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Wie den Alltag beim Fasten gestalten?

Die IZ-Reihe über den Alltag der Muslime in Deutschland. Von Yasin Alder

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(iz). Angesichts der aktuell immer länger – und wärmer – werdenden Fastentage im Ramadan, die bedeuten, dass das Fasten anstrengender wird, stellt sich die Frage, wie man richtig und bewusst fastet, um sowohl spirituell als auch körperlich gut von dieser Zeit zu profitieren. Aspekte der bewussten Ernährung gewinnen dabei auch zunehmend an Bedeutung. In diesem Artikel soll versucht werden, einige Anregungen dazu zu geben.

Alltagserfahrungen
Die IZ-Autorin Tasnim El-Naggar (26) lebt als Studentin der Politikwissenschaften in Berlin. Bis vor zwei Jahren lebte sie noch bei ihrer Familie in Westfalen, im letzten Jahr hat sie den Ramadan als Praktikantin in London verbracht. Die Erfahrung des Ramadans in Berlin, ohne Familie, steht ihr also noch bevor. „Das wird schon ein Unterschied sein, da ich diesen Ramadan eben größtenteils ohne meine Familie verbringen werde. Ich werde meine Familie natürlich auch so oft wie möglich besuchen, zumal ich Semesterferien habe und daher nicht an Berlin gebunden bin“, sagt sie. „Hier in Berlin werde ich aber versuchen, so viel Zeit wie möglich mit meinen Freunden zu verbringen, gemeinsam ‘Ibadat zu machen, in die Moschee zu gehen und sich gegenseitig einzuladen.“ Hat sie den Ramadan in London anders erlebt als in Deutschland? „Ich habe in einer Mädchen-WG gewohnt, mit sieben Mädchen aus der Türkei. Wir haben uns dann immer abends zum Fastenbrechen getroffen, wobei immer jeweils eine für das Kochen zuständig war. Das war doch irgendwie wie Familie“, erzählt die junge Journalistin. „Da bekannt war, dass wir keine Familie in London hatten, wurden wir auch besonders häufig zum Iftar eingeladen.“

Besonders bemerkenswert fand sie das „‘Id on the Square“, das öffentliche ‘Id-Fest auf dem Trafalgar Square, wozu der Londoner Bürgermeister einlud – etwas, das es so in Deutschland noch nicht gibt. Es sei nicht so, dass man den Ramadan im öffentlichen Leben mehr wahrnehmen könne als in Deutschland, doch war sie durch ihr Praktikum beim muslimischen Lifestyle-Magazin „emel“ überwiegend von Fastenden umgeben. In London habe sie im letzten Jahr allerdings auch gemerkt, dass das Fasten anstrengender war als früher, zumal sie täglich acht Stunden gearbeitet hat: „Da war ich abends schon sehr müde. Als Studentin hingegen kann man sich die Zeit etwas flexibler einteilen, da ist mir das Fasten irgendwie schon leichter gefallen.“

Beim Berliner Lokalkreis der MJD (Muslimische Jugend in Deutschland), dem Tasnim El-Naggar verbunden ist, soll es wöchentlich im Wechsel ein gemeinsames Iftar und dann einen Vortrag geben, sowie ein Wochenende, an dem man vor allem spirituell auftanken möchte. „Gerade bei den Aktiven ist es auch wichtig, dass sie mal auftanken und nicht immer nur geben“, sagt sie. „Ich werde auch versuchen, möglichst regelmäßig in die Moschee zu gehen oder mit Freunden gemeinsam zu beten, denn das gemeinschaftliche Tarawih-Gebet ist für mich sehr wichtig.“ Spezielle Ernährungsregeln befolgt sie hingegen nicht. „Ich habe mir auf jeden Fall vorgenommen, am Abend bescheiden zu essen – nur so viel, wie nötig ist. Morgens zum Sahur esse ich meistens Müsli, weil das ganz gut sättigt, und manchmal Ful, arabische Bohnen.“

Der 43-jährige Omar Dohdoh arbeitet als Schichtleiter in einer Kölner Entsorgungsanlage für Industrieabfälle. Dort werden die Abfälle maschinell sortiert. „Die Maschinen müssen immer wieder von Hand repariert werden, in kürzes­ter Zeit, was harte Arbeit ist“, erzählt er. Das Fasten sei daher durchaus anstrengend. Omar Dohdoh arbeitet in Schichten – früh von 6.00 Uhr bis 14.30 und spät von 14.30 Uhr bis 23.00 Uhr.

