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Wie geht die Entwicklung im Nahen Osten weiter? Ist die Türkei ein Vorbild? Interview mit Dr. Gerhard Fulda, Vorstandsmitglied der Deutsch-Arabischen Gesellschaft

„Wir stehen noch an der Schwelle“

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(iz). Auch wenn der Ausgang der Ereignisse im Nahen Osten noch unklar ist, so wurde doch klar, dass ein Teil der politischen Führung Europas und mediale Experten nicht auf sie vorbereitet wurden. Umso wichtiger ist es, dass es in Deutschland bereits seit Langem beständig arbeitende Einrichtungen wie die Deutsch-Arabische Gesellschaft gibt, die die arabische Welt auch aus eigener Anschauung kennen. Jenseits eines bloß akademischen Interesses unterhalten viele ihrer Mitglieder langjährige Kontakte mit dieser wieder ins Rampenlicht geratene Region.

Wir unterhielten uns mit dem Botschafter a.D. Dr. Gerhard Fulda. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften in Hamburg und Freiburg ging Dr. Fulda 1964 nach Kairo, um dort seine Doktorarbeit vorzubereiten. Er war 1970 bis 2004 im Auswaertigen Dienst tätig – u.a. in Marokko, Saudi-Arabien, Kairo und Indonesien.

Seit seinem Ruhestand ist Dr. Gerhard Fulda (ab 2005) Galerist für islamische Antiquitäten (www.iznik-galerie.de) und organisiert Ausstellungen und Vortragstätigkeit über Islamische Kunst. Er ist Mitglied im Vorstand der Deutsch-Arabischen Gesellschaft (DAG).Interview Dr. Fulda DAG

Islamische Zeitung: Herr Dr. Fulda, wenn Sie uns mir eine persönliche Frage erlauben: Sie sind ja wie viele Ihrer Kollegen bei der Deutsch-Arabischen Gesellschaft (DAG) in langjährigem Kontakt mit der arabischen Welt und haben diesbezüglich persönliche Erfahrungen. Sie waren gerade erst für drei Wochen in Ägypten. Erfahren Sie vor allem eine persönliche, menschliche Betroffenheit oder nehmen Sie das Ganze eher analytisch wahr?

Dr. Gerhard Fulda: Ich habe nach diesen drei Wochen in einer ersten, kurzen Stellungnahme, die ich noch aus Kairo nach Deutschland geschickt habe, gesagt, dass dies für mich die emotional erschütterndsten Momente seit der deutschen Wiedervereinigung gewesen seien. Nach meiner Rückkehr habe ich erst einmal ein oder zwei Tage gebraucht, um mich aus dieser unmittelbaren Situation, die ich wie in einer Reportage beobachtet hatte, allmählich wieder zu lösen, mich zurückzulehnen und die Kraft zu finden, dies in Ruhe zu analysieren sowie Schlussfolgerungen für die künftige deutsche und europäische beziehungsweise westliche Politik zu ziehen. In diesem Prozess befinde ich mich derzeit noch.

Islamische Zeitung: Die DAG hat sich in den letzten Jahrzehnten um die Beziehungen Deutschlands zur arabischen Welt sehr verdient gemacht und versucht, aktiv positive Signale zu setzen. Was bedeuten die aktuellen, noch nicht abgeschlossenen Entwicklungen für das künftige Verhältnis zwischen der arabischen Welt und Deutschland?

Dr. Gerhard Fulda: Wir sind natürlich nicht ein Think-Tank in dem Sinne, dass wir politische Konzepte entwickeln. Die Deutsch-Arabische Gesellschaft ist eine Nichtregierungsorganisation, die sich mit ihren rund 1.000 Mitgliedern in ganz Deutschland sowohl zu politischen Fragen des Nahen Ostens und der arabischen Welt, als auch solchen der wirtschaftlichen Kooperation und der kulturellen Begegnung und Zusammenarbeit widmet. Das drückt sich beispielsweise in Veranstaltungen, Vorträgen oder Reisen, etwa von Wirtschaftsdelegationen, oder auch Kulturreisen aus. Mit unseren bescheidenen Mitteln können wir aber keine professionellen Politikkonzepte entwickeln. Aber wir versuchen natürlich, uns mit einer Fülle von aktuellen Stellungnahmen zur Entwicklung im Nahen Osten zu äußern, womit wir auch ein gewisses Gegengewicht zur allgemeinen Medienlandschaft in Deutschland zu setzen versuchen. Dort steht sehr oft die besondere, historisch bedingte Beziehung zu Israel im Vordergrund. Die Interessen und Informationen aus und für die arabische Welt.werden dadurch in den Hintergrund gedrängt.

