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Sufismus als Inspirationsquelle für die moderne Psychotherapie

Denken und die Praxis: ­Antworten auf aktuelle Fragen und ­Heraus­forderungen. Von Mine ­Albasan

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Foto: flickr

(iz). Mit zunehmender Globalisierung, Migration und Flucht der Menschen aus den Kriegsgebieten wächst auch die Notwendigkeit für kultursensible Angebote bezüglich des psychischen Wohlbefindens und der Gesundheit für die Muslime in Deutschland, wie zum Beispiel auch Psychotherapie, die auch die Spiritualität der Menschen anspricht.

Allgemein gibt es bereits seit Jahren die Tendenz, dass Spiritualität in Therapiemethoden eingeführt wird. In der Rubrik der Ratgeberliteratur wird Wissen aus den Bereichen der modernen Psychologie, den Religionen und der Spiritualität vernetzt und den Menschen dadurch Heilung und Wohlbefinden versprochen.

Ähnliche Bewegungen finden auch in der Wissenschaft statt und gewinnen in den letzten Jahren nicht unerheblich an Popularität: Religiöse Ressourcen fließen in wissenschaftliche Disziplinen ein und werden für eine moderne Anwendung übersetzt. Das Angebot wird in der Hinsicht größtenteils aus der buddhistischen Lehre geschöpft, wie Meditation und achtsamkeitsbasierte Behandlungsmethoden.

Explizit islamische oder sufistische Ressourcen diesbezüglich sind kaum vertreten oder nicht sichtbar. Vereinzelt tauchen Versuche auf, die sich der Heilwirkung einzelner Gedanken und Rituale aus der sufischen Lehre bedienen. Leider nur fragmentiert und nicht wissenschaftlich fundiert genug, sodass die Bedeutung dieses großen Potentials nicht deutlich wird. Der interessierte Therapeut muss viel recherchieren, um entsprechende Verbindungen zu den sufischen Quellen herstellen zu können, zumal hier womöglich nicht nur von einer fremden Religion die Rede ist, sondern auch von verschiedenen Disziplinen.

Spiritualität stellt für eine beachtliche Anzahl von muslimischen Klienten eine wichtige Lebensgrundlage dar. Daher müssen islamische Ressourcen wie traditionelles Wissen und spirituelle Praxis in die moderne Psychologie Eingang finden. Der Sufismus stellt mit seiner langen Tradition und einem beispiellosen Schatz eine alternative Inspirationsquelle und Wissensgrundlage sowohl für psychologische Beratungen als auch therapeutische Behandlungen dar. Viele der Sufigelehrten und Sufimeister haben von Anfang an die Spiritualität als eine Bereicherung für das Wohlergehen und die Gesundheit der Menschen gesehen. Die Lehre ist nicht zuletzt deshalb eine hervorragende Alternative, da sie von verschiedenen islamischen Richtungen und Rechtsschulen, ob Sunniten oder Schiiten, ob Schafi’iten, Hanafiten, Hanbaliten oder Malikiten auf der ganzen Welt hoch angesehen und praktiziert wird.

Das Repertoire an Wissen und Praxis der Sufigelehrten kann Menschen in den helfenden Berufen die Arbeit bereichern. In deren Werken ist konsequent die Rede von der Heilung des gesamten Menschen, sofern das Herz heil wird. Das Herz findet Heilung, wenn es mit Gottesliebe erfüllt ist. Wenn man die Lehre nicht kennt und mit den Ritualen nicht in Berührung gekommen ist, hört sich das sehr abstrakt an. Es wird jedoch schnell konkret, wenn die Interessenten die Denk- und Lebensweise und die täglichen Praktiken der Sufis näher beobachten und verstehen.

