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Wie gründet man eine ­Stiftung?

Denken und die Praxis: ­Antworten auf aktuelle Fragen und ­Heraus­forderungen. Von Safia Bouchari und Ali Kocaman

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Foto: Archiv

(iz). Die Stiftungen im Islam (Waqf, Plural Auqaf; auch Habous) sind ein bedeutsames Element des sozialen Lebens und haben in der ­islamischen Geschichte eine große Rolle gespielt. Am stärksten ausgeprägt, quali­tativ und quantitativ, war das Stiftungswesen im Osmanischen Reich. Doch auch in anderen Regionen der muslimischen Welt waren die Auqaf ein fester Bestandteil islamischen Lebens.

Im Zuge der Kolonialisierung weiter Teile der muslimischen Welt und der folgenden Gründung von Nationalstaaten wurde das Stiftungswesen tief greifend verändert und geriet mehr oder weniger unter direkte staatliche Kontrolle. Unter Muslimen in Europa ist es bisher kaum entwickelt, obgleich etwa das deutsche Stiftungsrecht hier gute Möglichkeiten für die Gründung islamischer ­Stiftungen bietet. Eine Wiederbelebung der Auqaf als segenbringender Bestandteil islamischer Lebensweise bietet auch ­hierzulande viele positive Potenziale.

Die Auqaf sind, wie Schaikh Osman Nuri Topbas es beschreibt, eine „institutionalisierte Form kontinuierlicher Wohltätigkeit sowie ein Ausdruck von Barmherzigkeit, Nächstenliebe und Zuneigung zu den Geschöpfen um ihres Schöpfers Willen“. Sie stellen ein „Hingeben von Besitz für Allah“ dar, ohne Veräußerung und Inbesitznahme, indem „dieser Besitz zum dauerhaften Nutzen einem spirituellen Ziel gewidmet wird“. Ziel des Stifters ist es dabei, durch seine Wohltätigkeit den Geschöpfen gegenüber, das Wohlgefallen Allahs, des Erhabenen, zu erlangen.

Es ist sogar eine Voraussetzung für eine Stiftung, dass ihr Zweck, ihre Intention eben hierauf ausgerichtet ist. Seinen Besitz auf dem Wege Allahs hinzugeben, ist ein Bestandteil des echten Glaubens, worauf an mehreren Stellen im Qur’an eindeutig hingewiesen wird, etwa in Sure Al-Baqara, 261: „Das Gleichnis derer, die ihr Vermögen auf dem Wege Allahs ausgeben, ist wie das eines Samenkorns, das sieben Ähren wachsen lässt: In jeder Ähre hundert Körner. Und Allah vervielfacht, wem Er will. Und Allah ist allumfassend, allwissend.“

Die gute Tat, die einen fortdauernden Nutzen hat, wird im Islam besonders geschätzt . So heißt es in einem Hadith vom Gesandten Allahs, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden schenken: „Wenn ein Mensch stirbt, enden damit alle Verdienste seiner Taten, außer drei Dinge: Eine wohltätige Spende, die fortdauernden Nutzen bringt, nützliches Wissen, das er hinterlassen hat, und ein frommes Kind, das für ihn betet.“ Gemäß den ­Gelehrten entspricht eine wohltätige Spende, die fortdauernden Nutzen bringt (Sadaqa Al-Dscharija) besonders dem Waqf. Die Einrichtung des Waqf geht auf das Vorbild des Propheten Muhammad zurück. Der Prophet Muhammad verwandelte seine Dattelhaine in Medina Al-Mu­nawwara in ein Waqf, sowie auch Dattelhaine in Fadak und Khaibar. ‘Umar ibn Al-Khattab, möge Allah mit ihm zufrieden sein, stiftete einen Waqf für diejenigen, die sich auf dem Wege Allahs bemühen, für die Sklaven (damit sie sich ihre Freiheit erkaufen konnten), sowie für Gäste.

