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Wie funktioniert Minimalismus?

Denken und die Praxis: ­Antworten auf aktuelle Fragen und ­Heraus­forderungen

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Foto: Chiociolla, Shutterstock

„O Kinder Adams, legt euren Schmuck bei jeder Gebetsstätte an. Esst und trinkt, aber seid nicht maßlos! Er (Allah) liebt nicht die Maßlosen.“ (Al-A’raf, Sure 7, 31)

Von Massouda Khan, Z. Khosroshahi & David Gilius

(iz). Lasst uns über Minimalismus sprechen. Wir können alle zustimmen, dass die minimalistische Lebensweise und Mode seit einiger Zeit angesagt sind. Marie Kondos Buch „Wie richtiges Aufräumen ihr Leben ­verändert“, ihre folgende Fernsehserie ­sowie die Produktion von Joshua Fields Millburn und Ryan Nicodemus auf Netflix belegen das Interesse an der neuen Einfachheit.

Durch die Covid-Pandemie werden wir mehr denn je an unsere Gewohnheit erinnert, materiellen Reichtum anzusammeln. Nach einem halben Jahr, in dem wir die meiste Zeit in unseren Häusern verbrachten, haben viele von uns begonnen, diese Räume zu analysieren, die wir bisher nur zur Erholung genutzt haben – jetzt sind sie unsere Arbeits- und ­Sozialräume.

Viele Menschen sehen im Minimalismus kaum mehr als klare weiße und graue Töne. Aber die Wahrheit ist, dass es sich hierbei um weit mehr als nur eine Modebewegung handelt. Wenn andere an den Begriff denken, klingt das für sie nach der Aufgabe von allem. Hierbei handelt es sich um eine Philosophie, die von einigen erstaunlichen Prinzipien getragen wird. Es ist die simple Praxis, das zu besitzen, was man zum Leben braucht. Dankbar zu sein für das, was man hat, sowie sich Zeit und Raum für jene Dinge zu schaffen, die zählen. Minimalisten definieren diese Prinzipien unter anderem wie folgt: „Minimalismus ist ein Werkzeug, das Ihnen helfen kann, Freiheit zu finden. Freiheit von Angst. Freiheit von Sorgen. Freiheit von Überwältigendem, Freiheit von Schuld. Freiheit von Depressionen. Freiheit von den Insignien der Konsumkultur, in der wir unser Leben aufgebaut haben. Echte Freiheit.“

Der Kampf um eine Balance zwischen Bescheidenheit und Exzess ist selbstverständlich nicht auf das 21. Jahrhundert beschränkt. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist seit der Gründung früher Zivilisationen ein Markenzeichen unserer Spezies. Wenn wir nur auf das Verhalten unserer Großeltern zurückblicken, stellen wir fest, dass sich der Konsum innerhalb weniger Generationen erheblich verändert hat. Eine wichtige Rolle spielt hierbei die Verschiebung von Bedürfnis zum Verlangen, was der Dokumentarfilmer Adam Curtis eindrücklich in seinem Film „The Century of the Self“ dokumentierte. Die Geburt einer globalen Massenexistenz sowie die Verfügbarkeit von Kreditkarten und Krediten, bei denen keine Fragen gestellt werden, beflügeln unseren Wunsch, immer schneller zu kaufen und zu verkaufen.

Im Gegensatz dazu gewinnt die Idee des Minimalismus in den letzten Jahren an Beliebtheit. Mit Vorläufern in der ­japanischen und skandinavischen Kultur ist im Westen eine Mode aus leeren Wänden mit sanften Farbschemata und dem Entfernen von übermäßigem Schund in Mode gekommen. Aber wie passt der neue Trend zu unserem Glauben? Wie können wir als Muslime wissen, wo wir die Grenze zwischen Notwendigkeit und Gier ziehen müssen?