Am bekanntesten sind die Praktiken und Rituale, die in erster Linie das Herz reinigen und somit zur Gottesnähe und Heilung führen sollen. Das sind neben dem Gebet das Gottgedenken, Beobachtung und Meditation, Akzeptanz der Gegenwart und der Gegebenheiten, Geduld, Dankbarkeit und das Fasten, um nur einige Beispiele zu nennen. Viele Rituale enthalten konkrete Anweisungen und Techniken für Achtsamkeit, Selbst- und Zeitmanagement und den Atem, die nicht nur mehr Zufriedenheit und Wohlergehen ermöglichen, sondern präventiv seelische und körperliche Gesundheit fördern können.

Beim Gottesgedenken, ob sitzend, oder laufend, findet der Mensch Vertrauen und Nähe. Er kann sich dabei an vielen Anweisungen der verschiedenen Sufiorden bedienen oder die Schönen Namen Allahs rezitieren. Bei der Meditation findet er Ruhe und Frieden, in dem er sich die Zeit nimmt, mit sich und Gott zu sein und in sich hinein hört beziehungsweise sich rein fühlt. Beim Fasten kann er sich durch Verzicht erneuern, stärken, reflektieren und neue Wege gehen. Der Verzicht bezieht sich auf die Nahrung, Sprache, das Denken und Handeln. Der Fastende verzichtet darauf, zu kritisieren, zu verurteilen, lässt die üble Nachrede sein, spricht und denkt nicht negativ und hält sich von unrechtmäßigem und ungerechten Handeln fern.

In der Türkei besteht bereits seit Jahren ein großes Interesse und eine Auseinandersetzung mit dem Sufismus als eine Inspirationsquelle für das Wohl der Menschen. Sie können auf alte Schätze zurückgreifen, da das Land eine lange und reiche sufistische Tradition hat. Die Türken entdecken nach der Schließung der Sufiorden im Zuge der Modernisierung und der Republiksgründung den Sufismus wieder, wie zahlreiche Publikationen der letzten Jahre zeigen. Es ist die Entwicklung zu beobachten, dass die traditionellen, jahrhundertealten sufistischen Werke und die Praxis dem türkischen Publikum vermischt, in einer hybriden Form mit wissenschaftlich- empirischen Disziplinen, wie der Psychologie, der Pädagogik und den Erziehungswissenschaften, angeboten werden.

Traditionell waren dort die Sufiorden Orte der seelischen Entwicklung, Transformation und Heilung. Sie haben über Jahrhunderte für das seelische Wohl der Menschen gesorgt. Neben ihrer „Zuständigkeit“ für das seelische Leben des Einzelnen, haben deren Wissen und Praxis bis zur offiziellen Schließung der Sufiorden für die psychologischen und spirituellen Strukturen der Organisationen, wie zum Beispiel die Handwerkerzünfte, kaufmännische und gewerbliche Genossenschaften, Frauenselbsthilfegruppen, Herrscherfamilien und sogar die Armee bereichert.

In dem Maulawi-Orden in Konya wurde Rumis Erbe durch Nachfahren und Sufimeister weitergelebt und von Generation zu Generation weitergegeben, bis der Orden verboten und 1926 zu einem Museum umgeändert wurde. Die Derwische hatten unter Leitung ihre Transformation durchgeführt, die von Drehtänzen und heilender Musik in der von Sultan Süleyman in Auftrag gegebenen Semahane begleitet wurde. Heute scheint das Derwischleben in Konya zumindest nach außen eine Touristenattraktion zu sein. Für die Interessierten gilt, das Erbe der großen Meister und deren Werke zu recherchieren, zu verstehen und in die heutige psychologische Sprache zu übersetzen.

Es ist kein Wunder, dass der Schatz wissenschaftlich auch in anderen Ländern mit großem Interesse erforscht wird. Noch sind wenige Publikationen bekannt, die sich konkret mit Sufis als „Therapeuten“ auseinandersetzten. Dabei weisen viele Schriften hohen therapeutischen Wert aus. Trotz des bemerkenswerten und außerordentlichen Schatzes steckt die therapeutische Arbeit nach „modernem“ Verständnis noch in Kinderschuhen, unter anderem weil die Sufis trotz ihrer hohen psycho-sozialen Werte jahrzehntelang den modernen empirischen Wissenschaften weichen mussten.