In den vier Madhahib (Rechtsschulen) sind die Regelungen zum Waqf teilweise unterschiedlich. Die grundlegenden ­Elemente sind jedoch dieselben. Die Bestimmungszwecke für Stiftungen können sehr unterschiedlich sein: So gab es im Osma­nischen Reich Stiftungen für Moscheen, Madrassen, Armenküchen, Krankenhäusern, Imarets oder Stiftungen zur Regelung der Wasserversorgung. Neben diesen gab es auch solche, die sich den Störchen annahmen, die aufgrund von Verletzungen nicht ihre Winterreise antreten konnten oder die das Geschirr, das Hausangestellte versehentlich beschädigten, ersetzten, um diese vor einer unangenehmen Situation zu bewahren.

Prof. Mehmet Maksudoglu beschreibt den klassischen Waqf folgendermaßen: „Als islamische Institution ist der Waqf ein Grundbesitz, ein bestimmtes Vermögen usw., das dem Nutzen der Geschöpfe gewidmet ist, um dem Schöpfer zu gefallen. Das gestiftete Vermögen oder der Besitz wird auf alle Zeiten zu Allahs Eigentum erklärt, das heißt der Stifter eines Waqf hat keinerlei Besitzrechte hinsichtlich dieses Vermögens oder Grundbesitzes. Das Motiv für die Stiftung eines Waqf liegt ausschließlich in der Hoffnung auf die Erlangung des Wohlgefallens und der Zufriedenheit des Schöpfers.“

Die Voraussetzungen des Stifters oder der Stifterin – viele Auqaf wurden von Frauen gestiftet – sind folgende: „Der Waqif [Stifter] muss folgende Eigenschaften erfüllen: Er muss erwachsen, geistig gesund und frei sein. Er darf darin keinerlei Zwang unterliegen; der/die Waqif/a muss seinen/ihren Besitz aus freien Stücken stiften. Die Stiftungsabsicht muss sein, dem Schöpfer zu gefallen. Das Vermögen muss folgende Bedingungen erfüllen: Es muss zum Zeitpunkt der Stiftung vollständig dem Waqif gehören. Das Vermögen darf nicht durch einen Kredit erworben worden sein. Das gestif­tete Vermögen muss der Art sein, dass es Einnahmen einbringt, wie zum Beispiel ein Haus, ein Laden, ein Feld, ein Obstgarten etc. Die in Frage kommenden Bäume eines Obstgartens, das Gebäude usw., die der Waqif stiften will, dürfen nicht von einer drohenden Enteignung betroffen sein. Die Nutznießer des Waqf müssen eindeutig benannt sein.“

In einer Stiftungsurkunde, einer Waqfija, muss laut Prof. Maksudoglu folgendes enthalten sein: „Die Waqfija wird rechtsgültig mit dem Eintrag in das Sidschill (Register) des Qadis (Richters). Sie enthält den Lobpreis Allahs, Bittgebete und Segenswünsche auf den Gesand­ten Allahs, Verse des Qur’an und noble Hadithe, die gute Taten (Sadaqatu’l-Dscharija) befördern. Manchmal enthält die Waqfija auch Gedichte, die gute Taten preisen. Sodann nennt die Waqfija: Das gestiftete Vermögen, einschließlich einer Liste der dazugehörigen Einrichtungsgegenstände; wie das Waqf-Vermögen verwaltet werden soll; wie die Einnahmen des Waqf verwaltet werden sollen und wer die Nutznießer des Waqf sind; wer ihn verwalten wird (die Verwalter); wie viele Personen diese Stiftung aufrecht erhalten oder darin arbeiten werden; wie viel Gehalt diese Personen für ihre Tätigkeit erhalten; welche Sachleistungen eventuell zur Entlohnung der Verwalter aufgewandt werden; welche Materialien die Stiftung benötigt; sowie die Beurkundung durch den Qadi, seinen Stempel und seine Unterschrift.“

Die Stiftungen konnten sowohl vom Stifter selbst als auch von einem Verwalter (Nadhir, Wakil oder Mutawalli) betreut werden und standen unter der Aufsicht eines Qadi. Es gibt im Fiqh zwei Typen des Waqf: Einen der allgemeinen Wohlfahrt gewidmeten, wie er bereits beschrieben wurde, sowie einen „familiären“ Waqf für bestimmte Individuen, jemandes Familie, Nachkommen oder Verwandte.

