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Wie man das Alter ansehen kann. Einige Überlegungen von Lydia Jalil

Altern im islamischen Kontext

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(iz). Alle Menschen altern. Dennoch unterscheiden sich die Vorstellungen, wie das Leben im Alter aussehen soll, sehr stark und sind in Abhängigkeit von der jeweiligen Gesellschaft einem mehr oder weniger starken Wandel unterworfen. Wobei das Altern als körperlicher Prozess heutzutage immer mehr hinter den gesellschaftlichen Erwartungen an die Senioren und deren Selbstreflexion zurücktritt. Altern ist ein lebenslanger Prozess, der mit der Geburt beginnt und mit dem Tod endet. Wie aber gehen die Menschen damit um, wenn die Zukunft schrumpft und die Vergangenheit an Gewicht gewinnt?

Ayse T., 61 Jahre, kam 1967 aus der Türkei nach Köln. Gemeinsam mit ihrem Mann arbeitete sie in Deutschland für ihre Familie. Nach einer Knieoperation musste sie vor einigen Jahren Frührente beantragen. Obwohl sie nach wie vor für ihre Familie im „Unruhestand“ lebt, meint sie: „Ich will meine Kinder nicht belasten, deshalb möchte ich später in ein Altersheim.“

Mehmet S., 88 Jahre, kam mit 43 Jahren nach Deutschland und lebt bei seinem jüngsten Sohn. Seine Kinder, Enkelkinder und Urenkelkinder prägen sein Leben. Zwar leben einige in der Türkei und das Fliegen fällt ihm zunehmend schwer, trotzdem möchte er in Deutschland bleiben: „Der Tod gleichaltriger Jugendfreunde in der Türkei macht mir schon auf diese Entfernung genug zu schaffen, wenn ich sie auch noch zum Grab begleiten müsste, wäre es noch schlimmer!“

Ali R., 77 Jahre, wohnt mit seiner Frau Jamila, 69 Jahre, in der Nähe seiner zweitältesten Tochter. Beide versorgen sich selbst, planen aber für nächstes Jahr ihre Rückkehr in den Libanon: „ Wir wollten schon immer zurück in die Heimat. Dafür haben wir auch Jahrzehnte lang gearbeitet. Wir werden allerdings nicht in unser altes Dorf zurückkehren, da sind die medizinischen Standards viel zu schlecht.“

Trotz dieser wichtigen Überlegungen sind Gedanken an den Tag, an dem der Körper die Begrenzungen des Lebens zeigt, an dem man nicht mehr allein für sich sorgen kann und darauf angewiesen ist (womöglich fremde) Hilfe anzunehmen, an ein Gefüttert und Gewindelt Werden für Beide nur schwer zu ertragen. Einigkeit hingegen bei der Frage, ob Schmerzen erduldet oder weggespritzt werden sollen: „Natürlich wollen wir uns nicht unnötig quälen, wenn es dann soweit ist.“ Und Mehmet S. ergänzt: „Ich habe mit meinem Sohn schon über Magensonden und diese ganzen Dinge geredet. Ich will keine künstliche Lebensverlängerung. Wenn ich sterbe, sterbe ich.“

Besonders gründlich haben alle über ihre finanzielle Versorgung im Alter nachgedacht. Mehmet S. meint: „Mit einer deutschen Rente in der Tasche ist man in der Türkei immer noch ganz gut gestellt. Es gibt viele, die bleiben ein halbes Jahr in der Türkei und ein halbes Jahr hier. Solange ich mir das finanziell und gesundheitlich leisten kann, werde ich so oft wie möglich hin und her pendeln. Letztendlich passe ich in die Familie in der Türkei mit meinen ganzen deutschen Gewohnheiten und Sorgen nicht mehr so gut hinein. Das würde nur Probleme geben. Hier habe ich eher meine Ruhe. Es haben sowieso alle genug zu tun.“

Familie R. hat für ihre Eigentumswohnung inzwischen einen Käufer gefunden: „Mit dem Geld werden wir im Libanon gut zurecht kommen. Wir werden unsere Wohnung dort modernisieren und den Rest auf die Seite legen. Man weiß ja nie, was alles passiert. Zum Leben haben wir ja unsere Renten. Es ist sogar genug Geld für eine Putzfrau vorhanden.“

Auch Ayse T. hat sich nach dem Tod ihres Mannes vor acht Jahren Sorgen um ihre Altersversorgung gemacht: „Da stand ich plötzlich ganz alleine da. Ich habe zwar immer dazu verdient, aber ich konnte wegen den Kindern nie viel davon zurücklegen. Mein Sohn hat das Geschäft von seinem Vater übernommen und gibt mir manchmal Geld, das ich zurücklegen kann, aber bald heiratet meine zweite Enkeltochter, dann gebe ich auch was dazu. Für das Altersheim müsste es trotzdem reichen. Außerdem habe ich ja noch Zeit, so richtig alt fühle ich mich noch gar nicht.“ Trotzdem lässt sie es zu, dass die Zeit im Gegensatz zum allgemeinen Trend, den Körper künstlich zu verjüngen, überschüssiges Fett abzusaugen oder Falten wegzulasern, ihre Spuren hinterlässt: „Irgendwann holt es uns doch alle ein…“, lacht sie und gehört weder zu den kraftstrotzenden Werbeträgern der „Altersvermeider“ wie Generation 60plus, „BestAgers“ oder „SilverAgers“ noch zu dem Klischee der passiven, konservativen, gebrechlichen, verwirrten und verbitterten Alten aus unserem vor Jahrhunderten geprägten negativen Altenbild. Denn noch nie zuvor ging es den Alten so gut wie den Senioren von heute: die soziale Situation und Lebenswirklichkeit älterer Menschen haben sich in den letzten drei Jahrzehnten erheblich verbessert. Die Beschwernisse des hohen Alters werden heute erst jenseits der 80 oder 85 spürbar. Dennoch waren 2004 nur 9 Prozent der über 95-jährigen in Heimen untergebracht.

