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Wie religiös ist die Türkei?

Gesellschaft wird „nicht unbedingt“ spiritueller: Überblick über die jüngsten Erhebungen in diesem wichtigen muslimischen Land

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Foto: Mstyslav Chernov | Lizenz: CC BY-SA 4.0

Bielefeld (iz). In den letzten Jahren haben in der Türkei sozialwissenschaftliche Studien zugenommen. Der gesellschaftliche Wandel in dem Land hat auch Institutionen und Einrichtungen hervorgebracht, die diesen Wandel soziologisch untersuchen. Vor allem die Religiosität der Türken in der Türkei steht dabei im Fokus.

Hierzu gab es bereits 2014 eine breit angelegte Studie mit dem Titel „Religiöses Leben in der Türkei“. Diese Studie wurde von Diyanet – dem Präsidium für Religionsangelegenheiten in der Türkeiin Kooperation mit dem Statistischen Amt der Türkei durchgeführt. 21632 Personen in 81 Provinzen wurden damals befragt. Die Studie wurde aufgeteilt in sechs Bereiche: Religiöse Identität, Glaube, Gottesdienst, Religionswissen, Leben und Religion, Religiosität. Zu den Ergebnissen habe ich bereits in der Islamischen Zeitung (https://www.islamische-zeitung.de/hintergruende-von-cemil-sahinoez-zur-religiositaet-in-der-tuerkei/) berichtet.

Nun gab es eine ähnliche Studie, die vom Forschungsinstitut MAK durchgeführt wurde. Auch hier wurde die Religiosität der Befragten abgefragt. Die Studie wurde durchgeführt in 30 Großstädten (Ağrı, Aksaray, Artvin, Bayburt, Bitlis, Bolu, Düzce, Elazığ, Giresun, Gümüşhane, Karaman, Karabük, Kars, Kastamonu, Kırıkkale, Kırklareli, Kütahya, Nevşehir, Osmaniye, Sinop, Bilecik, Yozgat und Uşak), 23 Provinzen und 154 Distrikten. 5.400 Personen wurden Face-to-Face befragt.  53,5 Prozent der Befragten waren männlich, 46,5 Prozent weiblich.

An dieser Stelle sollen die Ergebnisse beider Studien (da, wo es geht) verglichen und ein erstes kurzes Fazit gezogen werden.

86 Prozent der Teilnehmer gaben an, dass sie irgendeiner Religion angehören. 6 Prozent bezeichneten sich als Deisten. 4 Prozent sind Atheisten und weitere 4 Prozent Agnostiker. Zum Vergleich: In der Studie von 2014 gaben 99,2 Prozent der Teilnehmer an, dass sie Muslime sind und 98,7 Prozent hatten keinen Zweifel darüber, dass es einen Schöpfer gibt. 87,5 Prozent bezeichneten sich als religiös. 20,9 Prozent gaben an, dass es egal ist, was oder wie sie glauben, solange sie moralisch korrekt sind. Insgesamt ist dies ein deutlicher Rückgang. Zudem gaben 2014 die Befragten an, dass sie 77,5 Prozent hanafitisch, 11,1 Prozent schafiitisch, 1 Prozent Caferitisch, 0,3 Prozent malikitisch und 0,1 Prozent hanbalitisch sind. 6,3 Prozent gaben an, dass sie keiner Rechtsschule angehören und 2,4 Prozent wussten ihre Zugehörigkeit nicht.

75 Prozent der Befragten geben an, dass sie an die Offenbarungen und Engel Gottes glauben, 15 Prozent glauben nicht daran und 10 Prozent wissen es nicht. In der Studie von 2014 sagten 96,5 Prozent aus, dass alles, was im Qur’an steht, richtig ist und für alle Zeiten seine Gültigkeit besteht. 95,3 Prozent glaubten an die Existenz von Engeln, Dschinn und Teufel. Auch hier ist ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen.

Noch interessanter wird es, wenn man den Bezug zum Qur’an abfragt. Nur 25 Prozent sagen, dass sie den Qur’an zu Hause haben und lesen. 32 Prozent haben den Qur’an zwar zu Hause, lesen es aber nicht. 33 Prozent haben gar keinen Qur’an zu Hause und 10 Prozent haben gar keinen Bezug dazu. Dass heißt, nur 55 Prozent haben einen Qur’an zu Hause. 32 Prozent können den Qur’an lesen, 54 Prozent nicht. 14 Prozent machen keine Angaben dazu. 25 Prozent besuchen einen Qur’ankurs, 65 Prozent keinen. 10 Prozent geben keine Antwort dazu. 10 Prozent haben den Qur’an schon einmal auf Türkisch gelesen, 60 Prozent haben es nicht gelesen und 23 Prozent beantworten die Frage nicht. Bei der Studie 2014 sagten 41,9 Prozent aus, dass sie den Qur’an auf Arabisch lesen können.

23 Prozent haben schon einmal das Leben des Propheten Muhammed gelesen. 65 Prozent haben es nicht gelesen. 12 Prozent machen keine Angaben dazu.