Islamische Zeitung: Sie waren ja auch im diplomatischen Dienst tätig…

Dr. Gerhard Fulda: Ich war schon vor meinem Eintritt in den diplomatischen Dienst eineinhalb Jahre in Ägypten gewesen, um dort Material für meine Dissertation zu sammeln. Nach meinem Eintritt ins Auswärtige Amt war ich zunächst in Marokko, dann in Saudi-Arabien, später als Stellvertreter des Botschafters in Kairo und schließlich als Deutscher Botschafter in Indonesien.

Islamische Zeitung: Es hat ja in den letzten Jahren gerade in den Beziehungen zu Staaten wie Tunesien oder Ägypten von deutscher Seite vor allem die Realpolitik dominiert – man hat bestimmte Augen zugedrückt und bestimmte Gewichtungen anders vorgenommen, als man dies gegenüber anderen Ländern tun würde. Wird sich diese Politik nun verändern?

Dr. Gerhard Fulda: Ich mag das Wort Realpolitik nicht, weil es den Anschein erweckt, als ob eine Veränderung der Prioritäten zu einer irrealen Politik führen würde. Aber so ist es ja nicht. Was mit diesem Begriff meistens gemeint ist, ist dass aus der Vielzahl von Kriterien, die bei der Festlegung außenpolitischer Positionen eine Rolle spielen, andere als die Demokratie oder die Menschenrechte Priorität haben. Und da ist meines Erachtens der Begriff der Stabilität geradezu leichtfertig benutzt worden, um andere, dahinter versteckte Interessen verbergen zu können. Daher war dieser Begriff besonders wirksam, weil gar nicht erst gefragt wurde, was denn damit gemeint war.

Islamische Zeitung: Wenn man als nichtarabischer Muslim wie ich Muslimen aus Zentralasien, Südostasien oder aus dem indischen Subkontinent begegnet, dann wird über die arabische Welt häufig nicht gerade mit viel Bewunderung gesprochen, sondern man hört eher einen leicht mitleidigen Ton heraus, etwa was Bildung oder andere Daten der gesellschaftliche Entwicklung betrifft. Könnte es nun in den nächsten Jahren zu einem Aufholen der arabischen Länder in zivilgesellschaftlicher Hinsicht kommen?

Dr. Gerhard Fulda: Das was Sie sagen, wurde ja durch die UNESCO-Studie über die arabischen Länder deutlich gezeigt. In der Tat hat der Blickwinkel der südostasiatischen islamischen Welt auf die arabischen Ursprungsländer des Islam gezeigt, dass hier im Islam sehr unterschiedliche Gewichtungen vorgenommen worden sind. Wenn man den Islam in Indonesien kennen gelernt hat, dann ist dies in vielen Punkten kaum noch zu vergleichen mit den gesellschaftlichen Wirklichkeiten, wie sie sich im Orient zeigen. Ob die jüngsten Ereignisse zu einem schnellen Aufholen, einem Aufwachen und einer grundlegenden Veränderung führen werden, kann man meiner Meinung nach heute noch nicht sagen, denn wir stehen noch an der Schwelle.

Ob nun wirklich eine neue, modernere und demokratieorientierte Gesellschaftspolitik eintritt, ist gerade für Ägypten noch nicht entschieden. Die Politik des Westens, die sich derzeit auf die Formel geeinigt zu haben scheint, dass man einen „geordneten Übergang“, aber unter Federführung des Militärs, wünscht, finde ich nicht unbedenklich. Das setzt auch voraus, dass bei den Militärs tatsächlich Reformbereitschaft besteht, und die jüngsten Äußerungen des Vizepräsidenten Omar Suleiman [Anm.: Das Interview wurde vor dem Rücktritt Mubaraks geführt] erwecken nicht gerade Hoffnungen.

Islamische Zeitung: Es gibt Stimmen, die in der gegenwärtigen Türkei eine Art Geburtshelfer für die künftige Entwicklung der arabischen Länder sehen. Die Türkei hat ja in den letzten Jahren ihre Haltung zur arabischen Welt erkennbar verändert. Sehen Sie eine Anlehnung an das türkische Modell als hoffnungsvoll und hilfreich für die arabische Welt?

