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Wie mit dem Qur’an umgehen?

Vorab aus der neuen IZ – IZ-Reihe über den Alltag der Muslime in ­Deutschland. Von Safia Bouchari

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(iz). Der Umgang mit dem Qur’an, dem Wort Allahs, erfordert ein angemessenes, gutes Verhalten (Adab) und hat bestimmte Regeln. Auch wenn der Umgang mit dem Qur’an ein Teil des Alltags ist und sein soll, dürfen Muslime nie vergessen, dass er das unerschaffene Wort des Schöpfers ist. Man sollte sich bewusst sein, dass den Qur’an zu lesen auch bedeutet, dass Allah zu uns spricht. Ihn häufig zu rezitieren, ihn auswendig, oder möglichst viel davon zu lernen, über ihn zu reflektieren und nicht zuletzt nach ihm und mit ihm zu leben, dazu sind Muslime angehalten, stets zu streben und sich entsprechend zu bemühen. Das Vorbild für eine Umsetzung des Qur’an in der Lebenspraxis ist der Gesandte Allahs, Muhammad, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden schenken, über den es in einem Hadith heißt, dass er der lebendige Qur’an war.

Über den Umgang mit ihm, sei es mit dem Qur’an in Buchform, Mushaf genannt, oder der Rezitation, gibt es ausführliche Abhandlungen klassischer Gelehrter, die sich oft auch in den Einleitungen zu Tafsir-Werken (Erklärungen des Qur’an) finden. Eine berühmte, sehr umfassende und detaillierte Abhandlung ist „At-Tibyan fi Adab Hamalat Al-Qur’an“ von Imam An-Nawawi, die soeben unter dem Titel „Der rechte Umgang mit dem Qur’an“ in deutscher Übertragung erschienen ist.

Generelle Hinweise
Eine grundlegende Regel nach allen vier Rechtsschulen ist, dass der Qur’an nur im Zustand ritueller Reinheit berührt werden darf, selbst wenn er sich in einer Hülle, einer Tasche oder einem Behälter befindet. Das schließt ein Berühren des Mushafs durch Nichtmuslime aus, aber auch durch Muslime, die sich nicht in diesem Zustand befinden, oder durch Menstruierende. Eine rein mündliche Rezitation ist nach überwiegender Gelehrtenmeinung auch ohne rituelle Reinheit erlaubt, wenn es auch besser ist, dafür in ritueller Reinheit zu sein. Im Zustand der Menstruation oder der größeren rituellen Unreinheit, etwa nach dem Geschlechtsverkehr, ist auch dies nicht erlaubt. Laut Imam An-Nawawi ist es in beiden Situationen aber erlaubt, den Qur’an leise im Herzen zu zitieren. Auch eine angemessene Kleidung ist empfohlen, bei der die Aura bedeckt ist.

Zu den weiteren empfohlenen Verhaltensregeln, wie sie zum Beispiel auch von Imam Al-Qurtubi in der Einleitung zu seinem großen Tafsir (Qur’an-Kommentar) erwähnt werden, gehört, dass man den Qur’an nicht mit schlechtem Mundgeruch rezitieren und sich vorher den Mund reinigen soll, zum Beispiel mit einem Miswak, was gleichzeitig für angenehm frischen Geruch sorgt. Bevor man mit der Rezitation beginnt, sucht man bei Allah Zuflucht vor dem Schaitan, indem man spricht: „Audhu bi’Llahi min asch-Schaitani’r-radschim“ und beginnt die Rezitation mit der Basmala, „Bismi’Llahi’r-Rahmani’r-Rahim“, was „Im (oder genauer: Mit) dem Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen“ bedeutet. Man sollte bei der Rezitation aufrecht und gerade sitzen, sowie möglichst in Richtung der Qibla, der Gebetsrichtung.

