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Wie sollen wir mit anderen sein?

Denken und die Praxis: ­Antworten auf aktuelle Fragen und ­Heraus­forderungen. Von Schaikh Habib Bewley & Laila Massoudi

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Foto: ICX Houston

„Und haltet alle fest am Seil Allahs und geht nicht auseinander! Und gedenkt Allahs Gunst an euch, als ihr Feinde wart und Er dann eure Herzen zusammenführte, worauf ihr durch Seine Gunst Brüder wurdet.“ (Al-i-‘Imran, 103)

(iz). Wir leben in einem Zeitalter der Gruppen. Hier teilt sich jeder in dieses oder jenes Lager. Identität basiert oft im erheblichen Maße auf der jeweiligen Zugehörigkeit – aus welchem Land kommt man, für welche Partei stimmt man, welche Mannschaft wird angefeuert oder welcher Glaubensinterpretation folgt man? Und das findet sich auch unter Muslimen. Wir haben Malikis, Hanafis, Schafi’is und Hanbalis, Asch’aris und Maturidis, Sufis und Wahhabis, Anhänger dieser oder jener Tariqa usw.

Unterschiede gibt es reichlich, das war immer so. Denn so hat unser Herr uns erschaffen. Allah sagt in Seinem Edlen Qur’an: „Und zu Seinen Zeichen gehört die Erschaffung der Himmel und der Erde und die Verschiedenheit eurer Sprachen und Farben.“ (Ar-Rum, 22) Die bestanden sogar unter der größten Gemeinschaft. Denn unter den Prophetengefährten gab es Auswanderer aus Mekka und Helfer aus Medina, die Leute der Bank. Es gab jene, die mit diesem oder jenem Stamm verbunden waren. Es gab Stämme, die stellenweise seit Generationen erbittert verfeindet ­waren. Aber jene innere Zugehörigkeit unterbrach niemals die weitere Brüderlichkeit aller Muslime und trieb sie nicht auseinander. Die ­Differenzen waren kein Hindernis, wie sie es heute geworden sind.

Die Wahrheit ist, dass Muslime eine einheitliche Gemeinschaft (arab. umma) sind. Kein Etikett – ungeachtet seiner Menge – kann das ändern. Allah sagt: „Gewiss, diese ist eure Gemeinschaft, eine einzige Gemeinschaft (…).“ (Al-Anbija, 92) Wir sind Geschwister, eine Familie. Es gibt eine Verbindung zwischen uns, die alle Unterschiede überwindet, von denen Allah im Qur’an spricht. Und wie Er sagte: „Die Gläubigen sind doch Brüder.“ (Al-Hudschurat, 10) Und der Prophet, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte hierzu: „Der Muslim ist der Bruder des Muslims.“ Wir haben alle die Schahada (das doppelte Glaubensbekenntnis, Anm.d.Red.) gesprochen. Sie ist der Schlüssel zur ­Annahme durch Allah und durch die Muslime. Und solange diese nicht durch unsere Worte oder Handlungen aufgehoben wird, bleiben jene Annahme und Brüderlichkeit.

Und welche Rechte hat die Familie an uns? Unsere Türen müssen ihr offenstehen und jede angebotene Nahrung steht ihr zu. Das ist eine der möglichen Deutungen für Allahs Worte in Vers 60 der Sura An-Nur. Sie hat ein Recht auf unsere Gesellschaft und Gastfreundschaft sowie auf unser Willkommenheißen und unsere Freundlichkeit. Dasselbe sollte für unsere Mitmuslime gelten. Wir müssen ihnen gegenüber einladend und offen sein, nicht privat und abweisend. Wir begrüßen sie mit einem Lächeln und verbreiten den Friedensgruß (arab. salaam).