Dr. Gerhard Fulda: Das ist eine sehr interessante Frage. Als ich zuletzt auf diplomatischem Posten in Kairo war, 1986 bis 1989, gab es einmal einen Besuch eines türkischen Premiers. Ich habe damals meine Kollegen in der Türkischen Botschaft gefragt, was sie sich denn von dem Besuch erwarteten – wo man steht, was sich ändern oder verbessern soll, wohin es gehen soll. Zu meiner Überraschung kam heraus, dass es im Grunde zwischen diesen beiden Ländern, die beide Mittelmeer-Anrainer sind, beide mit einer überwiegend muslimischen Bevölkerung, beide mit etwa der gleichen Bevölkerungszahl, so gut wie keine politische Substanz in den Beziehungen gab, auch in den wirtschaftlichen Beziehungen nicht. Der Wirtschaftsaustausch zwischen der Türkei und Ägypten war geringer als jener der Hansestadt Hamburg mit Ägypten! Es war überraschend, zu sehen, wie die Türkei sich durch ihre von Atatürk eingeleitete Politik von der arabischen und islamischen Welt politisch sehr stark entfernt hatte.

Das hatte dazu geführt, dass natürlich auch Israel in der von Generälen dominierten Politik der Türkei einen geeigneten und willkommenen Partner für eine Fülle von Kooperationen gesehen hat. Diese Symbiose israelischer und türkischer Politik ist durch eine Reihe von Vorkommnissen, die mit der Wahl von Ministerpräsident Erdogan einher gegangen sind, inzwischen gründlich zerbrochen. Das hat in der Tat das Tor dafür geöffnet, dass die Türkei inzwischen in vielen muslimischen Ländern beinahe schon eine Leuchtturmfunktion gewonnen hat, an der sich inhaltlich offenbar gerade viele junge Menschen ausrichten, die keinesfalls in das reine Schema „islamisch“ oder „autokratisch“ gepresst werden können. Vielmehr stellen sie eine sehr moderne Gesellschaft dar, die sieht, dass man sich auch in einer von einer islamischen Partei geführten Nachbarschaft darauf einrichtet, einen Weg nach Europa zu gehen und ein anderes Land zu werden, als man es vorher war.

Islamische Zeitung: Es gab, mich eingeschlossen, viele Vorurteile gegenüber den Ägyptern; ich weiß auch, dass sich viele Orientalisten in den letzten Jahren wenig für dieses Land interessierten. Hat es sie überrascht, dass die jüngsten Vorgänge nun gerade in Ägypten passierten und nicht im Jemen oder Algerien oder Syrien?

Dr. Gerhard Fulda: Ich habe vor über 20 Jahren einmal etwas ironisch gesagt, die Ägypter seien … (zu glücklich, als daß aus ihnen etwas werden könne. Inzwischen habe ich bei meinem jüngsten Besuch sehr deutlich gemerkt, dass ich diesen Satz verändern muss. Er lautet jetzt: Die Ägypter sind inzwischen zu unglücklich, dass es nicht so bleiben könne, wie es war.

Das hat eine Fülle von Gründen. Wenn Sie etwa die Entwicklung des Islam in Ägypten verfolgen, so ist aus meiner Sicht bei uns bisher ganz unbeachtet geblieben, dass in Zeiten des Polizeistaates, des Ausnahmezustandes und des Versammlungsverbotes – wann immer vier oder fünf Personen in einem Café beisammen saßen, konnte man sicher sein, dass ein Geheimpolizist fragte, was sie denn da machen – die Menschen in den Moscheen eine Versammlungsmöglichkeit hatten, die zwar sicher auch unterwandert war, aber nicht eine so unmittelbare Kontrolle gegenüber allem Gesprochenen erlaubte. Und das hat in Ägypten zu einer Verstärkung der religiösen Aktivitäten und auch der religiösen Überzeugung in weiten Kreisen der Bevölkerung geführt. Daneben kam es aber auch zu einer anderen Entwicklung, die sich aus rein politischen Gründen einer Demokratieförderung verschrieben hat, gegen ein repressives Polizeiregfime. Deshalb glaube ich, dass die Muslimbruderschaft bei freien Wahlen heute keinesfalls so viel Gewicht gewinnen würde, wie das in manchen „Befürchtungen“ westlicher Politiker zum Ausdruck kommt.

Islamische Zeitung: Herr Dr. Fulda, vielen Dank für das Gespräch.

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