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Wie denken Muslime über Moral?

Muslimisches Denken und Praxis: Antworten auf aktuelle Fragen und Herausforderungen. Von Sulaiman Wilms

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„Und keine lasttragende (Seele) nimmt die Last einer anderen auf sich.“ (Al-Isra, 15)
„Auch der Besuch kritischer Ausstellungen, das Lesen kritischer Kommentare, das Äußern und Abnicken kritischer Meinungen am Stammtisch führt nicht zwangsläufig zu Verhaltensänderungen. In jedem Fall schaffen sie die Basis für ein gutes Gewissen, das ohne weiteres mit einem selbst attestierten kritischen Bewusstsein harmoniert. Das mühselige Engagement, die Umsetzung der Kritik, ist oft schnell an andere delegiert, die stellvertretend für mich etwas tun sollen (…).“ (Thomas Edlinger, Der wunde Punkt)

Ein Blick in das deutsche Feuilleton, die unzähligen Blogs des Internets sowie der politisch-mediale Sprachgebrauch (in den Reihen jeder Parteiung) lässt den Schluss zu, dass Moral triumphiert habe. Vielleicht leben wir sogar in einem Augenblick, in dem die Apotheose des „kritischen Denkens“ verwirklicht ist. Sicher ist aber, so viel Kritik und so viel Moral wie heute waren noch nie. Unabhängig davon, wie wir dazu stehen: Die öffentliche, politisierte Moral scheint derzeit dominant zu sein. Diese Rhetorik steht in einem manchmal seltsamen Gegensatz zu einer eher nachdenklich stimmenden Realität. Je mehr diese drängend zutage tritt, desto weniger scheint eine engagierte Debatte über ihre Lösungen im Vordergrund zu stehen. Oder gar die Fähigkeit vorhanden zu sein, sich ihrer anzunehmen.

Wo stehen wir heute?
Obwohl wir angeblich in einem postreligiösen (hierzulande: postchristlichen) Zeitalter leben, scheinen die Mechanismen dieser Moral trotzdem stark dem Christentum entlehnt zu sein. Egal, ob Erbsünde oder schlechtes Gewissen, nur weil Menschen sich ihrer theologischen Fundamente – jenseits bemühter Sonntagsreden – mehrheitlich entledigt haben, heißt das nicht, dass sie nicht länger wirksam sind. Führte einst der Bruch der Fastenzeit zu einem schlechten Gewissen, mag dies heute der Kauf von Billigtextilien sein oder der Konsum von zu viel, zu ungesunden Lebensmitteln. Und auch die Erbsünde, ein konstituierendes Element des Christentums, hat ihre Übertragung in eine heutige Begrifflichkeit gefunden. Allerdings gibt es – im Unterschied zum einstmals christlichen Ethos – längst keine Mechanismen mehr, wie „Schuld“ auf einer existenziellen Ebene irgendwann einmal vergeben werden kann. Es ist wie mit den Schulden der armen Länder, die durch die anhaltende Fortsetzung der Belastungen durch die Zinssätze ständig fortgesetzt werden.

Auch in Teilen des muslimischen Denkens haben sich quasi-christliche Reflexe und Reaktionsmuster in rein moralischer Hinsicht in der letzten Zeit festgesetzt. Es macht sich ein Gefühl der „Schuld“ breit – ein Konstrukt, das es im Islam nicht gibt. In einer Art Hypermoralität nehmen Schuldgefühle (also das schlechte Gewissen) sowie die Anklage auf beiden Seiten des Spektrums ihren Platz ein. Diese Art „Haltung“ ist seltsam konsequenzlos, da sich aus ihr keine Handlung ableitet. Es gibt, in Ermangelung einer Katharsis, auch immer weniger Mechanismen, wie diese verständlichen Affekte ausagiert und gelöst werden könnten. Hinzu kommt, wovon bereits der Philosoph Nietzsche sprach, das Element des Ressentiments, das manchen Reaktionen zugrunde zu liegen scheint. Alle diese Elemente werden noch dadurch verstärkt, dass – aus welchen Gründen auch immer – sich viele in der Welt oft nur noch als „machtlos“ wahrnehmen.

Eine islamische Antwort
Um Moralität im islamischen Sinne zu verstehen, müssten wir akzeptieren, so der Gelehrte Dr. Asadullah Yate, dass der Din Allahs keine auf einem Konzept basierte Realität sei, die sich im Kopf der Muslime abspiele. „Vielmehr ist er – in erster Linie – eine Lebensweise, die auf dem prophetischen Vorbild basiert. Formuliert ist sie in rechtlichen Begriffen.“ Einer der Namen von Allah, des Erhabenen, ist Al-Haqq. Das bedeute „Wahrheit“, „Realität“ und habe auch eine Beziehung zum Recht. Das heißt, Er sei „die letzte Instanz“ – im Hinblick aller Regelungen für Sich und Seine Diener auf der Erde.

In dieser Hinsicht lohne ein Blick auf den 48. Vers in der Sura Al-Ma’ida: „Und Wir haben zu dir das Buch mit der Wahrheit hinabgesandt, das zu bestätigen, was von dem Buch vor ihm (offenbart) war, und als Wächter darüber. So richte zwischen ihnen nach dem, was Allah (als Offenbarung) herabgesandt hat, und folge nicht ihren Neigungen entgegen dem, was dir von der Wahrheit zugekommen ist. Für jeden von euch haben Wir ein Gesetz und einen deutlichen Weg festgelegt.“ Darüber sei die bekannte Aussage des Propheten Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, von Bedeutung: „Mir wurde befohlen, nach dem Äußeren zu urteilen.“

Dies sei ein weiterer Hinweis darauf, dass unsere Realität sichtbar und fühlbar sei. Sie könne einer Bewertung unterzogen werden. Als solches hätten Muslime Gerechtigkeit, die ihren äußeren Ausdruck im Recht fände. Dazu gehört auch, dass Muslime äußere Grenzen anerkennen. In der heutigen Moral, so der Gelehrte, dominierten hingegen „unbestimmte – oft idealistische – Ideen, die kaum in Beziehung zur Realität stehen“.