Wenn man den Qur’an ablegt, sollte man ihn nicht geöffnet lassen. Man soll keine anderen Bücher auf ihn legen, vielmehr soll er stets höher liegen als alle anderen Bücher, und er sollte nicht auf den Boden gelegt werden. Daher sollte man ihn bei der Rezitation in der Hand halten, ihn auf den Schoß legen oder auf etwas anderes, das sich vor einem befindet. Man soll den Qur’an nicht werfen, sondern immer behutsam nehmen und ablegen, und ihn nicht als Kopfunterlage oder ähnliches benutzen.

Man sollte möglichst jeden Tag zumindest ein wenig im Qur’an lesen. Man soll nicht bei alltäglichen Dingen und Anlässen Zitate aus ihm anführen. Der Qur’an darf nicht gesungen und nicht übertrieben melodisch rezitiert werden wie bei Liedern. Er soll nicht auf Marktplätzen oder an Orten, an denen lautstarkes oder nutzloses Gerede stattfindet, rezitiert werden. Er soll auch nicht miniaturisiert werden (man findet auch heute immer wieder den ganzen Qur’an in Miniaturschrift, die eigentlich nicht mehr lesbar ist). Es wird überliefert, dass ‘Ali sagte: „Macht den Qur’an nicht klein“, und dass ‘Umar ibn Al-Khattab einmal einen Mann, der ein solch kleines Exemplar des Qur’an angefertigt hatte, hart zurechtwies.

Ein Amulett mit Versen aus dem Qur’an darf nicht mit in die Toilette genommen werden, es sei denn, es ist in Leder, Silber, Metall oder ähnlichem eingeschlossen.

Bei der Rezitation
Die Rezitation des Qur’an beinhaltet immensen Segen und positive Wirkungen für den, der rezitiert. Und zwar auch dann, wenn man nur die Rezitation beherrscht, nicht aber die arabische Sprache. Daher wurde und wird das Lesen des Qur’an traditionell bereits Kindern im frühen Alter beigebracht, auch wenn sie den Text noch nicht verstehen können. Natürlich ist es noch besser und sehr erstrebenswert für jeden Muslim und jede Muslimin, die arabische Sprache zu erlernen, um einen direkteren und tieferen Zugang zum Wort Allahs zu haben.

Der Gesandte Allahs sagte: „Die Metapher eines Gläubigen, der den Qur’an rezitiert, ist die einer Zitrone – ihr Duft ist wohlriechend und ihr Geschmack ist gut. Die Metapher eines Gläubigen der nicht den Qur’an rezitiert ist die einer Dattel – sie hat keinen Geruch, aber ihr Geschmack ist süß. Die Metapher eines Heuchlers, der den Qur’an rezitiert ist die von Basilikum – sein Duft ist wohlriechend aber sein Geschmack ist bitter. Die Metapher eines Heuchlers, der nicht den Qur’an rezitiert, ist die einer Koloquinte – sie hat keinen Duft und ihr Geschmack ist bitter.“

Man sollte versuchen, sich anzugewöhnen, ihn regelmäßig zu rezitieren, sodass er zu einem Teil des eigenen Verhaltens und Lebens wird. Gemäß einer Überlieferung, werden die Rezitationen des Qur’an, die man gelesen hat, am Tage des Jüngsten Gerichts Fürbitte für einen einlegen. An-Nawawi betont, dass es bei jeder Rezitation des Qur’an die Absicht sein soll, das Wohlgefallen Allahs zu erlangen. Man solle sich in eine Haltung der Ehrfurcht und Ergebenheit begeben.

