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Wie kann ich es sagen?

Exklusiv aus der nächsten IZ – Streit um Sprachregelung: Es braucht für Muslime eine eigene Position. Ein Debattenbeitrag von Sulaiman Wilms

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(iz). Wer hätte das gedacht? Ein Kinderbuch – dazu noch der jahrzehntealte Klassiker von Ottfried Preußler, „die kleine Hexe“ (und keines der problembeladenen Jugendbücher aus den späten 1970ern) – hat es geschafft, die Gemüter von Deutschlands Lesern, Bloggern und Feuilletonisten aufzuwühlen. Bis Ende Dezember hätte ich es kaum für möglich gehalten, dass ein so ­harm­loser Text derartige Unruhe erzeugt.

Was war geschehen? Preußlers ­Verlag Thienemann hatte nach Angaben der Tagespresse mit Zustimmung seiner Erben angekündigt, zukünftig die Verwendung des Wortes „Neger“ zu streichen. „Und würde es nicht vielmehr der (…) antirassistischen Intention von Autoren wie Ottfried Preußler oder Astrid Lindgren widersprechen, solch missverständliche Begriffe in Kinderbüchern (…) beizubehalten?“, fragte taz-Autor Daniel Bax nachvollziehbar.

Das sehen beileibe nicht alle so. Die taz verwies auf unzählige wütende Reaktionen im virtuellen Netz. Dort reichten die Vorwürfe von „Orwell“ bis zu den „Bücherverbrennungen der Nazis“. Und SPIEGEL-Kollege Fleischhauer (s. Kolumne auf S. 2) befürchtete, dass dieser Trend den „Weg zur Trottelspra­che“ einläutet. „Eine Rücksichtnahme auf die Empfindlichkeiten anderer gehört zu den guten Umgangsformen. Die Frage ist nur: Wer wird hier vor wem geschützt? Oft reicht schon der Verdacht, jemand könnte sich in seinen Gefühlen verletzt fühlen, um zu einer Sprachbereinigung zu schreiten. Es ist die vorauseilende Entschuldigungsbereitschaft, die das politische Lektorat vom Ernsthaften ins Lächerliche führt“, merkte er an.

Und der SPIEGEL-Kolumnist gibt ein Beispiel, dass gerade Muslimen einleuchten sollte: „Alle Welt reist stattdes­sen nach Mumbai, (…) so listet die Lufthansa die indische Metropole in ihren Flugplänen auf. Leider ist Mumbai ­keine Erfindung indischer Freiheitskämpfer, die nachträglich das ­koloniale Erbe abschütteln wollen, sondern ein Begriff der Hindu-Nationalisten, die mit dieser Umbenennung ihren Machtanspruch gegen die ­Muslime demonstrieren.“

PC-Paranoia versus Kultur der Unterstellung
Egal, mit welcher Seite man es individuell halten mag, ist diese ­Diskussion Anlass für Muslime, sich Gedanken über ihren Sprachgebrauch zu machen. Fleischhauer ist ausnahmsweise zuzustimmen, als dass es für einen pfleglichen sprachlichen Umgang mit dem Gegenüber oder mit diskriminierten Gruppen keine reglementierte „Sprachhygiene“ braucht, sondern funktionierende und praktizierte Herzensbildung. Punkt.

Was es vor allem nicht braucht, ist eine ideologisch geladene Hysterie, die jeder nachfragenden Stimme unterstellt, sie befürworte den Gebrauch von Begriffen aus dem Vokabular des Unmen­schen oder stünde gar für solche Konzepte, die sich hinter diesen Worten verbergen. Es ist die schäbige Wiederauflage des alten Spiels, wonach derjenige gewinnt, der als erster „Hitler“ brüllt. Und es ist diese Kultur des Verdachts, der so manchen sanften Zeitgenossen zu einem überzeugten Gegner einer als vermeintlich übermächtigen „politischen Korrektheit“ werden lässt.

