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„Wie übersetzen wir unsere Glaubenstraditionen?“

„IZ-Begegnung“ mit dem Aktivisten und CDU-Mitglied Cihan Sügür über „Muslime in der Union“

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Foto Cihan Sügür

(iz). Cihan Sügür gehört zu den jungen, aufstrebenden Persönlichkeiten der muslimischen Community in Deutschland. Der gebürtige Dortmunder studierte in Stuttgart und Santa Barbara (USA), engagiert sich in zahlreichen Netzwerken und ist Manager bei einem deutschen Verkehrsunternehmen. Vor Kurzem gründete er die Initiative „Muslime in der Union“ (MidU), mit der er ein Forum für Muslime schaffen möchte, die sich von der konservativen Politik der Regierungspartei vertreten fühlen.

Islamische Zeitung: Lieber Cihan Sügür, wie kamen Sie zur CDU?

Cihan Sügür: Ich war lange Zeit parteilos und doch politisch sehr interessiert. Ich habe die Programme aller Parteien studiert und mit der Zeit die SPD, Grünen und Linken für mich ausgeschlossen. Letztlich konnte ich mich am ehesten im Parteiprogramm der CDU wiederfinden, sodass ich mich mit dem Gedanken einer Parteimitgliedschaft immer mehr angefreundet habe. So ist es dann gekommen, dass ich während einer Veranstaltung im Deutschen Bundestag meinen Mitgliedsantrag bei Generalsekretär Dr. Peter Tauber abgegeben habe.

Islamische Zeitung: Warum finden Sie sich als Muslim am ehesten durch die CDU vertreten?

Cihan Sügür: Nach meinem Empfinden haben linke Parteien ein Problem mit Glaube und Religion. Bei der CDU ist das anders. Hier muss ich mein Verhältnis zu Gott und den Glauben an sich nicht erklären, man hat eine gemeinsame Basis. Man ist wertekonservativ. Was heißt das? „Konservativ ist nicht ein Hängen an dem, was gestern war, sondern ein Leben aus dem, was immer gilt“, sagt Antoine de Rivarol.

Diese Herausforderung gilt für Muslime ebenso: Wie übersetzen wir unsere Glaubenstraditionen in das Hier und Heute und stehen trotzdem an der Spitze des Fortschritts? Das sind Fragen, die konservative Christen wie auch Muslime umtreiben, in denen man sich gemeinsam finden und arbeiten kann. Natürlich ist aber auch in der CDU das Verständnis von „konservativ“ sehr heterogen.

Islamische Zeitung: Wie nimmt die Partei Sie auf?

Cihan Sügür: Ambivalent. Auf der einen Seite gibt es die, die aufschrecken: „Muslime in der Union? Was soll das denn?“ Die wissen aber entweder nicht, dass die Union kein Glaubensbekenntnis zum Christentum verlangt, sondern zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung, oder sie wissen es und lehnen Muslime in der Partei trotzdem ab – beides ist denkbar schräg. Auf der anderen Seite, und das ist Gott sei Dank die Mehrheit, sind die Leute aufgeweckt und interessiert: „Wer seid ihr? Was macht ihr? Welchen Beitrag könnt ihr leisten?“ Und daran lasse ich die MidU dann auch gerne messen. An dem Beitrag, den wir leisten.

Islamische Zeitung: Sie haben die Initiative „Muslime in der Union“ gegründet. Welche Ziele haben Sie sich dabei gesetzt?

Cihan Sügür: Eigentlich haben 30 muslimische CDU-Mitglieder nach langen Gesprächen und wertvollen Diskussionen MidU gegründet. Ich war mit dabei und wurde zum Sprecher gewählt. Wir treten an für eine positive Gegenöffentlichkeit. Zu lange wurde die Deutungshoheit der „Islamdebatte“ Extremen überlassen: Radikal-liberale Extremisten auf der einen, radikal-salafistische auf der anderen Seite. Dabei bleibt die breite Mehrheit der Muslime, die sich in den über 3.000 Moscheegemeinden des Landes aktiv wie passiv engagieren, ungehört.

Wir möchten die emotional geladenen Debatten versachlichen und unterschiedliche Gruppen an einen Tisch bringen, konstruktive Vorschläge zur Lösung aktueller Probleme unterbreiten und Positionspapiere zu grundlegenden Themen veröffentlichen, die das muslimische Leben in Deutschland betreffen. Darüber hinaus, und das ist ein Schwerpunkt unserer Arbeit, werden wir gesamtgesellschaftliche Themen aus muslimischer Perspektive behandeln.

Islamische Zeitung: Was sind die Konzepte von MidU?