Es gibt viele Geschichten über berühmte Persönlichkeiten der Geschichte und große Gelehrte hinsichtlich dessen, wie viel sie täglich vom ihm zu rezitieren pflegten. Einige lasen eine Hälfte des Qur’an am Tag und die andere Hälfte in der Nacht. Andere rezitierten den gesamten Qur’an innerhalb einer Woche, andere, und das sind auch heute noch sehr viele Muslime, innerhalb eines Monats. So ist es zum Beispiel in Nord- und Westafrika Tradition, in den Moscheen nach dem Morgen- und dem Abendgebet jeweils ein Hizb, ein Sechzigstel, gemeinsam zu rezitieren. So hat man in 30 Tagen eine Rezitation des gesamten Qur’an vollendet und beginnt wieder von neuem. Dieses Praxis ist auch sehr hilfreich beim Auswendiglernen des Qur’an. Sehr bekannt ist auch die Praxis, im Monat Ramadan den Qur’an mindestens einmal vollständig zu rezitieren, jeden Tag ein Dreißigstel. In vielen Moscheen wird bei den abendlichen Tarawih-Gebeten jeden Tag ein Dreißigstel (Dschuz) rezitiert, wobei die Betenden auch die Möglichkeit haben, im Laufe des Monats einer Rezitation des gesamten Qur’an zuzuhören.

Wenn eine solche vollständige Rezitation beendet ist, ist es üblich, ein langes Bittgebet zu sprechen. Der Prophetengefährte Anas ibn Malik pflegte, wenn er die Rezitation des Qur’an beendet hatte, seine Familie zu versammeln und Bittgebete zu sprechen. Es ist auch eine belegte Praxis, die Rezitation unmittelbar nach dem Beenden wieder neu zu beginnen, das heißt, dass man mit der ersten Sure, Al-Fatiha, und einigen Versen der Sure Al-Baqara endet, nachdem man die letzte Sure, An-Nas, gelesen hat. Laut einem von Anas ibn Malik überlieferten Hadith sagte der Prophet: „Zu den guten Taten gehört es, (anzukommen und) sich niederzulassen und wieder aufzubrechen (die Reise fortzusetzen). Als der Prophet gefragt wurde, was dies bedeute, sagte er: ‘Den Qur’an zu beenden und ihn wieder zu beginnen.’“ Es gibt mehrere Hadithe dazu. Al-Qurtubi nennt als Grund dafür auch, dass es nicht scheinen soll, als habe man etwas abgeschlossen und erledigt.

Nach Meinung von Imam Al-Qurtubi sollte man beim Umblättern der Seiten seine Finger nicht mit Speichel anfeuchten, und gemächlich und nicht hastig rezitieren. Man soll sich auf die Bedeutung konzentrieren, sofern man sie versteht, und wenn nicht, dann zumindest versuchen, so viel wie möglich zu verstehen. Es ist besser, nicht einzelne Verse aus den Suren zur Rezitation auszuwählen, sondern ganze Suren zu rezitieren. Nach einer Überlieferung sah der Prophet, wie Bilal ein wenig von jeder Sura rezitierte und wies ihn daraufhin an, die vollständige Sure zu rezitieren.

Man sollte auch nicht ohne triftigen Grund mit der Rezitation innehalten oder sprechen. Andersherum darf man auch jemanden, der rezitiert, nicht durch unnötiges Gerede unterbrechen. Große Konzentration und Sorgfalt soll, vor allem wegen der Bedeutungen, auf die richtige Aussprache der Buchstaben sowie die Betonung (zum Beispiel kurze oder lang gezogene Vokale) gelegt werden. Man soll den anderen, der neben einem rezitiert, nicht übertönen und nicht das Gefühl eines Wettbewerbs entstehen lassen. Man sollte während des Rezitierens nicht gähnen und bei großer Müdigkeit die Rezitation abbrechen.

Der Prophet sagte: „Rezitiert den Qur’an und weint, und wenn ihr nicht weint, dann erzeugt Tränen in euch selbst“. Imam Al-Ghazali sagte: „Weinen ist empfohlen bei der Rezitation und beim Anwesendsein bei einer Rezitation“. Der Qur’an hat viele Namen, wie „Adh-Dhakir“, die Erinnerung, oder „Al-Furqan“, die Unterscheidung, was auch auf die Wirkungen der Rezitation und Reflexion des Qur’an durch den Muslim hindeutet. Die Rezitation des Qur’an ist auch ein Schutz und eine Heilung, und vieles mehr.

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