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Der Prophet Muhammad lehrte die Funktion von Sprache im Ganzen

Wie funktioniert Sprache? Von Imam Habib Bewley

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Sidimortada Elboumshouli | Facebook

(iz). Es heißt, wir lebten in einem Zeitalter des großen Fortschritts, einer Ära der Erleuchtung und Hochkultur. Wie kann es dann sein, wenn wir uns umschauen, dass wir vor allem Ungerechtigkeit, Morde, nie gekannte ökonomische Ungleichheit und menschliches Elend sehen? Wie kann es sein, dass wir Halbwahrheiten und Profanitäten hören? Warum ignorieren wir den Beweis vor unseren Augen und glauben weiterhin, dass wir in der fortschrittlichsten und zivilisiertesten Gesellschaft aller Zeiten leben? Die Antwort darauf findet sich in der Sprache beziehungsweise ihrem Fehlen.

Sie war immer die Sache, die uns von anderen Tieren unterscheidet. Wir haben die Kapazität, uns auszudrücken und unsere Gedanken und Ideen in Worte zu fassen, was sie nicht können. Es hat seinen Grund, dass die Araber uns als „das Tier, das spricht (Hajawanun Naatiq)“ definierten. Im Verlauf der Zeit aber wurde diese Fähigkeit beeinträchtigt. Unsere Fertigkeit zur Kommunikation und zum angemessenen Ausdruck wurde verringert. Auf Dauer werden wir, als Art, immer dümmer und unfähiger. Unaufhörlich wiederholen wir die gleichen Fehler, ohne unsere Lektionen gelernt zu haben.

Der Grund für diesen bedauerlichen Zustand, in dem wir uns befinden, und die Ursache, warum wir uns nicht aus diesem befreien können, liegt zu einem erheblichen Maße an der Verarmung unserer Sprache. Das gilt ungeachtet unserer jeweils individuellen Muttersprache. Alle Stimmen sind zu dieser Zeit im Niedergang begriffen.

Das gilt beispielsweise für die Anzahl der benutzten und verstandenen Wörter. Eine Studie aus dem Jahre 1999 stellte fest, dass der durchschnittliche Teenager in dieser Zeit weniger als die Hälfte des Vokabulars vorweisen konnte, über das seine Zeitgenossen 1950 verfügten. Mit jedem Jahr schrumpft diese Menge weiterhin.

Ebenso schwindet auch die Fähigkeit zum Gebrauch der richtigen Grammatik. Untersuchungen belegen, dass sogar ein hoher Anteil von Akademikern nicht in der Lage ist, richtige Sätze zu bilden.

Aber schlimmer als beides ist, dass die benutzten Begriffe viel zu oft außerhalb ihres richtigen Zusammenhangs angewandt werden. Nomen werden als Verben benutzt, Adjektive als Adverbien sowie Metaphern und Gleichnisse, die täuschen und Bedeutungen vernebeln, anstatt sie zu erhellen oder zu klären. Worte werden zweideutig eingesetzt, ohne dass ihre Bedeutungen angemessen definiert sind.

Heute erwarten die Leute sehr viel von den einfachen Menschen. Was aber viele nicht erkennen, ist, dass unsere Politiker, Akademiker, Journalisten und andere Führer gleichermaßen verantwortlich sind. Oft führen sie in der Zerstörung von Sprache.

Und sie tun dies mit einer Agenda. Denn der Kommunikation der Menschen und ihrem Ausdruck Grenzen aufzuerlegen, führt dazu, dass ihre Fähigkeit zum Denken begrenzt wird. So bleiben sie unfähig, den gegenwärtigen Status in Frage zu stellen. In einer mechanisierten Gemeinschaft, in der Menschen als Räder im Getriebe gelten, ist es am besten, dass sie in einem unbewussten, automatischen und robotischem Zustand gehalten werden.

Auch diejenigen, die Sprache ganz bewusst so missbrauchen, sind nicht immun gegen die Folgen ihres Verhaltens. George Orwell schrieb in einem faszinierenden Essay über Politik und die englische Sprache: „Wenn aber das Denken Sprache verdirbt, so kann Sprache ebenso Denken korrumpieren. Ein schlechter Sprachgebrauch kann sich sogar unter Leuten durch Tradition und Nachahmung ausbreiten, die es besser wissen und dies auch sollten.“

In seinem Essay über „Neusprech“ in seinem Buch „1984“ beschrieb Orwell, wie korrumpierende, begrenzende und sich ändernde Sprache genutzt werden kann, um das Denken zu begrenzen, zu kontrollieren und zur Konformität anzuhalten. Genau dies geschieht heute, insbesondere in den sozialen Netzwerken. Können Menschen nicht mehr in zutreffende Worte fassen, dass etwas in der Welt falsch läuft oder anders sein müsste, dann gibt es keinen Weg mehr für sie, diesen Wandel hervorzubringen.

