IZ News Ticker

Wie mit anderen Meinungen umgehen?

Muslimisches Denken und die Praxis: ­Antworten auf aktuelle Fragen und Herausforderungen

Werbung

Foto: Markus Koller | Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0

(iz). Im Islam wird nur bei grundlegenden Glaubenspfeilern und Praktiken mit einer einzigen Stimme gesprochen. Bei anderen Angelegenheiten gibt es viele Stimmen. Hier sind Widersprüche und konkurrierende Deutungen möglich. Auch wenn die islamische Geschichte Perioden größerer und geringerer Duldsamkeit kannte, war die Anerkennung unterschiedlicher Ansichten ein zentraler Bestandteil ihres Erbes. Muslimische Gelehrte wurden in der Höflichkeit der Meinungsverschiedenheit (Adab Al-Ikhtilaf) ausgebildet.

Das Recht auf Widerspruch und die Anforderungen, beides anzuerkennen, wurzeln in der Art und Weise, in der muslimische Gelehrsamkeit sich der Interpretation von Texten näherte. Die Gelehrten stimmen zu, dass religiöse Texte unterschiedliche Grade von Schlüssigkeit haben. Oft übermitteln sie multiple Bedeutungen. Die Lehre teilte diese Texte in zwei Kategorien: Erstens jene, die kategorisch verbindlich sind, und zweitens solche, die mutmaßlich verbindlich sind.

Um zur ersten Kategorie zu gehören, muss ein Text zwei Prüfungen durchlaufen. Die erste betrifft die Authentizität der Transmission. Die zweite behandelt die Menge der vermittelten Bedeutungen. Der gesamte Qur’an ist kategorisch authentisch (Qati’a Al-Thubat). Ahadith haben andererseits verschiedene Ebenen einer nachvollziehbaren Verlässlichkeit. Das heißt, die Frage der Verbindlichkeit betrifft in Wirklichkeit nur sie. Diejenigen, welche die höchsten Standards erfüllen, sind von dem Standpunkt der Überlieferung kategorisch authentisch, auch wenn sie nicht notwendigerweise kategorisch rechtsverbindlich sind, soweit ihre Bedeutung betroffen ist. Ahadith mit einem geringeren Grad an Verbindlichkeit sind mutmaßlich authentisch, soweit ihre Transmission betroffen ist. Sie mögen legitimes, unterstützendes Material sein, können aber isoliert keinen schlüssigen Beweis darstellen, egal wie klar ihre Bedeutungen erscheinen.

Soweit die Echtheit eines Textes sicher ist, muss die Frage nach der Bedeutung beantwortet werden. In vielerlei Hinsicht ist die zweite Frage wichtiger. Die größten Unterschiede basieren bei religiösen Fragen auf abweichenden Deutungen von geprüften Texten. Es sind solche Quellen, welche die wichtigste Frage der religiösen Meinungsunterschiede unter Gelehrten darstellen.

Texte, die in ihrer Bedeutung kategorisch verbindlich (Qat’i Al-Dalala) sind, erlauben nur eine Deutung. Aber solche, die mehr als eine vernünftige Interpretation zulassen, können logisch nicht auf einen einzigen Sinn begrenzt werden. Auch dann, wenn einer von ihnen stärker ist als alle anderen. Eine praktische legale Maxime besagt: „Es kann keinen schlüssigen Beweis geben, solange die Möglichkeit eines gegenteiligen Arguments verbleibt.“

Der Glaube an die Einheit Allahs, das Jüngste Gericht und das Verbot von Mord beruhen auf kategorisch verbindlichen Texten. Sie stellen die grundlegenden Fundamente des Islam dar und sind für Muslime universal bindend. Ob der Paradiesgarten aus vier oder sieben himmlischen Reichen besteht, ist eine Frage, die auf mutmaßlich verbindlichen Texten beruht. Gleiches gilt für die Frage, wie Muslime ihre Hände während des Stehens im Gebet halten sollen.

