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Wie können wir auf die Jugend zugehen?

Denken und die Praxis: ­Antworten auf aktuelle Fragen und ­Heraus­forderungen. Von Ali ­Kocaman und Massouda Khan

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Foto: Vereint im Islam 2013

„Futuwwa ist Verstand und Bescheidenheit. Ihr Kopf ist der Schutz vor falschen Handlungen. Ihre Schönheit sind Nachsicht und Adab. Ihr Adel sind Wissen und Gewissenhaftigkeit.“ Sufjan Ath-Thauri

„Den Wert des Lebens kennen nur die Toten; den Wert der Gesundheit nur die Kranken; den Wert der Jugendkraft nur die Altersschwachen; den Wert des Reichtums nur die Armen.“ Imam Al-Ghazali

(iZ). Unser Blick auf eine Sache und die Absicht, mit der wir sie betrachten, prägen ihr Verständnis. Und so wird eine Vorstellung von jungen Muslimen auch dadurch bestimmt, wie wir auf sie schauen. Ob als zukünftig hart arbeitende Berufstätige, als hedonistische Bildungselite, als ausgegrenzte Minderheit, als mit ihrer Identität ringende Generation oder als für Delinquenz oder Extremismus anfällige Individuen – je nach unserem Blickwinkel kann das entsprechende Bild anders ausfallen.

Was vor allem ausfällt: Es wird häufig und gerne im Ton des Problems über junge deutsche Muslime gesprochen. Ob im Rahmen einer Debatte über Identitäten, in Fragen der Delinquenz oder in Hinblick auf das Problem der Anfälligkeit für extreme Ideologien – überall taucht auch die Frage nach jungen Muslimen auf. Es ist kein Zufall, dass Bund und Länder hier in den letzten Jahren erhebliche Fördermittel für Vereine und Projekte ausschütten.

Es wäre anmaßend zu glauben, dass wir es mit einer homogenen Gruppe mit leicht zu definierenden Situationen zu tun hätten. Ein Besuch bei den vielfältigen Projekten junger Muslime – innerhalb und außerhalb tradierter Organisationsformen – und beliebten Events zeigt vor allem eines: Die muslimische Jugend in Deutschland lässt sich nicht auf einen Nenner herunterbrechen. In einem sind sich die meisten einig: Dass sie Muslime in diesem Land sein wollen.

Dem stimmt auch die Soziologin Asmaa Soliman zu. Beispielsweise im Hinblick auf das Thema Identität der kommenden Generation sieht sie eine diverse Lage: „Es gibt junge Muslime, die speziell das Selbstbewusstsein einer deutsch-muslimischen Identität unter deutschen Muslimen stärken wollen. Es gibt andere, die sich damit beschäftigen, negative Identitätsrepräsentation von Muslimen herauszufordern. Darüber hinaus gibt es aber auch junge deutsche Muslime, für die das Thema der Identität keine starke Rolle in ihrem öffentlichen Engagement spielt und die sich auf andere Themen und Bereiche fokussieren.“

Muslimische Jugend bewegt sich nicht im luftleeren Raum. Sie lebt in und kommt aus vielen verschiedenen sozialen Kontexten. Aus diesen bezieht sie – neben den allgegenwärtigen Medien und der Populärkultur – ihre Vorbilder. Relevant werden diese insbesondere, wenn es zu Verwerfungen und Problemen kommt.

Dr. Ibrahim Rüschoff ist langjähriger Psychologe und Autor. Er beklagte in einem IZ-Artikel vor allem das Fehlen positiver muslimischer Vorbilder – die „nicht diskrepant“ seien – gerade für die männlichen Kinder und Jugendlichen. „Die Söhne werden oft wie kleine Prinzen verhätschelt. Schwache Mütter in patriarchalen Gesellschaften brauchen abhängige Söhne, damit diese ihre Interessen durchsetzen können. Dazu müssen sie diese in Abhängigkeit halten. Sie produzieren also immer wieder schwache, abhängige Männer, die sich dann immer wieder ihrer Rolle vergewissern müssen, indem sie den Daumen draufhalten. Das ist ein ewiger Kreislauf.“

Auch Gelehrtenpaar Mariam Dhouib und Dr. Mahmud Kellner betont die Bedeutung positiver Rollenbilder: „Sie sind stolz, Muslime zu sein. Aber zur Verwirklichung der Religion fehlen ihnen Vorbilder. Sie vermissen auch eine Wertevermittlung im Elternhaus, wo oftmals mehr auf Äußerlichkeiten geachtet wird.“

Eine positive Identität für junge Muslime, ein gesundes Umfeld sowie die Notwendigkeit funktionierender Vorbilder – an denen sich die künftige Generation orientieren kann – verweisen auch auf die Notwendigkeit eines substanziellen Nachdenkens über Bildung. Und aus diesem leitet sich der Bedarf nach einer funktionierenden Realität ab. Jeder an Bildung und Erziehung Beteiligte, so der bekannte Gelehrte Imam Al-Ghazali, nehme bei der Erziehung „eine große Verantwortung auf sich“ und jeder brauche einen Lehrer, der ihm die richtige Richtung weise.

