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Wie mit der ­Umwelt ­umgehen?

Muslimisches Denken und Praxis: Antworten auf aktuelle Fragen und Herausforderungen. Zusammengestellt von Massouda Khan

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Foto: NourEnergy e.V.

(iz). Die ökologische Frage zählt weltweit zu den größten Herausforderungen des letzten und dieses Jahrhunderts. Auch die Muslime können nicht vor ihr Halt machen oder sich ihr entziehen. Eines der spannendsten ­Projekte auf diesem Gebiet im Rahmen der muslimischen Gemeinschaft/en in Deutschland ist die Arbeit von NourEnergy e.V. In seiner aktuellen Publikation „Natürliche Energien. Maßvoll handeln und die Natur schützen“ dokumentiert das engagierte Kollektiv islamische Grundlagen, gibt aber auch praktische Hinweise. In Folge bringen wir Auszüge des Dokuments, das von Diana Schild, Esra Polat und Tanju Doganay redigiert wurde. Inhaltlich haben viele weitere AutorInnen und HelferInnen beigetragen.

Die Menschheit steht im 21. Jahrhundert vor großen Herausforderungen. Neben der stetig knapperen Wasserverfügbarkeit weltweit, gilt es Lösungen für die Herstellung nachhaltiger und schadstofffreier Energie weiterzuentwickeln und umzusetzen.

Mittlerweile erleben Menschen, insbesondere von Armut betroffene Bauern in Entwicklungsländern, die ersten Folgen des Klimawandels. In den Industrienationen erfahren wir die Begleiterscheinungen durch beispielsweise asylsuchende Flüchtlinge, denen fruchtbarer Boden und damit die Existenzgrundlage entzogen ist.

Allein zwischen 1930 und 2002 stieg der Wasserverbrauch um das Sechsfache, bei einer Verdreifachung der Weltbevölkerung. Das heißt, ein doppelt so schneller Anstieg des Wasserverbrauchs. In Anbetracht dessen, dass die Existenzgrundlage aller Lebewesen das Wasser ist, ist der aktuelle Weltwasserbericht der UNESCO alarmierend.

Am Beispiel der wohl wichtigsten Ressource wird deutlich, dass eine weltweite Energiewende und Änderung der hiesigen Lebensstile notwendig sind. Daher sind Umweltschutz und der nachhaltige Umgang mit Ressourcen zu wesentlichen Pfeilern geworden, wenn es darum geht, Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und den nachfolgenden Generationen zu übernehmen.

Islam und Umweltschutz
Der Umweltschutz und somit die Bewahrung der Natur und der Schöpfung, mit all ihren Lebewesen, ist in den Ursprüngen des Islams fest verankert. Im Qur’an und in den Überlieferungen zum Leben des Propheten Muhammad wird der Umweltschutz immer wieder direkt angesprochen. Zudem wird zum Ausdruck gebracht, dass alle Lebewesen Gemeinschaften bilden, die Gott preisen. Aus den klaren Prinzipien dieser Religion lässt sich der Umweltschutz ableiten. Es sind die Prinzipien der Gerechtigkeit, der Ausgewogenheit, sowie der Barmherzigkeit. Werte, die bereits die früheren Muslime beherzigt und umgesetzt haben.

Umweltschutz aus islamischer Perspektive resultiert aus der Überlegung, dass der Schöpfer im Universum alles in der richtigen Proportion und im richtigen Maß erschaffen hat, sowohl in qualitativer, als auch quantitativer Hinsicht. So steht im Qur’an: „Gewiss, Wir haben alles in (bestimmten) Maß erschaffen.“ (Al-Qamar, 49), und „Und alles hat bei Ihm ein Maß.“ (Ar-Rad, 8)

Daraus ergibt sich eine natürliche Ordnung (Fitra), die als bewahrungswürdig und bewahrungspflichtig gilt und somit den Einzelnen und die Gesellschaft dazu auffordert, sich für die Umwelt, den Naturschutz und die Wahrung der gottgewollten Ordnungsprinzipien jederzeit einzusetzen.