Glaubenswahrheiten und Praktiken der zweiten Kategorie können sekundären Status haben. Sie stellen nicht die gleichen fundamentalen Dinge dar, die alle Muslime akzeptieren müssen. Trotzdem sind sie von lebenswichtiger Bedeutung, und dürfen nicht als temporär oder unwahr gelesen werden. Auch wenn sie zum Bereich des formalen Widerspruchs gehören und anderen nicht aufgezwungen werden können, stellen sie gültige Glaubenswahrheiten und Praktiken für jene Schulen und Individuen dar, die sie akzeptieren.

Ihrem Wesen nach stellt jede Rechtsschule eine funktionierende Methodenlehre dar. Sie dient der Erlangung gültiger Schlussfolgerungen über mutmaßlich maßgebliche Fragen. Die Schulen sind sich in Grundfragen einig; ihre Unterschiede betreffen die zweite Kategorie. Auch wenn jede davon ausgeht, ein verlässlicher Führer in mutmaßlich verbindlichen Fragen zu sein, erkennen sie das Recht anderer auf Meinungsunterschiede an. Sie beanspruchen keine schlüssige Autorität für sich – in Abwesenheit kategorischer Beweise.

Eines der wichtigsten Prinzipien in der Definition der muslimischen Orthodoxie, Häresie und Sektierertum bezieht sich auf diese Unterscheidung. Wie oben angedeutet, muss der grundlegende Inhalt des Islam, den alle Muslime anerkennen müssen, auf primäre Glaubensüberzeugungen und Praktiken beschränkt werden. Diese beruhen auf kategorisch maßgeblichen Beweisen.

Während es für Personen und Schulen gültig ist, möglicherweise maßgebliche Glaubenselemente für sich zu übernehmen, ist es nicht statthaft, sie für die muslimische Gemeinschaft insgesamt als verbindlich zu betrachten. Dies zu tun, wäre häretisch und sektiererisch. Es ist nach den Standards der Orthodoxie ebenso inakzeptabel, darauf zu bestehen, dass Muslime ihre abweichenden Ansichten und Praktiken in sekundären Fragen ablegen sollten, weil andere Muslime sie als falsch betrachten.

Auch wenn die Höflichkeit des islamischen Denkens die Möglichkeit unterschiedlicher Meinungen anerkennt, so müssen sich diese an hohen Standards und korrekten Methoden orientieren. Sie sind nicht deshalb zu respektieren, weil sie widersprüchlich sind. Die Anerkennung anderer Meinungen impliziert nicht die Akzeptanz schwacher oder willkürlicher Argumente. Der Respekt für unterschiedliche Meinungen bedeutet die Zurückweisung von Autoritarismus, nicht die Ablehnung von Autorität. Jede Beweisführung benötigt vernünftige Beweise, korrekte Methoden und triftige Argumentation.

Viele Passagen im Qur’an und der Sunna scheinen nur eine mögliche Bedeutung zu transportieren. Nach genauerer Untersuchung sind sie aber offen für andere Interpretationen. Zu oft sprechen Muslime aus Unwissenheit über Angelegenheiten der Deutung, so als würden sie nur einen Gesichtspunkt zulassen.

Das Beispiel Musik: Es ist ein Allgemeinplatz, dass der Islam Musik bedingungslos ablehnt. Und doch gibt es nennenswerte Positionen, die sie unter bestimmten Bedingungen erlauben. Ob Musik im Recht als erlaubt oder verboten gilt, hängt von der mutmaßlich verbindlichen Beweislage ab. Die islamische Haltung zu dieser Frage ist nicht unverrückbar fixiert, wie es die Riten der Anbetung sind. Das Thema beruht auf rationalen Argumenten und Absichten. Dies ermöglicht ihre Diskussion.

Die Mehrheit der Rechtsgelehrten verbat Musik. Im Allgemeinen taten sie dies, weil Musik eng mit Trinken, Tanzmädchen und Frivolität verbunden war. Das war in den nahöstlichen und südasiatischen Kulturen häufig der Fall. Es gab aber erwähnenswerte Widersprüche über Musik, wenn sie in einem anderen Kontext stattfand. Der bekannte andalusische Richter Abu Bakr ibn Al-’Arabi sowie die bekannten Gelehrten Ibn Hazm und ‘Abdalghani Al-Nablusi schrieben rechtliche Urteile, die Musik verteidigten.