Das ist kein neuer Gedanke, muss aber wiederholt werden. Als Muslime müssen wir dauerhaft auf der Hut sein. Insbesondere gilt das im Lichte des gegenwärtigen Massenbombardements von Politikern und Medien gegen unseren großen Din. Es ist viel zu einfach, auf honigsüße Worte hereinzufallen und von der Propaganda überlaufen zu werden. Es ist viel zu einfach, ihre Fehldarstellungen als Wahrheit zu begreifen. Unsere Sprache ist zu begrenzt geworden, um all das zurückzuweisen.

Wir fühlen uns hoffnungslos und unfähig. Dann beginnen unsere Überzeugungen, sich ähnlich anzufühlen. Wir verlieren unsere eigentliche Identitäten und fallen in die Rollen, die andere für uns ausgesucht haben. So entgleitet unsere Kapazität zur Wiederherstellung unserer großartigen Lebensweise.

Ein armseliges Verständnis von Sprache wird oft zu einem vergleichsweise ärmlichen Verständnis des Islam führen. Wir können nicht einfach beiseite stehen und zuschauen, wie dies uns und unseren Geschwistern geschieht. Die Zerstörung unserer linguistischen Fähigkeiten ist eine unserer größten Gefahren.

Sprache ist das Fundament, auf dem unsere Identitäten gebaut sind, das Fundament, das unseren Din lebendig führt. Das Hauptwunder des Islam war seinem Wesen nach ein sprachliches. Und eine der wichtigsten Eigenschaften des Propheten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, war seine Beredsamkeit.

Beginnen wir beim Buch Allahs. Der allererste Befehl unseres Herren ist, zu lesen: „Lies im Namen deines Herrn, Der erschaffen hat.“ Und einer der frühesten Eide, die Er schwor, war: „Nun. Beim Schreibrohr und dem, was sie in Zeilen niederschreiben.“ (Al-Qalam, 1)

Das Schreibrohr ist hier das Mittel, durch welches Sprache weitergegeben und für weitere Generationen bewahrt wird. Sie ist der eigentliche Anfang unserer Angelegenheit und liegt in ihrem Herzen. Denn Allahs Herausforderung an jene, die den Qur’an und den Gesandten ablehnen, beruht auf der qur’anischen Sprache – ihre Kombination aus Formen, Worten und Bedeutungen. In einer Reihe solcher Aufrufe verlangt Allah von ihnen, einen Qur’an wie diesen hervorzubringen – zuerst einen Qur’an, dann zehn Kapitel und dann ein Kapitel.

Während diese Verse nun auf die Göttliche Natur des Qur’an verweisen – sowie auf die Unfähigkeit des Menschen zu ihrer Nachahmung –, können sie auch als Aufruf an uns verstanden werden. Es müsse immer unser höchstes Ziel sein, uns bestmöglich auszudrücken. Genauso haben die großen Gelehrten dieser Gemeinschaft diese Verse verstanden, während sie den Stil des Qur’an in ihren eigenen Werken und Texten nachzuahmen versuchten.

Der wichtigste Stil der qur’anischen Sprache wurde von Allah mit einem Wort beschrieben – mubin: „(…) während dies hier deutliche arabische Sprache ist.“ (An-Nahl, 103) Der Qur’an ist klar und gut verständlich. In ihm gibt es keine Vernebelungen oder unnötige Komplikationen. Hier wird eine erhabene Sprache benutzt, die gleichermaßen noch zugänglich ist. Ihre Gleichnisse dienen der Vertiefung und Klärung, anstatt zu täuschen und abzulenken. Das ist Bayan – Beredsamkeit und klarer Ausdruck. Er ist eines der profundesten Geschenke, das Allah der menschlichen Art verliehen hat.

Allah sagt nahe des Beginns der Sure Ar-Rahman: „Er hat den Menschen erschaffen. Er hat ihn die klare Darlegung gelehrt.“ (Ar-Rahman, 3-4) Das heißt, Er lehrte den Menschen, sich auszudrücken. Von allen Wundern, die in diesem Kapitel des Qur’an aufgezählt werden, erwähnt Allah Bayan zuerst. Dies zu verlieren, hieße, einen Großteil dessen verlustig zu gehen, was das Menschsein ausmacht.