Der Anteil der Befragten, die glauben, dass Gott einen Propheten schickte, beträgt 63 Prozent. 20 Prozent sagen aus, dass die Propheten Muhammed nicht in allen Lebenslagen zum Vorbild nehmen. 9 Prozent glauben an keine Prophetenschaft und 8 Prozent machen keine Aussage dazu. 2014 sagten noch 97,7 Prozent, dass sie an die Richtigkeit der Propheten glauben.

55 Prozent glauben an den Schicksalsbegriff. 15 Prozent gehen davon aus, dass alles determiniert ist. 10 Prozent sagen, dass der Mensch sein eigenes Schicksal macht, 10 Prozent glauben nicht an Schicksal und 5 Prozent wissen es nicht. Wieder der Vergleich, 98 Prozent bestätigten 2014, dass alles mit Gottes Willen geschieht.

73 Prozent glauben an ein Leben nach dem Tod. 10 Prozent glauben nicht daran, dass es ein jüngstes Gericht geben wird. 10 Prozent glauben an keine Auferstehung und 8 Prozent interessieren sich nicht dafür. 2014 sagten 96,2 Prozent, dass sie an ein Leben nach dem Tod glauben.

Auf die Frage, ob sie sterben wollen würden, wenn man ihnen das Paradies garantieren würde, sagen 15 Prozent „Ja“. 65 Prozent sagen „Nein“ und 20 Prozent können sich nicht entscheiden.

32 Prozent geben an, dass sie zum Freitagsgebet und an besonderen Nächten zur Moschee gehen. 30 Prozent gehen nie in eine Moschee. 12 Prozent nur zu den Festtagsgebeten am Ramadan- und Opferfest. 13 Prozent gehen regelmäßig in die Moschee. 13 Prozent geben keine Antwort.

Die Grundsäule des Islams ist das 5 malige Beten (salat). 22 Prozent sagen, dass sie 5 mal täglich beten. Exakt der gleiche Anteil von 22 Prozent ergibt sich bei den Personen, die nie beten. 26 Prozent beten ab und zu, 26 Prozent beten das Freitagsgebet und Festtagsgebete. 6 Prozent antworten nicht. 2014 gaben 42,5 Prozent an, dass sie 5 mal am Tag beten und 16,9 Prozent sagten, dass sie das rituelle Gebet nicht einhalten. 57,5 Prozent besuchten regelmäßig das Freitagsgebet. 74,4 Prozent fühlten sich unwohl, wenn sie keine Gottesdienste machen. 7,9 Prozent sagten, dass es eins der wichtigsten Kriterien für Religiosität es ist, an wichtigen religiösen Tagen Gottesdienste abzuhalten

Der Anteil erhöht sich bei den Fürbittgebeten (Dua). 75 Prozent geben an, dass sie Fürbittgebete machen. 10 Prozent gelegentlich, 6 Prozent nie und 4 Prozent machen keine Aussage dazu. 2014 machten 92,5 Prozent Fürbittgebete, auch ohne einen speziellen Grund hierfür zu haben.

Auch beim Fasten ist ein höherer Anteil ersichtlich. 45 Prozent sagen, dass sie fasten. 25 Prozent fasten gelegentlich. 30 Prozent fasten nie und 10 Prozent verweigern die Antwort. 2014 gaben 83,5 Prozent an, dass sie fasten, wenn es ihre Gesundheit zu lässt.

30 Prozent beziehen ihre Religionskenntnisse aus theologischen Büchern. Für 45 Prozent sind Internet und Fernsehen die Quelle ihrer Informationen. 20 Prozent fragen jemanden, dem sie zuschreiben, dass er es wissen müsste. 5 Prozent antworten nicht. 2014 sagten 47,4 Prozent, dass sie den Großteil ihres religiöses Wissens im Alter von 6 bis 10 Jahren angeeignet haben.

15 Prozent sehen sich zu einer islamischen Gruppierung zugehörig. 60 Prozent haben keinen Bezug. 25 Prozent machen keine Angaben dazu.

Auch zur Gülen-Bewegung gibt es eine Frage. Es wird gefragt, ob die Bewegung dazu geführt hat, dass man skeptisch gegenüber religiösen Gruppierungen geworden ist. 35 Prozent bejahen diese Aussage. 50 Prozent sagen daher, dass der Staat solche Gruppierungen prüfen muss. 12 Prozent sagen, dass sich nichts verändert hat und 3 Prozent sind unentschlossen. 2014 sagten 50,5 Prozent, dass religiöse Gruppen wichtig sind.

51 Prozent der Befragten sagen, dass die Religion bei der Wahl des Ehepartners wichtig ist. Da der Anteil der Praktizierenden nicht so hoch ist, kann hier davon ausgegangen werden, dass Religion teilweise als Kultur aufgefasst wird, obwohl Kultur und Religion auch im Widerspruch zueinander stehen können. 24 Prozent sagen, dass Religion bei der Wahl des Ehepartners teilweise wichtig ist. Für 20 Prozent ist es nicht wichtig und 5 Prozent sind unentschlossen. 2014 sagten 92 Prozent, dass nach der Standesamtlichen Trauung, auch die Trauung vor einem Imam stattfinden muss.