Al-Kattani, ein zeitgenössischer marokkanischer Gelehrter, zitierte 20 muslimische Juristen, die über verschiedene Arten von Musikinstrumenten schrieben sowie über die Kunst der Aufführung (Sama’). In vielen muslimischen Ländern setzen Krankenhäuser regelmäßig Musiker ein, um die Kranken und klinisch Wahnsinnigen zu heilen. Als Regel waren muslimische Hospitäler fromme Stiftungen unter der Aufsicht islamischer Richter. Deren Erlaubnis von Musik stellt eine Bestätigung derselben dar.

Respekt für Dissens bedeutet Respekt für Wahrheit. Es ist die Anerkennung, dass es oft verschiedene Pfade und Resultate in den konkurrierenden Visionen der Wirklichkeit gibt. Weil sie unverzichtbar in der Suche nach Wissen ist, betrachtete die islamische Gelehrsamkeit die Sammlung und das Studium der Ikhtilaf als eine entscheidende Form des Lernens. Ibn ‘Umar, der zu den gelehrtesten Prophetengefährten gehörte, war allgemein bekannt für den großen Stellenwert, den er seinem umfassenden Wissen von Meinungsverschiedenheiten beimaß. Er sagte oft, dass er diese Kenntnis nicht für die wertvollsten Besitztümer auf der Welt eintauschen würde.

Empfänglichkeit für Dissens beugt Starrheit und Dogmen vor. Ein gewohnter Umgang mit konkurrierenden Deutungen und verschiedenen Gesichtspunkten führt zu Flexibilität und intellektueller Reife. Aus solchen Gründen betrachtete die Gelehrsamkeit gut begründeten Widerspruch als ein göttliches Geschenk und als eine besondere Gnade an die Menschheit. Muslimische Juristen sprachen oft über ein überliefertes, bekanntes Hadith: „Die Meinungsverschiedenheiten meiner Gemeinschaft sind eine besondere Gnade.“ Der ‘umaijjadische Khalif ‘Umar ibn ‘Abd Al-’Aziz, der für seine Rechtschaffenheit und Genauigkeit bekannt war, kommentierte es so: „Es würde mir keine Freude bereiten, hätten die Gefährten Muhammads keine unterschiedlichen Ansichten gehabt. Wäre das nicht der Fall, dann gäbe es keinen Platz für Freiheit in der Religion.“

Al-Khattabi, einer der bekanntesten Hadithgelehrten, merkte an, dass diese Art Meinungsverschiedenheit, von dem dieses Hadith spricht, die mutmaßlich verbindlichen Regeln des Rechts sind. Die gegenteiligen Meinungen, die in solchen Fragen auftauchen, seien eine besondere, von Gott gegebene und einzigartige Ehre, welche die Gelehrten hervorhebe, die Antworten auf sie finden wollen.

Weil die meisten rechtlichen Positionen im Islam Widerspruch hervorrufen, machten die klassischen Akademien des islamischen Rechts die Kunst der Debatte zu einem Pflichtfach in ihren Lehrplänen. Auf Gebieten wie den Ahadith (Plural von Hadith) reichte Auswendiglernen aus, aber das war beim Recht nicht der Fall. Fortgeschrittene Studenten des Rechts brauchten ein umfassendes Verständnis der Beweise und legalen Argumente, die dem islamischen Recht zugrunde liegen. Wie heutige Doktoranden erlangte ein Rechtsstudent den Status eines anerkannten Juristen (Faqih, Mufti), nachdem er eine unabhängige Doktorarbeit vorbereitete. Diese sollte eine eigenständige Rechtsmeinung unterstützen, die dann vor qualifizierten Juristen verteidigt werden musste.