Ohne Zweifel diskreditieren sich die Extreme beider Seiten auch ohne fremde Hilfe. Manche glühende Volks-Erzieher und „Sprachhygieniker“ (so Feridun Zaimoglu zutreffend) glauben, die Welt dadurch zu verbessern, dass sie den Sprachgebrauch regeln beziehungsweise Begriffe verbannen. ­Gerade in Sachen Islam (siehe S. 10) ist das zumeist ein negatives Unterfangen. Welche wüste Blüten dies schon im Allgemeinen treibt, lässt sich anhand eines Stockholmer Kindergartenprojektes zeigen, in dem Kindern ihr natürliches Geschlecht auch auf sprachlicher Ebene ausgetrieben werden soll. Die andere Seite – man muss sich zusammenreißen, um sie nicht als „Spinner“ einzustufen – sieht sich ­umzingelt von einer Tyrannei der „politisch Korrekten“. Schwerwiegende Probleme – von der Volkskrankheit Depression bis zur Auflösung des Zivilisationselement Familie – seien dieser Ideologie geschul­det. Seien wir ehrlich: Für uns Muslime bietet keiner der beiden Pole eine sprachliche Heimat. Niemand will die Ausbreitung des sarrazinösen Zungenschlags, der sich im Jargon des Unmen­schen ergeht.

Bevor wir Muslime aber eine Reinigung von Sprache – wenn auch aus guten Absichten – favorisieren, müssen wir inne halten.

Sprache und Kontrolle
In den letzten 15 Jahren führten die Diskursschwäche unserer Community und der politisch-mediale Druck auf die Islam-Debatte dazu, dass einige unserer essenziellen Begrifflichkeiten mit einem brachialen Tabu belegt wurden. Darunter fielen rechtlich-technische Begriffe, die unendlich lange problemlos und anerkannt waren: „Scharia“, „Isla­misches Recht“, „Khalifat“ und sogar der vermeintlich harmlose „Sufismus“. Sie jetzt im öffentlichen Austausch zu benutzen, setzt enorme Erklärungen oder Distanzierungen voraus oder aber führt ausnahmslos zur gesellschaftlichen Verbannung.

Andererseits wurden, jeder islamischen Denklogik widersprechende Begriffe – und damit Vorstellungen – widerstandslos in die Islam-Debatte injiziert. Dazu gehören der „Islamismus“, wissenschaftlich untauglich und die Fortsetzung des geistigen Flächenbombardements mit anderen Mitteln, die Bezeichnung radikaler Sektierer als „streng-religiöse Muslime“ sowie die Vorstellung, es gäbe einen „konservativen“ ­beziehungsweise „liberalen“ Islam. Bisher haben ­Muslime diesen Sprachgebrauch nur am Rande thematisiert.

Es ist eine alte Weisheit, dass derjeni­ge, der die Begriffe bestimmt, die Debatte dominiert. Es gibt kaum ein Themenfeld, in dem diese Erkenntnis so deutlich wird wie hier. Dieser Mechanismus bewirkte, dass in den letzten ein bis zwei Jahrzehnten die Extreme an Rändern der Community unsere Begrif­fe, und die mit ihnen verbundenen Vorstellungen, in einem gewissen Maße an sich rissen. Mit dieser Definitionsmacht propagieren sie – im Namen einer selbst beanspruchten Reinheit oder einer monopolisierten „Barmherzigkeit“ – ein Islam-Verständnis, dass unseren Din der Mitte bis zur Unkenntlichkeit ­verzerrt.

Lifestyle „Migration“
Ein zeitloser Ratschlag aus der Zeit von Medina lautet: „Achte darauf, mit wem Du dich umgibst und von wem Du deinen Din nimmst.“ Fraglos lässt sich dieser Rat auch auf den Sprachgebrauch der muslimischen Community ausweiten. Denn ohne eine genaue und wahrhaftige Sprache kann es kein wirklich präzises Islamverständnis geben; um nur ein Argument anzuführen.

Man sehe mir die Verallgemeinerung nach, aber augenblicklich ist die musli­mische Gemeinschaft in ihrer Gesamtheit vom anschwellenden Bocksgesang einer Sprachgewohnheit gesättigt, die seit mehr als einem Jahrzehnt um Fragen von „Integration“, „Migration“, „Multikulturalität“, „Identität“ sowie „Bio-“ versus „Passdeutsche“ kreist. Und vergessen wir nicht: Mit dem neuen Berufszweig „Integrationstechniker“ lässt sich für so manchen ein handfestes ­Auskommen erzielen. Dies wiederum legt nahe, den – eigentlich begrenzten – Zustand der „Migration“ über seine Halbwertszeit hinaus zu verlängern.