Der traditionelle und religiöse Respekt vor älteren Menschen lässt auch heute noch viele Kinder vor einer Heimunterbringung der Eltern zurückschrecken oder zumindest zögern. So empfindet auch die älteste Tochter von Ayse T. die Entscheidung ihrer Mutter für einen Ruhestand im Heim eher negativ: „Ich bin traurig. Warum wendet sie sich von uns ab? Unsere Familie in der Türkei ist der Meinung, dass wir Kinder uns nicht genug kümmern und sie so in diese Entscheidung gedrängt haben. Dabei wäre ich trotzdem gerne für sie da!“ Ayse T. selbst sieht ihrem selbstgewählten Lebensabend im Heim viel gelassener entgegen: „Ich habe mich gerade wegen der Kinder für ein Altersheim entschieden. Als ich gerade mit meinem ersten Baby schwanger war, wurde meine Großtante pflegebedürftig. Die Pflege war für mich eine Überforderung. ­Wirkliche Unterstützung gab es nicht. Dann kam das Baby zu früh und die Situa­tion war noch schlimmer. Ich konnte mich nie richtig erholen. Das will ich meinen Kindern und Enkelkindern ersparen (…). Ich denke, dass das auch besser für ­unsere Beziehung ist. Ich hoffe, dass sie mich oft besuchen und dass sie gerne ­kommen.“

Dass er irgendwann ins Heim „abgeschoben“ wird, kommt für Mehmet S. überhaupt nicht in Frage: „Wenn nichts mehr geht, sind meine Kinder verpflichtet, mir zu helfen. Schließlich habe ich auch für sie gesorgt, als sie klein waren. Aber ich bin ja noch fit.“

Tatsächlich ist es richtig, dass die Senioren von heute später altern als die Alten von früher. Heute biete sich eher das Bild vom lebenslustigen, jungen Alten; auch weil in den letzten drei Jahrzehnten immer mehr Menschen relativ früh aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind. Die neue Generation 60plus oder besser schon 50plus fühlt sich nicht nur jünger, sie ist auch tatsächlich physisch und psychisch jünger als die Eltern- und Großelterngenerationen vor ihr. Ein höheres Gesundheitsbewusstsein, körperliche Fitness, eine bessere finanzielle Ausstattung und ein höherer Bildungsstandard lassen die Seniorinnen und Senioren auch deutlich selbstbewusster am sozialen Leben teilnehmen.

Wenn die Schwiegertochter von Ali und Jamila R. alte Familienfotos aus den 60er Jahren von damaligen Mittfünfzigern hervorholt, lächelt Ali R.: „Mein Onkel sah in seinen besten Jahren schon aus wie ein Greis. Meine Tante war zu diesem Zeitpunkt schon fünf Jahre tot. Das Leben war damals viel härter und entbehrungsreicher. Ich fühle mich noch jung, obwohl ich sogar länger gearbeitet habe als mein Onkel.“

So sind die Alten von heute so etwas wie Modernisierungsgewinner und das zu Recht, da sie diese Entwicklung erst möglich machten, so dass gegenwärtig Defizite, die natürlicherweise mit dem Altern unabänderlich verbunden sind, besser kompensiert werden können und immer weniger ins Gewicht fallen und heutzutage auch in Europa alte Menschen wieder nicht nur wegen ihrem hohen Sozialstatus, sondern auch wegen ihrer sprichwörtlichen Weisheit, die sie bis ins hohe Alter entwickeln und pflegen können, geehrt werden.

So hilft Mehmet S. bis heute ehrenamtlich in der benachbarten Moschee aus und bekennt, dass dieses Engagement nicht nur uneigennützig ist: „So komme ich regelmäßig unter Menschen. Nur auf der Gartenbank zu sitzen und zu warten, bis sich jemand zu mir setzt, das wäre nichts für mich.“ Auch Jamila S. ist noch außerhalb der Familie aktiv und besucht regelmäßig eine Rückenschule: „Da kommen noch Frauen aus der Türkei und aus Syrien. Wir unterhalten uns und manchmal treffen wir uns auch zu Hause oder kochen zusammen. Dann sprechen wir über unsere Neuigkeiten und Probleme. Das ist mir wichtig, dass ich auch mal andere Gesichter sehe. Dann kommen auch oft die Jüngeren hinzu. Oft haben die jungen Frauen ja die gleichen Probleme mit Kindern und Ehemännern, die wir früher auch hatten. Manchmal habe ich das Gefühl, die wollen alles neu erfinden, und wenn das dann nicht funktioniert, sitzen sie bei uns in der Küche und reden sich den Kummer von der Seele. Natürlich kann man dann einen guten Rat geben, aber ob sie das dann genauso machen … Jeder muss seinen eigenen Weg gehen. Zu meiner Zeit war die Schwiegermutter oft so eine Art ‘Haus­tyrann’, so wollte ich nie werden.“

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