Manche Muslime verwechseln heute innermuslimische Meinungsverschiedenheiten mit Streit. Sie betrachten Fragen und andere Ansichten als eine Bedrohung von Einheit. Letztere erwächst aus allgemeiner Übereinstimmung, die auf Diskussion und freier Wahl basiert. Einheit darf nicht mit Uniformität verwechselt werden. Traditionelle islamische Gesellschaften förderten keine Uniformität, sondern Einheit in Vielfalt. Gleichförmigkeit kann nur durch Einschüchterung und sozialen Druck erzwungen werden. Sie kann sich nicht über den Bereich der Macht ausbreiten, die sie durchsetzt. Ein solches Verhalten schwächt Gesellschaften. Respekt für Meinungsvielfalt stellt vielmehr die Basis für wahren sozialen Zusammenhalt dar.

Sein Wert liegt nicht in der Tatsache, dass ein solches Verhalten politisch korrekt geworden ist, sondern weil er verschiedene Perspektiven ans Tageslicht bringt und das Lernen fördert. Ein bekanntes Axiom der islamischen Erziehung besagt: „Gute Fragen sind die Hälfte des Lernens.“ Der Adab der Meinungsverschiedenheit benötigt das Stellen von Fragen. Und er bestätigt, dass es gültig ist – egal, wie sakrosankt eine Sache erscheinen mag. Wird dieses Recht anerkannt, dann müssen Argumente auf überzeugenden Gründen beruhen und sich einem offenen und ehrlichen Diskurs unterziehen.

Die traditionelle islamische Gelehrsamkeit betrachtete es nicht als unangemessen, schwierige Erkundigungen zur Religion anzustellen, oder nach dem eigenen Zweifel zu fragen. Vielmehr war es eine Sünde, es nicht zu tun. Eine der intellektuellen Pflichten des muslimischen Gelehrten war es, stichhaltige Antworten auf solche Erkundigungen vorzubereiten. Um effektiv auf diese Art von Fragen antworten zu können, die gestellt werden könnten, entstand ein ganzes Genre der Gelehrtenliteratur, das in einer Frage-Antwort-Form abgefasst wurde.

Es waren die Lehrer selbst, die sich die schwierigsten Fragen stellten. Sie machten kritische Erkundigungen über scheinbare Widersprüche im Qur’an und in der Sunna. Sie formulierten Fragestellungen zu den größten Heiligtümern des Glaubens und den grundlegendsten Vorschriften des Rechts. Die Gefährten selbst wollten gelegentlich solche Dinge in der Zeit des Propheten wissen. Abu Razin fragte ihn: „Wo war unser Herr, bevor Er die Schöpfung hervorbrachte?“ Der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, entgegnete: „Er war im Zustand der vollkommenen Verborgenheit. Dazwischen gab es keine Atmosphäre und darüber gab es keine Atmosphäre. Dann schuf Er Seinen Thron über dem Wasser.“

Soziale Gerechtigkeit ist einer der Kernwerte und höchsten Ideale des Islam. Toleranz und Offenheit für Fragen und Meinungsverschiedenheiten schaffen eine Stimmung, in der der Einsatz für soziale Gerechtigkeit bedeutsam werden kann. Es ist ein Widerspruch in sich selbst, von sozialer Gerechtigkeit in Gemeinschaften zu sprechen, die weder Widerspruch willkommen heißen noch Fragen zulassen.
Das Recht auf Erkundigungen und ­unterschiedliche Meinungen ermöglicht ein organisches System der Gewaltenteilung. Es schützt gegen Übertreibungen. Schlussendlich nutzt diese Freiheit der gesamten Gemeinschaft.

The following two tabs change content below.
Avatar

Umar Faruq Abd-Allah

Avatar

Neueste Artikel von Umar Faruq Abd-Allah (alle ansehen)

Euch gefällt der Artikel? Hier könnt ihr ihn teilen!

Facebook
Twitter
Instagram
Lade...

Wenn Sie diese Seite weiter benutzen, akzeptieren Sie die Verwendung von Cookies. mehr Informationen

Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren, Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Verwendung unserer Website an unsere Partner für soziale Medien, Werbung und Analysen weiter. Unsere Partner führen diese Informationen möglicherweise mit weiteren Daten zusammen, die Sie ihnen bereitgestellt haben oder die sie im Rahmen Ihrer Nutzung der Dienste gesammelt haben. Sie stimmen der Verwendung von Cookies zu, wenn Sie "Akzeptieren" klicken.

Schließen