Gewiss, rein biographisch steht es mir nicht zu, die ­Einwanderungsgeschichte der ersten Generation oder die Xenophobie-Erfahrung so mancher ihrer Kinder in Frage zu stellen beziehungsweise die Augen vor realem Rassismus zu verschließen. Entgegen der brutalen Assoziationsketten, die gerne auf ­Seiten der Sprachhygiene geknüpft werden, geht es hier nicht um realen Rassismus, der ja zuallererst ein politisches Problem wäre, sondern beinahe schon um einen Lifestyle „Migration“ – auch in sprachlicher Hinsicht.

Nicht Multi, nicht Inter und nicht Kulti
Selbst intellektuell aktive Muslime haben stellenweise verbindliche islamische Begrifflichkeiten zugunsten einer hybriden Integrationsterminologie aufgegeben. Und so kommt es, dass fachfremde und inkompatible Sozialwissen­schaften das Phänomen Islam berufsbe­dingt missverstehen. Es muss eine der Forderungen der künftigen muslimischen Elite sein, das Gespräch über den Islam von – existierenden oder imaginä­ren – Themen wie „Integration“ und „Migration“ zu scheiden.

Dr. Manfred Osten erinnerte auf Einladung der IZ in seinem brillanten Weimarer Vortrag daran, dass Goethe aus Ablehnung des „veloziferischen“ Zeitalters sein Heil in der Religion und Kultur der muslimischen Welt suchte. Er vollzog, so Dr. Osten, gewissermaßen einer inneren Hidschra. Das bisherige Schaffen muslimischer Stimmen lässt leider den Schluss zu, dass ein wichtiger Teil des muslimischen Mainstreams gegenteili­ge Schritte nimmt. Dadurch entstanden Missverständnisse, die sich im ­Laufe der Jahre verfestigten. Der Goethe-Fachmann erinnerte auch daran, dass Deutschlands größter ­Dichter dem „Toleranz“-Begriff – einem wichtigen Element des Migrations-Diskurses – wenn überhaupt nur distanziert gegenüberstand. „Toleranz ist eine Empfindung, die nur vorübergehender Natur seine sollte. Sie sollte übergehen in Annrkennung, denn dulden heißt beleidigen“, zitierte er Goethe.

Mit der „migrantischen“ Brille lässt sich die organische und zeitlose Lebens­weise des Islam nicht verstehen. Wie sollte sie auch? Schließlich ist sie ­weder Nationalkultur, noch das ethnische Gepäck so genannter „Migranten“. Interessanterweise sind sowohl die rabiate Islamkritik und Vertreter des „Migran­tismus“ unfähig, dass Phänomen der europäischen Muslime zu verstehen – autochthone des Balkans und Russlands oder die wachsende Zahl derer, die ihren Weg zum Islam finden. Hier begeg­nen sich die Extreme, weil sie „Islam“ nur im Zusammenhang mit fremder – hier türkischer – „Kultur“ verstehen können.

Schlussendlich sei noch einmal auf den „Migranten“ verwiesen. Das sprachliche Ungetüm – eine ästhetische Fehlleistung – verweist laut Duden auf Menschen, die eine Migration vorgenommen haben. Für die zweite Generation passt er schon nicht mehr. Also wurde getreu des Jargons der „Migrations­hintergrund“ eingeführt. Nicht, dass die Angelegenheit so besser geworden wäre. Wäre ich ein Betroffener, würde ich diese Zuschreibung von mir weisen.

Ich habe Muslime der zweiten oder dritten Generation in meinem Bekann­ten­­kreis. Sie mögen Unternehmer, Akademiker oder Fachkräfte sein, und ihre Eltern mögen aus Aleppo, Travnik oder Gümüshane kommen. Sie haben einen qualifizierten Abschluss, arbeiten an verantwortlicher Stelle oder veröffentlichen in renommierten Medien. Gemein ist ihnen nicht nur die hiesige Staatsbürgerschaft, sie erfüllen auch die prophetische Anweisung und beherrschen die Sprache des Landes, in dem sie ­leben und das zu ihrer Heimat geworden ist.

Sie als „Migranten“ bezeichnen zu wollen, ist eine Beleidigung. Und ihre Generation in diesem Zustand zu halten, ist ein Vergehen an der muslimischen Community in Deutschland.

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