Cihan 2Cihan Sügür: Fakt ist, muslimisches Leben findet in der breiten Masse seit über 60 Jahren reibungs- und geräuschlos statt. Der Islam, wie wir ihn in Deutschland kennen, ist geprägt von den Herkunftsländern der Gastarbeitergeneration: zum Beispiel Türkei, Marokko, Bosnien.

Ein in Deutschland verorteter Islam wird nicht per Dekret über Nacht da sein, wie es manche Politiker glauben, dieser wird sich über Jahre erst entwickeln. Und das funktioniert nur in Synthese mit den bestehenden Gemeinden, die sind nämlich die Rezipienten. Wir haben in Deutschland einen langen Weg vor uns. Wichtige Elemente für diese Reise sind: Deutsche Sprache in der islamischen Theologie fördern, kulturelle Hintergründe begrüßen, bestehende Strukturen anerkennen, respektieren und einbinden.

Islamische Zeitung: Was für einen Beitrag wollen Sie konkret leisten?

Cihan Sügür: Wir verstehen uns als Freigeister. Uns ist klar, dass wir in der Partei nicht so einfach eine Sonderorganisation werden. Das muss aber auch gar nicht das erste Ziel sein. Wir verstehen uns als Impuls- und Ratgeber für die Partei.

Auf der anderen Seite sind wir auch Einfallstor für die muslimische Community, die CDU aus einer anderen Perspektive kennenzulernen. In jedem Fall gilt: Wenn wir bei unseren Veranstaltungen nur einen Muslim von der CDU, oder nur einen Nicht-Muslim von der MidU überzeugen können, dann haben wir unsere Arbeit gut gemacht.

Islamische Zeitung: Wie sieht MidU die derzeitige Lage der muslimischen Religionsgemeinschaften? Wie sollten sie sich in Zukunft entwickeln, um den Herausforderungen gerecht zu werden?

Cihan Sügür: Die muslimischen Religionsgemeinschaften befinden sich in einer Zeit der Umbrüche und stehen vor großen Herausforderungen. Die Politik hegt immer absurdere Erwartungen, die Wissenschaft formuliert immer absurdere Thesen und die Gesellschaft fühlt sich immer fremder. Das heißt nicht, dass die Religionsgemeinschaften fehlerfrei sind. Sie haben sich zu lange darauf konzentriert, nur nach innen zu wirken, statt auch die Außenwirkung positiv zu bespielen.

Die Kehrseite der Medaille ist aber auch: Die überwältigende Mehrheit der Arbeit in den muslimischen Religionsgemeinschaften wird von Freiwilligen und Ehrenamtlern durchgeführt. Etwas Vergleichbares in diesem Ausmaß kenne ich in Deutschland nicht. Ich habe daher große Achtung vor all den namenlosen Helden, die einen Großteil ihrer Freizeit opfern, um das Rad am Laufen zu halten. Klar bedeutet das aber auch, dass man nicht immer professionelle Arbeit erwarten kann. Ich sehe aber gerade in den letzten Monaten, wie langjährige Bemühungen der Religionsgemeinschaften zunichtegemacht werden, professionelle und sehr kluge Menschen mit haltlosen Vorwürfen systematisch denunziert werden.

Das ist ein Eigentor, weil wir somit den Muslimen sagen: „Ihr lebt zwar seit über 60 Jahren friedlich in unserem Land, aber dennoch vertrauen wir euch nicht.“ Ich habe die Weisheit nicht mit Löffeln gegessen, ich kann nur Impulse geben. Die Gemeinschaften müssen sich selbst die Frage stellen: Wie sieht das muslimische Leben in Deutschland in 10, 30, ja 50 Jahren aus? Ich denke, aus dieser Frage kann man sehr gut ableiten, welche Weichen man heute legen muss.

Islamische Zeitung: Kurze Zeit nach der Gründung wurde der Initiative vorgeworfen, vor allem Erdogan-Anhänger zu organisieren…

Cihan Sügür: Der Vorwurf ist sicherlich der Tatsache geschuldet, dass wir zu unserer ersten Veranstaltung eher konservative Kreise der Community eingeladen haben. Das unter „Erdogan-Anhänger“ zu subsumieren ist nichts anderes als Stigmatisierung. Unsere Gründungsmitglieder sind sowohl türkischer Herkunft, als auch deutscher, arabischer, bosnischer – diese Leute haben mit Erdogan nichts am Hut. Am Ende ist unser gemeinsamer Nenner das Leben des Islams, nicht als Kultur, sondern als eben das, was er ist: Religion. Und das in Deutschland.

Islamische Zeitung: Lieber Cihan Sügür, wir bedanken uns für das ­Gespräch.

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