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Wie die Zakat in dieser Zeit ­verwirklichen?

Denken und die Praxis: ­Antworten auf aktuelle Fragen und ­Heraus­forderungen

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Foto: Rawpixel, Shutterstock

(iz). Dass die Zakat zu den Fünf Säulen des Islam gehört, wissen die meisten. Damit ist sie eine Handlung der Anbetung (arab. ‘ibadat). Anders als bei den anderen haben viele Muslime heute oft geringe Kenntnisse, sodass manche AutorInnen sie als die „vergessene Säule des Islam“ bezeichnet haben. Für viele ist sie nur eine Spende, die einmal im Jahr in einer berechneten Höhe zu geben sei. Sie ist aber eine Pflichtabgabe, die nicht vom Einzelnen gegeben, sondern genommen, das heißt, von einer dazu berechtigten Autorität eingesammelt und verteilt werden muss. Darüber hinaus enthält sie Komponenten, die für den Aufbau und Bestand einer funktionierenden muslimischen Gemeinschaft nötig sind.

Das Wort kommt von der Wurzel „zakka“, was „reinigen“ beziehungsweise „etwas reinigen“ bedeutet, wie auch „tazakka“, „sich selbst reinigen“. Man kann sagen, dass die Handlung der Zakatentrichtung eine Reinigung ist. Sie wird deshalb so genannt, weil sie das Vermögen des Gebenden reinigt und der Gebende deshalb durch Allah Zuwachs erhält, da Allah durch das Bezahlen der Zakat seine Rangstufe bei Ihm erhöhen wird.

Allah sagt im Qur’an: „Nimm Sadaqa von ihrem Vermögen, um sie dadurch zu reinigen und zu säubern.“ (At-Tauba, 104) Die Qur’an-Gelehrten sind sich einig, dass mit „Sadaqa“ tatsächlich Zakat gemeint ist. Allah befiehlt Seinem Gesandten, Zakat von den Menschen zu nehmen – nicht den einzelnen Menschen, sie zu geben. Sie ist Obligation für jeden Muslim (arab. fard ‘ain), sofern man über eine bestimmte Menge an Besitz verfügt, die eine Grenze (Nisab) überschreitet und eine festgelegte Zeit (diese variiert je nach Ware, beträgt aber in der Regel ein volles Mondjahr) abgelaufen ist.

Ihre Wichtigkeit für das Gesamtgebäude des Islam wird daraus ersichtlich, das Allah ihr an fast 30 Stellen im Qur’an durch die gemeinsame Nennung mit dem Gebet den gleichen Stellenwert wie dem Gebet gegeben hat. Die Stellen, in denen die Zakat alleine erwähnt wird, sind hingegen deutlich weniger. „Salat (das verpflichtende Gebet) und Zakat sind Geschwister. Sie gehören zusammen“, sagt der Gelehrte Dr. Asadullah Yate.

Ein Projekt, welches die heutige ­Marginalisierung der Zakat beheben will, ist die Schweizer Zakatstiftung (zakatsuisse.ch). Es fehle den Muslimen, so Naveed Khan im Gespräch, in der Schweiz sowie in Westeuropa an der nötigen finanziellen Sicherheit. Man lebe derzeit „von der Hand in den Mund“. In vielen Diskussionen sei klar geworden, dass es nachhaltige Lösungen brauche.

Es brauche eine Rückbesinnung auf die klassischen Quellen. „Ich denke, dass die Art und Weise, wie die Zakat momentan zum Einsatz kommt, eben nicht klassisch ist.“ Zu den Missverständnissen gehöre die Gleichsetzung von Zakat mit bloßer Armenhilfe sowie die Verwechslung mit freiwilliger Wohltätigkeit.

Die Zakat kann an acht Kategorien abgegeben werden. Darunter sind natürlich die Armen und die Mittellosen eine wichtige Kategorie, aber es gibt auch andere. „Eines unserer Ziele ist die Stärkung des Bewusstseins dafür, dass Muslime auch wieder mehr an diese Aspekte denken“, so Khan.

Hier liegt ein wichtiges Tätigkeitsfeld für die Schweizer Zakatstiftung. Man wolle die Leute diesbezüglich ausbilden. „Es ist uns wichtig, hierzu konkret mit unseren Gelehrten und Imamen in der Schweiz zusammenzuarbeiten, Workshops organisieren etc.“ Das sei die Hauptaufgabe. Mit dem nötigen Bewusstseinswandel, insbesondere zur lokalen Verteilung, ergäben sich die nächsten, konkreten Schritte.