Der Prophet sagte: „Bei Allah, keiner von euch wird in den Garten eintreten, bis er glaubt. Und keiner von euch glaubt, bis ihr einander liebt. Sollte ich euch nicht zu etwas führen, durch das ihr, wenn ihr es tut, einander lieben werdet? Verbreitet den Salaam unter euch.“ Wir sind sanft mit unseren Mitgläubigen sowie geduldig und barmherzig. Das ist das Vorbild unseres edlen Gesandten, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben. Allah sagt: „Durch Erbarmen von Allah bist du mild zu ihnen gewesen; wärst du aber schroff und hartherzig, so würden sie wahrlich rings um dich auseinanderlaufen.“ (Al-i-‘Imran, 159)

Und das war sogar die Weise des ­Propheten, wenn eine Person etwas Abstoßendes tat, wie der Fall des Beduinen, der in die Moschee kam und in eine ihrer Ecken urinierte. Die Prophetengefährten wollten ihn bei den Armen packen und aus der Tür werfen. Aber der Gesandte Allahs sagte ihnen, sie sollten ihn in Ruhe und sein Geschäft verrichten lassen. ­Anstatt den Mann zu schelten, sagte er den Gefährten, die betroffene Stelle mit Wasser zu reinigen, und den Mann zu ihm zu bringen. Dann unterwies der Prophet den Nomaden darin, dass die Moschee kein Ort für Unrat ist, sondern nur für die Erinnerung an Allah. Er schlug ihm nicht die Tür vor das Gesicht, sondern öffnete sie sogar weiter, damit der Mann hindurchgehen konnte.

Genauso müssen Muslime miteinander ungeachtet von Differenzen umgehen. Wir müssen sie willkommen heißen, solange sie nicht zu uns kommen, um Schaden anzurichten. Und wir dürfen nie zulassen, dass die erhabene Natur unserer Lehre, die wir erhalten haben, ein Anlass dafür wird, dass wir auf jemanden herabblicken oder ihn gar als minderwertig oder unwürdig betrachten. Nur Allah kennt das Innere des Herzens eines Menschen und nur Er weiß, was ihr abschließender Rang bei Ihm sein wird.

Der Prophet sagte: „Der Muslim ist der Bruder des Muslims. Er tut ihm kein Unrecht an, enttäuscht ihn auch nicht, gibt ihn nicht preis, schmälert ihn nicht oder behandelt ihn mit Verachtung. Es genügt, einen Menschen böse werden zu lassen, weil er seinen Mitmuslim als minderwertig ansieht.“ Selbst wenn einem etwas gegeben wurde, was der andere nicht hat, sollte der erste Gedanken sein, es mit ihm zu teilen – nicht, um ihn dadurch zu ­erniedrigen. Man kann nicht daran ­festhalten in dem Wunsch, es gegen alle Neuankömmlinge zu verteidigen.

Wir dürfen unsere Version des Dins nicht privatisieren und exklusiv machen. Wenn wir das tun, wird er in unseren Gemeinschaften schwinden. Das gilt für die Mikro- wie für die Makroebene und wird auch durch die Geschichte bestätigt. Jedes Mal, wenn Muslime sich abgrenzten, dann schrumpften sie und zogen sich zusammen. Offenheit ist mit Erweiterung verbunden und Abschottung mit Kontraktion. Es gibt kein Innehalten, keinen Stillstand. Wir dürfen unseren Din niemals zu einem Verein machen oder uns von unseren Mitmuslimen entfremden. Sie sind unsere Angehörigen, unsere ­Geschwister. Das ist der Schlüssel zum Erhalt dieser großen Lehre. Er ermöglicht uns, als Gemeinschaft und als Körper von Männern und Frauen zu blühen und zu wachsen. Er führt zum Erfolg. Imam Al-Qurtubi sagte hierzu: „Trennung bringt Zerstörung, Gemeinschaft und Beisammensein bringt Rettung.“