In der zweiten Schicht fällt also das Fas­tenbrechen in die Arbeitszeit. „Wir sind mehrere muslimische Kollegen in der Schicht, und wir versuchen, es so einzurichten, dass wir in der Zeit des Fastenbrechens unsere Pause machen können. Wir haben auch Glück, dass unser Arbeitgeber so flexibel ist, uns dies im Ramadan zu gestatten. Bis jetzt hat es, mit Allahs Hilfe, immer gut geklappt.“ Nach dem kurzen Fastenbrechen wird zunächst gemeinsam das Abendgebet gebetet, dann zusammen gegessen, wobei jeder etwas mitbringt. „Dieses gemeinsame Fas­tenbrechen macht uns viel Freude“, sagt Dohdoh. Obwohl das Fasten bei seiner Arbeit eigentlich durchaus anstrengend sei, habe er dies im letzten Jahr nicht so stark empfunden, trotz der längeren Fas­tentage. „Das hat überraschend gut geklappt. Man war durch die Arbeit irgendwie immer abgelenkt von Hunger und Durst. Und die Zeit des Fastenbrechens war dann wirklich ein Moment großer Freude, so wie der Prophet, Allahs Segen und Friede auf ihm, im Hadith gesagt hat.“

Ein Wermutstropfen ist dabei natürlich, dass man bei den Abendschichten das Fasten nicht im Kreise der Familie brechen und de facto auch nicht zum Tarawih-Gebet in die Moschee gehen kann. „Ich habe mich damit abgefunden, dass man durch die Schichtarbeit nicht das ideale Ramadan-Programm machen kann, aber eben so gut man kann. An den letzten Tagen des Ramadan und den Festtagen am ‘Id nehme ich mir aber frei, um dies wenigstens ein bisschen nachzuholen“, sagt Omar Dohdoh.

Nach den Frühschichten ruhe er sich zunächst kurz aus, uns setze sich dann für die verbleibende Zeit bis zum Fastenbrechen ein bestimmtes Ziel, wie Qur’an zu rezitieren oder etwas mit den Kindern zu unternehmen. Auch Omar Dohdoh ernährt sich im Ramadan nicht wesentlich anders als sonst. „Zum Sahur esse ich gern gekochte Eier, die geben Kraft für den Tag und sättigen.“ Das bei vielen zum Sahur beliebte Müsli sagt ihm hingegen nicht so zu. „Außerdem esse ich Joghurt und Käse sowie Vollkornbrot, das reicht mir.“ Abends isst er nicht viel, dabei gern Salat und gelegentlich etwas Fleisch.

Durch die derzeit späten Iftar-Zeiten sind besonders Eltern mit kleinen Kindern sehr eingeschränkt, was das wahrnehmen von Einladungen angeht, denn diese sollten natürlich um diese Zeit längst im Bett sein. „Das ist schade, denn so ist es nur begrenzt möglich, den Ramadan mit anderen zu teilen“, meint Omar Dohdoh.

Ernährungstipps
Abgesehen davon, dass übertriebenes Essen und Völlerei im Islam ohnehin verpönt ist, ist es auch aus gesundheitlichen Gründen nicht ratsam, abends allzu viel zu essen. Man kann das nicht oft genug wiederholen. Und mit vollem Bauch lässt sich auch nicht gut das Tarawih-Gebet beten.