Unterstrichen wird das durch eine Aussage des zweiten Kalifen des Islam, ’Umar ibn Al-Khattab. „Lernt Arabisch, denn es lässt den Verstand wachsen und steigert eure Männlichkeit“, sagte er. Nicht nur ist Sprache das Mittel zur Erweiterung des Verstands und für die Zunahme des Weltverständnisses. Sie ist auch das Mittel für die Menschen, ihr Potenzial als Männer und Frauen zu verwirklichen.

Es hatte schon seinen Grund, dass die Araber diejenigen, die ihre Sprache gemeistert hatten, zum Adel zählten und vorwurfsvoll auf jene blickten, denen dies fehlte. Einer ihrer Dichter sagte: „Es ist ein ausreichend großer Mangel eines Mannes, der scheinbar ein Gesicht hat, aber keine Zunge. Was nützt die Schönheit eines Mannes, wenn dieser Schönheit nicht durch Beredsamkeit geholfen wird.“ Die Geschichte ist voller unansehlicher und scheinbar unbedeutender Männer, die zum Höhepunkt der Gesellschaft durch ihre Handhabung von Sprache aufstiegen.

Die Fähigkeit zum angemessenen Gebrauch von Sprache und die Ehrung des Geschenkes der Bayan, war auch eine fundamentale Eigenschaft des Mannes, dem alle anderen folgen sollten: der Gesandte Allahs. Er hatte diese Eigenschaften in einem höheren Maße als jede andere historische Gestalt.
Imam As-Sujuti schrieb: „Der eloquenteste in der gesamten Existenz ohne Ausnahme war unser Herr und Meister, der Gesandte Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben; der Geliebte des Herrn der Welten.“ Und der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte selbst: „Ich bin der beredsamste unter den Arabern. Denn ich komme von den Quraisch und wurde unter den Banu Sa’d erzogen.“

Der Prophet, Allahs Heil und Segen auf ihm, sprach nie mehr als nötig. Noch war er zu kurz oder geheimnisvoll. So blieb er immer verständlich. Ihm wurde die Eigenschaft gegeben, immer die passenden Wörter und Redewendungen zu benutzen. Er füllte seine Sprache nicht mit nutzlosen und überflüssigen Geschwätz auf. Der Prophet fasste sich kurz und war niemals langatmig. Aber seine Worte und Ausdrücke wurden immer von seinen Zuhörern verstanden. In seinem bekannten Buch „Asch-Schifa“ schrieb Qadi ’Ijad: „Er lernte die Mundarten der Araber und sprach zu jeder Gemeinschaft in dem ihr eigenen Dialekt. Er unterhielt sich mit ihnen in ihrem Zungenschlag. Beantwortete ihre Argumente mit ihrem Rhetorikstil (…).“ Das liegt darin begründet, dass eine der wichtigsten Aufgaben des Propheten – und in Erweiterung seiner Gemeinschaft – die wahrhaftige und genaue Weitergabe der Botschaft (Al-Balagh) war.

Allah sagt im Qur’an, dass es die Aufgabe des Propheten ist, die Botschaft verständlich weiterzugeben. Diesen großen Din an andere so weiterzugeben, dass sie ihn kennen und verstehen, wie er in die Praxis umgesetzt werden und an andere weitergegeben werden muss. Das kann aber nur geschehen, wenn die Leute die Fähigkeit zur Kommunikation und zum Verstehen haben. Alles, was diese Eigenschaften schwächt oder schädigt, ist abzulehnen und muss vermieden werden.

Aus diesem Grund sagte der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, als jemand Sprache missbrauchte: „Leitet euren Bruder recht, denn er ist in die Irre gegangen.“ Dieser Missbrauch verweist entweder auf ein Fehlen an Verständnis oder verursacht ein solches beim Zuhörer. Es schadet dem Einzelnen sowie der Gemeinschaft, in welcher er lebt. Eine verarmte Sprache ist gefährlicher für eine Gesellschaft als Krieg, denn ’Umar sagte: „Bei Allah, die Fehler eurer Zungen sind schlimmer als jene, die ihr beim Werfen eurer Speere macht.“

Also müssen wir handeln, den Trend des heutigen Zeitalters umkehren und Sprache wiederherstellen. Das gilt nicht nur für das Arabische, sondern jede andere unter unseren Muttersprachen, denn mit diesen kommunizieren wir gewohnheitsmäßig. Wir müssen eine Sprache nutzen, die vom Gehör unseres Publikums willkommen geheißen wird und es nicht ängstigt.

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Habib Bewley

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