten, bekommen sie oft zu hören, dass sie übertreiben und nur ihre eigenen Erfahrungen unzulässig verallgemeinern würden. Die gesammelten Erfahrungen sollen deshalb aufzeigen, dass hier tatsächlich ein Problem besteht, das die Gemeinden angehen müssen.

Lösungswege aufzeigen – Die positiven Beispiele zeigen, dass es auch anders geht: Gut organisierte 'Idgebete und -feste, bei denen die Frauen nicht ausgeschlossen sind; Veränderungen in Vorstandsstrukturen, so dass auch Frauen in Entscheidungsprozesse einbezogen werden, oder große Gebetsräume, die Männern und Frauen Platz bieten, so dass alle den Imam hören und sehen können – so wie es die Praxis unseres Propheten, Friede sei mit ihm, war.

An diesem Projekt kann sich jeder und jede durch eigene Beiträge beteiligen. Die Situation von Frauen (und Kindern) in der Moschee ist kein reines „Frauenproblem“, mit dem sich nur die Frauen selbst beschäftigen müssten. Wenn mehr als die Hälfte der Gemeinde in der Moschee keinen angemessenen Platz findet, hat das Folgen für die Gemeinschaft als Ganzes. Wir hoffen auf eine breite, sachliche und konstruktive innermuslimische Debatte, die Bewusstsein schafft und positive Entwicklungen verstärkt – auf dass unsere Moscheen keine Rückzugsorte bleiben, sondern Leuchttürme werden.

Weiterführende Webseiten:
frauenbereich.tumblr.com
www.nafisa.de
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