Die Umwelt ist im Qur’an als Mittel zum Lebensunterhalt für den Menschen beschrieben und muss folglich mit Verantwortung behandelt und erhalten werden. „Und die Erde haben Wir gedehnt und darauf festgegründete Berge gesetzt und auf ihr von allen zu wiegenden Dingen wachsen lassen. Und haben auf ihr für euch (Möglichkeiten für den) Lebensunterhalt geschaffen und (auch) für diejenigen, die ihr nicht versorgt.“ (Al-Hidschr, Vers 19-20)

Darum zählen zu jenen Handlungen, die Gott tadelnd in seiner Offenbarung erwähnt, die Zerstörung des natürlichen Gleichgewichts, des Ackerlandes und auch die Gefährdung der Nachkommenschaft: „Wenn er (der Mensch) sich abkehrt, bemüht er sich eifrig darum, auf der Erde Unheil zu stiften und Saatfelder und Nachkommenschaft zu vernichten. Und Allah liebt nicht das Unheil.“ (Al-Baqara, 205)

Umwelt und Natur sind fest verankert mit der Pflanzen- und Tierwelt. Gott hat dem Menschen, zur Erhaltung und Erleichterung seiner irdischen Existenz, Tiere als Untertanen erschaffen. Nutztiere, die als Hilfe für die Arbeit, zur Fortbewegung und als Nahrungsquelle dienen. Der Prophet Muhammad wurde gefragt: „Oh, Gesandter Gottes, gibt es einen Lohn dafür, wenn man gut zu Tieren ist?“ Er antwortete: „Es gibt einen Lohn für jedes lebendige Wesen, dem Gutes getan wird.“ (Bukhari und Muslim)

Zum Erhalt der Natur und zur Bewahrung ihrer Ressourcen gehören, wie eingangs erwähnt, das Prinzip der Ausgewogenheit und das der Gerechtigkeit. Der Mensch darf bewirtschaften, ernten und Handel betreiben, aber er muss stets das Maß halten.

„Er ist es, der euch zu Nachfolgern (Stellvertretern) auf der Erde gemacht und die einen von euch über die anderen um Rangstufen erhöht hat, damit Er euch mit dem, was Er euch gegeben hat, prüfe.“ (Al-An’am, 165)

Das Projekt
NourEnergy ist die erste von in Deutschland lebenden Muslimen gegründete Umweltschutzorganisation und arbeitet seit 2010 ehrenamtlich in der Beratung für Naturschutz und Ressourcenschonung. Hierzu zählen beispielsweise im technischen Bereich: Photovoltaik, Solarthermie, Regenwasserbewirtschaftung sowie Permakultur.

Der Verein setzt sich aus Fachkräften zusammen, die aus unterschiedlichen Nationen und sogar von verschiedenen Kontinenten stammen. Ein wesentliches Ziel dabei ist es, erneuerbare Energiesysteme in sozialen Einrichtungen zu fördern. Zudem leistet NourEnergy einen wesentlichen Beitrag dafür, Menschen, durch individuelle und fachkompetente Beratung, für Umweltprobleme und den Umgang mit natürlichen Ressourcen zu sensibilisieren.

Die Kernmotivation von NourEnergy ist der Islam und das damit verbundene Selbstverständnis der Funktion des Statthalters auf Erden. NourEnergy möchte die Menschen bestärken, Sonnenlicht als Energiespender einzusetzen und Wasser als die kostbarste Ressource der Erde sowie die biologische Vielfalt der Natur zu schützen.

Das Team steht Moschee- und Kirchengemeinden, Synagogen, sowie auch anderen gemeinnützigen sozialen Einrichtungen vor Ort zur Verfügung. Zudem werden regelmäßig Vorträge, Seminare und Workshops an Universitäten, Schulen, bei Veranstaltungen und in interreligiösen Einrichtungen gehalten.

In einem weiteren Schritt werden Anlagen für die Nutzung erneuerbarer Energien geplant, konzipiert und umgesetzt. Bereits zwei Solaranlagen konnten im Laufe der Jahre durch die technische Fachkompetenz der Team-Mitglieder verwirklicht werden. Diverse Konzepte über weitere Projekte in Deutschland und im Ausland sind in Aktion.

Ganz praktisch
Photovoltaik: Bei der Erzeugung von Strom geht es stets darum, Elektronen in einen Bewegungsfluss zu bringen. Um dies zu gewährleisten, bedarf es zusätzlicher Energie, die die festen Atomstrukturen so ändern, dass sich starre Elektronen „losreißen“ und dann in Bewegung setzen. Vereinfacht erklärt ist das der gewünschte Stromfluss. Für diesen Prozess bedarf es einer großen Energiezufuhr. Sie kann entweder aus fossilen Energiequellen (Kohle, Erdgas, Erdöl, Uran) oder aus regenerativen Energiequellen gewonnen werden. Die Ersteren nutzen konventionelle Kraftwerke als Energieträger. Bei der damit bewirkten Stromgewinnung entstehen Kohlenstoffdioxid (CO2), Abgase, radioaktiv verseuchter Müll und Lärmemission. Sie alle haben für Mensch und Natur gravierend schädliche Auswirkungen.