Ein Vorteil von Stiftungen ist, dass sie sich nur bedingt politisch missbrauchen und instrumentalisieren lassen. Sie sind lokal orientiert und rufen dadurch das soziale Engagement und die Fähigkeit der Muslime auf den Plan, sich und andere für soziale Belange zu begeistern. Stiftungen sind dem Gemeinwohl gewidmet und könnten daher auch ein idealer Kooperationspartner von Kommunen sein. Das private Geld vieler muslimischer Stifter könnte so der Allgemeinheit zu Gute kommen. Stiftungen können soziale und kulturelle Beiträge leisten und die öffentlichen Haushalte der Kommunen entlasten. Auch auf nichtmuslimischer Seite ist in den letzten Jahren insbesondere in der Wissenschaft das ­Interesse am Thema „Islamisch-fromme Stiftungen“ stark gestiegen.

In der Bundesrepublik hat eine ­Stiftung in der Regel eine Satzung, die unter anderem die Zwecke und die Art ihrer Verwirklichung festschreibt. Nach außen wird die Stiftung von einem ­Vorstand vertreten (der auch anders ­bezeichnet werden kann), es können ­satzungsgemäß aber auch zusätzliche Stiftungsorgane und Gremien eingerichtet werden. Im Unterschied zu einem Verein hat eine rechtsfähige Stiftung keine ­Mitglieder und unterliegt der staatlichen Stiftungsaufsicht.

Der juristische Akt der Errichtung ­einer Stiftung wird als Stiftungsgeschäft bezeichnet. Die Hergabe von Vermögenswerten, insbesondere für gemeinnützige, mildtätige oder kirchliche Zwecke, wird als Überführung von Stiftungsvermögen in den Grundstock der Stiftung bezeichnet.

In Deutschland gibt es mehrere Stiftungstypen wie Rechtsfähige Stiftungen bürgerlichen Rechts, Stiftungen von Unternehmungsverbänden, Unternehmensstiftungen sowie Treuhandstiftungen. Zu den bekanntesten zählen die Stiftung Warentest, die Stiftung Mercator oder die sehr einflussreiche Bertelsmann Stiftung. Geregelt wird das Stiftungsrecht durch das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB). Es gibt keine Regelungen über ein Mindestmaß des Stiftungsvermögens. Das BGB schreibt in § 80 Abs. 2 lediglich vor, dass die Stiftungssumme die dauernde und nachhaltige Erfüllung des Stiftungszweckes sichern muss. Jedoch geben die Bundesländer ein Kapital von mindestens 25.000 Euro oder mehr vor.

Dr. Thamina Anwar, eine anerkannte Fachfrau aus Neuseeland für Stiftungen und Unternehmertum, sieht in den Stiftungen ein wichtiges Werkzeug für die heutige Zeit: „Wenn wir nach unseren islamischen Prinzipien handeln, kann unser Stiftungswesen dazu beitragen, dass Vermögen tatsächlich wieder zirkuliert – nämlich von den Reichen hin zu den Armen. Es ist demnach ein Mittel, wirtschaftliche Ungerechtigkeit zu verringern, und verhindert das Horten von Vermögen durch die Reichen. Dies ist überhaupt der Grund, wieso wir heute eine solche Ungleichheit haben und die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wurde und inzwischen so riesig ist. So wie die Dinge stehen, wird sie in Zukunft nur noch größer. Die Einkünfte, die durch die Auqaf erzielt werden, ermöglichen uns einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft und steigern somit den Wert der muslimischen Gemeinschaft, jedoch auch den der nichtmuslimischen Gesellschaft.“

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Ali Kocaman

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