Ein Besuch auf der Webseite macht deutlich, dass sie sich in Form und Inhalt von vielen Hilfsorganisationen unterscheidet. Was fehlt, sind Elendsbilder von Kindern in der „Dritten Welt“ oder lächelnde Helfer, die Hilfspakete übergeben. Man versteht sich als Organisation, die „Hilfe zur Selbsthilfe“ bieten wolle. Das sei ein Konzept, dass aus der Zeit der Prophetengefährten geborgen worden sei.

Eines der Beispiele stammte vom Prophetengefährten Mu’adh ibn Dschabal, der nach Jemen entsandt wurde, um die dortige Zakat einzuziehen. Anfangs wurde er dafür gerügt, nicht genügend Zakat nach Medina zu schicken. Seine einfache Begründung lautete, es gäbe ­genug Empfänger im Jemen, welche die Zakat benötigten. Daher habe er sie lokal eingesammelt und verteilt. Das ging einige Jahre so und man erkannte, dass jedes Jahr mehr Zakat nach Medina gesandt werden konnte. Bis Mu’adh ibn Dschabal irgendwann sagte, es gebe keine legitimen Empfänger mehr im Jemen.

„Was wir uns auch als noch relativ junge Stiftung zum Ziel gesetzt haben, ist eben nicht nur Armutsbekämpfung. Wir wollen eben auch alle Kategorien abdecken. Da kommen natürlich noch andere hinzu, bei denen typische Armut nicht unbedingt eine Rolle spielt. So lässt sich diskutieren, ob man mit ihr Gelehrte unterstützt oder solche, die den Din lernen wollen. Da passt dann nicht die Corporate Identity einer typischen Hilfsorganisation dazu“, erklärt Naveed Khan.

„Während wir aus dieser Sperrung in die ‘neue Normalität’ blinzeln, betreten wir eine Welt, in der die Fähigkeit der Menschen bedroht ist, ihre Familien zu ernähren und unterzubringen. Die Bank of England sagt die schlimmste Rezession seit Beginn der Aufzeichnungen von 1706 vorher. Auch wenn Großbritannien selbst ein relativ wohlhabendes Land ist, leben 50 Prozent der muslimischen Bevölkerung in relativer Armut“, berichtet Saliha Brandt auf Hikaayat.com. Als wirtschaftlich am stärksten benachteiligte Glaubensgruppe im Vereinten Königreich seien Muslime hier während dieser COVID-19-Krise einem ungleich höheren Risiko ausgesetzt.

Sie halte es wie die Schweizer Zakatstiftung für unerlässlich, die lokalisierte, dezentralisierte Einsammlung und Verteilung von Zakat wiederzubeleben. Heute werde der absolute Großteil von Wohltätigkeitsorganisationen eingesammelt. Das aber ähnele nur wenig der Art und Weise, auf die es der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, und seine Gefährten taten, möge Allah mit allen zufrieden sein. Als der Prophet, Heil und Segen auf ihm, Mu’adh ibn Dschabal in den Jemen entsandte, wies er ihn an: „Unterrichte sie, dass die fünf täglichen Gebete für sie verpflichtend sind sowie die Zakat. Sie soll von ihren Wohlhabenden genommen und ihren Bedürftigen gegeben werden.“

In der Lebenszeit des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, wurde die Zakat von Menschen durchgeführt und nicht von entfernten, komplexen Organisationen und wohltätigen Strukturen. Er, Allahs Heil und Segen auf ihm, ernannte Zakatsammler für jede Ecke der arabischen Halbinsel. Personen, die persönlich dafür verantwortlich waren, den Reichen die Zakat zu nehmen, Bedürftige ausfindig zu machen und den Erlös innerhalb ihres Wohnortes physisch an sie auszuzahlen. „Es ist Zeit für uns, dasselbe zu tun“, meint Salih Brandt auf Hikaayat.com.

Das direkte Erleben der Abgabe vor Ort habe sie und andere gleichgesinnte Muslime veranlasst, zusammenzukommen und eine lokale Zakat-Initiative zu beginnen. „Wir möchten Muslime treffen, die inspiriert sind, Zakat in ihrer Region zu etablieren, und sie mit Hilfe und Rat verbinden. Und wir wollen die inspirierenden Geschichten von muslimischen Gemeinschaften teilen, die sie jetzt schon vor Ort organisieren.“

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Sulaiman Wilms

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