Hinweis aus der ­islamischen Tradition
Es wurde überliefert, dass der Prophet Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, zu seiner Gattin ‘A’ischa sagte, möge Allah mit ihr zufrieden sein: „‘A’ischa, wenn Du mit mir vereint sein willst, dann nimm von dieser Welt nur so viele Vorräte wie ein Reiter. Hüte dich vor der Gesellschaft der Reichen und betrachte kein Kleidungsstück als unbrauchbar, bis du es nicht geflickt hast.“

Anas ibn Malik überlieferte über die Heirat des Gesandten Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, mit seiner Ehefrau Safija, möge Allah mit ihr zufrieden sein: „Dann, als wir auf dem Weg waren, bereitete Umm Sulaim sie (Safija) für ihn (den Propheten) vor und brachte sie zu ihm in der Nacht. Und so erwachte der Prophet am nächsten ­Morgen als neuer Bräutigam. Dann sagte er: ‘Wer etwas hat, soll es bringen.’“ Mit anderen Worten, er sagte, wer einen Überschuss an Vorräten hatte, sollte sie bringen. Anas fuhr in seiner Beschreibung vor: „Und so wurden die Ledermatten zum Essen ausgebreitet. Ein Mann brachte getrocknete Milch, ein anderer Datteln und ein weiterer Butter. Daraus machten sie Hais. Die Leute aßen davon und tranken aus nahegelegenen Regenpfützen. Und das war das Hochzeitsfest des Propheten.“ (Bukhari, Muslim und andere)

Zuhd als Vorläufer
Es gibt viele weitere Beispiele über die Bescheidenheit des Propheten, möge ­Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, und die Frugalität seines Haushaltes. Aus seinem Vorbild, der Praxis der ersten Generationen sowie durch die Ausarbeitung der spirituellen Wissenschaft und Praxis entwickelt sich schnell die Eigenschaft des Zuhd. Sie war auch eine Reaktion auf schnell hereinströmenden Reichtum der neuen muslimischen Gebiete, die von vielen als bedrohlich für das islamische Ethos erfahren wurde.

Diese Tugend besagt, dass jeder Muslim ein Leben der Mäßigung führen und auf Extravaganz verzichten sollte. Häufig wird dieser Begriff mit Askese übersetzt, was ein unzulässiger Vergleich zu christlichen und antiken Konzepten ist. „Mäßigung“ oder „Minimalismus“ sind deutlich bessere Gegenstücke. Es handelt sich um einen Akt der Selbstdisziplin, um den Fallstricken des Materialismus zu entgehen und um Allah näher zu sein. Zuhd heißt nicht, wie ein Bettler oder Eremit zu leben. Er ist das Vermeiden des Unnötigen.

Die meisten von uns werden unabsichtlich und unfreiwillig Teil eines ständigen Konkurrenzkampfes, um andere zu beeindrucken. Er wird verschärft, indem wir unsere materiellen Besitztümer mittlerweile auf sozialen Netzwerken öffentlich machen, um zu sehen, wer mehr Zustimmung von Leuten bekommt, die wir nicht einmal kennen. Dieses Rennen lässt einige von uns auf negative Weise härter arbeiten. Lässt uns nur arbeiten, um uns die Dinge zu leisten, nach denen es uns verlangt.

Der Prophet Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte: „Hätte der Nachkomme Adams ein Tal voller Gold, würde er zwei haben wollen. Nichts kann seinen Mund füllen außer der Staub des Grabes.“

Und er, Heil und Segen auf ihm, sagte ebenfalls: „Bei Allah, ich fürchte mich nicht, dass euch Armut und Hunger überwältigen. Sondern, dass ihr übermäßigen Reichtum zur Verfügung habt, so wie er denen Völker vor euch gegeben wurde. Ihr werdet dann sehr gierig in der Anhäufung dieses Reichtums sein, wie diejenigen waren, die vor euch kamen. Diese Gier wird der Grund eures ­Niedergangs und eurer Zerstörung sein, wie er die Leute vor euch vernichtete.“

Die Liebe zu materiellen Dingen ist Teil der menschlichen Natur. Daher lehrt Allahs Din uns durch die Tugend des Zuhd die Vermeidung der Extravaganz. Es geht bei ihr aber nicht nur um die ­Verhinderung von Habsucht. Sie hält uns auch dazu an, das Unnötige zu vermeiden – beim Essen, Reisen oder unserer ­Lebensweise als Ganzer.