Offenheit impliziert keine unbedingte Freizügigkeit. Dem anderen Muslim die Türen zu öffnen, heißt nicht, alle Überzeugungen oder Praktiken ungefragt anzuerkennen. Wir brauchen Furqan, Unterscheidungsvermögen. Geradezu mit Eifersucht müssen wir den Din Allahs hüten. Fehlgeleitete Strömungen und Abweichungen sollten kritisch begleitet werden, wenn sie sichtbar werden. Und wir brauchen den Mut, gegen sie Stellung zu beziehen. Das Rechte zu gebieten, ist eine der Verpflichtungen dieses Dins. ­Allah sagt dazu: „Und es soll aus euch eine Gemeinschaft werden, die zum Guten aufruft, das Rechte gebietet und das Verwerfliche verbietet.“ (Al-i-‘Imran, 104)

Unser Ziel muss hierbei Richtigstellung, nicht Ablehnung oder Entfremdung sein. Wir schmälern und kritisieren unseren Gast nicht. Wir erheben ihn und erinnern ihn an das, was richtig ist. Wir müssen weise sein, Vertrauen zeigen und pflegen und es den Bändern der Liebe und Freundschaft erlauben, sich zu entwickeln und stärker zu werden. Häufig ist es besser, dem Anderen zu ermög­lichen, sich selbst zu erkennen, als ihn anzugehen und so zu verursachen, dass er eine Grenze hochzieht. Die erste Methode funktioniert kaum und gehört nicht zur Praxis des Gesandten Allahs.

Er, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben, sagte hierzu: „Allah liebt Freundlichkeit (arab. rifq) in allen ­Dingen.“ Das gilt für all unsere Angelegenheiten und Interaktionen mit anderen. Wir müssen barmherzig und mitfühlend mit dem Anderen sein, demütig und respektvoll, großzügig und einladend. Das ist unser Erbe. Es schützt und stärkt gleichermaßen.

Das Miteinandersein ist entgegen aller Vorstellungen keine Eigenschaft, die der Einzelne, das atomisierte Individuum ohne große Schwierigkeiten realisieren kann. Dafür brauchen wir einen Stimmkörper, eine Gemeinschaft (arab. dschama’at), in der sich unsere zwischenmenschlichen Möglichkeiten ereignen und entfalten können. Das kann die ­Moscheegemeinschaft, der Verein, die Familie oder die Tafel sein, an die man Gäste bittet.

Heute müssen wir mehr denn je fest an der Gesellschaft des anderen fest­halten. Dies ist keine Zeit für Isolation. Bisher liebgewonnene Modelle werden heute für alle Menschen brüchig. Gemeinschaft ist der Schlüssel zum Erfolg des mensch­lichen Wesens. Es gibt Dinge im Laufe unseres Lebens, die wir nicht alleine bewältigen können; nicht durch uns selbst überwinden können. Es ist egal, wie viele Strukturen wir errichteten. Es spielt keine Rolle, wie viele Gesetze wir erlassen. Die Isolation zerstört uns.

Gemeinschaft ist so klar die Antwort für unsere Schwierigkeiten, aber es ist genauso klar, dass jede Generation beobachtet, wie sie sich weiter auflöst. Also ist es unsere Aufgabe als Muslime, sie wiederzubeleben. Wir kennen sie besser als die meisten anderen, denn wir kennen ihre Bedeutung. Es war kein Zufall, dass viele der ersten Nothelfer in London Muslime waren. Ein Großteil der Hilfe wurde von ihnen organisiert. Gemeinschaft bedeutet uns noch etwas. Wir ­haben noch ein Maß an Brüderlichkeit und Dschama’at. Sie waren immer der Eckstein unseres großen Dins.

Wir wissen, dass wir nicht geschaffen wurden, um alleine als Einsiedler zu leben. Und das bedingt Austausch, keinen Rückzug. Die Vervollkommnung aller Säulen des Islam findet sich nur in Gemeinschaft. Das Glaubensbekenntnis ist nicht besiegelt, solange es nicht bezeugt wird. Das Gebet ist bedeutungsvoller und wertvoller in Gesellschaft. Zakat wird nicht an sich selbst oder unabhängig ­bezahlt, sondern an die Bedürftigen der Gesellschaft. Fasten wird am besten mit anderen gebrochen. Das Bittgebet wird eher beantwortet, wenn darin mehr Menschen miteinbezogen werden.

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Habib Bewley

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