30 Prozent wünschen sich, dass ihre Ehepartner genau so religiös sind, wie sie selbst. 45 Prozent wünschen sich, dass der Ehepartner religiöser ist als man selbst und 15 Prozent weniger als man selbst. 10 Prozent ist der Anteil der Unentschlossenen.

Bei der Begrüßung sagen 41 Prozent „As-Salaamu ‘alaikum“, 24 Prozent sagen „Hallo“ und „Guten Tag“, 30 Prozent sagen slanghaft „Wie geht’s?“ und 5 Prozent geben keine Antwort dazu.

Interessant ist der Anteil der Personen, die sagen, dass der Politiker, den sie wählen, religiös sein sollte. Für 51 Prozent ist das wichtig. Religion wird hier verknüpft mit Vertrauen und Ehrlichkeit. 24 Prozent sagen, dass es teilweise wichtig ist. 20 Prozent sehen es nicht als wichtig an und 5 Prozent machen keine Aussage dazu.

54 Prozent bejahen die Fragen, ob sie sich einen Kalifen wünschen. 40 Prozent sagen verneinten. 6 Prozent machen keine Angaben dazu.

90 Prozent geben an, dass sie es bereuen, wenn sie sündigen. Ein sehr hoher Wert. 2 Prozent bereuen es nicht und 8 Prozent geben gar keine Antwort dazu. 2014 waren 46 Prozent der Meinung, dass Gebotenes und Verbotenes im Kontext der Gegenwart noch einmal bedacht werden müsste.

65 Prozent machen die Ganzkörperwaschung, die in bestimmten Situationen eine theologische Wichtigkeit hat. 17 Prozent machen sie ab und zu, 13 Prozent wissen nicht, was das ist und 5 Prozent haben keine Meinung dazu.

Aus der Studie von 2014 gab es noch weitere Ergebnisse, die hier aber nicht vergleichbar sind: 85 Prozent sagten, dass sie die Pilgerfahrt nach Mekka machen würden, wenn sie die Gelegenheit dazu finden. 72 Prozent der Teilnehmer machten jährlich ihre Zakat-Abgaben. 71,6 Prozent der Frauen bedecken sich. 69,5 Prozent schlachteten ein Opfertier zum Opferfest, wenn sie dazu in der Lage sind. 61,5 Prozent gaben an, dass durch den Laizismus der Islam frei gelebt werden kann. 7,1 Prozent gaben an, dass es nicht gegen das (religiöse) Recht eines anderen verstößt, wenn man sich nicht an die Verkehrsregeln hält. 6,4 Prozent waren der Meinung, dass es keine Sünde ist, Alkohol in einer Menge zu trinken, dass nicht betrunken macht. 11,7 Prozent glaubten, dass nicht islamkonforme Praktiken nötig sind, um sich vom Einfluss von bösen Blicken zu befreien.

Auch im Jahren 2014 führte Diyanet eine weitere Studie durch. Diese kam zum Ergebnis, dass viele Praktiken einen vorislamischen Hintergrund haben. 1380 unterschiedliche Praktiken konnten dazu festgestellt werden. Die meisten thematisierten die Familie. Die Bereiche lassen sich aufteilen in: 335 Familie, 319 Glück und Unglück, 272 Beerdigung, 78 Gesundheit, 73 Grabmal, 49 Frühlingsfest Hıdırellez, 39 Leben nimmt einen positiven Weg ein, 36 rituelles Gebet (Salat), 31 Böser Blick, 26 Fürbittgebet (Dua), 25 Opfer, 23 Pilgerfahrt, 17 Religiöse Tage, 12 Gast, 12 Feiertage, 9 Zauber, Fluch, 9 Dschinn, Geister, 8 Aschura, 7 Gebotenes-Verbotenes, 6 Amulett, 2 Sonnen- und Mondfinsternis.

FAZIT: Insgesamt ist deutlicher Rückgang, sowohl in Bezug auf die Glaubensinhalte als auch in der Orthopraxie ersichtlich. Dass heißt, sowohl in der Theorie als auch in der Praxis (in der Umsetzung im Alltag) gibt es große Defizite und einen großen Rückgang in der Religionsausübung.

Auch wenn die Diyanet-Studie viel repräsentativer ist als die MAK Studie, da sie umfangreicher und in der gesamten Türkei durchgeführt wurde, ist in der MAK Studie eine Tendenz ersichtlich. Die türkische Gesellschaft wird nicht unbedingt religiöser. Studien zu anderen Themen belegen eine steigende Wirtschaftlichkeit, Verstädterung und Modernisierung der Türkei. Doch die Religiosität schwankt.

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Cemil Sahinöz

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