Wie funktioniert es?
Bei Minimalismus gehe es nicht nur um die persönlichen Habseligkeiten. „Es geht auch darum, dass man bei all seinen Einkäufen bewusst vorgeht. Dazu gehören Lebensmittel, Unterhaltung, die Gesellschaft anderer sowie die Art und Weise, wie wir die 24 Stunden unseres Tages verbringen“, schreibt die Bloggerin Kaighla Um Dayo. Minimalismus bestehe darin, auf den Besitz zu schauen, aber auch auf jene, die man liebt und die einen lieben. „Es geht um die verfügbare Lebenszeit und die Intention, mit der wir unsere Zeit, Energie, Liebe und Leben verbringen.“

Sie selbst habe Unordnung immer ­verabscheut. „Ich liebe klare Linien und nur wenig visuellen Lärm in meiner Umwelt.“ In ihren 31 Lebensjahren sei sie rund 50 Mal umgezogen. „Insbesondere jedes Mal, wenn ich meine Habseligkeit wegen der Umzüge ins Ausland reduzieren musste.“

Aber ihre erste wirkliche Erfahrung mit Minimalismus machte Kaighla Um Dayo während eines vierjährigen Aufenthalts im ländlichen Ägypten. „Ich lebte in ­einem kleinen Dorf weit weg von Kairo, wo schöne, teure und hochwertige Dinge schwer zu finden und noch schwerer erschwinglich waren. Während dieser Zeit kann ich mich nicht erinnern, ein Möbelstück besessen zu haben, das mir ­gefallen hätte.“ Sie habe gelernt, die Verbindung zwischen dem, was sie sei und dem, was sie besitze, zu treffen. Für die Bloggerin sei es „befreiend“ gewesen, keine Bindung zu den materiellen Habseligkeiten ihres Lebens einzugehen.

Für sie gehe es beim Minimalismus nicht nur um ein einfacheres Leben. Ihr gehe es um nichts weniger als eine gesteigerte Nähe zu Allah durch die Vermeidung des materiell Unnötigen. Was sie antreibe, sei der Hunger nach Nähe zur Göttlichkeit. In Wahrheit trage jeder diese Sehnsucht in sich. Aber Kulturen und Gesellschaften seien dafür verantwortlich, dass dieses urmenschliche Verlangen in materielle Bahnen umgelenkt würden. „Ich bin mir der Tatsache sehr bewusst, dass mich nichts auf dieser Welt erfüllen kann. Ich habe extreme Armut erlebt und etwas Reichtum erlebt. Und ich sah zu, wie mein Stiefvater sich in extreme Schulden und Drogenabhängigkeit stürzte; Er braucht immer mehr, mehr, mehr, was auch immer es ihn oder unsere Familie kostet.“

Das Leben ist vergänglich und „alles, dass ich liebe und auf das ich meine ­Energie verwende“ werde irgendwann zu Staub werde. „Nur Allah bleibt. Also ­verdient Er meine Anbetung.“ Mini­malismus zwinge sie dazu, sich dieser ­Wahrheit in jedem Augenblick zu stellen. Das Leben mit weniger zwinge sie, der ­unausweichlichen Wirklichkeit ihres ­Todes ins Auge zu sehen. Weil sie weniger Zeit mit Unwichtigem verbringe, bleibe Raum in ihrem Leben und ihrem Herzen für jene Dinge, die wirklich zählten.

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