Nach Ansicht des britisch-muslimischen Pädagogen und Autors Uthman Morrison sei es die Verantwortung von Eltern und Gemeinschaft, junge Muslime „in die bestmögliche Gesellschaft von Leuten mit gutem Charakter“ einzuführen. Im Idealfall kämen hier „drei Stränge“ zusammen: Erziehung, gelehrter Unterricht und Aneignung praktischer Fertigkeiten. „Es ist notwendig, dass die Umfelder, in denen sie stattfinden, das Streben nach gutem Charakter bestätigen, belohnen und anregen.“

Seit geraumer Zeit wird auch innermuslimisch – wenn um die kommenden Generationen geht – mehr als nur problematisierend gesprochen. Es geht dabei unter anderem um Bildungsdefizite, Resilienz und oft um die Prävention extremistischer Ansichten. Antworten kommen häufig aus dem Arsenal des Social Engineering und der Sozialarbeit. Und, wie die „Süddeutsche Zeitung“ kürzlich in einem Hintergrundtext über die Förderung von „Prävention“ schrieb, die Kassen sind gut gefüllt.

Dass Muslime im Bestand ihrer Lehre auf die Tradition der Futuwwa zurückblicken und gleichzeitig auf sie als Potenzial für die Jugend zurückgreifen können, geht zumeist unter. Bei ihr handelt es sich um die traditionelle Praxis der Herausbildung von Höflichkeit, Dienen, Bescheidenheit, Geduld, Selbstlosigkeit, Mut, physischer Kraft, Empfindsamkeit für Schönheit, Treue sowie Sorge für die Schwachen und Großzügigkeit bei der Jugend. Gelebt und verwirklicht wurde sie traditionell als Teil muslimischer Zivilisationen von jungen Muslimen (wobei sie nicht auf eine Altersgruppe beschränkt ist). Ihnen stand oft ein Meister vor. Welchen Einfluss sie auf die Zivilgesellschaft hatte, belegen die Reisebeschreibungen von Ibn Battuta aus Kleinasien.

Am 14. Oktober trafen sich in Frankfurt verschiedene Redner, um über Gegenwart und Zukunft der muslimischen Jugend in Deutschland zu diskutieren. Im Rahmen des 30-jährigen ATIB-Jubiläums und mitorganisiert vom Zentralrat der Muslime sowie der „Islamischen Zeitung“, diskutierten die Lehrerin Kübra Arslanoglu, die Sozialpädagogin Sevgi Mala-Caliskan, der Jurist Said Barkan, Ali Kizilkaya von der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG) und IZ-Redakteur Tarek Baé über das Thema.

Auf die gegenwärtige Lage angesprochen, verwiesen die Redner auf verschiedene Aspekte der muslimischen Jugend in Deutschland. Allen gemein war, dass sie der Frage nach Identität große Bedeutung beimessen. Die Lehrerin Kübra Arslanoglu erlebe bei ihren SchülerInnen, dass diese ein „Identitätsproblem“ hätten. Sie fühlten sich zwar deutsch. Sie kennen es ja nicht anders. Seien größtenteils hier geboren und aufgewachsen, hier sozialisiert. Und dann würden sie nichtsdestotrotz in eine Schublade gesteckt. „‘Du gehörst nicht dazu, du bist kein vollwertiger Teil der Gesellschaft’, das zerschmettert sie, und ich muss ehrlich sagen, ich habe es auch durchgemacht.“ Das führe dazu, dass sie sich nicht zuordnen könnten und Probleme hätten.

Said Barkan stimmte zu, dass sich das Phänomen, wonach sich junge Muslime jenseits muslimischer Gemeinden und derer Verbände organisieren würden, nun auch in muslimischen Strukturen bemerkbar mache. Das Engagement in der Tiefe nehme ab. Nicht nur in der Gesellschaft seien Wertschätzung und Anerkennung für Jugendliche wichtig. Das gelte auch für die muslimische Gemeinschaft. Hier müsse letztere sich in die Pflicht nehmen und das Potenzial der Jugend stärker fördern. „Es gibt sehr viele Initiativen, sehr viel Kreativität, Engagement von jungen Menschen, die selbstständig etwas entwickeln und sich dann selbst auf hohem Niveau in der Gesellschaft platzieren und verankern“, so der Jurist und Vorsitzende des hessischen Landesverbands im Zentralrat der Muslime in Deutschland. Er sieht hier sowohl den organisierten Islam, als auch die jungen Muslime selbst in der Pflicht.