Bei der Nutzung von erneuerbaren Energien, wie Sonnenlicht, Wasser oder Wind, ist eine saubere Energieumwandlung möglich – ohne negative Folgen für die Umwelt. Die natürliche Sonnenenergie wird durch PV-Module in nutzbare Stromenergie umgewandelt. Die auf die Module fallenden Sonnenstrahlen bewirken, dass sich die dort bestehende Atomstruktur verändert. Elektronen lösen sich von ihrem ursprünglichen Platz und wandern zu einer neuen freien Stelle. Der gleiche Vorgang setzt auch bei vielen weiteren Elektronen ein und damit entsteht ein natürlich erzeugter Stromfluss.

Solarthermie: Solarthermie bezeichnet die Umwandlung von Sonnenenergie in technisch nutzbare Wärme. Sie ist deshalb so wertvoll, weil sie den Menschen jeher natürlich und kostenlos zur Verfügung steht. Prinzipiell erhitzt die Sonne Wasser, das sich in einem dunklen Gartenschlauch befindet. Eine ähnliche Methode wird auch in der Solarthermie genutzt. Die Sonnenstrahlen werden von den sogenannten dunkel beschichteten Solarkollektoren absorbiert, sodass die Wärmeträgerflüssigkeit in den Kollektoren aufgewärmt wird. Diese Wärme wird anschließend in einem Speicher gepuffert, sodass die gewonnene Energie zu jeder Tages- und Nachtzeit in Form von Warmwasser oder Heizung genutzt werden kann.

Energieeffizienz: Nicht jede Einrichtung hat die finanziellen Mittel, eine Solar- oder Photovoltaikanlage zu installieren. Auch in diesem Fall lassen sich wertvolle Ressourcen einsparen. Denn Energieeinsparung muss nicht immer mit großen Investitionen verbunden sein. Bereits mit kleinen Änderungen können große Ziele erreicht werden.

Stromsparen kann durch Einsatz von energiesparenden LED-Lampen, bis hin zu Leuchten, die durch Bewegungsmelder gesteuert werden, gelingen. Zum geringeren Verbrauch von Wärmeenergie ist das Abdichten von Türen und Fenstern eine einfache und dennoch effektive Lösung.

Regenwasserbewirtschaftung: Re­genwasser ist ein lebensnotwendiges Gut und elementar für den Erhalt des Wasserkreislaufes. Durchschnittlich werden in Deutschland 35-40 Liter sauberes Trinkwasser pro Tag/pro Person für die Toilettenspülung eingesetzt. An der Stelle ist zu überlegen, ob ein Mensch bereit wäre, Milch oder Trinkwasser aus der Flasche für die Toilettenspülung einzusetzen. Warum dann Trinkwasser aus der Leitung?

Regenwasser kann auf unterschiedliche Art bewirtschaftet werden. Dazu gehören Versickerung und Nutzung.

Das Prinzip der Regenwassernutzung besteht darin, dass der anfallende Niederschlag aufgefangen und vor Ort in Regentonnen oder Zisternen gespeichert wird. Diese Flüssigkeit kann anschließend für unterschiedliche Zwecke, für die keine Trinkwasserqualität vorausgesetzt ist, genutzt werden – also von Gartenbewässerung bis hin zur Toilettenspülung und dem Wäschewaschen. Der Vorteil einer Regenwassernutzungsanlage ist nicht nur auf die Verwendung von Regenwasser begrenzt. Sie fördert auch die Grundwasserneubildung und entlastet die Kanalisation und Kläranlagen.

Denn überschüssiges Regenwasser in den Zisternen wird nicht in die Kanalisationen eingeleitet, sondern versickert in den Boden, sodass die Grundwasserneubildung gefördert wird. Bei starkem Niederschlag werden durch Rückhalt des Regenwassers Überschwemmungen und Überlastungen der Kanalisationen vermieden.

Kontakt: www.nour-energy.com

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Sulaiman Wilms

Sulaiman Wilms

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