Auch wenn die Praxis gelitten haben sollte und vieles noch in Verborgenem bleibt, ist das schriftliche Erbe nicht zu unterschätzen. Es gibt viel zu entdecken und korrekt zu übersetzen.

Das wiederentdeckte Interesse der türkischen Wissenschaftler könnte demzufolge Psychologen und anderen Mitgliedern der helfenden Berufe in Deutschland anregen, die spirituellen Bedürfnisse ihrer Klientel zu verstehen und entsprechend helfen zu können. Hierbei könnten sie die bewährten religiösen Hilfestellungen für die Gläubigen und die säkularen Methoden der Bewältigung der Lebenspraxis als Phänomen der modernen Psychologie zu einem gemeinsamen Thema verschmelzen lassen. Nicht nur die Türkei, aus der ganzen islamischen Welt, insbesondere Syrien, Palästina, Libanon und dem Maghreb könnte viel Wissen und Erfahrung in den Nutzen für die europäischen Muslime einfließen.

Es ist heute nicht einfach, den über ein Jahrhundert langen, wenig gepflegten „Schatz“ wiederzuentdecken, da neben den vorhandenen, verheerenden Lebenswirklichkeiten in Teilen der islamischen Zentren seit der Kolonisation, wo früher das Herz des islamischen und sufistischen Wissens schlug, es auch ganz praktische Probleme gibt. In der Regel gab es früher in den islamischen Zentren mehr Sufiorden als Schulen, sodass die Interessierten aus der ganzen muslimischen Welt dahin gereist sind, um ihre Lehrer persönlich zu finden, Wissen, Initiation und Erlaubnis aus der ersten Hand zu erhalten.

Im Hier und Jetzt muss das vorhandene Wissen teilweise für unsere aktuellen Lebensverhältnisse neue Formen finden. Die Therapeuten und Mitglieder der helfenden Berufe können mit Sicherheit religiöse Menschen durch die seelischen Nöte und die persönlichen Krisen begleiten, jedoch werden sie ohne den spirituellen oder religiösen Hintergrund an Grenzen gelangen, die für das Gelingen einer Therapie kontraproduktiv sein können. Der säkulare Therapeut sieht grundsätzlich seine therapeutische Arbeit von der göttlichen Macht entkoppelt. Demzufolge könnte die Ressource, dass etwas Größeres als wir selbst existiert und in Krisenzeiten Trost und Heilung bieten kann, nicht genutzt werden. Oder Spiritualität wird schlichtweg nicht als Notwendigkeit auf dem Weg der Heilung betrachtet und gewürdigt.

Die Zusammenführung der modernen, empirischen Psychologie und der Spiritualität braucht unter den Muslimen, die in den helfenden Berufen arbeiten, grundsätzlich auch guten Willen und vorurteilsfreies Betrachten, fundiertes Wissen und ausreichend Interesse, um die Werte der jeweiligen Disziplin verstehend und respektierend zusammenführen zu können. Gleichwohl ist unabhängig von privaten Initiativen ein universitäres Institut, wie zum Beispiel ein religionspsychologisches Fach im Bereich der islamischen Theologie gefragt, auch wenn in Deutschland keinen eigenen Lehrstuhl für Religionspsychologie existiert.

Es gilt, die positive Wirkung der Religiosität und Spiritualität für eine bessere Welt zu nutzen. In diesem Sinne soll das letzte Wort mit großem Dank der Gelehrte und Sufimeister Dschalal ad-Din ar-Rumi haben: „Im Geiste ist die Fantasie ja wie ein Nichts, doch stelle dir eine Welt vor, die sich um eine Fantasie dreht! Frieden und Kriege entspringen der Fantasie, und ihr Stolz und ihre Schande entstammen der Fantasie. Doch die Fantasien, die die Gottesfreunde verzücken, sind Abbilder der Schönen aus Gottesgarten.“

Die Autorin ist Islamwissenschatlerin und bietet in ihrer Berliner Praxis psychologische Beratungen nach traditionell-sufistischen Erkenntnissen an.

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Mine Albasan

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