Die Sozialpädagogin und Sozialmanagerin Sevgi Mala-Caliskan stimmt zu, dass es „den muslimischen Jugendlichen“ nicht gebe. Es gäbe nur „die Jugendlichen“ und diese wollten, wie alle, gesehen werden. Man könne starken Einfluss auf sie nehmen, wenn man ihnen zuhöre und sie wertschätze. „Wir müssen sie für fähig halten, es wird ihnen wenig zugetraut, denn wenn es um Partizipation geht sehe ich in jedem Verband Leute, die über 30 sind, und für Jugendliche etwas organisieren.“

Tarek Baé berichtete aus seinen Erfahrungen. Die meisten jungen Muslime hätten gemeinsam, dass sich auch ihnen diese Grundfragen stellten – wer sie seien, was sie wollten und wo sie hin wollten. „Aber natürlich haben sie Schwierigkeiten, sie zu beantworten, weil sie nicht einfach zu beantworten sind“, so der Medienwissenschaftler. Diese Jugendlichen hätten die Chance, Pioniere zu sein. Sei stünden vor der Herausforderung, die gleichzeitig auch eine Chance sei, die Frage nach der Identität in Europa – seinerseits in einer Identitätskrise – zu beantworten.

Wie bei anderen Themen wird auch über die jungen Muslime in Deutschland allzu leichtfertig im Ton der Probleme und Schwierigkeiten geredet. Eine Vision zu entwickeln und diese zu realisieren, ist ungleich schwieriger. Auf eine Vision angesprochen, kamen die Redner der Diskussion zu ganz unterschiedlichen Antworten.

Ali Kizilkaya, derzeit stellvertretender IGMG-Generalsekretär, sieht vor allem „Baustellen“ – bei der Institutionalisierung muslimischer Gemeinschaften. Diese hätten noch mit „Kinderkrankheiten“ zu kämpfen. Jeder solle leisten, was er könne. Schule, Arbeit, Nachbarschaft und Religionsgemeinschaften müssten mehr zusammenarbeiten. Gelänge ihnen das, sei man in zehn Jahren viel weiter.

Soweit es die Jugendlichen beträfe, so der Jurist Barkan, bräuchten sie mehr Freiräume. In dieser Hinsicht müssten auch Moscheen „neu gedacht“ werden – als soziale Dreh- und Angelpunkte. Hier dürften sie sich nicht verstecken. Und dürften sich „nicht nur auf den islamischen Rahmen fokussieren“, sondern mit ihren Jugendvorständen beispielsweise auch in den Jugendringen aktiv arbeiten. Fände diese Arbeit „von Jugendlichen für Jugendliche“ statt, dann sei er hoffnungsvoll, dass die Jugendarbeit in den Gemeinschaften auf einem neuen Niveau stattfinden werde.

Das Potenzial der muslimischen Jugendlichen müsse ausgeschöpft werden, so das Fazit der Lehrerin Kübra Arslanoglu. „Es gibt so viele kreative Köpfe, Designerinnen, Forscherinnen, Ingenieurinnen, Wissenschaftlerinnen. Lasst euch nicht einschüchtern.“

Tarek Baé geht noch einen Schritt weiter. Er sieht in der jungen muslimischen Generation das Potenzial, zu den großen Fragen unserer Zeit beizutragen. Dafür seien Modelle wie die Futuwwa enorm wichtig. Denn hier würden Persönlichkeiten ausgebildet, die befähigt seien, sich den aktuellen Herausforderungen zu stellen.

Mit ihrer 25-jährigen Erfahrung in der sozialen Arbeit gab sich Sevgi Mala-Caliskan „nicht nur optimistisch, sondern auch realistisch“. Die deutsche Gesellschaft werde älter. Sie brauche die muslimische Jugend. Die Zukunft liege bei dieser. Bisher habe man hier nur eine Elite entwickelt, „snobistische Muslime, Intellektuelle“. Man müsse auch zu jenen gehen, „die nicht so intellektuell sind“. Sie bräuchten Vorbilder. Man solle einfach nicht mehr auf die negativen Stimmen hören und sagen: „Wir schaffen das!“ Man brauche sich gegenseitig.

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Massouda Khan

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