Der prophetische Ausspruch, dass man ein Drittel seines Magens mit Essen, ein Drittel mit Trinken und ein Drittel leer lassen sollte, ist wohl bekannt. Und im Qur’an heißt es kategorisch in Sure Al-Araf, Vers 31: „(…) esst und trinkt, aber seid nicht maßlos! Er [Allah] liebt nicht die Maßlosen.“

Müsli, Getreide- oder Vollkornprodukte sowie Hülsenfrüchte sind empfehlenswert, weil sie langkettige Kohlenhydrate beinhalten und damit lange vorhalten und sättigen. Fett und Zucker hingegen sollte man nur sehr in Maßen zu sich nehmen.

Kaffee ist zum Sahur weniger zu empfehlen, weil er flüssigkeitstreibend wirkt. Abends hingegen ist er ein guter Muntermacher beim Fastenbrechen.

Solche und ähnliche Tipps finden sich beispielsweise im dem in Großbritannien erschienenen „Ramadan Health Guide“, verfasst von muslimischen Ärzten und Fachleuten. Den „Ramadan Health Guide“ kann man im Internet als PDF finden (www.communitiesinaction.org).

In diesem Ratgeber wird zunächst einmal erklärt, was das Fasten physiologisch für den Körper bedeutet, es werden konkrete Ernährungsempfehlungen gegeben – was sollte man bevorzugt zu sich nehmen, was vermeiden. Es wird auch auf häufige Gesundheitsprobleme beim Fasten eingegangen, und was beispielsweise chronisch Kranke beachten müssen. Sehr nützlich ist auch der Bereich mit den „frequently asked questions“ (FAQs) zum Fasten im Ramadan. Physiologisch kommt der Körper ungefähr acht Stunden nach Aufnahme der letzten Mahlzeit in einen Zustand des Fas­tens. Zuerst verbraucht der Körper die in Muskeln und Leber vorhandenen Glukose-Vorräte. Sind diese verbraucht, dient Fett als nächste Energiequelle. Erst nach mehreren Tagen ohne Nahrungsaufnahme beginnt der Körper, die Proteinvorräte anzugreifen, was eindeutig ungesund ist. Da man im Ramadan nur von Sonnenaufgang bis Untergang fastet, geschieht dies nicht, allerdings kann man dadurch Fett abbauen, auch Cholesterin, und den Körper von Giften reinigen.

Die Mahlzeiten im Ramadan sollten durchaus ausreichend Kohlenhydrate und etwas Fett enthalten, sowie eine angemessene Menge von Nährstoffen, Salzen und Wasser.

Damit das Fasten im Ramadan die Gesundheit fördert und nicht das Gegenteil, sollte nicht zu viel gegessen werden, die Ernährung sollte vielseitig und ausgewogen sein – Obst und Gemüse, Brot, Kartoffeln und Cerealien, in geringeren Mengen Fleisch oder Fisch, Milch und Milchprodukte und noch weniger fett- und zuckerhaltige Lebensmittel. Komplexe Kohlenhydrate werden langsam abgebaut und halten so besonders lange über den Tag. Sie sind etwa in Getreideprodukten, Reis, Hirse oder Hülsenfrüchten enthalten. Ballaststoffreiche Lebensmittel sind in dieser Hinsicht ebenso empfehlenswert, wie etwa Obst, Getreideprodukte, Kleie oder grüne Bohnen. Vermeiden sollte man, so der Ramadan Health Guide, tiefgekühlte Fertiggerichte, stark zucker-, fett- und ölhaltige Produkte sowie zu langes ­Braten.

Der Körper des Menschen ist eine Amana, ein anvertrautes Gut von Allah, mit dem man verantwortungsvoll umgehen soll. Vollwertige, natürliche und gesunde Ernährung hat durchaus auch Auswirkungen auf das spirituelle Wohlbefinden – und andersherum. Islamisches Bewusstsein und gesunde Ernährung gehen also Hand in Hand.

So kann der Ramadan auch zu einer bewussteren Lebensweise anleiten, ebenso wie zu Mitgefühl, Wohltätigkeit oder Zusammengehörigkeitsgefühl.

Doch nicht zuletzt gilt immer noch, dass das Fasten in erster Linie dazu ­dienen soll, Taqwa zu erlangen – das ­bedeutet Furcht und Respekt vor Allah in jedem Augenblick, die das gesamte Verhalten beeinflusst.

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