„An diesem Punkt wird es gefährlich. Wenn Muslime eine moralische – im christlichen Sinne – Haltung zum Islam einnehmen, ergibt sich die Tendenz, eine idealistische, fromme islamische Welt im eigenen Kopf zu formulieren. Das hat natürlich wenig mit der Realität des Alltags zu tun. Daraus entstehen Frustrationen und – am Ende – Ärger, die manche der charakterlich Ungefestigten dazu verleiten, sich in die Luft zu jagen. Dieser moralistische Ansatz, dieses Ausleben des perfekten Iman [auch Glaube] im eigenen Kopf wird oft durch die sogenannten ‘Salafisten’ erfahrbar.“

Eine Frage der Sprache
Nietzsche hat wie kaum ein anderer in Europa die Grundwidersprüche des Christentums verstanden. Sein „Gott ist tot“ (was sich auch im Beginn des muslimischen Glaubensbekenntnis „Es gibt keinen Gott, außer…“ findet) ist unter anderem auch eine Absage an das Konzept von Erbsünde sowie an das resultierende Schuldgefühl. Er machte sich darin frei von der Sprache dieser Begriffe.

Auch heute noch benutzen die meisten Übertragungen der qur’anischen Bedeutung und der prophetischen Aussagen weiterhin eine „christliche“ Terminologie. Diese korrespondiert aber nicht mit den beabsichtigten Bedeutungen. Anstatt Zakat verstehen viele „Spende“ oder „Armensteuer“, statt Allah denken sie „Gott“ und statt der Hadsch „Pilgerfahrt“.

Dem stimmt auch Asadullah Yate zu. Es bestehe die Gefahr, dass Muslime ohne Zugang zum Arabischen sich in der intellektuellen Struktur dieser Begrifflichkeit verfangen. Das sei einer der Gründe, warum sich manche Muslime als „Sünder“ fühlten. Und aus diesem Gefühl könne „Schuld“ entstehen. „Die Wahrheit ist, dass es keine ‘Sünde’ gibt. Begehen wir eine falsche Handlung, wenden wir uns Allah reuevoll zu. Das war’s! Die Angelegenheit ist erledigt, das Herz gereinigt – ohne jegliche Intervention von dritter Seite.“

Tauba (arab. für die Abwendung von der falschen Handlung und Hinwendung zu Allah) wird oft seltsam missverstanden. Viele verwechseln sie mit „Schuld“. Zwischen beiden Dingen besteht ein großer Unterschied. Das Schuldgefühlt besteht darin, der falschen Handlung verhaftet zu bleiben und sie zum Teil der Psyche werden zu lassen. Tauba hingegen bedeutet, sie voll loszulassen und das Herz von ihr zu befreien. Imam Al-Dschunaid, der große Faqih und Sufi von Baghdad, sagte hierzu: „Tauba ist das Vergessen der falschen Handlung und sie sich nie wieder in das Gedächtnis zu rufen. Wessen Tauba angenommen wurde, wird Allah lieben. Und wer Allah wahrlich liebt, vergisst alles andere als Ihn.“

Die Araber hätten, so Dr. Asadullah Yate, überhaupt erst ein Wort dafür erfinden müssen: Schu’ur Adh-Dhanb. Das heißt, eine Wahrnehmung oder ein Bewusstsein, dass jemand falsch gehandelt habe. So entstünde ein bleibendes Gefühl, das eine Person beschwere. „Aber das ist nicht unser Din. Wir können uns zu jedem gegebenen Augenblick davon befreien und uns von unseren früheren Handlungen befreien.“ Es gebe für die Muslime keine Entsprechung der christlichen „Schuld“. Und in Erweiterung keine kollektiven oder persönlichen Schuldgefühle. „Der Gebrauch einer anderen Terminologie führt auch zu einer Befreiung von solchen Gefühlen und Konzepten“, meint Dr. Yate abschließend.

Alternativen
In vielen Übersetzungen des Qur’an werden wir dazu angehalten, „das Gute zu gebieten und das Böse zu verwehren“. Das klingt irgendwie moralisierend und christlich im Ton. Aber ein genauerer Blick auf die prophetische Sprache enthüllt, dass wir angehalten sind „dasjenige zu gebieten, das Ma’ruf ist“. Das heißt, was bekannt ist – was sozial vernünftig, gesund und gerecht ist. Und „zu verwehren, was Munkar ist“. Was also unbekannt ist. Das heißt, was von vernünftigen, gesunden und gerechten Mitgliedern der Gemeinschaften nicht anerkannt wird.

Unsere Fitra (der natürliche Zustand, in dem der Mensch geschöpft ist) lässt uns das Richtige und Falsche erkennen. Das korrespondiert zu einer ausgeglichenen Lebensweise, anstatt ein bloßes moralisches, intellektuelles Konzept zu sein. Dies wiederum steht in Zusammenhang mit den Worten des Gesandten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben: „Ich wurde nur gesandt, um guten Charakter zu vervollkommnen.“ Die obige, oft missverstandene Passage beschreibt eine aktive Beteiligung an der Situation, in der man sich selbst wiederfindet. Sie ist die Verkörperung der prophetischen Worte, „wenn ihr etwas Falsches seht, dann ändert es mit eurer Hand“.

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